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Football

Die Ausbeutung einer Ex-Cheerleaderin der Milwaukee Bucks

Eine Ex-Cheerleaderin verklagt die Milwaukee Bucks, weil das NBA-Team gegen das Mindestlohngesetz verstoßen haben sollen. Außerdem wurde sie von ihrer Trainerin als „Fettarsch" beschimpft und ständig überwacht.
28.10.15
Jeff Hanisch-USA TODAY Sports

Am 18. November 2013—kurz vor dem Spiel zwischen den Milwaukee Bucks und den Portland Trail Blazers—schrieb Tricia Crawford, Trainerin der Bucks-Cheerleader, Lauren Herington eine E-Mail, in der sie ihr mitteilte, dass sie an diesem Abend nicht auftreten werde.

Herington war noch neu im Team und konnte in der Woche zuvor den äußeren Ansprüchen Crawfords nicht gerecht werden. Genauer gesagt beschwerte sich die Trainerin darüber, dass sie seit dem Vortanzen, bei der sich das Team für sie entschieden habe, offensichtlich einige Kilos zugenommen habe. Weswegen sie vor ihrem ersten Auftritt „erstmal ein bisschen trainieren muss".

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Laut Herington waren Demütigungen dieser Art Alltag im Danceteam der Bucks, das sie nach der Saison 2013/14 verlassen hat. Sie sollte es nur ein Jahr unter Trainerin Crawford aushalten. Diese soll sie nämlich wiederholt beleidigt haben und für Trainingspläne verantwortlich gewesen sein, die andere Nebenjobs faktisch unmöglich gemacht haben. Außerdem habe sie aufgrund der Erfahrungen und des Drucks eine Essstörung entwickelt. Und das alles für 3,50 bis 4,50 Dollar pro Stunde, wie uns ihr Anwalt erzählt.

Darum hat Herington jetzt auch die Bucks verklagt, ein Franchise, das auf 600 Mio. Dollar bewertet wurde. Ihr Vorwurf: ein Verstoß gegen das Mindestlohngesetz des US-Bundesstaats Wisconsin. Leider sind ihre Anschuldigungen in der US-Sportwelt alles andere als neu. Ein Lied davon singen können vor allem die Cheerleader in der NFL.

Cheerleader verdienen in der NFL noch nicht mal den Mindestlohn

VICE Sports gegenüber haben die Bucks alle Vorwürfe zurückgewiesen und betont, „alle Mitarbeiter fair zu behandeln". Das sieht die Cheerleaderin anders.

„Für den Verein sind wir alle austauschbar", heißt es in einem Schreiben an ihren Anwalt, das VICE Sports vorliegt. „Sobald wir uns einen Fehler leisten, wird uns gesagt, dass Hunderte von Mädchen nur darauf warten, unseren Job zu übernehmen. Haben wir die Möglichkeit, für unsere Rechte einzutreten? Mitnichten."

Lauren Herington und ihr treuester Begleiter. Foto: Lauren Herington

Herington wollte schon immer Cheerleaderin werden. Als sie sah, dass das Danceteam der Bucks neue Leute suchte, war für Herington—die in Milwaukee geboren wurde—klar, was sie zu tun hatte. Obwohl in Illinois aufgewachsen und ansässig, nahm sie die viereinhalb Stunden Autofahrt gern in Kauf und schaffte es prompt in die nächste Runde. So wurde sie zu den kommenden Trainingseinheiten eingeladen, pendelte zwei- bis dreimal in der Woche zwischen Illinois und Milwaukee, bis sie am Ende einen Platz im Team ergatterte.

Vor lauter Begeisterung schob Herington ihre College-Pläne auf und zog nach Milwaukee. Sie war 19 und kannte niemanden in der Stadt. Das machte aber nichts. Denn endlich sollte ihr großer Traum einer Cheerleader-Karriere in Erfüllung gehen—bis sie feststellen musste, dass sie mit dem großen Traum leider nicht ihre Miete und Rechnungen bezahlen können würde.

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Laut Herington bekamen die Tänzerinnen 65 Dollar pro Spiel, 30 Dollar pro Training und 50 Dollar für Extraauftritte. Wäre es damit getan gewesen, wäre ihre Bezahlung sogar im Einklang mit dem Mindeststundenlohn von 7,25 Dollar gewesen. Doch die Realität sah anders aus. Denn ein normaler Spieltag bedeutete für die Damen 5,5 Stunden Arbeit; Trainingseinheiten dauerten solange, wie es die Trainerin für nötig hielt; und dann warteten noch 20 Wochenstunden und mehr an obligatorischen Extra-Workouts und Kosmetik-Sessions auf Herington und ihre Kolleginnen. Und plötzlich war man weit vom Mindestlohn entfernt.

Dazu kamen noch jede Menge soziale Verpflichtungen, deren Vergütung (wenn sie überhaupt vergütet wurden) bei deutlich weniger als 7,25 Dollar lag.

„Es besteht keinerlei Zweifel, dass die Tänzerinnen ausgebeutet wurden", so Scott Andresen, Heringtons Anwalt.

Obwohl die Tänzerinnen eigentlich keine Vollzeitangestellten sind, wurden sie als solche behandelt. Der Verein mischte sich nach Aussage von Herington permanent in das Leben der Tänzerinnen ein, sei es im Bezug auf das persönliche Training, die Kleiderwahl oder auch Ernährungsfragen. Theoretisch durfte man auch andere Jobs haben, doch in der Praxis war das kaum möglich, was einerseits an der eh schon enormen Wochenstundenzahl lag, andererseits an der vertraglichen Verpflichtung, für spontan anberaumte Trainingseinheiten jederzeit bereitzustehen. Laut Herington habe sie gleich zwei Nebenjobs als Kellnerin aufgrund ihrer Cheerleader-Tätigkeit in dem einen Jahr in Milwaukee verloren.

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„Man hätte gedacht, dass die anderen US-Ligen aus dem Fall der Buffalo Bills in der NFL etwas gelernt hätten. Doch es wurde fleißig weiter ausgebeutet", so Andresen weiter.

Auch in der NFL wurde fleißig ausgebeutet. Ein Lied davon singen konnten unter anderem die Cheerleader der Buffalo Bills. Foto: Kevin Hoffman/USA TODAY Sports

Andere Vorwürfe in Heringtons Klageschrift haben mit ihrer persönlichen Behandlung zu tun, vor allem wie man mit ihr von Vereinsseite wegen ihres Gewichts umgegangen ist. Im Vertragswerk steht geschrieben, dass die Tänzerinnen angehalten sind, gewisse „Fitness-Standards" zu erfüllen—ein Euphemismus, der unterm Strich nichts anderes bedeutet als die Pflicht, ein bestimmtes, vom Verein festgelegtes Gewicht einzuhalten.

Laut Herington spielten das Gewicht und das Aussehen eine weitaus wichtigere Rolle als irgendwelche Tanzfähigkeiten. In mehreren E-Mails, die Crawford an Herington geschickt hat und die VICE Sports vorliegen, bringt Crawford seine Enttäuschung über Heringtons Gewicht zum Ausdruck.

Zudem gab Herington in einem schriftlichen Bericht über ihre Zeit beim Bucks-Danceteam an, dass Crawford sie „Fettarsch" genannt habe, als sie sich nach einer besonders langen Trainingseinheit einen Cheeseburger bestellt hatte. Außerdem wurde sie gezwungen, im Bikini vor versammelter Mannschaft auf und ab zu laufen, „um sicherzustellen, dass kein Arsch aus dem Bikini-Unterteil raushängt". Schließlich drohte man ihr sogar mit Kündigung, falls sie nicht abnehmen würde.

Den Druck, so wenig wie möglich zu essen, bekam übrigens nicht nur Herington zu spüren. Vor jedem Spiel gab man Herington zufolge den Tänzerinnen eine Gatorade, und obwohl auch Essen zur Verfügung stand, wurden die Damen nicht gerade zum Zugreifen ermutigt. Um nicht ihren Job zu verlieren, ging sie sogar zu einem Arzt und fragte nach Schlankheitspillen. Die wollte er jedoch nicht verschreiben, weil sie mit ihren 61 Kilo bei 1,68 Meter Körpergröße bereits Idealgewicht hatte.

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„Bei uns war normal, dass sie jede Woche unser Körperfett gemessen haben. Wir wurden angehalten, nicht mehr als 1.200 Kalorien pro Tag zu essen, egal wie lange wir trainiert haben." Wenn die Aussage stimmt, wäre das definitiv zu wenig. So empfiehlt das Center for Nutrition Policy and Promotion, dass Frauen im Alter zwischen 19 und 30 Jahren, die einen sehr aktiven Lebensstil haben, das Doppelte an Kalorien zu sich nehmen.

„Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Gehirnwäsche wir ausgesetzt waren. Am Ende hielten wir das für ganz normal."

„Lächle, wenn du hungrig bist!" Foto: Jeff Hanisch/USA TODAY Sports

„Das Tanzen an sich", so Herington weiter, „war bei Weitem nicht so wichtig wie die Vorgabe, sexy zu sein. Das zeigte sich laut Herington auch bei der Produktion des Bucks-Bikinikalenders, bei dem die Mädels gezwungen wurden, für besonders heiße Aufnahmen zu sorgen und vor gefährlichen Kulissen zu posieren. Wenn ihnen das nicht passte und sie sich beschweren wollten, waren ihnen de facto die Hände gebunden. Denn direkter Kontakt zum Verein—dem Management, Spielern etc.—war den Cheerleadern nicht gestattet. Alles musste stets über ihre Trainerin gehen. Arbeitnehmerschutz sieht wohl anders aus.

Zumal man jede Kritik eh mit der mahnenden Erinnerung konterte, dass draußen Hunderte von Mädchen bereitstehen, die ohne Murren alle Pflichten erfüllen würden.

„Dir wird schnell eingetrichtert, dass du nicht stolz auf dich zu sein hast, hier arbeiten zu dürfen, sondern dich geehrt fühlen solltest und dem Verein dankbar sein solltest. Außerdem wirst du dazu gedrillt, die Klappe zu halten, weil sie dir ansonsten dieses Privileg ganz schnell wieder wegnehmen."

Durch ihre Klage will Herington bewirken, dass sich die Mentalität bei NBA-Teams—und nicht nur bei den Bucks—ändert. Sie will bewirken, dass Teams besser mit ihren Tänzerinnen umgehen und sie nicht länger als Angestellte behandeln—und sich massiv in ihr Leben einmischen—, ohne sie als solche zu bezahlen.

„Ich finde es ziemlich traurig, dass NBA-Teams—die oft milliardenschwer sind und ihre Spieler mit Verträgen in zwei- und dreistelliger Millionenhöhe ausstatten—nicht selbst darauf kommen, ihren Cheerleadern zumindest den Mindestlohn zu zahlen", so Andresen. „Schließlich würde sich dadurch an ihrem Geschäftsmodel rein gar nichts ändern."