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Kultur

Warum ich vom Life Ball einfach nur weg wollte

Gestern Nacht war ich zum ersten Mal auf dem Life Ball. Es wird auch das letzte Mal gewesen sein.
17.5.15

Für Wien fand gestern der 23. Life Ball statt—für mich war es der erste und sehr sicher auch der letzte. Am späten Nachmittag kam ich vor dem Rathaus an und es war das Gold, das nicht geglänzt hat. Wie jedes Jahr hatten sich die Menschen schon einen Platz nahe am Red Carpet gesichert, überall waren Arme, die sich mit Selfie Sticks um die Wette streckten und wo man hinsah waren Menschen, die verdammt viel Geld in ihr Outfit, ihre meist komisch toupierte Frisur und ihr Fruchtsäurepeeling gesteckt hatten. Über den roten Teppich gingen neben den Prominenten, die sich nicht großartig in Szene setzen müssen, um erkannt zu werden, auch viele, die das Duckface perfektioniert haben und sich vor der Kamera räkelten, als wären sie der Mittelpunkt des Abends. Dass sie das nicht waren, wurde ihnen dann vielleicht auch bei der Rede von Gerry Keszler bewusst—vielleicht aber auch nicht, so sicher bin ich mir da leider gar nicht.

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Für diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben: Der Gründer des Life Balls hat gestern erstmals öffentlich über seine HIV-Infektion gesprochen, die er sich im Alter von 20 Jahren in Australien geholt hat. Ein Moment, der zumindest für mich das Gold in Pech verwandelt hat. Auch seine Worte an seinen kürzlich verstorbenen Freund Horstl, der der Krankheit erlag, haben den „Glanz" des Balls in eine Wahrheit und ein Bewusstsein gekehrt, die mich sicher noch länger nicht mehr loslassen werden. Diese knapp zehnminütige Rede Keszlers hat in so vielen Punkten recht und für mich in ehrlichen, reduzierten und prägnanten Worten ein größeres Zeichen gesetzt, als der Ball es je könnte. Und ohne diese Worte wäre es mir schwer gefallen, hier etwas wirklich Positives zu schreiben.

Als ich draußen war, hatte ich das Gefühl eine Filmkulisse verlassen zu haben, irgendwie war mir auch nach heulen.

Sicher, das Leben zu feiern ist wichtig, gehört dazu und für einige Besucher ist der Ball vielleicht eine der letzten Chancen dazu, aber, wie Keszler gesagt hat, vielen Menschen geht es dort einfach NUR um die Party. Oder noch schlimmer, sie können sich nicht einmal dem Motto des Abends folgend amüsieren, weil für sie der einzige Zweck der Veranstaltung die Selbstinszinierung ist. Im Rathaus sind die Kostümierten gerade regelrecht vor die Kamera gesprungen, haben Leute zur Seite geschoben (wirklich überraschend angepisst), weil sie „das Motiv zerstören". Ja, der Ball ist für seine Kostüme bekannt, auch für diese Selbstdarstellung, aber diese komischen, kamerageilen Menschen mit der Rede Keszlers im Hinterkopf zu sehen, war schlicht und einfach grausam.

Schon ziemlich früh wusste ich, dass mich nichts bis 4:00 Uhr morgens an diesem Ort halten wird. Im Arkadenhof tanzten ein paar Leute zu kommerzieller elektronischer Musik, aber viel mehr Menschen waren damit beschäftigt, sich zu zeigen. Und einigen davon war ganz offensichtlich langweilig. In ihren Kostümen saßen sie auf Bänken und am Boden und schauten fadisiert in die Runde. Ungefähr eine Stunde nach Mitternacht wollte ich einfach nur noch raus. Von angepissten Securitys wurde ich dann beim „falschen Ausgang" (wieso ist es bei solchen Events einfach immer schwer rauszukommen, wenn man doch offensichtlich vor einer Ausgangsmöglichkeit steht?) rausgelassen. Selten war ich so froh, von einer Party verschwinden zu können.

Als ich draußen war, hatte ich das Gefühl, eine Filmkulisse verlassen zu haben. Irgendwie war mir auch nach heulen. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich 45 Minuten nach Hause spaziert bin. Der Abend hat mich irgendwie nicht losgelassen und es fällt mir jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, noch immer schwer, mir eine Meinung zum Life Ball zu bilden. Ich finde den Life Ball nicht schlecht, im Gegenteil. Die Grundidee dieses Balls—gegen AIDS anzukämpfen und die Krankheit ins Bewusstsein der Gesellschaft zu bringen—ist wichtig. Aber wenn Keszler sagt, dass die Forderungen der Menschen an die Party immer dreister werden, dann fällt es schwer, die Message des Events als angekommen zu verstehen. Wenn selbst Gerry Keszler nicht weiß, ob er diese Gala noch braucht, dann bin ich mir auch nicht ganz sicher. Ich hätte gern mehr und vor allem Besseres zu dem Ball zu sagen. Wenn man dann aber hört, dass bei der im Vorfeld stattgefundenen AIDS Solidarity Gala in der Wiener Hofburg nur ein Bruchteil der bisherigen Spenden eingenommen wurde, während die Leute viel Geld dafür bezahlten, um dort gesehen zu werden, ist das nur einer der Gründe, warum ich skeptisch bin. Natürlich kann ich nichts über die Motive der einzelnen Leute sagen und um ehrlich zu sein hoffe ich, dass meine Erfahrungen eine Missinterpretation sind und andere Gäste des Abends sie nicht teilen. Vielleicht war es einfach einer der Abende, an denen ich ständig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Vielleicht waren diese Menschen, die andere angefuckt haben, weil sie ihrem perfekten Foto im Weg stehen, ja doch nur die Ausnahme. Ich weiß es nicht. Ich weiß auf jeden Fall, dass dieser Ball wichtig ist. Und wenn nicht der Feier wegen, dann zumindest wegen Worten, die in zehn Minuten sehr viel bewegen können.


Opener-Foto von Thomas Becker, © Lifeball