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Warum wir das nächste ,Zurück in die Zukunft‘ brauchen

Im Vergleich zu ,Zurück in die Zukunft II' wirkt der reale 21. Oktober 2015 eher, als hätte Biff Tannen gewonnen. Warum fehlen uns neue Visionen?

von Markus Lust
20 Oktober 2015, 5:00am

Screenshot via YouTube

Der 21. Oktober 2015 ist nicht nur der Tag, an den Marty McFly in Zurück in die Zukunft II reist (auch, wenn es Dutzende Fakes gibt, die ein anderes Datum behaupten): Es ist auch mein Geburtstag, weshalb in meinem Kopf wahrscheinlich eine noch konkretere Vorstellung von diesem Tag existiert als bei vielen anderen.

Seit ich Zurück in die Zukunft II zum ersten Mal gesehen habe, war klar, dass es zumindest fliegende Autos, dehydrierte Pizza und Der Weiße Hai in 3D geben würde. Aber eigentlich habe ich noch viel mehr erwartet: Nämlich eine Welt, in der sich Jacken selbst trocknen, Schuhe selbst binden, Skateboards selbst fliegen, Promi-Avatare kellnern und alles aussieht wie bei einer Nu-Rave-Party in der Actionfiguren-Abteilung von Toys'R'Us.

Dass wir gerade auf dem besten Weg dazu sind, neben Der weiße Hai in 3D und Colorblocking auch noch einige andere dieser Dinge in nächster Zeit zu erleben—vor allem das Hoverboard und die selbstverschließenden Nike-Sneaker—, liegt an genau einer Sache: Genügend Leute wollen, dass diese Zukunft Wirklichkeit wird.

Und wie immer, wenn genügend Leute etwas wollen, das man im weitesten Sinne kaufen kann, gehorcht auch die Zukunft der Logik des Marktes und wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Dieser „Sci-Fi-Kapitalismus" ist in gewisser Weise auch der Grund, warum wir Science-Fiction immer brauchen werden: Damit die Nerds der aktuellen Generation die Träume der Nerds der letzten Generation für die Nerds der nächsten Generation wahr werden lassen können.

Was mich auch zu unserer Gegenwart bringt. Wenn man sich Zurück in die Zukunft II heute wieder ansieht, wirkt der reale 21. Oktober 2015, auf den wir gerade zusteuern, wie eine dieser alternativen Zeitlinien, in denen Biff Tannen gewonnen hat. Sicher, wir haben großartige Technologien wie die Digitalisierung und das Internet, aber wir sind auch ein bisschen ängstlich gegenüber der Zukunft geworden.

Der typische Genrefilm unserer Zeit ist dystopisch oder postapokalyptisch und spielt entweder auf den Klimawandel, die Totalüberwachung oder die Unterjochung der Menschheit an. Das war natürlich immer schon ein Bestandteil der Sci-Fi, aber alleine in den Jahren 2013 bis 2015 sind mehr dystopische Filme erschienen als in der Zeit zwischen der Erfindung des Films und 1971.

Wo sind also die nächsten großen Visionen? Und wenn wir schon dabei sind, wo sind die nächsten großen Zeitreise-Filme? Nicht, dass sich seit Zurück in die Zukunft nichts getan hätte. Filme wie Looper, Edge of Tomorrow oder auch Interstellar spielen immer noch auf innovative Weise mit Zeitsprüngen und Zukunftsvisionen—aber sie relativieren sie gleichzeitig auch immer und versteigern sich in nihilistische Endlosschleifen.

Und noch etwas hat sich geändert: Science-Fiction und vor allem Zeitreise-Filme sind heute weniger Showcase für neue Gadgets, weil es immer um etwas Wichtigeres geht. Statt Produktpräsentationen gibt es Psychologisierung und (noch mehr) Sozialkritik. Das gilt auch für solche Filme wie Elysium, Hunger Games oder den fürchterlichen CHAPPiE.

Das erklärt aber alles noch nicht, warum uns heute die mutigen Prognosen fehlen. Ein naheliegender Grund könnte sein, dass unsere Generation dazugelernt hat; immerhin wissen wir nicht erst seit gestern, dass man mit Prognosen auch danebenliegen und sich ziemlich schnell seine Glaubwürdigkeit ruinieren kann.

Der Punkt ist nur: Das war eigentlich schon immer so. Bereits 1989, im Erscheinungsjahr von Zurück in die Zukunft II, hatte die Welt längst allen Grund, skeptisch gegenüber vielversprechenden Prophezeiungen zu sein. Reader's Digest hat 1961 Jetpacks, geodätische Kuppeln und Spaziergänge in Röhren für das Jahr 1999 vorausgesagt, Arthur C. Clarke war sich sicher, dass wir 2001 „autonome Häuser" haben würden, mit denen wir kurz in den Süden fliegen können (so wie in Up, nur ohne Ballons) und der Bauingenieur John Elfreth Watkins prophezeite schon 1900, dass die Buchstaben C, Q und X bis zum Jahr 2000 aussterben würden. (Und da rede ich noch gar nicht von dem Buch Die Welt in 100 Jahren aus dem Jahr 1908, das zwar die Einführung von Videotelefonie vorhergesagt hat, aber nicht die Abschaffung von Altherren-Hüten.)

Ein anderer Grund könnte sein, dass Science-Fiction als Abbild der Gegenwart immer auch die Wirtschaftssituation ihrer Entstehungszeit widerspiegelt—und da waren die 1980er eben ein bisschen euphorischer gegenüber neuen Gadgets als unsere Wirtschaftskrisen-Ära. Aber auch das Argument geht nicht ganz auf: Wirtschaftlich war 1989 schon weit entfernt von den Boom-Zeiten der „Reaganomics" und auf dem besten Weg in die Rezession der frühen 90er.

Mit der beschleunigten Technologisierung hat sich die Zukunft in die Gegenwart verlagert.

Wenn überhaupt ist es eher umgekehrt. Ende der 1980er war die Zukunft noch eine weit entfernte Idealvorstellung. Heute ist sie etwas, das jeden Tag in Erfüllung geht. Alleine die acht echten Entdeckungen, die I Fucking Love Science jede Woche postet, sind so verrückt und unvorhersehbar, dass jeder Sci-Fi-Autor zum Trinker werden muss.

Mit der beschleunigten Technologisierung hat sich die Zukunft in die Gegenwart verlagert. Das kann praktisch gesehen ein Vorteil sein, weil wir nicht mehr von der Zukunft träumen, sondern täglich an ihr arbeiten. Die Frage ist aber, ob wir 1969 wirklich zum Mond geflogen wären, wenn die Welt nicht seit spätestens Die Reise zum Mond von 1902 darüber fantasiert und Kennedy nicht die Deadline festgelegt hätte.

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Das Phänomen rund um Zurück in die Zukunft basiert auf dem ungebrochenen Glauben, dass man die Zukunft mit mutigen Prognosen heraufbeschwören kann. Wahrscheinlich sagt die Science-Fiction einer Epoche wirklich mehr über uns als über unsere Zukunft aus, wie der Cyberspace-Erfinder William Gibson sagt (der sein wegweisendes Neuromancer übrigens auf der Schreibmaschine getippt hat). In unserem Fall heißt das, dass wir nur ungern zwei iPhone-Generationen in die Zukunft denken, weil bereits die aktuelle Version unsere Prognosen widerlegt. Große Weltraummissionen wie Mars One werden noch in der Anlaufphase wegen Fehlplanung und Abzocke kritisiert und vermutlich wegen Undurchführbarkeit nie stattfinden.

Aber auch Zurück in die Zukunft II hat bei genügend Dingen danebengelegen. Soweit ich das beurteilen kann, werden unsere Autos auch in absehbarer Zeit nicht fliegen und unsere Jacken nicht ohne externe Hilfe trocknen. Trotzdem brauchen wir Utopien aus dem selben Grund, aus dem Schreiber Abgabetermine brauchen: Weil wir sonst nie irgendetwas Großes hinbekommen würden. Im schlimmsten Fall haben wir Unrecht; aber das nehme ich gern in Kauf, solange wir dafür in einem 2015 leben, das zumindest genauso weirde Visionen für die Zukunft hat wie Zurück in die Zukunft II für unsere Gegenwart.

Markus auf Twitter: @wurstzombie



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