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Wie es ist, mit Anfang 20 beim Pokerspielen Millionen zu machen

Mit 22 Jahren hat Charlie Carrel schon mehr Geld auf seinem Bankkonto, als die meisten von uns jemals verdienen werden. Bis dahin war es jedoch kein leichter Weg.

von Jack Stanton
01 August 2016, 10:28am

Charlie Carrel | Foto: bereitgestellt von René Velli

Im Mai 2015 gewann der damals erst 21 Jahre alte Charlie Carrel beim Pokerspielen 1.114.000 Euro. Im großen Finale der PokerStars European Tour in Monte Carlo setzte er sich gegen 215 Konkurrenten durch—die Startgebühr betrug 25.500 Euro. Da er als 21-Jähriger gerade eine wahnsinnige Menge Geld gewonnen hatte, interessierten sich natürlich viele Zeitungen und Websites für Carrel—vor allem in seiner Heimat Jersey.

"Es war schon komisch, mein Gesicht eine Zeit lang überall zu sehen", erzählt Charlie und erinnert sich dabei an die Artikel, die in diversen Revolverblättern und auf Facebook-Seiten erschienen. Er findet jedoch, dass die Schreiber dieser Artikel es überwiegend so darstellten, als ob er bei seinen Erfolgen mehr Glück als Verstand gehabt hätte. Das jahrelange Üben und Lernen ignorierten diese Artikel komplett. "Ich finde nicht, dass sie mich besonders gut porträtiert haben."

Aber bereits vor Monte Carlo hatte sich Charlie schon einen Namen in der Pokerwelt gemacht. So war er bei einem Wettbewerb in Malta auf dem fünften Platz gelandet und hatte dabei 183.800 Euro gewonnen. Und auch im November 2014 räumte er bei einem Turnier in London ab und strich so umgerechnet knapp 130.000 Euro ein. "Das Schöne ist ja, dass niemand weiß, wie glücklich man sich eigentlich schätzen kann, wenn man ein solches Turnier gewinnt", meint Charlie. "Zwar kann ich mir schon einreden, dass ich gut gespielt habe, aber die menschliche Voreingenommenheit und die Emotionen vernebeln das eigene Urteilsvermögen oft zu sehr, um das wirklich zu wissen."

Charlie erblickte 1993 das Licht der Welt und lebte bis zu seinem siebten Lebensjahr auf Jersey, einer Insel im Ärmelkanal. Dann zog er mit seiner Familie nach London. Als schlaues Kind musste er dabei das Gleiche durchmachen wie viele andere schlaue Kinder auch—nämlich gnadenloses Mobbing. "Intelligenz und das Unvermögen, diese Intelligenz zu verstecken, sind keine gute Mischung", gibt er zu. "Während meiner Kindheit hat man mich lange Zeit richtig schlimm fertiggemacht."

Genau diese Schikane sollte sich laut Charlie jedoch als irgendwie hilfreich herausstellen.

"Sehr lange nur einen Freund zu haben, hat meine emotionale und soziale Entwicklung definitiv gehemmt", sagt er. "Ich entwickelte einen Abwehrmechanismus und kann mich deswegen jetzt von meinen Emotionen loslösen. Wenn man diesen Umstand nun auf Poker ummünzt, bedeutet das zum Beispiel, dass ich am Final Table nicht nervös oder gestresst bin. Und dafür bin ich sehr dankbar."

Während seiner Teenagerjahre sprang Charlie von Hobby zu Hobby und konzentrierte sich immer nur so lange auf eine Sache, bis sie ihn langweilte. Eine Beschäftigung, die ihm jedoch immer wieder Spaß bereitete, war Poker.

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Der Einstieg in das Kartenspiel erfolgt eigentlich immer ähnlich. Alles beginnt mit einem Spiel in kleiner Runde bei einem Kumpel zu Hause. Dann folgt das Spiel um kleine Einsätze auf einer Online-Pokerseite. Das Anfängerglück setzt ein und die ersten Erfolge führen zu einer Leidenschaft, auf die man schließlich seine gesamte Zeit und Energie verwendet. Und auch bei Charlie verlief es genauso.

In den oben erwähnte Artikeln fand dieser Teil von Carrels Geschichte immer Erwähnung. Das erste Turniersieg-Preisgeld von 30 Pfund verwandelte der junge Mann schon bald in 1.000 Pfund. Dann noch ein bisschen mehr, noch ein bisschen mehr und irgendwann eine ganze Menge mehr. Die Journalisten verschwiegen jedoch immer die ganze Anstrengung, die nötig war, um überhaupt so weit zu kommen. Nein, das Ganze ist nicht mit einem Lottogewinn vergleichbar, sondern es ist viel Arbeit nötig, um bis an die Spitze zu kommen. Online-Poker entwickelt sich mit einer solchen Geschwindigkeit weiter, dass man sich stundenlang mit den neuen Trends und den neuen Hilfsprogrammen auseinandersetzen, das Spiel intensiv spielen und sich akribisch mit den Ergebnissen und Geschehnissen beschäftigen muss. Das eigentliche Leben lenkt dabei oftmals nur ab.

"Mein Sozialleben kam durch Poker quasi zum Stillstand", erzählt Charlie. "So verlor ich auch den Kontakt zu gut 90 Prozent meiner Freunde, weil ich wusste, dass Poker wohl zu einem der wichtigsten Inhalte meines Lebens werden würde."

Als er 19 war und schon einige beachtliche Erfolge vorzuweisen hatte, fasste Charlie einen Plan: Er würde wieder nach Jersey zu seiner Großmutter ziehen und dort so lange bleiben, bis er reich war. "Ich hatte etwa 2.500 Dollar und mein Ziel war es, Jersey erst wieder zu verlassen, wenn ich 100.000 Dollar besitzen würde", sagt er. "Zu dieser Zeit waren meine einzigen sozialen Interaktionen diverse Skype- und Lerngruppen, an denen ich teilnahm, um mein Spiel zu perfektionieren und einen runderen Ansatz zu entwickeln. Man kann wohl sagen, dass meine zwischenmenschlichen Fähigkeiten und mein Sozialleben in dieser Zeit ziemlich gelitten haben."

Zum Glück sollten sich diese Anstrengungen auch auszahlen und kurz vor seinem Ziel von 100.000 Dollar gewann Charlie bei PokerStars' größtem wöchentlichen Online-Turnier 201.711 Dollar.

"Plötzlich schrieben mir Leute, die ich irgendwann mal bei einem Festival getroffen hatte. Aber auch die Bullys aus meiner Schulzeit, irgendwelche entfernten Verwandten und komplett fremde Menschen meldeten sich bei mir", erinnert sich Charlie. Natürlich teilte er sein Preisgeld nicht mit diesen Leuten, denn das wäre schon ziemlich komisch gewesen. Stattdessen lud er einige seiner wahren Freunde nach Amsterdam ein.

Ben Heath (links) und Charlie nach dem Turniersieg in Monte Carlo | Foto: Tomáš Stacha, bereitgestellt von PokerStars

Vor allem ein Freund genießt bei Carrel ein extrem hohes Ansehen, nämlich dessen Pokerkollege Ben Heath. "Ich könnte stundenlang über meine Freundschaft zu Ben reden", meint Charlie. "Er ist etwas ganze Besonderes. Obwohl wir jetzt schon seit zwei Jahren zusammenleben und auch zusammen durch die Welt reisen, haben wir uns noch nie wirklich gestritten. Was mir vor allem an unserer Freundschaft gefällt, ist die Art und Weise, wie wir auf unsere Niederlagen reagieren. Als ich zum Beispiel bei dem Turnier ausschied, für das ich den größten Buy-In meiner Karriere hinlegen musste [knapp 100.000 Euro], zeigte Ben als Erstes mit dem Finger auf mich und lachte mich aus. Ich habe dann bei ihm genau das Gleiche gemacht. Aber bei uns funktioniert das einfach."

Während ich diese Zeilen schreibe, befindet sich Charlie zu Hause in Jersey, anstatt bei der World Series of Poker (WSOP) in Las Vegas teilzunehmen. Oftmals misst man die Karriere eines Pokerspielers an der Anzahl der WSOP-Turniersiege. Deshalb mutet es auch ein wenig komisch an, dass der junge Pokerstar—der als eines der derzeit größten Talente gilt—seine Teilnahme abgesagt hat.

"Das war eine der härtesten, aber auch besten Entscheidungen meines Lebens", erklärt er. "So ist es mir nämlich möglich, neue Dinge wie etwa Jiu-Jitsu, Kochen, anstrengende Kraftübungen und kreatives Schreiben auszuprobieren. Was mir jedoch am wichtigsten ist: Ich kann viel Zeit mit meiner Familie verbringen."

Mit 22 Jahren hat Charlie schon mehr Geld auf seinem Bankkonto, als die meisten von uns in ihrem ganzen Leben verdienen werden. Was steht also als Nächstes für ihn an?

"Ich habe keine Ahnung, was die Zukunft für mich bereithält", sagt er. "Ich werde allerdings garantiert nicht alle meine Pläne in die Tat umsetzen können. Es ist jedoch genau dieses Ungewisse, das ich so aufregend finde."

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