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„Die Toten kommen“: Aktivisten wollen tote Flüchtlinge vor dem Kanzleramt beerdigen

Das „Zentrum für politische Schönheit" hat tote Flüchtlinge ausgegraben, um sie in Berlin öffentlichkeitswirksam zu begraben.

von Matern Boeselager
15 Juni 2015, 10:40am

Screenshot aus dem YouTube-Video der Aktion

Allein in diesem Jahr sind schon mindestens 1.800 Flüchtlinge bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken. Oft werden die Leichen nicht mal aus dem Wasser geborgen, und selbst wenn sie an Stränden angespült werden, wird ein Großteil nie identifiziert. Anders als in Griechenland, Italien oder Nordafrika muss man sich in Deutschland allerdings fast nie mit diesen Leichen auseinandersetzen. Die Gruppe ,Zentrum für politische Schönheit' will das diese Woche ändern—indem sie die Toten nach Berlin bringen.

„Ab dieser Woche lassen wir die Toten nicht mehr in Südeuropa auf Bergen und in Kühlkammern verrotten. Wir holen das Problem nach Deutschland", erklärt eine Stimme in dem Video, dass die Gruppe am Montagmorgen auf eine Crowdfunding-Seite gestellt hat. Das Projekt heißt „ Die Toten kommen", und sie scheinen es ernst zu meinen.

Nach einer Einleitung, in der der Umgang mit den Toten kritisiert wird (sie würden nicht identifiziert, die Angehörigen nicht benachrichtigt, oft monatelang in Kühlräumen gelagert und teilweise dort vergessen) erklärt das Video, dass die Gruppe „unwürdige Grabstätten geöffnet und die Toten exhumiert" habe. Dazu sieht man Bilder, auf denen einfache Blechsärge ausgegraben und transportiert werden.

Screenshot aus dem Youtube-Video der Aktion

„Wir präsentieren sie unter den Augen der Öffentlichkeit ihren bürokratischen Mördern," heißt es weiter—dazu wird ein Bild von Innenminister de Maizière eingeblendet. In dieser Woche sollen die Toten an unterschiedlichen, bis kurz vorher geheimgehaltenen Orten in Berlin beerdigt werden. Am Sonntag soll ein „Marsch der Entschlossenen" schließlich die letzten Toten vor das Kanzleramt bringen. „Angeführt von einem Bagger wird einer der bedeutendsten öffentlichen Plätze der Bundesrepublik in ein Friedhofsfeld verwandelt, auf dem die Opfer der militärischen Abriegelung Europas direkt vor den Augen der politischen Entscheidungsträger bestattet werden." Immerhin. (Schon im Mai hat die Gruppe Campact vor dem Kanzleramt Särge aufgebaut, um gegen die Abschottungspolitik zu protestieren—die Särge waren allerdings leer und sollten auch nicht dort vergraben werden.)


Europe or Die: Die Todesboote nach Griechenland


Das ,Zentrum für politische Schönheit' weiß, wie man Aufsehen erregt. Im November letzten Jahres erreichten sie eine breite Öffentlichkeit, als sie pünktlich zum 25. Gedenktag des Mauerfalls ein paar der Gedenkkreuze entwendeten und sie „an die Außengrenzen der EU" bringen wollten. (Später stellte sich heraus, dass die echten Kreuze Berlin nie verlassen hatten, und an der bulgarischen Außengrenze standen bulgarische Außengrenzer, die die Aktion gnadenlos im Sand verlaufen ließen.) Trotzdem hat das „Zentrum" ein feines Gespür für die wunden Punkte der deutschen Öffentlichkeit. Das wollen sie nutzen, um maximale Aufmerksamkeit für das Leiden der Flüchtlinge zu schaffen.

Die „Opfer der Abschottungspolitik werden im Herzen Europas—im mächtigsten Mitgliedsstaat der EU—menschenwürdig bestattet", erklärte ein Mitglied der Gruppe dem Tagesspiegel. Ihr Tod sei zwar nicht rückgängig zu machen. „Aber ihre sterblichen Überreste können Europas Mauern zu Fall bringen." Um das Ziel zu erreichen, muss die Gruppe Geld einsammeln, 14.900 Euro pro Beerdigung. In vier Stunden waren am Montagmorgen bereits über 7.000 Euro zusammengekommen.

Screenshot aus dem Video

Die Aktion wird mit Sicherheit nicht überall auf Begeisterung stoßen. Obwohl betont wird, dass man die Toten im Beisein und mit der Einwilligung von Geistlichen und Angehörigen exhumiert hat, wird die Gruppe sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie instrumentalisiere tote Flüchtlinge—wenn auch nur, um weitere tote Flüchtlinge zu verhindern. Und wie sinnvoll es ist, einen Friedhof vor dem Kanzleramt anzukündigen, für den man niemals eine Genehmigung bekommen wird, sei auch dahingestellt.

Immerhin: Die Aktion ist schockierend. Viel schockierender aber ist die Realität an den Außengrenzen Europas.