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Was von StudiVZ übrig geblieben ist – Wir erkunden ein fast ausgestorbenes Netzwerk

Einst hatte StudiVZ 17 Millionen Nutzer und Facebook wollte die Plattform kaufen. Heute haben die Betreiber eine 3-Millionen-Euro-Klage am Hals. Unterwegs in einem verlassenen Netzwerk.

Wir schauen auf ein fast vergessenes StudiVZ-Profil. Fünf Jahre sind seit dem letzten Besuch auf der Seite vergangen. Auf der Pinnwand stehen fünf einsame Geburtstagswünsche der StudiVZ-Moderatorin Lea—"echte" StudiVZ-Freunde gratulieren schon seit Jahren nicht mehr. Eine verlassene Plattform also? Nicht ganz, ein alter Studienfreund spielt noch immer das Spiel Frohe Ernte, bei dem es darum geht, eine eigene Farm aufzubauen. Im Chat ist aber—natürlich—keiner online. Dafür führt ein Regler auf der linken Seite von der alten StudiVZ-Version zu einer neuen, die aber eigentlich fast identisch aussieht. Ein Ergebnis des "Relaunchs" 2011. Er konnte StudiVZ nicht retten.

Die Tris­tesse der Startseite lässt es erahnen: Die Geschichte von StudiVZ ist eine Odyssee. Erst der Aufstieg zu Deutschlands größtem sozialen Netzwerk (früher: 17 Millionen Nutzer), dann der tiefe Fall (heute: 600.000 aktive Nutzer). Und der war für eine Reihe von Investoren schmerzhaft und teuer—und ist es immer noch. Dazu später mehr.

Aber von Anfang an. Ehssan Dariani und Dennis Bemmann gründeten StudiVZ im Oktober 2005. Anfang 2007 kaufte der Holtzbrinck-Verlag die VZ-Netzwerke für geschätzt 85 Millionen Euro. Es war eine Summe, die nach Silicon Valley klang. Die Gründer von StudiVZ sind heute reich und fein raus. Als sie StudiVZ verkauften, war die Plattform eine große Nummer, der Marktführer in Deutschland.

Die Hochphase von StudiVZ erlebte mein Kollege Philipp. Er meldete sich 2006 an und schaut noch immer einmal im Jahr rein, einfach um zu sehen, was los ist. "Das ist eine Zeitkapsel, und das Lustige ist: Du weißt schon, wie es ausgeht", sagt er, während wir durch alte Party-Fotos scrollen. Bei jedem Pärchen weiß er, wie lange die Beziehung gehalten hat. 2.458 Nachrichten hat er auf StudiVZ bekommen. Bestimmt 80 Prozent der Leute haben sich allerdings mittlerweile gelöscht, anstatt ihrer Profilbilder sind nur noch animierte Köpfe mit Fragezeichen zu sehen. Philipp hat sein Profil zuletzt 2010 aktualisiert. Dann ging er nach England, eröffnete seinen Facebook-Account und kam nie wieder wirklich auf StudiVZ zurück—wie fast alle anderen Nutzer auch.

So schnell wie Facebook seit 2010 den deutschen Markt einnahm, stürzten die StudiVZ-Nutzerzahlen ab.

Facebook selbst hat StudiVZ erst ignoriert, den Machern dann viel Geld geboten und sie später erfolglos verklagt. Heute ignoriert Facebook-Chef Zuckerberg StudiVZ wieder. Denn Facebook konnte StudiVZ zwar nicht schlucken, hat die Plattform aber erfolgreich ins Nirvana gedrängt. Auf der Seite "wannstirbtstudivz" wurde theatralisch mit einem Countdown dem Moment entgegengefiebert, an dem die Nutzerzahl bei null angelangt ist. Laut "wannstirbtstudivz": Januar 2013.

Doch noch gibt es StudiVZ. Mit demselben schnöden rot-blauen Logo und der Banner-Werbung, die fast den ganzen Bildschirm einnimmt. Dafür, dass es noch immer weiterläuft, sorgt ein 15-köpfiges Team um Agneta Binninger, das Nutzeranfragen persönlich beantwortet. 600.000 aktive im Nutzer im Monat hätten sie, sagt Binninger, und 70 Millionen Werbe-Einblendungen, die Geld bringen. Jedes mal, wenn ich die Banner-Werbung wegklicke, trage ich also dazu bei, StudiVZ am Leben zu halten. Einnahmen brächten außerdem der Newsletterversand und die Social Games—wie der Studienfreund meines Kollegen, der immer noch Frohe Ernte spielt.

"Überlegungen, offline zu gehen, gibt es nicht", sagt Binninger.

Noch kann man alte Freunde also "gruscheln". Eine Funktion auf StudiVZ, die wiederzuentdecken sich so wohlig warm anfühlt, als würde einem jemand den Bauch streicheln: gruscheln, ein Wort zwischen grüßen und kuscheln. Es ist die Knopfdruck-Variante der Nachricht "Hi". Die Frage ist immer: Was genau willst du mir damit jetzt sagen? Hast du zehn Minuten lang vor dem Computer gesessen und dich gefragt: Gruscheln oder Nichtgruscheln? Ist es auch einfach eine Laune, ein Schrei nach Aufmerksamkeit: HALLOOOO ICH BIN DA, aber zu faul, dich anzuschreiben? Wer bei StudiVZ vor der Frage "Gruscheln oder Nichtgruscheln" steht, und sich im letzten Moment umentscheidet, findet die tolle Option: "doch nicht".

Bis auf die deutschen Begriffe ist die Funktion aber eins zu eins vom "Anstupsen" auf Facebook kopiert. StudiVZ war von Anfang an abgekupfert von Facebook.

Heute reich und fein raus: StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani, Michael Brehm und Dennis Bemmann | Foto: imago | Christian Schroth

In einem Podcast auf onlinemarketingrockstars erzählt StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani, Zuckerberg selbst habe ihm 2006 fünf bis sechs Prozent der Facebook-Anteile für StudiVZ geboten. Nicht schlecht, für eine geklaute Idee. Diese Anteile—wenn die Geschichte so stimmt—wären heute Milliarden wert. Die Entscheidung fiel dann auf den deutschen Holtzbrinck-Verlag als Käufer, sagt Dariani im Podcast, weil andere Investoren von StudiVZ das bevorzugten.

Auch vom Holtzbrinck-Verlag wollte Facebook StudiVZ kaufen. Doch auch der Verlag lehnte ab. Der Deal sei an datenschutzrechtlichen Auflagen gescheitert, sagte der damalige Betreiber später der Welt. Eine sehr diplomatische Formulierung für: Mist.

Statt Geld kam von Facebook 2009 eine Klage gegen StudiVZ, in der Anklageschrift heißt es:

StudiVZ hat nicht nur Facebooks Features gestohlen, sondern auch das Look and Feel, das Design, große Teile der Websitefunktionalitäten und andere Eigentumsrechte wie Style Sheets.

StudiVZ war offensichtlich eine Facebook-Kopie. Bis Anfang Oktober 2006 hieß ein Stylesheet von StudiVZ sogar "myfb.css", also "myFaceBook". Das Kölner Landgericht entschied allerdings: Trotz offensichtlicher Übereinstimmungen liegt keine unlautere Nachahmung vor. StudiVZ war noch mal davongekommen. Vorerst.

Der aktuelle Betreiber von StudiVZ—die Firma Poolworks—hat heute ein Problem in Höhe von drei Millionen Euro. So viel Geld will Holtzbrinck von Poolworks, einer Firma, die der Verlag 2012 selbst gegründet hatte. Es sind—vereinfacht gesagt—finanzielle Verpflichtungen, die Holtzbrinck für den Betrieb von StudiVZ früher eingegangen ist, die die heutigen Besitzer von Poolworks aber nicht übernehmen wollen. Müssen sie aber, entschied das Berliner Landgericht im Juli diesen Jahres. Das Urteil liegt VICE vor. Es klingt, als wolle Holtzbrinck aus einer miesen Investition noch wenigstens irgendetwas wieder zurückhaben.

Der Holzbrinck-Verlag, der 2007 Millionen in StudiVZ investierte, hatte die Firma Poolworks 2012 gegründet, damit sie sich StudiVZ annimmt. Das war zu einer Zeit, in der schon absehbar war, dass StudiVZ massiv an Wert verlieren würde. Holtzbrinck wollte Poolworks dann auch schnell wieder loswerden und verkaufte die Firma an eine US-Investmentfirma weiter. Die wiederum holte 2014 Agneta Binninger als deutsche Managerin. Ihr Job erinnert etwas an den armen Kerl von der FDP, der damals die Bundestagsfraktion abwickeln musste und allen Ernstes die Bezeichnung "Liquidator" trug. Binninger möchte das Beste aus dem machen, was noch da sei, sagt sie.

Wegen der drei Millionen, die Poolworks zahlen soll, gebe es noch Gespräche zwischen der Geschäftsführung von Poolworks in den USA und Holtzbrinck, sagt Binninger. Dazu wolle sie sich nicht weiter äußern, sondern nach vorne schauen: Die Firma schreibe schwarze Zahlen, neben Holtzbrinck gäbe es keine weiteren Gläubiger. Dafür gebe es ja noch immer Nutzer, 600.000 aktive im Monat. Wir haben uns auf die Suche nach ihnen gemacht:

Während auf Facebook die Klarnamenpflicht herrscht, sind auf StudVZ "Fake_Account" und "♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫kAtInKa♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫" unterwegs. (Alle Nutzernamen in diesem Text sind um wenige Zeichen geändert, um die Privatsphäre nicht zu verletzen.) Miss Achtelnoten-und-Sternchen-Katinka schreibt über sich:

>>ïçH BïÑ ÑïçHT ãûF ÐëR Wë£T ûM šØ Žû šEïÑ WïÈ<

...•» ãÑÐë Rë MïçH GëRÑ HãTTë N«•... ...°

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Hier stark gekürzt, es geht noch sehr lange so weiter.

kAtInKa erinnert mich mit ihrer Großkleinschreibtechnik an meine ersten Jahren mit Internetzugang. Ich gruschel sie. Eine ihrer Gruppen: "Flirten ist kein Fremdgehen", dazu ein gemaltes Bild einer Frau, das auf Pinterest als "fire elemental phoenix rising from the ashes kinda girl" klassifiziert wird und auch genau so—halb esoterisch halb pornomäßig—aussieht, wie dieser Spruch klingt.

Gruppenbeschreibung:

Die Baggerthreads ;) sind gewollt ,auch um etwas Leben in dir Gruppe zu bringen . Wer sie nicht mag braucht sich ja nicht beteiligen . (...) UND AN DIE NEULINGE DER GRUPPE ... LASST EUCH NICHT DADURCH ABSCHRECKEN ,DAS SICH EINIGE HIER SO GUT KENNEN ;O) DIE SIND AUCH ALLE IRGENDWANN MAL NEU HIER GEWESEN !!!

Die Gruppen waren immer das, was StudiVZ ausgemacht hat, sagt Agneta Binninger. "So wie die Plattform jetzt ist, würde ich sie heute nicht mehr bauen. Es macht keinen Sinn, dass die Plattform nach wie vor profilzentriert und timeline-basiert ist, obwohl die Gruppen immer der der Hauptaktivitätstreiber waren und sind." Das waren Entscheidungen, die unter Holtzbrinck getroffen beziehungsweise nicht getroffen wurden. Den großen StudiVZ-Relaunch plant Binninger aber nicht.

Auf Seite drei der Gruppen: "Adlkofen - Das geilste Kuhkaff der Welt!". Auf Seite sieben: "Frisör,Kosmetik,Nagelstudio und Solarium - das gönn ich mir!!". Außerdem schon zwei Gruppen, die Klamotten von Esprit bewerben. Wahrscheinlich hat sich ein PR-Mensch von Esprit 2010 gedacht, er könnte so den ganz große Coup landen.

Seit 2015 nicht mehr aktiv: "TU Darmstadt - Bauingenieurwesen - Erstsemester". Wahrscheinlich ist auch unter Darmstädter Bauingenieur-Erstsemestern 2015 Facebook angekommen. Noch immer aktiv auf StudiVZ und weit oben gelistet hingegen: HSV-Fans. Über 9.000 Mitglieder hat ihre Gruppe.

Ich bin jetzt mit allen Menschen befreundet, die mir eine Anfrage geschickt haben, unter anderem mit einem mittelalten Mann, der aussieht wie ein Büroangestellter und oberkörperfrei posiert. Er lädt ein in die Gruppe "Willst du mit mir gehen? Ja, nein, ich fahre lieber Fahrrad." Ich bestätige, er schreibt mich an: "Hey sweety".

Was man so findet: ein Bekannter meines Kollegen auf StudiVZ | Foto: Screenshot StudiVZ

Unter "Leuten, die du kennen könntest" wird mir eine Domina vorgeschlagen. Die freundliche StudiVZ-Moderatorin Lea hat auch ihr pflichtbewusst zum Geburtstag gratuliert so wie meinem Kollegen seit Jahren. Lea hält die Stellung!

Es ist 19 Uhr. Neue Nachricht von Denis, dessen Foto aussieht wie mit einer Handy-Kamera aufgenommen, die schon für das Jahr 2006 schlecht war: "???". Und immer noch kein Gruschler von ♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫kAtInKa♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫.

Ich klappe den Laptop zu. Auf meinem Handy sind in der Zwischenzeit die WhatsApp-Gruppen eskaliert; Facebook erinnert mich an eine Veranstaltung; auf Instagram gefällt meinem 12-jährigen Bruder ein Snowboard. All diese Apps gehören zu Facebook. Es scheint fast unmöglich, dass es dem Konzern einmal ergeht wie StudiVZ.

Zurückgeblieben sind zwei reiche StudiVZ-Gründer; ein deutscher Großverlag, der sehr viel Geld an eine sterbende Plattform verloren hat und immer noch drei Millionen Euro zurück will; und 15 Menschen in Berlin, die die Reste von StudiVZ pflegen. Die Überbleibsel auf der Seite, die das Team verwaltet, sind: eine Gruppe für HSV-Fans; nicht gelöschte Bilder eines Muskelmann-Freundes meines Kollegen; eine StudiVZ-Moderatorin, die einer Domina zum Geburtstag gratuliert; ♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫kAtInKa♫★ҳ̸Ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ̸̸ҳ★♫ und ein einsamer Denis.