Ein Plädoyer für mehr Happy Ends

Sind wir alle zu zynisch geworden? Oder warum sonst trauen wir uns nicht mehr zu hoffen, dass jede neue Liebe die letzte ist?

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06 August 2015, 11:05am

Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Vielleicht ist es ein PR-Stunt, vielleicht musste mittlerweile einfach irgendwas Neues passieren, um die Muppets wieder interessant zu machen. Ich weiß es nicht. Fakt ist: Miss Piggy und Kermit der Frosch trennen sich und wenn es noch einen Beweis dafür braucht, dass mittlerweile gar nichts mehr heilig ist, dann ist es wohl das. Zu dramatisch? Fragt euch doch mal, warum sich in letzter Zeit die Artikel darüber häufen, wie total bindungsunfähig, Tinder-geschädigt und im Allgemeinen emotional desillusioniert „unsere Generation" (ehrlich: kann irgendjemand endlich mal befriedigend erklären, wen genau das eigentlich umfassen soll?) angeblich ist. Woher sollen denn die Positivbeispiele kommen? Wessen Eltern sind denn noch zusammen, wer kann es sich als junger Mensch ernsthaft leisten, nicht in erst einmal an sich selbst zu denken und wenn sich jetzt auch noch die letzten Kindheitsbastionen der heilen Welt auflösen—woran zur Hölle sollen wir denn noch glauben?!

Wir gucken Serien mit alkoholkranken Pferden, lassen uns von Videospielen in schöner Regelmäßigkeit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs führen und wenn den die Kinokassen dominierenden Superhelden noch eine Psychose mehr aufgebürdet wird, begehen im nächsten Avengers-Teil alle Suizid. Im Allgemeinen scheint es in den letzten Jahren eine Art Trend in der Popkultur zu geben, nach dem nur noch solchen Dingen irgendeine Art von Anspruch, Qualität und Daseinsberechtigung zugesprochen wird, die irgendwie düster und abgründig sind.

Einer der Filme, die einen in dieser Hinsicht richtig fertig machen, ist Blue Valentine. Ein romantisches Drama, das mir mehrfach explizit empfohlen wurde und von dem ich fatalerweise ausgegangen bin, dass es irgendwie ... nun ja, zumindest nicht in einem mittelschweren emotionalen Zusammenbruch meinerseits endet.

Ein schönes, junges, blondes Paar verliebt sich, Ryan Gosling singt und alles könnte so schön sein. Und dann BAAAAAAAMMMM, fick dich, Zuschauer, das Leben ist scheiße! Auch wenn man sich liebt, kann man nicht glücklich werden und überhaupt kannst du froh sein, dass nicht jeder in diesem Film einen brutalen Tod gestorben ist! DEPRESSION! ANGST! EINSAMKEIT! WUT! Es gibt keine Liebe, nicht mal mit Ryan Gosling, nicht mal im Film, und alles ist eine Lüge.

Dinge, die du lernst, wenn deine Langzeitbeziehung in die Brüche geht.

Es tut mir Leid, aber manchmal brauche ich diese Art von dunkler, böser Realität nicht. Manchmal tue ich ganz gerne für die Dauer von 90 Minuten so, als würde irgendwann alles gut werden. Multidimensionalität ist ganz fantastisch und so richtig dummes, oberflächliches Gute-Laune-Kino will ja eigentlich auch niemand so richtig. Aber ab und an ist es wirklich schön, wenn Ehen halten, Kinder nicht mit depressiven Eltern aufwachsen müssen und das aktuelle Love-Interest einen nicht ghostingt (allein dieser letzte Satzteil zeigt, sprachlich wie gesellschaftlich, wie abgefuckt wir eigentlich sind). Das Leben ist deprimierend genug, MEIN Leben ist deprimierend genug. Ich muss mir keine Neuverfilmung meiner aktuellen Frustration angucken—nur mit attraktiveren Protagonisten und besserem Make-Up.

Warum—und fühlt euch mit dieser Frage gerne alle angesprochen—warum hat man mittlerweile das Gefühl, verschämt auf den Boden gucken zu müssen, wenn man Dinge äußert wie: „Ach, eigentlich habe ich momentan eher Lust auf irgendwas Gute-Laune-Mäßiges. Aber diese super depressive Detektivserie, die uns die Abgründe der Menschheit vor Augen hält, kommt auf jeden Fall auf meine Liste!"? (Spoiler Alert: Diese „Listen", von denen Leute immer sprechen, wenn ihr ihnen Sachen empfehlt, die sie nicht interessieren, existieren nicht. Sorry.)

Sind wir alle zu zynisch geworden? Muss es immer verächtlich am Mundwinkel zucken, wenn irgendjemandem irgendetwas Gutes passiert—und sei es nur auf dem Bildschirm? Macht uns das stärker, cooler, weniger angreifbar? Wenn überall nur Schmerz, Leid, Enttäuschung und Leute, die sich selbst als depressiv oder total verrückt identifizieren, sind, fällt es ein bisschen zu leicht, sich in den Schmerz zu verlieben. In was auch sonst? Die Leute da draußen sind nicht alle frustriert und psychotisch und intimitätsgestört, weil sie irgendwann überrascht feststellen musste, dass das Leben gar nicht wie in einem Disney-Film ist (als hätte die Tatsache, dass man sich jeden morgen selbst in die Strumpfhose quetschen muss, anstatt von Waldtieren angekleidet zu werden, nicht Hinweis genug sein können). Vielleicht sind sie es, weil das Leben scheiße sein kann und ihnen jetzt selbst von der Unterhaltungsindustrie sukzessive die Chance genommen wird, dieser bitteren Realität zu entfliehen.

Können wir endlich aufhören, Schmerz mit Liebe zu verwechseln?

Ich möchte wieder mehr Happy Ends, weil wir sie verdient haben. Auch im echten Leben. Wer immer nur sieht, wie alles zerbricht, weil es „ehrlicher" und „realistischer" ist, vergisst vielleicht irgendwann, dass es auch anders laufen kann. Und es wichtig ist, für sich selbst auch ungeachtet womöglicher zukünftiger Entwicklungen erst einmal ein Happy End einzufordern.

Foto: Leo Hidalgo | Flickr | CC BY 2.0

Nein, es ist nicht OK, emotionale Tiefschläge einfach hinzunehmen, weil es ja sowieso immer irgendwie passieren muss. Jemand verhält sich wie ein Hurensohn? Konfrontiere ihn damit, anstatt dich filmreif im Schmerz zu wälzen, und wenn sich die Situation dadurch nicht bereinigen lässt, zieh weiter zu jemandem, der irgendeinen positiven Einfluss auf dein Leben hat. Wir haben alle ein Happy End verdient—oder zumindest den kleinen Funken Hoffnung, das irgendwann nicht nur alles gut wird, sondern auch gut bleibt. Ich weigere mich, daran zu glauben, dass man immer und ständig ehrlich und realistisch sein muss und wenn ich zehn Euro in eine Kinokarte investiere, will ich nicht jedes zweite Mal beim Verlassen des Kinosaals das Bedürfnis haben, mich umbringen zu müssen, weil alles so wahnsinnig aussichtslos und sowieso irgendwie egal ist. Die Hoffnung auf etwas Besseres ist nicht dumm, peinlich oder verblendet. Sie ist wichtig. Verbittert sein macht im echten Leben nämlich deutlich weniger Spaß, als die ein oder andere schwarze Komödie nahelegen mag.

i-D: Der Versuch der Filmindustrie, Depressionen richtig darzustellen.

Manchmal, wenn ich mit Kippe in der Hand auf der Couch sitze (am Fenster stehen oder im Bett liegen machen nur die richtig dramatischen Leute, die ihren Schmerz in Blogs mit verträumten Fotos von Mädchenhänden, die sich um Kaffeebecher krallen, in die Welt schreien), denke ich mir: Wenn jetzt jemand klingeln würde, um mir in einer dramatischen Geste seine Liebe zu gestehen, irgendjemand, dann würde ich die Tür öffnen. Selbst, wenn es ein schlechter Abklatsch von Ashton Kutcher wäre und im Hintergrund irgendwas von Taylor Swift läuft. Ehrlich. Ich glaube, Miss Piggy würde dasselbe tun.


Titelfoto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0