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Wie ich zu einer Konsumhure wurde und in Deutschland einkaufte

Unser Schweizer Redakteur geht seit dem Euro-Kurseinsturz in Deutschland einkaufen und zahlt jetzt die Hälfte für seine aus der Schweiz exportierten Zigaretten.

von Benjamin von Wyl
20 Januar 2015, 2:47pm

Foto von Benjamin von Wyl

Nachdem wir uns letzte Woche nach dem Besuch bei einem Nordkorea-Stand auf der Berner Ferienmesse auf den Nachhauseweg gemacht hatten, wurde unsere Fotografin von ihrem Vater angerufen. 10.000 Schweizer Franken habe er gerade in Euro gewechselt. Sie müsse das auch tun. Sie müsse jetzt auch wechseln.

Also machten wir eine große Tour durch verschiedene Bankfilialen: Die Migros Bank verkaufte zu einem Scheiß-Kurs von 1,10 und die Crédit Suisse gab keine Euros mehr raus, da sie den Kurs nicht kannte; doch bei der Raiffeisen-Bank konnte ich Euros abheben. Zum feuchten Mittelstandstraumkurs von 1,0495 Franken pro Euro. Fast 20 Rappen unter dem Kurs vom Vortag.

Ich wechselte mehr Geld, als ich eigentlich geplant hatte. Denn: Sparen lohnt sich nicht mehr und von mir zu Hause dauert es nur fünf Minuten bis zur deutschen Grenze. Inklusive einer Tramhaltestelle vor dem nächsten Einkaufszentrum auf deutscher Seite.

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In Deutschland ist alles (noch—fragt sich, wie schnell und wie stark die Schweizer Einzelhändler nachziehen) billiger, ich habe praktisch einen 1:1-Kurs bekommen. Beim nächsten Einkauf kann ich mir dann noch fast 20%-Mehrwertsteuer gutschreiben lassen.

Obwohl ich nah an der Grenze wohne (und das auch gerne, damit ich mir einbilden kann, im Niemandsland zu leben), gehe ich sonst nie in Deutschland einkaufen. Ich will den Einkauf einfach nicht zu einem Ritual machen. Der Coop, der Migros-Partner und der Asiashop in meiner Straße bieten mir das tägliche Brot, das ich mir immer kurz vor Ladenschluss um 19:45 Uhr zusammenkaufe.

Würde ich nach Deutschland fahren, müsste ich am Wochenende drei Stunden einplanen, mir die bedrückende Enge des „Marktkauf" (was für ein Name für ein Einkaufscenter!) antun, vor der Kasse in der Schlange stehen, beim Kundendienst in der Schlange stehen (um die „Zollzettel" zu erhalten) und beim Zoll in der Schlange stehen (um die Zollzettel zu bestätigen). Einkaufstourismus haben ich bisher als zeitintensives Hobby von ein paar Aargauern angesehen, deren Sparbilanz wegen Benzin- und Parkhauskosten doch nicht so toll ist.

Der Kurseinbruch am letzten Donnerstag hat das geändert. Ja, ich fühlte mich schlecht mit dem Bündel Euros. Als Konsumhure. Ich weiß, wir haben Schweizer Löhne und sollten deshalb auch Schweizer Preise zahlen. Ich habe auf Facebook Ermahnungen gelesen, dass man genau jetzt das Innenstadtgewerbe unterstützen müsse—aber hey, ich habe meine ganzen Weihnachtsgeschenke in einer kleinen Buchhandlung gekauft und ob ich Auberginen und Zigaretten bei Coop oder auf der anderen Seite der Grenze kaufe, macht keinen volkswirtschaftlichen Unterschied.

Eigentlich wollte ich am Samstag nach Weil am Rhein. Das Kreuz tragen, das mir mein neues Bekenntnis zum Einkaufstourismus auferlegt, aber der Kundensturm schien im Vorfeld zu groß. Am Donnerstagabend witzelte die Basler Satirezeitschrift Basler Bote, dass am Samstag doppelt so viele Trams nach Weil fahren. Am Freitagmorgen war das schon Realität und stand in unsatirischen Tageszeitungen. Also machte ich mich Freitagmittag auf. Das Wetter war übel und die Stimmung wegen einer durchgearbeiteten Nacht zuvor eh dumpf.

Ich tat es mir an, fuhr ins graue Weil am Rhein und hörte schon am Eingang Rentnerpaare: „I weiß nid, ob Sie's ghört hend, aber s'isch grad vil billiger worde für eus." Natürlich hatten es die Mitarbeiter des Einkaufszentrums gehört. Natürlich waren sie tüchtig-freundlicher Laune.

Erst war ich beruhigt, da der Marktkauf nicht ganz so überlaufen wie befürchtet war. Ich freute mich über deutsche Bioprodukte (etwa Weiße Schokolade-Cookie-Knusper-Flakes), aber am meisten über Schweizer Exporte: Ovomaltine für 4 Euro 99—also ungefähr 5 Franken! Ich freute mich über Parisienne für 5 Euro—also ungefähr 5 Franken! Aber nach den ersten Hormonschüben war es mir wieder zu viel.

Ich gehe eigentlich gerne einkaufen, aber in Zentren voller essender, schmierender, geifernder, kiloweise Tabak einkaufender—ich kann es nicht anders sagen—Aargauer fühle ich mich einfach unwohl. Es nervt mich, für meinen Einkauf noch Papierkram zu erledigen. Es nervt mich, anstehen zu müssen, um den Zollzettel auszufüllen. Es hatte mich auch letzten Freitag genervt.

Ich werde den Weg aber wieder auf mich nehmen. Denn ich spare einfach zu viel (und ich habe zu viel Euro gewechselt), um es nicht zu tun:

162,50 Euro habe ich für Essen, Zigaretten, Kleider, und was man sonst nicht braucht, ausgegeben.

Das sind bei meinem Wechselkurs von 1,0495 etwa 170,50 Franken. Von diesen 170,50 Franken kann ich nochmals 19% abziehen, da Deutschland uns Schweizern die Mehrwertsteuer zurückgibt. Das macht dann also 136 Franken für einen—für Singlehaushalt-WG-Zimmer-Style-Verhältnisse—Großeinkauf. Oder runtergerechnet auf eine Packung Kippen: Statt 8 Franken in der Schweiz zahle ich 5,05 Franken und komme mit abgezogener Mehrwertsteuer auf 4 Franken.

Nach dem Abrechnen bzw. Erleiden aller bürokratischen Apparatschik-Schranken zahlte ich also halb so viel. Man muss schon ein echter Schwerverdiener sein, um eine Möglichkeit auszulassen, für den eigenen Einkauf nur die Hälfte auszugeben. Ich trage mein Kreuz/Einkaufskorb also wiedermal in den Marktkauf.

Sag Benj auf Twitter, dass er eine landesverräterische Konsumhure ist: @biofrontsau

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