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Popkultur

TED-Vorträge regen nicht zum Nachdenken an—sie lassen uns verdummen

Eure Ideen sind nicht verblüffend. Unsere Gedanken sind nicht monumental. Und diese Besserwisser-Vorträge sind wie der LEGO-Film.
3.12.14

In letzter Zeit habe ich häufig über das Nachdenken nachgedacht. In den letzten Wochen habe ich zum Beispiel versucht, mir jeden Tag mindestens einen TED-Vortrag anzuhören. Ich weiß nicht genau, was mit meiner Generation los ist, aber mir ist aufgefallen, dass es einen Trend gibt, sich „informative", Horrible History-artige Sachen für Erwachsene anzusehen oder anzuhören, statt tatsächlich selbst nachzudenken. Es scheint kulturell verbreiteter zu sein, über das Nachdenken nachzudenken statt tatsächlich mal das eigene Hirn einzuschalten.

Deswegen schlafwandle ich quasi durch mein Leben. Ich hatte seit Jahren keinen eigenen, unabhängigen Gedanken mehr. Manchmal vergesse ich meinen eigenen Namen.

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Vielleicht kommt das daher, dass ich ein eingeschriebenes Mitglied einer Alu-Hut tragenden Gesellschaft aus provozierenden, selbstgefälligen Strebern bin, aber ich glaube, dass Passivität grundlegend falsch ist. Trotzdem schreibe ich diesen Artikel in meinem Bett. Die häufigste Antwort, die ich gehört habe, wenn ich Leuten erzählte, dass ich an diesem Artikel arbeite, war „Was? Hat dir denn keiner der Vorträge gefallen?" Doch, genau darum geht es mir. Wenn das Nachdenken über das Nachdenken sich von einer Herausforderung zum Entertainment wandelt, läuft etwas ganz gewaltig schief.

Es kommt mir fast unhöflich vor, etwas schlecht zu machen, was so überwältigend positiv ist. Aber verdammt, ich tue das jetzt trotzdem. Es macht Bill Cosby nicht zu einem besseren Menschen, dass er uns vor ein paar Jahrzehnten mal zum Lachen gebracht hat. Genauso bedeutet die Tatsache, dass TED euch bespaßt, nicht automatisch, dass es sich dabei nicht um ein hinterlistiges Schneeballsystem handelt, das eurem Ego einen bläst, während es vorgibt, euren Geist mit weltverändernden Ideen zu füllen.

Meiner Ansicht nach ist TED der Weg des geringsten Widerstands zum Nachdenken. TED teilt Toilettenkabinen-Weisheit für diejenigen aus, deren geistige Fähigkeiten sich zwischen denen einer Schildkröte und denen einer Scheibe Brot bewegen. Ich habe mir mittlerweile wohl mindestens 50 TED-Vorträge angesehen, weil ich erstens viel Zeit habe und zweitens wissen wollte, worum so viel Aufhebens gemacht wird. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es im Grunde genommen so ist, als hättet ihr Alain de Botton bei euch zu Hause, der mit einem Kugelschreiber „AdB war hier" auf die Toilettentür schreibt und dafür Applaus bekommt.

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Aber weil ich ein vernünftiger Mensch bin, habe ich mir noch mal die Klassiker angesehen. Ich habe nicht daraus gelernt.

Mir wurde erklärt, dass Pornos mich zu einem ​wütenden, agg​ressiven Mann machen und dennoch schaue ich mir weiterhin meine Lieblingspornos im Internet an. Mir wurde erklärt, dass das Rezept für ein glückliches Leben ​guter K​uchen ist, aber ich esse immer noch keinen Nachtisch. Mir wurde sogar erklärt, dass ich mir mein ganzes Leben lang die Schuhe ​falsch ge​schnürt habe, aber ich mache es weiterhin auf die falsche Weise, weil mir anscheinend nicht zu helfen ist.

Karten für TED-Vorträge kosten Tausende ​von Euro. Vortragende bei TED bekommen aber ​kein Ho​norar, weil es schließlich eine Ehre ist, dort einen Vortrag halten zu dürfen. Ein Privileg, für uns und für die Redner. Nun ja, zumindest buchen sie ein gutes Hotel.

Ich glaube, meine Unzufriedenheit mit dieser Form des Lernens rührt daher, dass es nichts Gutes für eine hitzige Debatte oder Diskussion verspricht, wenn man unglaublich selbstzufrieden ist. In all den Videos, die ich mir angesehen habe, sahen die Redner und alle Zuschauer derart selbstzufrieden aus, dass ich doch glatt gedacht hätte, dass sie alle gerade von unsichtbaren Geistern oral befriedigt werden.

Viele Menschen, die ich kenne, hören sich TED-Vorträge an. Es ist ein Befriedigungsmechanismus. Und ich weiß nicht, wie es dir geht, aber sobald ich damit fertig bin, mich selbst zu befriedigen, habe ich kein Interesse mehr daran, irgendetwas anderes zu tun als vorzutäuschen, dass mein Selbstekel nicht die logische Reaktion auf das ist, was ich mir gerade angesehen habe. Ich muss jetzt wirklich aus dem Bett steigen.

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Es ist aber nicht alles so schlimm. Was ich an TED mag, ist das Bewertungssystem. Du kannst dabei zwischen allen möglichen Adjektiven wählen, von „genial" über „lustig" bis zu „umwerfend". Am nächsten dran an „großer Mist" ist „unerträglich", womit ich alle Videos bewertet habe, die ich nicht verstanden habe (alle!). Das Video über Schnürsenkel habe ich mit „inspirierend" bewertet, weil ich es verdammt noch mal satt habe, Slipper mit Klettverschlüssen zu tragen.

Aber was bei mir wirklich die Alarmglocken hat schrillen lassen (eigentlich der ganze TED-Kram), war die Tatsache, wie nah dran es am Titellied von ​The LEGO M​ovie ist. Einem Lied, das in so eindringlicher Weise eine beliebige Zusammenstellung von Dingen als „toll" verkauft, dass man gar nicht anders kann, als daran zu glauben, wenn man es hört.

Dieses Lied ist so nervtötend positiv, dass eigentlich alle Anwesenden es singen müssten, wenn das nächste Mal jemand die TED-Bühne betritt. Danach müssten sie sehr genau darüber nachdenken, was genau in ihrem Leben schief gelaufen ist. Denn egal was Sean Connery euch glauben lassen möchte: Es sind am Ende doch die Versager, die die ​Ballkönigin fla​chlegen. Ich sage das jetzt geradeheraus: Niemand, der etwas mit TED zu tun hatte, wurde jemals flachgelegt.

Wenn du ein selbstgefälliges Stück Scheiße bist, das von seinen Gefolgsleuten und Geisterfreunden umgeben ist, dann bekommst du nie irgendetwas auf die Reihe. Glaub mir. Eine bessere Version wäre eine weltweite Tour mit den grössten Miesepetern der Welt, die abgedroschene Scherze und Unverschämtheiten von sich geben, die alleinig dazu gedacht sind, dein Ego soweit aus der Reserve zu locken, dass du ihnen unbedingt Paroli bieten willst.

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Der Grund dafür, dass ich The LEGO Movie erwähne (falls es nicht offensichtlich genug ist), ist, dass die ganze Arroganz darin besteht, dass eben nicht alles toll ist. Dass unabhängig davon, was die Octan Corporation euch erzählt, die Menschen durch ihre uninspirierten, hosenlosen Leben laufen, weil sie glauben, dass durchschnittliches, systematisiertes Denken und Benehmen toll sind.

Sind sie nicht. Eure Ideen sind nicht verblüffend. Unsere Gedanken sind nicht monumental. Wir können durchschnittlich sein und uns in die Hosen machen oder ein Sandwich von Subway auf unserem Schreibtisch verteilen. Das ist auch in Ordnung.

Das Problem unserer Generation ist, dass wir so damit beschäftigt sind, beeindruckend zu sein, dass wir keine Lust haben zuzugeben, dass wir durchschnittlich sind. Das ist die Schuld von TED. Und von Paul McKenna. Und von Gok Wan.

Es ist peinlich, dass ein Film mit Will Ferrell mehr über das Nachdenken vermittelt als Jane Fonda, Chris Anderson und Ken Robinson. Ein Kinderfilm über Klötze behandelt meiner Meinung nach Ideen und unabhängiges Denken tiefgründiger als ein Unternehmen, das von sich behauptet, Intelligenz in großen Klecksen auszuteilen wie eine ausgesprochen gebildete Kantinenmitarbeiterin. Dieses Entertainment um das Nachdenken ist intellektuell genauso anspruchsvoll und herausfordernd wie ​Noel's House​ Party. Aber es macht Spaß und bei Unterhaltung geht es ja im Grunde genommen darum, dass die Zuschauer so lang wie möglich dran bleiben und dabei Spaß haben. Es ist nicht schlimm, sich von einem Geist einen blasen zu lassen, solange du weißt, weshalb der Geist das tut.

Leider habe ich herausfinden müssen, dass es TED-Vorträge zu wirklich allem gibt—außer zu den Dingen, die wirklich nötig wären, wie beispielsweise U-Bahn fahren, ohne dabei wirklich JEDEM im Weg zu stehen, oder Pizza im Bett essen, ohne dabei alles vollzusauen. Vielleicht tue ich diese Dinge auch, weil ich so viele inspirierende Vorträge gehört habe, dass es ein Affront gegen meine mythische Erleuchtung wäre, wenn ich weiterhin normal funktionieren würde.

Oder ich bin einfach dumm wie Brot.