In Hamburgs Bahnhofsviertel sterben die Spelunken
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In Hamburgs Bahnhofsviertel sterben die Spelunken

In seinem Buch „Life is one live it well" erkundet der finnische Fotograf Henrik Malmström einen Mikrokosmos, der in der Zukunftsvision St. Georgs eigentlich keinen Platz mehr haben soll—und sich mit allen Mitteln dagegen wehrt.
13 August 2015, 9:03am

Drogen, Prostitution, Messerstechereien: Seit den 1980er Jahren gilt der Hansaplatz in St. Georg, dem Hamburger Bahnhofsviertel, als Kriminalitätsschwerpunkt. Seine schlimmsten Jahre erlebte er in den 80er und 90er Jahren, als in fast jedem Hauseingang ein Junkie hockte, um sich einen Schuss zu verpassen, die häufig minderjährigen Prostituierten für 30 Mark auch ohne Kondom die Wünsche der Freier erfüllten und nach Einbruch der Dunkelheit Banden auf offener Straße die Messer zückten. Seit die Hamburger Politik mit verstärkten Kontrollen, „Platzverweisen" und drakonischen Ordnungsstrafen (bis zu 5000 Euro) gegen die offene Straßenprostitution und Drogenkriminalität vorgeht, haben sich die Zustände langsam „gebessert". Die Gründerzeitbauten rund um den Hansaplatz sind inzwischen restauriert, die Quadratmeterpreise von Kaufwohnungen bei durchschnittlich 6.000 angelangt. Die neuen Cafès servieren Latte Macchiato, auch mit lactosefreier oder Soja-Milch und ein regionaler Wochenmarkt soll noch mehr kaufkräftige Kunden anlocken. Doch rund um den Hansaplatz residieren auch noch Kellerkneipen, wie Windstärke 11, das Moin Moin oder das Astrastübchen, die nach wie vor von den Ordnungskräften als „Anbahnungsstätten" eingestuft werden und sich gegen den Umbruch—die endgültige „Gentrifizierung" des Quartiers stemmen. In seinem aktuellen Buch Life is one live it well erkundet der finnische Fotograf Henrik Malmström einen Mikrokosmos, der in der Zukunftsvision St. Georgs eigentlich keinen Platz mehr haben soll—und sich dagegen mit allen Mitteln wehrt.

VICE: Was hat dich als Fotograf gereizt, dich ausgerechnet auf den Hansaplatz zu fokussieren?
Henrik Malmström: Als meine damalige Freundin und ich 2010 eine günstige Wohnung in der Robert-Nhil-Straße gefunden haben, war draußen auf der Straße die Prostitution in vollem Gange. In einem ersten Projekt habe ich von meinem Wohnzimmerfenster aus die Frauen fotografiert. Dann führte mich meine Neugier in die Kneipen. Es war nicht so, dass mich die vermutete Kriminalität angezogen hat, es ist vielmehr so, dass ich gerne dort arbeite, wo ich wohne.

Nach welchen Kriterien hast du die Kneipen für dein Buch ausgewählt?
Angefangen habe ich in der Kneipe Zum Frühaufsteher, weil ich von meinem Wohnzimmer aus dort häufig Schlägereien beobachten konnte. Dann bin ich in die Mickey Mouse gegangen. Dort habe ich Hans-Jürgen Butje, dem auch die sechs Kneipen aus dem Buch gehören, kennengelernt. Nachdem ich einige Bilder im White Eagle und dem Astrastübchen gemacht hatte, wollte ich plötzlich mit dem Fahrrad durch Hamburg fahren und alle Kneipen fotografieren. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesen Mikrokosmos vor dem Aussterben festhalten muss. Ich habe mich schließlich jedoch dazu entschieden, nur in St. Georg zu arbeiten, weil ich dort lebe und außerdem finde, dass die Kneipen dort zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt werden müssen. [Lacht]

Für Außenstehende wirken die Kellerkneipen St. Georgs wie geschlossene Gesellschaften, in denen Fremde eher unwillkommen sind. Wie hast du es geschafft, solche intimen Fotos zu machen?
Zunächst habe ich bloß viele Details und Wände fotografiert, denn die Leute sollten sich langsam an mich und die Kamera gewöhnen. Manchmal habe ich auch einfach nur Fußball geschaut. Irgendwann habe ich die Gäste vorsichtig um Erlaubnis, sie fotografieren zu dürfen, gefragt und ihnen im Gegenzug dann meine Bilder geschenkt. Dieser Gewöhnungsprozess hat gut drei Jahre gedauert, in denen ich fast jeden Tag durch die Kneipen gezogen bin. Im letzten Jahr konnte ich die Ernte dann einfahren, weil mir die Leute vertraut haben.

In deinen Bildern porträtierst du Prostituierte, schlafende Alkoholiker oder Spieler vor dem Daddelautomaten. Wie hast du dich den einzelnen Menschen genähert?
Der schlafende Typ weiß natürlich nicht, dass ich das Foto gemacht habe. Ich habe viel mit den Leuten gesprochen bis dann beispielsweise eine der Prostituierten wollte, dass ich sie fotografiere. Im Buch gibt es übrigens nur ein Bild, auf dem posiert wird. Die restlichen Aufnahmen sind aus dem Moment heraus entstanden—etwa 5.000 Bilder in vier Jahren.

Die Stammgäste der Kneipen erwecken den Eindruck, als seien die eine Art Familienersatz. Begreifst du diese Orte als Metaphern für die „Einsamkeit in der Großstadt"?
Ich glaube tatsächlich, dass die Leute in den Kneipen das soziale Wohnzimmer suchen. St. Georg ist ein kleiner Kiez, auf dem jeder jeden kennt. Das Mickey Mouse hat 50 Jahre lang existiert. In so einer Zeitspanne entwickelt sich zwischen den Stammgästen sicherlich ein familiärer Zusammenhalt. Und wenn die Menschen älter werden oder der Partner stirbt oder nie einer da war, schaffen die Kneipen einen Ersatz. Sie sind ein Anlaufpunkt, es wird getratscht und viel gelacht. Das täuscht natürlich darüber hinweg, dass viele der Gäste tragische Geschichten zu erzählen haben.

Die Bilder auf den ersten Seiten deines Buches wirken sehr leer. Du fängst Details wie schmutzige Ecken, Kabel, vergilbte Vorhänge und Kunstblumen ein. Was fasziniert dich an der Darstellung dieser Stillleben?
Ich wollte einfach alles fotografieren. Vielleicht ist das so zu einer Ästhetik geworden. Ob dieser Ansatz die Atmosphäre der Orte einfängt, weiß ich nicht. Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit der Bedeutung der Zeit für einen Ort hat, denn so wird Zeit real. Na ja, und die freiliegenden Kabel sind für mich so etwas wie die kleine Anarchie, ein Sinnbild fürs vorherrschende Chaos in den Kneipen, die keine „durchdesignte" Ästhetik besitzen, sondern in denen alles sehr organisch gewachsen ist.

Hast du in den vier Jahren deiner Arbeit selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht?
Eine der Prostituierten hat immer damit gedroht, mich umzubringen, wenn ich ein Foto von ihr schießen wollte. Das meinte sie aber nicht so. In den Kneipen hatte ich nie ein Problem. Wenn du allerdings auf der Straße fotografierst, sind die Leute sehr misstrauisch. Einmal habe ich ein paar Trinker auf dem Hansaplatz fotografiert. Daraufhin hat mir ein Typ mit einer Bierflasche ins Gesicht geschlagen und mir die Nase gebrochen. Der Fehler lag aber bei mir, weil ich eine Grenze überschritten hatte.

Gibt es einen Menschen, der dir nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist, oder ein Erlebnis, das für dich essenziell mit der Arbeit verknüpft ist?
Butje ist für mich der Protagonist des Buches. Er ist ein alter Hafenarbeiter, der später Früchte nach Hamburg importiert hat und dadurch zu Geld gekommen ist. Die Prostituierte Rebekka ist auch häufig zu sehen, weil sie sehr interessiert an Fotos war. Und schließlich ist da auch Rita, der ich das Buch gewidmet habe. Sie war so was wie die gute Seele meines Hauses. Sie stand immer an der Eingangstür und hat mit jedem gesprochen. Wenn Sie manchmal mit den alten Prostituierten in den Kneipen saß, hat sie die typischen Gespräche älterer Damen geführt—ganz normal. Sonst habe ich allerdings versucht, den Kontakt mit den Leuten nicht allzu eng werden zu lassen, um eine klare Grenze zwischen der fotografischen Arbeit und der eines Sozialarbeiters zu ziehen.

Seitdem St. Georg zum Sperrgebiet erklärt wurde, nutzen die Prostituierten die Kneipen als Kontakträume aus ...
... sie nutzen die Kneipen vor allem, um sich aufzuwärmen und Kaffee zu trinken. Es gibt eine Art Kodex im Viertel, der eine klare Linie zwischen der Straße und den Kneipen zieht:

Auf der einen Straßenseite stehen die deutschen Frauen. Gegenüber dann Frauen aus den Balkanländern und Afrika, die auch in den Kneipen anschaffen. Es wird in der Regel ordentlich getrunken, die Gäste haben Spaß und fummeln irgendwann in der Ecke gegenseitig rum. Mit dem Unterschied, dass einige der Frauen dafür Geld oder Getränke verlangen.

Hat dich Anders Petersens Café Lehmitz bei deiner Arbeit inspiriert?
Ich habe in der Buchhandlung der Hamburger Deichtorhallen gearbeitet. Weil ich Fotografie nicht studiert habe, konnte ich dort quasi meine Schule machen. Klar kenne ich Petersen und seine Arbeit, aber sie hat mich nicht maßgeblich beeinflusst. Es gibt das Buch Zustandsaufnahme von einem Versicherungsfotografen, der Schäden dokumentiert. Ich wollte eine Zustandsaufnahme der Kneipen machen.

Kannst du dich mit den Kneipen und ihrem Publikum identifizieren?
Ich mag Bier. [Lacht] Ich glaube, man kann sich mit den Leuten identifizieren, weil sie allesamt kleine Anarchisten sind. Denn sie machen einfach das, was sie wollen, ohne dabei der gesellschaftlichen Norm zu folgen. Davon können wir lernen, wie man das Leben nicht so ernst nimmt. Aber hinter den Kulissen gibt es viel Tragik.

Mittlerweile kosten sanierte Wohnungen nahe des Hansaplatz bis zu einer Million Euro. Im Jahr 2011 hat die Stadt Hamburg eine großflächige Sanierung des Areals vorgenommen. Wie hat sich das auf die Kneipenkultur ausgewirkt?
Junge Leute gehen nicht in die Kneipen, obwohl ich glaube, dass an vielen Orten die Kneipenkultur eine Renaissance erlebt. Die alte Kundschaft stirbt aus. Der Hansaplatz zeigt jedoch deutlich, dass gerade das staatliche Saubermachen nicht funktioniert. Die Menschen schlafen immer noch auf den Treppenstufen, so als gebe es keine Kontrollen oder eben die Millionäre, die das Areal langsam aufkaufen. Kneipen wie das Mickey Mouse mussten bereits schließen. Jetzt gibt es normale Cafés, die den Platz aufwerten sollen. Die Stadt hat zwar ein bisschen renoviert, aber so ganz funktioniert das noch nicht—zum Glück!