Wie es wirklich ist, Kandidatin bei ,Germany's Next Topmodel‘ zu sein

Unsere Gastautorin ist Kandidatin in der Jubiläumsstaffel von GNTM. „Die Models sind reine Kunstfiguren", sagt sie. „Warum sollten die Zuschauerinnen versuchen, so zu sein, wie es nicht mal die Models sind?"

von Anonym
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13 März 2015, 9:00am

Jeder von euch kennt Germany's Next Topmodel. Manche von euch, weil sie es schauen, andere, weil ihre Freunde es schauen, und einige auch nur, weil es ein Sinnbild für alles ist, was man an Model-Kult, Schlankheitswahn und Reality-TV nicht ausstehen kann. Aber wenn wir uns ehrlich sind, gibt es niemanden, an dem dieses Konzept—nämlich, dass sich eine junge Frau durch harte Arbeit am Ende ihren Traum erfüllen kann—vorbeigegangen ist.

Ich gehörte lange Zeit zu denen, die ebenfalls die Sendung bewunderten und von so einer Chance träumten. Aber dann mit den Jahren wurde mir bewusst, dass auch bei dieser Show nicht alles Gold sein kann, was glänzt. Nach kurzer Recherche stößt man auf zahlreiche Posts in sozialen Netzwerken wie „ Germany's Next Topmodel zeigt mir mal wieder, wie unglaublich hässlich ich bin" oder „Bei GNTM werden nur die dünnsten Mädchen ausgewählt. Und dann wundert man sich, warum immer mehr junge Menschen an Essstörungen leiden."

Ich fragte mich, ob das der Sinn der Sendung ist—eine bestimmte Kleidergröße für perfekt zu erklären und jedes Mädchen auszusortieren, das größere Brüste als Modelmama Heidi hat? Schon klar, Casting-Shows sind nicht der Ort, wo Kenntnisse über abendländische Philosophie bewertet werden, aber sie müssten auch nicht die schlimmsten Eigenschaften der westlichen Werbung verstärken. Um es wie Prinz Pi zu sagen: „Deutschland sucht den Toptrottel, den folgsamen Hundemensch."

Ich werde derzeit als eine der neuen Kandidatinnen der Jubiläumsstaffel der Show im Fernsehen präsentiert. Ich hatte mich bei GNTM beworben, weil ich weiß, dass sich viele Zuschauerinnen schlecht fühlen und manche sogar essgestört werden. Darum wollte ich mir aus der Nähe ansehen, was von all den Behauptungen über die Show tatsächlich wahr ist. Aber bis dahin war es allerdings bereits ein langer Weg.

Zu Beginn mussten wir im Hochsommer schon mal nach München und dort ein Zimmer buchen, um überhaupt zum Casting gehen zu können. Dort wurde man dann ausgewählt und nach ein paar Monaten angerufen. „Herzlichen Glückwunsch! Du bist eine Runde weiter und darfst zum nächsten Casting nach München kommen!" hieß es. Dass das nächste auch ein öffentliches Casting war, wurde da nicht erwähnt. Anscheinend hatten sie bei der ersten Castingtour zu wenig Frischfleisch gefunden. Im November ging also alles noch mal von vorne los. Beim zweiten Casting musste man dann ewig in der Kälte warten, obwohl wir eigentlich auch genauso gut in den Warteraum hätten gehen können. „Um es spannend zu gestalten", wurde geantwortet, wenn man nachfragte.

Auf 11 Stunden Warten folgte 10 Minuten Stress. Sonst wäre es für die Models nicht so nervenaufreibend und für die Kamera langweilig geworden.


Nach mehreren Stunden hieß es, der GNTM-Bus mit den Jury-Mitgliedern würde gleich vorfahren. Also wurden alle zur Einfahrt geschickt und das Empfangsjubeln wurde geübt. Klatschen, jubeln, „Heidi!!!" schreien, die Jury-Mitglieder nach Selfies fragen. Das alles wurde vorgegeben. Nachdem wir den Ablauf circa 15 Mal geübt hatten, kam dann wirklich der Bus mit der Jury. Die Jury durfte natürlich direkt nach dem Empfang rein ins Warme, während alle anderen noch draußen bleiben mussten.

Wenn es Essen gab, gab es für uns „Määädchen" oft nur kalte Jause, während das Filmteam warmes Essen bekam. Wir mussten am Tag der ersten Fashionshow um 05:00 Uhr morgens aufstehen, um dann 11 Stunden in einem kalten Saal, der liebevoll „Backstage" genannt wurde, zu warten. Wenn man nach der Begründung der langen Wartezeit fragte, wurde wieder von Spannungsaufbau geredet und uns versichert, dass es sowieso jeden Moment losgehen würde.

„Zieht eure Jacken aus! Sonst wirkt es im Fernsehen so, als wäre es kalt hier." Ha, ha. Dann—wie gesagt nach circa 11 Stunden—wurde plötzlich verkündet, dass die Show in 10 Minuten losgehen würde. Wir wechselten sprungartig von Geduldsprobe zu purem Stress—die reinste Provokation. Aber bei einem normalen Zeitplan mit üblichen Wartezeiten würde schließlich kaum jemand angepisst sein, was für die Kamera langweilig gewesen wäre.

Viele Mädchen wollten bereits nach den ersten paar Malen „Du bist weiter!" die Show freiwillig verlassen. Dies wird allerdings nicht zugelassen. So mussten sich jene, die aussteigen wollten, einem Gespräch mit dem Produzenten unterziehen. Dieser konnte einige noch überreden zu bleiben. Andere, die trotzdem aus Heidis Freakshow raus wollten, durften dennoch nicht sofort gehen.

Man mutierte zum Produkt ohne Rechte. Und wer legt sich schon gern mit Klums Anwälten an?


„Ihr könnt, wenn ihr am Entscheidungstag vor die Jury treten müsst, erklären, wieso ihr gehen wollt." Allerdings kam einem dann die Jury zuvor und man wurde für die Kamera rausgeschmissen.

„Hey! So war das aber nicht abgemacht! Was soll das?"

„Das hat nichts mit euch zu tun. Es geht rein um den Ruf der Sendung", sagte ein Mitarbeiter der Produktion, bevor's ans Kofferpacken ging. Schließlich wäre es nicht von Vorteil für die Sendung, wenn zu viele Kandidatinnen auf einmal gehen wollen. Man mutierte zum Produkt ohne Rechte. Und wer legt sich schon gern mit Klums Anwälten an?

Wenn man hörte, wie sich das Produktionsteam miteinander unterhielt, wurden die Kandidatinnen (die bis zu 28 Jahre alt sind) oft als „Kinder" verniedlicht. Bei den Interviews wurden einem Phrasen mit maximalem Fremdschämpotenzial aufgezwungen, die man möglichst authentisch vorzutragen hatte. Ob der Text dem eigentlichen Charakter widersprach, war irrelevant. Manche Kandidatinnen kapierten direkt, dass sie mehr Screentime gewinnen konnten, wenn sie sich hysterisch gaben. Andere, die weder den Text authentisch wiedergeben konnten, noch eines der Stereotype (Küken, Dramaqueen, Zicke, Everybody's Darling und so weiter) bedienten, wurden direkt nach Hause geschickt. Hübsches Gesicht hin oder her.

Die Models bei GNTM sind reine Kunstfiguren. Warum sollten die Zuschauerinnen versuchen, so zu sein, wie es nicht mal die Models sind?


GNTM
verschärft die Klischeebilder von jungen Frauen: Das Format propagiert ein starres Bild von Schönheit und fördert Engstirnigkeit. Nicht nur Frauen, die sich die Show ansehen, werden negativ beeinflusst—auch Männern wird der Kopf gefickt. Viele denken schließlich, dass das weibliche Geschlecht nur für die Allgemeinheit als schön gilt, wenn es dem gleicht, was donnerstags zur Prime-Time auf ProSieben über den Laufsteg stolziert.

Daher hatte ich mir vorgenommen, vor der Kamera so oft wie möglich zu erwähnen, dass sich niemand schlecht fühlen muss, wenn man nicht so aussieht oder so ist wie die „Määädchen" im TV. Immerhin sind auch die Models nur Kunstfiguren aus vorgeschriebenen Dialogen und herbeigeführten Dramen. Warum sollten die Zuschauerinnen versuchen, so zu sein, wie es nicht mal die Models wirklich sind?
Durch die Teilnahme bei GNTM hätte ich genau die Leute ansprechen können, die betroffen sind. Nämlich jene, die sich ohne jegliches Hinterfragen mit stummem Kopfnicken von den Medien beeinflussen lassen. Wenigstens ein paar Zuschauerinnen zum Umdenken zu bringen, wäre bereits ein Fortschritt gewesen. Ist doch Bullshit, dass Schönheit in unserer Gesellschaft eine Kleidergröße hat.

Meine Mission ist gescheitert. Immerhin darf man ja bei dieser Show—egal, wie sehr sie auf „Reality" tut—vor der Kamera nicht das sagen, was man möchte, sondern wird mutwillig in das „Dumme-Mädchen-Schema" reingezwängt. Die Frauen in der Sendung haben eine Rolle zu bedienen. Je mehr Drama, desto mehr Screentime. Damit ist man bis auf den eigenen Kadaver schlussendlich ein Produkt des Senders. Lasst euch nicht für dumm verkaufen. Statt dem Thigh-Gap-Wahn und der Bikinibridge könnte zur Abwechslung mal der nächste Trend sein, an sich selbst zu glauben.


Titelbild: Matt Biddulph | flickr | cc by 2.0

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