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Wie sollen Medien mit Terroristen und Amokläufern umgehen?

"Terror funktioniert mit Medien wesentlich besser. Darum müssen sich Medien überlegen, wie sie aus der Falle wieder rauskommen."
27.7.16
Collage aus Headlines von VICE Media

Collage aus Headlines von VICE Media

In der jüngsten Vergangenheit haben sich viele schreckliche Dinge innerhalb kürzester Zeit ereignet: In Nizza ist ein Mann mit einem LKW in eine Menschenmenge gerast und hat dabei über 80 Menschen das Leben genommen. In Würzburg attackierte ein Mann im Zug Passagiere mit einer Axt, nur wenige Tage darauf lief ein 18-Jähriger in einem Münchner Einkaufszentrum Amok und erschoss 10 Menschen. Und wiederum zwei Tage später sprengte sich ein Asylwerber aus Syrien im Eingangsbereich eines Musikfestivals in Bayern in die Luft und verletzte etliche Menschen.

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All diese Vorfälle haben eines gemeinsam: Sobald der erste Schock über diese schrecklichen Taten vorbei ist, dreht sich die öffentliche Diskussion um den oder die Täter und deren Lebensgeschichte. Medien graben so tief sie können nach Informationen zur Vergangenheit des Täters, versuchen, alles über sein Umfeld herauszufinden, befragen Familie und Nachbarn aus dem Haus gegenüber, stürzen sich auf eigentlich nichts sagende Fotos von seiner Wohnung—und befriedigen damit die Sensationsgeilheit der Medienkonsumenten, die alles über dieses Monster erfahren wollen, das zahlreichen Menschen das Leben genommen hat. Auch VICE ist in der Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt.

Darum ist es umso wichtiger, sich sowohl als Medienkonsument als auch als Medium zu fragen, ob diese Art der Aufmerksamkeit richtig ist. Die Berichterstattung beschränkt sich nämlich längst nicht auf Aspekte und Fakten, die für die Öffentlichkeit relevant sind und bei der Einordnung der Ereignisse helfen. Stattdessen wird oft jedes Detail ausgeschlachtet, um ein möglichst umfassendes Bild des Täters zu erzeugen und den Weg vom "normalen Menschen" zum Amokläufer oder Terroristen nachzuzeichnen.

Nach jedem Anschlag oder Amoklauf stellen sich also dieselben Fragen: Sollten die Täter wirklich derart im Vordergrund stehen, wie sie es aktuell oft tun? Sollte ihnen wirklich der Status einer mythischen Figur verliehen werden, die viele von uns auf ziemlich falsche Weise fasziniert und neben der die Opfer zu gesichtslosen Zahlen verblassen?

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Der Wiener Medienpsychologe Peter Vitouch beantwortet diese Fragen im VICE-Gespräch klar mit "Nein", und zwar mit folgender Begründung: "Je mehr über derartige Dinge berichtet wird, umso mehr derartige Taten gibt es. Das nennt man Trigger-Phänomen. Bei einem psychisch vorbelasteten Menschen kann es zum Beispiel noch genau diesen einen Tropfen im Fass brauchen, um es zum Überlaufen zu bringen und ihn dazu zu bewegen, eine Nachfolgetat zu begehen."

Auch Friedrich Hausjell, stellvertretender Vorstand des Publizistik-Instituts an der Uni Wien, dessen Forschungsschwerpunkt auf Journalismusforschung und Medienkompetenz liegt, stimmt mit dem Medienpsychologen Vitouch überein. Er ergänzt noch, dass es in der Berichterstattung mehr um die Opfer gehen sollte: "Ich glaube, dass es wichtig ist, die Seite der Opfer mit mindestens dem gleichen Aufwand zu behandeln wie die des Täters."

Den Opfer-Begriff dürfe man dabei auch ruhig ein bisschen weiter begreifen, so Hausjell weiter: "Also nicht nur an die denken, die man nicht mehr fragen kann, weil sie gestorben sind, sondern auch an Angehörige oder Menschen, die in der Nähe waren, als ein Anschlag passiert ist. Die gebraucht man journalistisch ja meistens nur dazu, ihre Wahrnehmungen zu schildern. Ich glaube aber, dass man sich fragen müsste, was Anschläge für einen Eindruck bei Menschen hinterlassen, denen knapp nichts passiert ist. Der Journalismus ist sehr täterfixiert. Wir schauen uns die Opfer nur dann genauer an, wenn es keinen Täter gibt, zum Beispiel bei Naturkatastrophen, oder wenn kein Schuldiger gefunden werden kann."

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Terror funktioniert mit Medien wesentlich besser. Darum müssen sich Medien überlegen: Wie kommen wir aus dieser Falle raus?

Die Auswirkungen einer übermäßigen Berichterstattung über Amokläufe und Terroranschläge ließen sich übrigens auch in Rückwärtsanalysen zeigen, wie auch der Medienpsychologe Vitouch erklärt: "Umfangreiches Berichten führt nachweislich zu sogenannten Epidemien und Nachahmungen. Es kann dann der sogenannte Werther-Effekt auftreten." Der Effekt, der nach dem Goethe-Werk Die Leiden des jungen Werther benannt ist, das nach seiner Veröffentlichung für viele Liebeskummer-Selbstmorde nach dem Werther-Vorbild gesorgt hat, dürfte den meisten noch aus der Diskussion über den Zusammenhang von Amokläufen und "Killerspielen" bekannt sein.

"Auf etwas Ähnliches müssen wir uns in Bezug auf die wenigen Zuwanderer, die tatsächlich psychische Probleme haben, gefasst machen", sagt Vitouch. "Sie wählen das Modell des sogenannten Amok-Selbstmordes, weil das eben sehr oft und sehr deutlich in den Medien beschrieben wurde."

Die Frage, wie Medien mit der Berichterstattung über Terroranschläge, Amokläufe und die Täter umgehen sollten, wird aktuell wieder heiß diskutiert. Die Kleine Zeitung und die B.Z. Berlin brachten kürzlich leere Titelseiten, um den Täter auszublenden (oder, wie einige Kritiker meinen, erst recht die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken) und die französische Tageszeitung Le Monde gab als Reaktion vor kurzem bekannt, dass sie keine Fotos von Terroristen mehr veröffentlichen wird. Auch Falter-Chefredakteur Florian Klenk stellt auf Twitter die Frage in den Raum, wie man über derartige Vorfälle berichten kann, ohne den Tätern in die Hände zu spielen und ihre Botschaften zu verbreiten.

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wenn es stimmt, dass berichterstattung über amokläufer andere amokläufer inspiriert wieso berichten wir dann?bei suiziden schweigen wir auch

— Florian Klenk (@florianklenk)26. Juli 2016

Hausjell sieht eine mögliche Lösung im Finden von Kodizes, die Hand in Hand mit der Aufklärung der Medienkonsumenten gehen müssen: "Wir haben im Journalismus die Macht, uns zu entscheiden, gewisse Dinge nicht zu zeigen. Wenn man so etwas macht, muss man das sehr genau und journalistisch durch Erklärung begleiten, weil sonst die Konkurrenz, die sich nicht daran hält, quasi obsiegt. Da hätte man dann nur einen weiteren Punkt, an dem jemand 'Lügenpresse!' schreit, weil man Teil irgendeines angeblichen Komplotts ist und Verschwörer haben ein eigenartiges Argument mehr. Es geht auch darum, eine Diskussion einzuleiten. Wir müssen die Bevölkerung für eine Diskussion gewinnen, in der es darum geht, dass wir im Journalismus gelegentlich etwas nicht schreiben, zeigen oder senden, weil es beispielsweise einer Seite sonst sehr nützlich wäre—und damit haben wir beim Thema Terror ja sehr viel Erfahrung. Terror funktioniert mit Medien wesentlich besser. Darum müssen sich Medien überlegen: Wie kommen wir aus dieser Falle raus?"

Gar nicht darüber zu berichten, ginge auf keinen Fall, so Hausjell. In anderen Fällen halte man sich ja auch an Kodizes, wie zum Beispiel bei der Berichterstattung über Selbstmorde. Im Ehrenkodex der österreichischen Presse steht dazu: "Berichterstattung über Suizide und Selbstverstümmelung sowie Suizidversuche und Selbstverstümmelungsversuche gebietet im Allgemeinen große Zurückhaltung. Verantwortungsvoller Journalismus wägt—auch wegen der Gefahr der Nachahmung—ab, ob ein überwiegendes öffentliches Interesse besteht und verzichtet auf überschießende Berichterstattung."

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Auch laut Vitouch ist es nicht möglich, gar nicht über Täter zu berichten: Einerseits aus medienökonomischen Gründen, denn wenn alle anderen Medien darüber berichten, muss man selbst auch darüber berichten, um im Rennen zu bleiben (und in Zeiten von sozialen Medien kann ein einzelner Nachrichtenanbieter sowieso nichts mehr im Alleingang "unter Verschluss halten"). Andererseits würden die Medienkonsumenten geradezu nach Informationen über die Täter gieren—und zwar ganz pragmatisch deshalb, um eine mögliche Bedrohung von sich abzuwenden.

"Vielen Menschen hilft es sehr, wenn sie sich selbst sagen können, dass dieser oder jener Täter ein Psychopath war und sowas relativ selten vorkommt", sagt Vitouch. "Manche versuchen auch, sich auf Basis der Infos und Medienberichte Strategien zu überlegen, wie sie Bedrohungen und Gefahren aus dem Weg gehen—die überlegen sich dann zum Beispiel zum eigenen Schutz, dass sie an keine Orte mehr gehen, an denen Menschenansammlungen sind."

Der Journalismus ist täterfixiert. Wir schauen uns die Opfer nur dann genauer an, wenn es keinen Täter gibt, zum Beispiel bei Naturkatastrophen.

Peter Vitouch sieht den dringenden Bedarf einer sogenannten Cool-Down-Phase in der Berichterstattung: "Man sollte die Angstmacherei und das Herbeischreiben einer extremen Gefahr nun endlich unterlassen", so der Medienexperte. In den 70er- und 80er-Jahren hätten die Zeitungen zum Beispiel jeden Tag über fürchterliche Verkehrsunfälle berichtet und das zu einem riesigen Thema gemacht—und auch immer mit schrecklichen Bildern illustriert. "Die Situation der Verkehrsunfälle hat sich heute kaum geändert, aber es wird nicht mehr so viel darüber berichtet. Heute werden stattdessen Anschläge medial gepusht. Das führt dazu, dass Menschen heute den Eindruck haben, dass man eher Opfer von Terror wird als Opfer eines Verkehrsunfalls—dabei ist es eigentlich umgekehrt."

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Natürlich gibt es keine einfache oder ultimative Lösung für die Frage, wie Medien mit Terror und Amokläufen umgehen sollten. Einerseits wollen wir alles über die Täter lesen, um das Gefühl von Kontrolle über unser Leben zurück zu erlangen und nicht in ständiger Angst zu leben.

Andererseits muss uns bewusst sein, dass Informationen über die Lebensgeschichte des Nizza-Attentäters oder des Amokläufers von München möglicherweise niemandem helfen außer unserem eigenen Wohlbefinden. Was in jedem Fall notwendig ist, ist—wie Hausjell sagt—eine Diskussion zwischen Medien und Rezipienten: "Man muss auf Argumente setzen und sich in einen Diskurs mit interessierten und vernunftbegabten Mediennutzern begeben. Wenn man an die nicht glaubt, kann man eigentlich gleich aufhören, Medien zu machen."

Was denkt ihr: Wie sollten Medien mit der Berichterstattung über Terroranschläge, Amokläufe und Täter umgehen? Was sollten sie über die Täter veröffentlichen, was verschweigen? Welche Bilder sollen gezeigt werden? Helfen euch ausführliche Informationen über Täter und Tathergang dabei, mit einem Terroranschlag besser klarzukommen? Oder denkt ihr, zu genaue Berichte schaffen zu viel Aufmerksamkeit für die Täter und deren Beweggründe?

Diskutiert mit uns auf Facebook, oder sagt uns auf Twitter, ob man #ÜberTäterSchweigen soll.

Verena auf Twitter: @verenabgnr