Anzeige
FIGHTLAND

So verteidigst du dich am besten gegen 10 Angreifer

In Kampfkunst-Filmen können Bruce Lee und Co. mehrere Gegner gleichzeitig ausschalten. Nur ist das Bullshit – vor allem die Verteidigung aus der Mitte heraus. Stell dich lieber an die Wand – und vergiss nie die billigste, aber wirksamste Technik.

von Jack Slack
17 Februar 2017, 4:28pm

Screenshot via YouTube

Will man sich eine Sammlung an Kampfsport-Büchern zulegen, merkt man schnell, dass der bloße Preis kein Indikator für Qualität ist. Nehmen wir zum Beispiel Nestor Capoeiras Little Book of Capoeira, ein meisterlich geschriebener Text, den man bei eBay oder Amazon für wenig Geld bekommen kann. Eine Art Bestseller im Martial-Arts-Bereich, der im Gegensatz dazu gar nicht mal so günstig ist, heißt Karate Fighting Techniques: The Complete Kumite von Hirokazu Kanazawa. Und genau dieses nur bedingt hilfreiche Nachschlagewerk bringt uns zum Thema des Tages: Wie wird man mit mehreren Angreifern gleichzeitig fertig?

Kanazawa – ein klassisch ausgebildeter Shotokan-Karateka und wichtigster Vertreter dieses Kampfstils – befürwortet eine Trainingsart namens happo kumite, bei der ein Kämpfer gegen acht Widersacher antreten muss. Im Folgenden erklärt uns Kanazawa die Logik dahinter:

„Wenn sich eine Person gegen Angriffe aus acht Richtungen verteidigen kann, ist sie gut aufgestellt. Denn aus Platzgründen ist es unwahrscheinlich, dass aus mehr als acht Richtungen angegriffen werden kann. Darum macht es aus Selbstverteidigungssicht auch keinen Unterschied, ob man von acht, zehn oder 20 Gegnern angegriffen wird, weil sie eh nur aus rund acht Richtungen angreifen könnten. Das ist das Prinzip hinter happo kumite."

Das Problem an der Sache ist nur, dass happo kumite ein Beispiel für ‚promise sparring' ist. Soll heißen: Die Angriffe werden vorher angekündigt, was im realen Leben wohl so eher selten passiert. Außer deine Angreifer wollen ihre Überlegenheit auf besonders arrogante Weise ausdrücken. Ungefähr so sieht das Ganze in Aktion aus.

Der Meister will uns weismachen, dass die Angreifer in der Regel einen Abstand von zwei Metern einhalten und der Angegriffene sich tunlichst nicht in die Ecke drängen lassen sollte. Das mag beim happo kumite funktionieren, ist aber in der realen Welt das genaue Gegenteil von dem, was man tun sollte, wenn man von mehreren Leuten gleichzeitig attackiert wird.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind Kampfsport-Filme für die Vorstellung verantwortlich, dass man sich am besten aus der Mitte eines Angreiferkreises heraus verteidigt und dabei einen Widersacher nach dem nächsten ausschaltet. Und sind wir mal ehrlich, Freunde. Wer hat sich noch nie vor dem geistigen Auge ausgemalt, wie er im Club oder in der Bar der Großschnauze am Nebentisch samt Entourage das Maul stopft? In unseren Träumen sieht das dann häufig so aus:

Und gegenüber deinen Freunden meintest du bestimmt schon mal: „So würde ich die Asis plattmachen..."

Aber wenn dir mehrere Leute gleichzeitig wehtun wollen, gibt es eigentlich nur zwei wahrscheinliche Handlungsverläufe: Der erste sieht so aus, dass du dich einem Gegner zuwendest und dann hoffst, dass die anderen gentlemanlike warten, bis sie an der Reihe sind; nur dass die natürlich bei der ersten Möglichkeit über dich herfallen, dich zu Boden stoßen und dir dann den Kopf eintreten. Das andere ebenso wahrscheinliche Szenario sieht so aus, dass sie von Anfang an im Pulk auf dich losgehen. Also nichts mit zwei Meter Abstand. Einfach nur ein zahlenmäßig ungleiches Duell, das du unter normalen Umständen – wenn sich deine Gegner nicht komplett dumm anstellen – kaum gewinnen wirst. Aus diesem Grund sind Zombie-Horden auch so gefährlich. Man kann eine Gruppe von Angreifern nur schwerlich zurückschlagen, weil dich nur einer von ihnen zu fassen kriegt.

Im folgenden Video wird deutlich, wie sich zahlenmäßige Überlegenheit sofort auf den Ausgang der unterschiedlichen Kampfherde im Ring auswirkt. Sobald einer der britischen „Brawler" seinen russischen Gegner ausgeschaltet hat, eilt er zum erstbesten nächsten Grapple und hat dort leichtes Spiel, weil sich der Russe mit beiden Armen eh schon seinen anderen britischen Widersacher vom Leibt hält. Der Dazugestoßene kann deswegen munter drauf losschlagen.

Selbst bei Kämpfern, die auf den Beinen bleiben, obwohl sie von mehreren Seiten angegriffen werden, wird eine Sache deutlich: Zum Herumwirbeln – so, wie es die happo kumite-Videos suggerieren – hat keiner von ihnen genügend Platz.

Abstand ist eine tolle Sache. Er gibt uns die nötige Zeit, um nachzudenken und auf den angreifenden Gegner richtig zu reagieren. Erst mit dem richtigen Abstand zu unseren Widersachern lassen sich die meisten Angriffstechniken ausführen. Doch genau diesen Abstand hat man im echten Leben in einer Bedrohungssituation mit mehr als einem Gegner fast nie.

Und dann geistern noch Videos und Gifs folgender Sorte durchs Netz.

Genau ein solcher Humbug ist verantwortlich dafür, dass Leute noch immer denken, man könne es mithilfe von ein paar einstudierten Techniken locker mit mehreren Angreifern aufnehmen. Oben wie unten sehen wir den Ninjutsu-Meister Richard van Donk, der sich scheinbar spielend zwei bzw. drei Gegner vom Hals halten kann. Vor allem das untere Video ist peinlich unrealistisch. Wie will es der von mehreren Seiten angegriffene Donk schaffen, gleich drei Gegner zu Boden zu ringen? Die Antwort lautet dann für gewöhnlich: „Ich habe mich von ihrer Kraft wegbewegt" ... und erklärt damit genau gar nichts.

Noch so eine Befreiungsaktion aus dem Fantasy-Bereich:

Für den Kampf gegen gleich mehrere Widersacher gibt es nur ein paar verlässliche Regeln, aber selbst, wenn man diesen folgt, wird das Unterfangen äußerst mühselig – wenn nicht unmöglich. Zu allererst sollte man sich fragen, warum es bei mehreren Angreifern wichtig sein soll, diese zu ‚besiegen'? Sollte es nicht oberstes Gebot sein, mit heiler Haut davonzukommen, auch wenn man dafür die Beine in die Hand nehmen muss? Ja, weglaufen ist Scheiße, wird einem überall suggeriert, aber die Wahrheit lautet: Es gibt keine bessere Einzelstrategie im Kampf gegen mehrere Angreifer, als zu flüchten.

Die zweite Regel lautet, dass man eine Einkesselung unter allen Umständen verhindern muss. Denn hier kommt das zum Tragen, was wir im Kampfsport-Bereich aus 1-gegen-1-Duellen gelernt haben. Es geht um den richtigen Winkel. Unsere Verteidigung ist immer auf 12 Uhr geeicht, keiner ist gut darin, sich zur Seite oder nach hinten hin zu verteidigen. Vor allem deswegen, weil es Platz braucht, um sich zu drehen. Und den wirst du nicht mehr haben, sobald ein Kampf gegen mehrere Widersacher losbricht. Wenn du aber doch mal in die unschöne Lage geraten solltest, von mehreren Leuten gleichzeitig attackiert zu werden, dann brich aus deren Mitte aus. Denn entgegen dem, was Kanazawa propagiert, bedeutet mit dem Rücken zur Wand stehen eben nicht, dass du taktisch gesehen mit dem Rücken zur Wand stehst. Die richtige Position ist der Schlüssel in einem jeden Kampf. Darum solltest du dir folgende Faustregel hinter die Ohren schreiben:

Im Gegensatz zu dem, was einem happo kumite-Videos einreden wollen, stehen mehrere Angreifer eben nicht Schlange und warten, bis sie an der Reihe sind. Darum muss man selbst dafür sorgen, dass sie einen verfolgen und nicht einkreisen. Nur so kann man jeden Einzelnen von ihnen im Blick behalten. Genau das gelingt einem Boxer im folgenden Video, das mittlerweile in Kampfsport-Kreisen Kultstatus hat:

Das wichtigste Detail am Video ist die Tatsache, dass der Boxer alle Angreifer vor sich hält – während er den Rückzug einleitet. Er schlägt nur dann zu, wenn ihm jemand zu nahe kommt und ihn fassen will; was ihn rettet, sind seine Beinarbeit und seine Positionierung gegenüber den Angreifern. Und eben die Tatsache, dass er sich nach hinten und nicht nach vorne orientiert. Denn ab einem gewissen Punkt macht es selbst für einen trainierten Boxer im Kampf gegen unbeholfene Männer mittleren Alters mehr Sinn, die Beine in die Hand zu nehmen, als grundlos den Helden spielen zu wollen. Getreu dem Motto: Der Klügere gibt nach.

Obwohl ich mich seit etlichen Jahren mit Kampfsport beschäftige, habe ich noch keine überzeugende Lösung für Situationen gefunden, in denen eine Person von mehreren angegriffen wird. Und ich glaube auch nicht, dass ich das noch erleben werde. Warum? Weil man schon bei einem Angreifer nur schwer voraussagen kann, was er mit einem vorhat. Wenn einem dann noch mehr als einer an den Hals will, wird die Selbstverteidigung aufgrund der Unberechenbarkeit der zahlenmäßig überlegenen Widersacher schnell zur Mission Impossible.

Das heißt natürlich nicht, dass du mit deinen Trainingspartnern nicht Kampfsituationen simulieren sollst, bei denen du von mehreren Personen gleichzeitig angegriffen wirst. Gewisse Tricks – etwa mit dem Rücken zur Wand aus zu kämpfen, weil so von hinten keiner angreifen kann – können dich, zumindest vorübergehend, vor Niederschlägen retten. All das kann und sollte auch in einem sicheren Umfeld einstudiert werden. Doch bei allem Übungseifer darf man den besten Survival-Trick im Kampf gegen mehrere Angreifer niemals vergessen: Wegrennen, dabei wie ein Irrer um sich schlagen, um die Meute auf Distanz zu halten, und nochmal wegrennen.