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​Dieses Foto ist möglicherweise 1 Milliarde wert

Die olympischen Spiele in Tokio werden mindestens 4 Milliarden Euro kosten und das meiste davon wird für lukrative Bauverträge draufgehen. Ein Foto könnte jetzt dafür sorgen, dass ein mächtiges Syndikat aus dem Geschäft ausgeschlossen wird.
21.11.14

Dieses Foto könnte in Japan mehr als 800 Millionen Euro einbringen. Mindestens aber wird man dafür von mit Baseballschlägern bewaffneten Kriminellen verprügelt.

Im September erhielt das rechte Skandalblatt Keiten Shimbun ein Foto, auf dem Hidetoshi Tanaka (links), der Rektor der Japan University und stellvertretender Vorsitzender von Japans Olympischem Komitee neben Shinobu Tsukasa, dem Chef des größten japanischen Yakuza-Syndikats, der Yamaguchi-gumi, zu sehen ist. (Siehe Tsukasas linke Hand)

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Das Foto, das Polizeiangaben zufolge wahrscheinlich Anfang 2005 aufgenommen wurde, wurde anonym an diverse Medien einschließlich Keiten Shimbun geschickt. Eine Zeitschrift erhielt zusammen mit dem Foto eine Notiz: „Ich arbeite an der Japan University, an der viele mit Rektor Tanaka in Konflikt geraten sind. Vor sechs oder acht Jahren, nachdem Tanaka zum Vorsitzenden des Universitätsrats gewählt worden war, ging er in einen Club in Nagoya, um seine Beförderung zusammen mit dem Chef der Yamaguchi-gumi und vielen anderen Yamaguchi-gumi-Mitgliedern zu feiern. Er hat uns diese Fotos über die Jahre mehrfach gezeigt, um uns einzuschüchtern. Ermitteln Sie bitte."

Yakuza ist die Sammelbezeichnung für Japans 21 organisierte kriminelle Vereinigungen, die schätzungsweise insgesamt 60.000 Mitglieder haben. Sie bestehen in Japan als halblegale Körperschaften mit Büros, Visitenkarten und sogar Fan-Zeitschriften und verdienen ihr Geld hauptsächlich mit organisierter Kriminalität, als Kredithaie, durch Betrug, Erpressung, Börsenmanipulation und im Baugewerbe.

Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sollen voraussichtlich mindestens vier Milliarden Euro kosten. Das bedeutet, dass man sehr viel Geld im Baugewerbe verdienen kann.

Der Polizei und anderen Quellen zufolge hatte ein Journalist von Keiten Shimbun versucht, von der Japan University und Tanaka in Erfahrung zu bringen, wann das Foto aufgenommen wurde und in welcher Beziehung, wenn überhaupt, Tanaka momentan zur Yamaguchi-gumi steht. Am Abend des 30. September, als der Journalist auf dem Weg zurück in die Redaktion war, wurden er von zwei Männern mit Baseballschlägern aus Metall angegriffen, die wiederholt auf eine Körperstelle einschlugen. Ein Informant von der Polizei sagte, dass sie nicht veröffentlichen wollen, auf welche, weil nur die Angreifer das wissen können und man Falschaussagen aussortieren möchte.

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Am Tag nach dem Angriff erhielt fast jeder große Medienkonzern in Japan Drohanrufe. Niemand sollte das Foto veröffentlichen. Ein Redakteur, der unter der Voraussetzung mit VICE gesprochen hatte, dass er anonym bleiben würde, erzählte uns, dass die Drohung wie folgt gelautet hatte: „Wir haben Keiten Shimbun angegriffen. Wenn ihr euch erdreistet und das Foto veröffentlicht, wird es euch genauso ergehen."

Mehr als einen Monat später war das Foto immer noch nicht veröffentlicht worden. (das Foto wurde zuerst auf VICE News gezeigt.) Jedoch veröffentlichte Keiten Shimbun Ende Oktober ein anderes Foto von Tanaka. Auf diesem Foto (unten) aus dem Jahr 2004 ist Tanaka mit Iwao Yamamoto, einem anderen hochrangigen Mitglied von Yamaguchi-gumi zu sehen. Yamamoto stand Tsukasa einst nahe und erschoss sich im Dezember 2010 vor dem Grab seines Vorgängers.

Ein Vertreter der nationalen Polizeibehörde sagte: „Es wird noch untersucht, ob Tanaka immer noch Beziehungen zu Mitgliedern der Yamaguchi-gumi unterhält. Nach den Gesetzen gegen das organisierte Verbrechen wären solche Verbindungen illegal."

Tanaka ist in der Vergangenheit schon durch zwielichtige Kontakte aufgefallen. Das Foto weiter unten wurde im September 1998 im Hotel New Otani in Tokio bei einer Feier zu Ehren des Bandenchefs Hareaki Fukuda aufgenommen, der gerade zum Vorsitzenden der Sumiyoshi-kai, einer rivalisierenden Yakuza-Organisation, befördert worden war. Tanaka nahm angeblich an der Feier teil, um Fukuda zu gratulieren. (Informanten aus der Sumiyoshi-kai behaupten, dass Tanaka um 2003 herum engere Kontakte zur Yamaguchi-gumi knüpfte.)

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Sowohl Fukuda als als Tsukasa sind für die Polizeibehörden in den USA keine Unbekannten. Ein Ermittler bei einer Bundesbehörde, der mit VICE News gesprochen hat, sagte uns: „2012 haben die USA wirtschaftliche Sanktionen gegen diese beiden Yakuza-Gruppen verhängt und US-Bürgern verboten, Kontakte zu diesen Gruppen oder ihren Mitgliedern zu unterhalten. Diese Fotos wecken Zweifel daran, dass Japan es mit dem Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität ernst meint."

Das Japanische Olympische Komitee scheint die Sorgen nicht zu teilen. Das Komitee ist dazu da, die Wünsche des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu erfüllen und sicherzustellen, dass die Spiele reibungslos ablaufen. Es soll angeblich auch in Bauvorhaben für die Spiele eingeweiht sein. Diese Informationen könnten sehr wertvoll sein, wenn man die Ausschreibungen für lukrative Bauverträge gewinnen möchte. Das Japanische Olympische Komitee hat nicht auf Fragen geantwortet, die wir am Montag eingereicht haben.

Zusätzlich zu seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Japanischen Olympischen Komitees ist Tanaka auch Vorsitzender des Universitätsrates von Japans größter Hochschule, der Japan University, sowie Präsident der Internationalen Sumo-Vereinigung. Die Polizei geht davon aus, dass Tanaka Tsukasa und andere Yamaguchi-gumi-Mitglieder über seine Sumo-Verbindungen kennengelernt hat. Sumo hat einen Skandal erlebt, als bekannt wurde, dass viele der Ringer bei Yamaguchi-gumi-Buchhaltern auf Baseball-Spiele gewettet hatten. Außerdem wurden Ringer beschuldigt, Wettkämpfe manipuliert zu haben, doch die polizeilichen Ermittlungen lieferten keine Ergebnisse.

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Auf Anfrage von VICE News antwortete ein Sprecher der Japan University: „Die Universität hat diese Fotos Anfang September zusammen mit einer schriftlichen Drohung erhalten. Wir haben bei der Polizei Anzeige erstattet. Herr Tanaka kann sich nicht daran erinnern, diesen beiden Herren jemals begegnet zu sein und wir gehen davon aus, dass es sich bei den Fotos um Fotomontagen handelt." Die Universität hat die Fotos nicht zur forensischen Analyse an eine Institution außerhalb der Universität weitergereicht und konnte auch nicht erklären, wie die Fotos hätten gefälscht werden können. Sie haben VICE News gesagt, dass es nicht möglich sei, mit Tanaka zu sprechen, obwohl er durch die Universität hat zugeben lassen, dass er Fukuda vor einigen Jahren versehentlich getroffen hat. Tanaka hat sich in den 90ern auch mit dem Yamaguchi-gumi-Consigliere Heo Young Joong getroffen, gab aber an, dass es kein enger Kontakt war. Das Treffen diente angeblich dem Zweck, den politisch einflussreichen Joong um Hilfe dabei zu bitten, Sumo bis 2008 zu einer offiziellen olympischen Disziplin zu machen.

Es bleiben Fragen danach offen, wer genau die Journalisten angegriffen und andere Zeitschriften bedroht hat, um eine Veröffentlichung des Fotos zu verhindern. Die Polizei verfolgt momentan eine Theorie, nach der die Sumiyoshi-kai die Fotos veröffentlicht und die Angriffe verübt haben könnte, um die Öffentlichkeit glauben zu machen, dass die Yamaguchi-gumi dafür verantwortlich sei. Dies könnte ein scharfes Vorgehen gegen alle Briefkastenfirmen der Yamaguchi-gumi in der Baubranche zur Folge haben, was sie aus dem lukrativen olympischen Geschäft herauszwingen würde. Die verbliebenen Stücke vom Kuchen könnten dann unter den anderen Yakuza aufgeteilt werden.

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Es ist tatsächlich unwahrscheinlich, dass die Yamaguchi-gumi die Angriffe begangen und die Drohungen verschickt hat, weil sie dank Tsukasas Einfluss im Allgemeinen nicht zu Mitteln wie einem Angriff auf einen Journalisten greifen würde. Seit er 2011 das Gefängnis nach dem Absitzen einer Haftstrafe wegen Waffenbesitz verlassen hat, hat das langjährige Yakuza-Mitglied den alten Yamaguchi-gumi-Kodex durchgesetzt: Greift keine Zivilisten an, lasst die Finger von Bagatelldiebstahl und Raub, verkauft und nehmt keine Drogen. Gleichwohl teilen nicht alle Mitglieder Tsukasas Glauben in die traditionellen Familienwerte der Yakuza.

Offen sind auch die Fragen danach, woher die Fotos stammen und wieso sie erst jetzt auftauchen. Laut der monatlich erscheinenden Zeitschrift FACTA hat das Finanzamt in Tokio Ermittlungen wegen Steuerdelikten gegen die Japan University eingeleitet, in deren Rahmen die Fotos aufgetaucht sein könnten. Die Mitteilung, die zusammen mit den Fotos verschickt worden ist, könnte tatsächlich authentisch sein und von einem frustrierten Universitätsratsmitglied stammen, das die Fotos geleakt hat, die verwendet wurden, um Tanakas politische Gegner an der Universität einzuschüchtern. Die Polizei versucht immer noch, die Fotos zu datieren, hält sie aber für echt.

So oder so steht zu bezweifeln, dass die Aufdeckung früherer oder aktueller Verbindungen zwischen Tanaka und der Yakuza zur Folge haben wird, dass im Komitee aufgeräumt wird oder die olympischen Spiele auf Ungereimtheiten untersucht werden. Der Großvater von Premierminister Shinzo Abe, Kishi Nobusuke, selbst ehemaliger Premierminister und Abes Vorbild, war ebenfalls dafür bekannt, freundschaftliche Beziehungen zur Yamaguchi-gumi zu pflegen. 1971 half Nobusuke dabei, die Kaution für ein Yamaguchi-gumi-Mitglied zu hinterlegen, das wegen Mordes angeklagt war. 2012 tauchte ein Foto von Abe und Yamaguchi-gumi-Mitglied Ichuu Nagamoto aus dem Jahr 2008 auf. Auch der US-amerikanische Politiker Mike Huckabee war darauf zu sehen.

Abe behauptete standhaft, dass er Nagamoto nicht kennen würde und das Foto eine Fälschung sei.

Von daher ist es durchaus möglich, dass es gar nicht als Problem gesehen wird, dass die Yakuza ihre Finger bei Olympia im Spiel hat, eben weil die Abe-Regierung es nicht als Problem sieht, genauso wie sie es nicht als Problem sieht, dass die Yakuza ihre Finger in der Kernkraftindustrie, der Unterhaltungsbranche und dem Baugewerbe im Spiel hat. Das Bezirksgericht in Tokio hat im Januar 2013 eindeutig festgestellt, dass einer der großen Baukonzerne, die für die Olympia-Bauvorhaben verantwortlich sind, Yakuza angeheuert hatte, um jemanden während der Verhandlungen einzuschüchtern. Trotz des Urteils gewann das Unternehmen Ausschreibungen für olympische Bauprojekte.

Seit September mussten bereits zwei der neuernannten Mitglieder von Abes Kabinett wieder zurücktreten, weil Anschuldigen ans Tageslicht kamen, laut denen sie das Aufsichtsrecht verletzt hätten. Der kürzlich ernannte Minister für Handel und Industrie musste sich entschuldigen, weil seine Mitarbeiter öffentliche Gelder verwendet hatten, um in einen SM-Club zu gehen. Eriko Yamatani, der aktuelle Chef der Kommission für öffentliche Sicherheit, die auch die Polizei überwacht, hat in der Vergangenheit Kontakte zu von der Yakuza unterstützten rechtsextremen Gruppierungen unterhalten.

Wenn die Planungen und die Bauarbeiten für Olympia weiter fortschreiten, wird es mit Sicherheit Gelegenheiten geben, Fragen zu stellen. Doch dass Journalisten Fragen zum Einfluss der Yakuza stellen werden, ist in etwa so wahrscheinlich wie, dass Sumo zur olympischen Disziplin im Jahr 2020 wird.