Mähe dir deinen Traum!

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Fotos

Mähe dir deinen Traum!

12.12.14

​Der in Melbourne lebende Fotograf ​Paul Hermes hat ziemlich viel Zeit damit verbracht, durch die Gegend zu fahren und Ausschau nach Leuten zu halten, die gerade ihren Rasen mähen. Was einst als unausgereifte Idee für eine Fotoreportage begann, entwickelte sich bald zu einem überraschend interessanten Blick auf die Vororte Australiens. Durch seine Kamera verwandelt Paul einen banalen Teil der australischen Kultur zu einem Statement über den immer gleichen Trott. Zumindest habe ich angenommen, dass das der Hintergedanke seines Projekts ​Mowing the Dream war. Ich wollte mehr über die ganze Sache herausfinden und habe deshalb mit Paul telefoniert.

VICE: Warum genau hast du Menschen fotografiert, die gerade ihren Rasen mähen?
Paul Hermes: Ich bin in einem Großstadt-Vorort aufgewachsen und mir ist der tägliche Trott nie wirklich aufgefallen, bis ich dann selbst eine Weile in der Großstadt gelebt habe. Zehn Jahre später erschien mir die grundlegende Hausarbeit des Rasenmähens dann richtig fremd, aber gleichzeitig auch total interessant. Ich wollte herausfinden und verstehen, was die Menschen dazu motiviert. Zum ersten Mal kam ich auf diese Idee, als ich vor ein paar Jahren in den Vororten unterwegs war und diesen Typen beobachte, der in den Abgasen seines Rasenmähers das Gras vor seinem Haus trimmte. Er machte einen total leeren und niedergeschlagenen Eindruck—so als ob er sich irgendetwas unterworfen hätte.

Das ist aber eine ziemlich trostlose Einschätzung.
Nun ja, auf einigen Bildern sehen die Menschen ja wirklich fast wie Sklaven ihres Hauses aus. Der Rasenmäher ist quasi ihre Kugel- und Kettenfessel. Für mich liegt dem Ganzen auch ein gewisser schwarzer Humor inne. Es ist witzig, wie viel Mühe in die Erhaltung eines idyllischen Lebens gesteckt wird. Die Leute arbeiten 60 Stunden pro Woche und mähen dann noch ihren Rasen. Der australische Traum existiert nicht, und trotzdem sehnt man sich nach einem Eigenheim und strebt nach Perfektion. Ich glaube, dass sich das Ganze dann manchmal in einen Albtraum verwandelt.

Was sagt das deiner Meinung nach über die Australier aus?
Wir sind wohl ein ziemlich stolzes Völkchen. Obwohl wir die Hausarbeit hassen, machen wir sie trotzdem. Ich habe mich mit einem Typen unterhalten, der das Ganze als Hobby ansah. Sein Rasenmäher, den er schon seit 14 Jahren benutzt, ist sein Ein und Alles. Als er über das Gerät sprach, fingen seine Augen richtig an zu leuchten. Wenn man dann allerdings den Nachbarn befragt, dann heißt es: „Die Gattin muss halt zufrieden gestellt werden."

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Ist dir beim Schießen der Fotos etwas Ungewöhnliches aufgefallen?
Ja, der Geruch von frisch gemähtem Gras ist richtig intensiv. Wenn jemand seinen Rasen getrimmt hat, dann ist es auch schonmal vorgekommen, dass ein paar Straßen weiter ebenfalls damit angefangen wurde—so, als ob der Geruch eine Art Inspiration war oder Schuldgefühle hervorgerufen hat. Dieser Umstand hat mir dabei geholfen, meine Motive zu finden, weil ich so einfach mit heruntergelassenem Fenster durch die Straßen gefahren und meiner Nase gefolgt bin.

Wie kamst du zur Fotografie?
Alles fing mit einer typologischen Herangehensweise und sehr speziellen Themen an, ​zum Beispiel ausrangierte Taxen​kleine Geschäfte und Kioske​Auto-Abdeckplanen oder weggeworfene ​Weihnachtsbäume. Wenn dir etwas auffällt und du dich darauf konzentrierst, dann siehst du diese Sache plötzlich überall—das finde ich total faszinierend. Inzwischen nutze ich Fotografie dazu, um gewisse Dinge zu begreifen und meine Umgebung ein bisschen besser zu verstehen.

Hat so auch dein „Mowing the Dream"-Projekt angefangen?
Ja. Sobald etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibt es auch in meinem Gedächtnis hängen, ungefähr so wie ein guter Film. Wenn ein Gedanke immer wieder in meinem Kopf auftaucht, dann lasse ich ihn etwas reifen und überlege mir ein Konzept und einen groben roten Faden. Anschließend versuche ich, dem Ganzen eine gewisse Struktur zu geben. Während sich alles zusammenfügt, ziehe ich schon mal los und mache ein paar Probebilder. So entscheide ich, ob ich das Projekt wirklich durchziehen will oder nicht. Manchmal verändert sich das Konzept während der Aufnahmen auch noch, aber meistens bleibe ich schon dabei und schieße so lange Fotos, bis ich das Ergebnis akzeptabel finde. Und mit den Fotos aus dieser Reihe bin ich wirklich sehr zufrieden.