Euro 2016

EM-Vorschau: Gruppe D—Alles kann, nichts muss

Kann Spanien die WM-Blamage wiedergutmachen? Will Mandzukic die „pizda" der Schirimütter penetrieren? Und schickt die Türkei Rosicky „vorzeitig" in den Ruhestand?
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EPA Images/Oliver Weiken

In Gruppe D der Europameisterschaft 2016 haben es die spanischen Titelverteidiger mit Tschechien, Kroatien und der Türkei zu tun. Wer kann den Spaniern am ehesten gefährlich werden? Wir haben für euch die Stirn in Falten gelegt. Hier unsere Vorschau:

SPANIEN

Wie haben sie sich qualifiziert? Locker flockig. Von zehn Spielen konnten sie neun gewinnen, nur gegen die Slowakei setzte es eine 1:2-Niederlage. So landete man am Ende souverän auf dem ersten Platz, fünf Punkte vor den Slowaken.

Bekannte Namen: Auch hier macht es deutlich mehr Sinn, die wenigen Spieler vorzustellen, die (noch) nicht ganz so bekannt sind. Und ja, einige von euch werden gleich rummeckern und meinen, dass man den oder die doch kennt. Aber ganz ehrlich: Nicht jeder ist ein FIFA-Streber und zockt mit Athletic Bilbao auf der Playse. Denn von der baskischen Mannschaft wurden mit Mikel San José und Aritz Aduriz gleich zwei Spieler für die EM nominiert. Ebenso nicht ganz so bekannt ist die spanische Nummer drei im Tor, Sergio Rico.

Keine schlechte erste Elf. Foto: EPA Images/Andreas Schaad

Der Trainer: Immer noch spanischer Trainer ist der so haarlose wie erfolgreiche Routinier Vincent del Bosque. Unter ihm wurden die Spanier Welt- und Europameister (2010 bzw. 2012). Seine Aktien fielen aber gewaltig, als Spanien bei der WM in Brasilien schon nach der Vorrunde die Segel streichen musste. In Frankreich hat er jetzt die Chance auf Wiedergutmachung.

Ausblick: Wir reden von Spanien, also hat der Kader wieder eine Menge an Qualität zu bieten. Und zwar so viel, dass sie das Turnier zum dritten Mal in Folge gewinnen könnten. Andererseits haben sie eine schwere Gruppe erwischt: Es gibt keine ganz großen Brocken wie Deutschland oder Italien (?), dafür aber drei schwer einzuschätzende Semi-Brocken. Die Entscheidung, Casillas anstelle von De Gea ins Tor zu stellen, scheint die Mannschaft in ihrer Entwicklung eher aufzuhalten. Und auch die Optionen im Sturm sind für spanische Verhältnisse eher mau—die ganz großen Namen fehlen, der Druck auf Morata ist groß. Dennoch: Dank einer bombensicheren Abwehr—mit den beiden Innenverteidigern Sergio Ramos und Gerard Pique als Fels in der Brandung sowie Jordi Alba und (wahrscheinlich) Juanfran auf den Außen—und einem vor Kreativität sprühenden Mittelfeld geht es für die Spanier mindestens ins Halbfinale.

Dieser Schnurrbartträger ist Welt- und Europameister. Foto: EPA Images/Oliver Weiken

TSCHECHISCHE REPUBLIK

Wie haben sie sich qualifiziert? Als Gruppenerster vor Island, der Türkei und den Niederlanden, in einer ziemlich starken Gruppe also. Gegen die Türken, die ebenfalls in dieser Gruppe spielen, gab es bei der EM-Quali einen Sieg und eine Niederlage.

Bekannte Namen: Ja, man muss schon sagen. Die Zeiten, in denen Spieler wie Karel Poborský, Patrik Berger, Jan Koller oder Tomáš Rosický die tschechische Nationalmannschaft schmückten, sind vorbei. Obwohl, nur bedingt. Denn Tomáš—mittlerweile 35 und schon bei der EM 2000 dabei (!)—spielt noch immer in der Nationalelf. Und stand in den beiden letzten Testsspielen sogar in der Startaufstellung und erzielte ein Tor. Und es gibt noch einen weiteren ganz großen Namen: Keeper Petr Čech. Aus der Bundesliga kennen wir zudem den Herthaner Vladimir Darida, der im zentralen Mittelfeld gesetzt ist, den Außenverteidiger Theodor Gebre Selassie von Werder Bremen, der gute Chancen auf einen Platz in der ersten Elf hat, und Pavel Kaderábek von Hoffenheim. Und natürlich erinnern wir uns auch noch an den früheren Bayer-Verteidiger Michal Kadlec sowie den Ex-Herthaner Roman Hubnik.

Die Tschechen brauchen die nächsten Wochen auf alle Fälle einen Čech in Weltklasseform. Foto: EPA Images

Der Trainer: Pavel Vrba ist seit 2014 Nationaltrainer der Tschechen. Zuvor war er Trainer bei Viktoria Pilsen, mit denen er zweimal den Gewinn der Meisterschaft feiern konnte..

Ausblick: Abgesehen von Čech verfügt Tschechien über keine echten Stars mehr. Dennoch hat die starke Qualifikation gezeigt, dass sie auch ohne große Namen Beachtliches erreichen können. Mit der Hammergruppe bei der EM hatte Tschechien natürlich Pech. Auf dem Papier geht es nur noch um Platz hinter Spanien, auch wenn die Iberer nicht gerade in Topform zu sein scheinen. Kroatien ist individuell auf alle Fälle stärker besetzt, vom Kader her könnte es auf einen Zweikampf mit der Türkei auf den dritten Platz hinauslaufen. Dank eines Weltklassetorwarts und einer soliden Abwehr mit reichlich Bundesliga-Erfahrung wird man seine Gegner vor einige Probleme stellen können. Aber wer soll die Tore schießen (eine Frage, die übrigens auch auf die Türken zutrifft)? Einen Knipser hat man nicht, dafür aber gute offensive Flügelspieler. Vor allem Ladislav Krejci von Sparta Prag traut so mancher Experte eine starke EM zu.

Kann Pavel Vrba seine Mannschaft ins Achtelfinale führen? Foto: EPA Images

TÜRKEI

Wie haben sie sich qualifiziert? Mit Ach und Krach und—einer komplizierten UEFA-Arithmetik sei Dank—als bester Drittplatzierter. Wenige Spieltage vor Schluss sah es so aus, als würden die Türken das nächste Großturnier verpassen. Dann sorgten zwei Siege gegen die Niederlande und Tschechien für die Wende. Die direkte Qualifikation wurde schließlich aufgrund eines weiteren Sieges gegen Island (1:0) und dank eines Sieges der Kasachen in Lettland eingetütet.

Bekannte Namen: Der bekannteste türkische Spieler ist Arda Turan, der mittlerweile für den FC Barcelona spielt. Aus der Bundesliga kennen wir außerdem den Dortmunder Nuri Şahin, den Mainzer Yunus Malli und natürlich Hakan Çalhanoğlu von Bayer Leverkusen. Und seit Kurzem kennen wir auch das türkische Sturmtalent Emre Mor, das Dortmund vom dänischen Erstligisten Nordsjælland verpflichtet hat.

Arda Turan ist der Star seiner Mannschaft, auch wenn Çalhanoğlu das nicht gerne hören wird. Foto: EPA Images

Der Trainer: Der 60-jährige Fatih Terim ist mittlerweile schon zum dritten Mal türkischer Nationaltrainer. Unter ihm schaffte man auch die Qualifikation für das letzte große Turnier mit türkischer Beteiligung, die EM 2008 in Österreich und der Schweiz, wo man bis ins Halbfinale kam. Auch als Vereinstrainer feierte Terim große Erfolge und holte mit Galatasaray sechsmal die Meisterschaft.

Ausblick: Die Gruppe hat es verdammt nochmal in sich. Denn mit Spanien, Kroatien und Tschechien wird auch der Kampf um Platz zwei ein heißer Tanz. Die Türkei hat (mal wieder) keinen Torwart von internationaler Klasse, dafür aber eine solide Abwehr und ein starkes Mittelfeld. Doch wer soll für die Türken die Tore schießen? Dortmunds Emre Mor ist noch komplett grün hinter den Ohren, Burak Yilmaz spielt mittlerweile in der Türkei und war lange verletzt. Bleibt also nur der Deutschtürke Cenk Tosun, der bei Beşiktaş zwar eine gute, aber auch keine herausragende Saison gespielt hat. Andererseits verfügen die Türken über viele torgefährliche Mittelfeld- und Flügelspieler. Wenn sie bei der EM so spielen wie gegen die Holländer und Tschechen in der zweiten Hälfte der EM-Quali, sind sie allemal für eine Überraschung gut.

Fatih Terim, winking cheekily at an unidentified person // EPA Images/Tolga Bozoglu

KROATIEN

Wie haben sie sich qualifiziert? Relativ souverän als Zweiter hinter Italien. Mitte der Qualifikation fiel die Formkurve kurzzeitig ab, was Niko Kovač prompt den Job kostete. Am Ende hatte man nur einen Punkt Vorsprung auf Norwegen, was aber auch daran lag, dass die UEFA Kroatien einen Punkt abgezogen hatte, weil beim Heimspiel gegen Italien ein Hakenkreuz in den Rasen eingraviert war.

Bekannte Namen: Die Kroaten verfügen bei diesem Turnier über die beste Ansammlung an individueller Klasse seit der WM 98 in Frankreich. Das Mittelfeld ist vollgepackt mit Weltklasse: Rakitic (Barcelona), Modric, Kovacic (beide Real Madrid), Perisic, Brozovic (beide Inter Mailand) und im Sturm Mandzukic (Juventus) und Kramaric (Hoffenheim). Hinzu kommen noch einige Talente wie die Verteidiger Tin Jedvaj von Leverkusen oder Vrsaljko, der sich wohl Atlético Madrid anschließt.

Croatia fans are all about the craic, sort of like Irish fans without the Guinness // EPA Images/Yuri Kochetkov

Der Trainer: Hier liegt das Problem von Kroatien. Der Trainer ist der charismalose Schnurrbart Ante Cacic, der zuvor Lokomotiva Zagreb—das Farmteam von Dinamo Zagreb—coachte. Er wurde von Zdravko Mamic, dem Bösewicht des internationalen Fußballs, ins Amt bugsiert. Eine von Cacics wichtigsten Amtshandlungen war der Rausschmiss des besten Verteidigers Dejan Lovren aus der eh schon ziemlich dünnen Defensive.

Ausblick: Die Kroaten sind seit der EM 2008 ein wirklich gutes Turnier schuldig. Wenn man gegen die Türkei einen guten Auftakt erwischt und sich die Mannschaft in einen Rausch spielt, ist alles möglich. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Srna oder Mandzukic die „pizda" der Mutter des Schiris penetrieren wollen und man sich wieder mal selbst rauswirft.