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Vergewaltigungen kommen auch in schwulen Beziehungen vor

Wenn man Nein sagt, dann ist der Kontext völlig irrelevant und es ist egal, ob man homo- oder heterosexuell ist. Meine Angst, dass mich die Polizei nicht ernst nimmt, wird dadurch allerdings auch nicht kleiner.

von Anonym
25 Februar 2015, 11:00am

Titel-Illustration: Nick Scott

Vor ungefähr zwei Jahren bin ich mit meinem damaligen Freund zusammengezogen, mit dem ich schon drei Jahre zusammen war. Wir waren richtig ekelhaft, quasi die Art von Pärchen, hinter dem man nicht gerne in der Schlange steht. Ich konnte keinen Meter gehen, ohne mich irgendwie an ihn zu klammern. Er war meine erste große Liebe und ich werde niemals dieses Gefühl der Vollständigkeit vergessen (und auch nie in Worte fassen können), das durch das bloße gemeinsame Herumlaufen in mir aufkam.

Das Zusammenziehen fühlte sich toll an. Wir haben einen dieser IKEA-Ausflüge mit einem geliehenen Van gemacht und fuhren mit einem Haufen Bettbezüge, mit Pflanzen und mit einem riesigen Expedit-Regal im Kofferraum zurück zu unserer Wohnung. Ich war so glücklich wie nie zuvor. Zwar bekamen wir keinen Radiosender rein, aber ab und an konnten wir rauschende Teile von Alone von Heart hören. Es passte einfach alles zusammen. Wir taten nicht nur erwachsen, wir waren erwachsen.

Feiern zu gehen, war seine Leidenschaft. Das ist schon immer so gewesen. Am Anfang fand ich das noch toll und begleitete diesen exotischen und gelockten Menschen überall hin, denn ich wollte diese Energie unbedingt mit ihm teilen. Um mit ihm und seinen Freunden mithalten zu können, war ich die halbe Zeit auf irgendwelchen Aufputschmitteln—trotzdem war mir meistens schon um Mitternacht danach, den Heimweg anzutreten. Ich wollte aber nicht der nerdige, neue Freund sein, der nichts aushält—ich wollte dazugehören. Meine Liebe zu ihm stellte meinen Körper auf eine harte Probe. Wir hatten mehrmals am Tag Sex und ich erinnere mich noch genau daran, als wir danach einmal auf dem Boden lagen und er sagte: „Wenn ich rund um die Uhr so bleiben könnte, dann würde ich das machen."

Wir arbeiteten beide tagsüber—seine Ausdauer war nicht von dieser Welt. Wenn er gekonnt hätte, dann wäre er sieben Mal die Woche Feiern gegangen. Ich hingegen war schon mit zwei Mal zufrieden. Irgendwann habe ich das Mitgehen sein lassen und er versicherte mir, dass das nur etwas war, das er „rauslassen müsste", bevor er „alt werde". Wir kratzten beide an der 30, aber ich versuchte, neutral zu bleiben, und für gute sechs Monate war er ruhig und wie ausgewechselt. Das machte mir Hoffnung.

Alles war schön, bis er nach ungefähr einem Jahr des Zusammenwohnens wieder diese Feierwut-Phase durchmachte. Er hatte seinen Kokainkonsum zwar schon um einiges zurückgeschraubt, aber wenn er spät nach Hause kam, fiel mir immer wieder auf, dass beim Einschlafen seine Kiefer aufeinander mahlten. Ich fing an, ihn zu hassen, wenn er auf dem Zeug war—es machte ihn in sich gekehrt, selbstgerecht und selbst Tage nach dem Konsum noch depressiv. Er vertrug es einfach nicht mehr so gut wie früher und das Runterkommen wurde immer schlimmer.

Ebenfalls ungefähr ein Jahr nach dem Zusammenziehen wurde der Sex immer schlechter. Das war richtig schlimm, denn Sex war immer unser „Ding". Zwar gab es ab und an noch einen flüchtigen Handjob zum Befriedigen der Triebe, aber dabei küssten wir uns nicht mal mehr wirklich. Die Flamme war erloschen und das Ganze erschien total oberflächlich. Ich fragte ihn, ob er fremdging, er verneinte. Ich glaubte ihm—ich hatte ihn nie betrogen und Monogamie war für uns immer total wichtig. Wir haben es gehasst, wenn andere schwule Pärchen „offene" Beziehungen führten, die letztendlich sowieso nur Eifersucht und ständige Krankenhausbesuche wegen möglicher Geschlechtskrankheiten nach sich zogen.

Wie sich herausstellte, hätte ich ihm nicht glauben dürfen. Durch den Freund eines Freundes musste ich erfahren, dass er auf einer Hausparty—von der ich übrigens nichts wusste—mit einem anderen Typen war. Als ich ihn eines Abends darauf ansprach, war er total empört, nannte mich „verdammt zynisch" und beschuldigte mich, alles aufs Spiel zu setzen, was wir uns aufgebaut hatten. Letztendlich gab er alles zu und erzählte, dass er ein paar Mal was mit einem Anderen hatte. Ich war wie vom Blitz getroffen und sagte, dass ich genug hätte. Ich liebte ihn, aber er wurde einfach nicht erwachsen.

Nichtsdestotrotz versprach er mir, sich helfen zu lassen—wegen des Trinkens, wegen des Kokains und wegen uns. Er flehte mich an, ihm noch eine Chance zu geben, aber tief in mir drin wusste ich, dass wir keine Chance mehr hatten. Der wunderschöne, hedonistische Junge, in den ich mich verliebt hatte, würde sich für mich nicht ändern und das musste er auch gar nicht. Nach einem unserer letzten Streits bat ich ihn zu gehen. In dieser Nacht sind wir mit Tränen in den Augen ins Bett gegangen, aber ich spürte, dass mir eine große Last von den Schultern genommen worden war: Ich musste jetzt nicht weiter vorgeben, einen Lifestyle in Ordnung zu finden, der mir fremd geworden ist.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und er hatte sich an mich gepresst und umklammerte meine Brust. Ich hielt seine Hände und meinte: „Schon OK, alles wird gut." Ich dachte, er wäre total mitgenommen, und in meinem Nacken spürte ich seinen Atem, der nach Bier und Zahnpasta roch. Und er hatte einen Ständer. Dann geschah alles ganz schnell. Er versuchte, meinen Schwanz zu berühren, aber ich stieß seine Hand jedes Mal wieder weg. Aber er versuchte es immer wieder. So eine Libido hatte ich bei ihm schon lange nicht mehr erlebt und ich war tatsächlich geschockt. Ich bekam zwar ebenfalls einen Steifen, aber ich wusste auch, dass es falsch wäre, jetzt irgendwas anzufangen—in ein paar Tagen würde er weg sein und das Ganze wäre nur noch komplizierter. Also sagte ich ihm, er soll mich in Ruhe lassen.

Er fing an, meinen Bauch so lange zu kratzen, bis es richtig weh tat, und warf mich anschließend mit dem Gesicht nach unten auf die Matratze (er ist fast 1,90 Meter groß und viel stärker als ich). Ich flehte ihn lautstark an, damit aufzuhören, und sagte, dass ich das nicht wolle. Er überwältigte mich aber, presste meine Arme seitlich nach unten und hielt meine Waden mit seinen Knien in Position—früher liebte ich es ironischerweise, wenn er das machte. Ich ließ jegliche Gegenwehr sein, denn ich hatte keine Chance, ihn von mir runter zu bekommen. Dann vergewaltigte er mich. Zwar dauerte das Ganze wenn überhaupt nur eine Minute, aber es tat unheimlich weh und ich schrie vor Schmerzen. Dann zog er seine Boxershorts wieder hoch, zog sich an und ging. Ich wusste zwar, dass ich nicht wollte, dass er mich fickt, und dass was passiert war, falsch war, aber ich bin trotzdem einfach so eingeschlafen. Ich war total fertig.

Meine Freundin bestand darauf, dass ich zur Polizei gehe. Das habe ich allerdings nie getan.

Gut 12 Stunden später wachte ich wieder auf und rief ihn sofort an. Er nahm nicht ab. Ich habe ihn bestimmt noch 100 weitere Male angerufen, auf seine Mailbox gesprochen und ihm SMS wie „Ruf mich an. Wir müssen über letzte Nacht reden" geschickt. Schließlich schrieb er ein paar Stunden später zurück: „Wir mussten doch noch ein letztes Mal miteinander schlafen, oder?" Ich versuchte noch mal vergebens, ihn zu erreichen. Deshalb antwortete ich: „Wir haben gar nichts gemacht. Du hast deinen Willen durchgesetzt, mir weh getan und bist dann gegangen." Daraufhin bekam ich sofort folgende Nachricht: „Es tut mir schrecklich Leid, dass ich dir weh getan habe. Aber dir hat der Sex doch immer gefallen und ich kam einfach nicht mit der Vorstellung klar, dass wir das nicht noch mal erleben können, bevor es zu Ende ist. Ich dachte, du wolltest mich?"

In den darauffolgenden Wochen versuchte ich, das Ganze zu verdrängen. Ich dachte daran, dass wir mal so verliebt ineinander waren—vielleicht reagierte ich ja über? Auch ging es bei uns im Bett schon mal etwas härter zu, also hat ihm mein Ständer vielleicht das Gefühl gegeben, dass ich genau das wollte, was dann passiert ist?

Es vergingen Monate, bis ich einem anderen Menschen von dem Zwischenfall erzählte. Manchmal vergaß ich das Ganze auch, um ehrlich zu sein. Als jedoch eine Freundin eines Abends zum Fernsehschauen vorbeikam, schüttete ich ihr mein Herz aus und begann natürlich mit der „Ich weiß jetzt nicht, ob ich überreagiere, aber ..."-Einleitung. Sie sah mich entsetzt an und sagte: „Er hat dich vergewaltigt." Ich zuckte irgendwie mit den Schultern und meinte: „Na ja, da war jetzt keine wirkliche Gewalt im Spiel, er war einfach nur total geil." Sie ließ jedoch nicht locker: „Nein! Du hast ihm gesagt, er soll aufhören, und das hat er nicht gemacht. Er hat dich vergewaltigt. Du darfst das nicht für dich behalten." In diesem Moment brach ich in Tränen aus. Wegen ihm habe ich eigentlich noch nie wirklich vor anderen Personen geweint—alleine natürlich schon, aber noch nie vor Bekannten. „Scheiße", sagte ich, „mein Freund hat mich vergewaltigt."

Meine Freundin bestand darauf, dass ich zur Polizei gehe. Das habe ich allerdings nie getan. Ich wollte nicht vor einem Gericht darüber reden, was passiert ist. Auch wollte ich nicht, dass jeder davon erfährt. Ich wusste nicht, wie die Polizei mit einem sexuellen Übergriff umgehen würde, der zwischen zwei Männern passiert ist, die vorher in einer Beziehung waren. Wie würden die Polizeibeamten über so was reden? Was, wenn sie selber insgeheim Vorurteile haben würden? Gibt es auf offizieller Ebene Gespräche darüber, wie man mit Vergewaltigungen in homosexuellen Beziehungen umgehen sollte? Nicht, dass ich wüsste.

Nach mehreren intensiven Diskussionen versprach mir meine Freundin, der ich von dem Zwischenfall berichtet hatte, niemandem etwas zu erzählen. Ich weiß nicht, ob sie dieses Versprechen eingehalten hat, aber bis heute wissen nur ganz wenige Menschen von der ganzen Sache. Dazu gehört auch meine Mutter, die Verständnis dafür zeigte, wie ich damit umgehen wollte—gleichzeitig sagte sie aber auch, dass sie mich bei jeder Entscheidung unterstützen würde.

Sexuelle Übergriffe sind unverzeihlich. Dabei kommt es auch nicht auf dein Geschlecht oder deine Vorlieben an. Du vergehst dich am Körper eines anderen Menschen. Punkt.

Mein Problem mit der Polizei ist folgendes: Irgendwann wird sicher jemand sagen, dass das Ganze jetzt schon weit zurückliegt, und dann fragen, was sie tun sollten. Und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich diese Frage beantworten soll. Ich will meinen Ex-Freund jetzt nicht unbedingt hinter Gittern sehen und ich will eigentlich auch nicht über etwas reden müssen, mit dem ich in gewisser Weise schon abgeschlossen habe. Ich will nicht für den Rest meines Lebens den „Junge, der von einem anderen Jungen vergewaltigt wurde"-Stempel aufgedrückt bekommen.

Inzwischen bin ich in einer neuen Beziehung und ich habe meinem Freund schon recht früh von dem Zwischenfall mit meinem Ex erzählt, denn dadurch bin ich sehr zögerlich geworden, was Sex angeht. Es bessert sich aber. Mein Freund hat zwar nicht großartig nachgebohrt, aber er meinte: „Falls da wirklich etwas Schlimmes passiert ist, dann hättest du zur Polizei gehen sollen—oder solltest das noch tun. Aber wenn du jemanden zum Zuhören brauchst, dann bin ich immer für dich da."

Irgendwann ging mein Ex-Freund auch wieder ans Telefon (ich probierte es jede Woche mehrmals) und wir vereinbarten ein Treffen. An einem arschkalten Tag setzten wir uns auf eine Bank im Park. Dann sprudelte es einfach aus mir heraus: „Wir müssen darüber reden, was du gemacht hast!" Daraufhin brach er in Tränen aus—richtig laute Schluchzer. Er sagte, dass er viel darüber nachgedacht hätte und ihm dabei klar wurde, dass er nicht die Kontrolle hätte verlieren dürfen und einfach hätte aufhören sollen, selbst wenn er nur für eine Millisekunde den Eindruck gehabt hätte, dass ich das Ganze nicht auch wollte. Er wiederholte immer und immer wieder, wie Leid es ihm tun würde, und schwor bei seinem Leben, dass er bei seiner Affäre ein Kondom benutzt hätte. Er konnte nicht glauben, dass meine letzte körperliche Erfahrung mit ihm ein solch erzwungener und schmerzhafter Zwischenfall war, den er für den Rest seines Lebens bereuen würde.

Illustration: Nick Scott

Als ich ihm erzählte, dass ich eigentlich schon zur Polizei gehen wollte, schien es, als würde es ihm gleich hochkommen. „Tu, was du tun musst", sagte er. Und genau da erkannte ich, wie sehr er es wirklich bereute. Im Laufe unserer Beziehung hatte er mir gegenüber nie Gewalt angewendet. Ich hatte auch nie Angst vor ihm. Bis wir damit aufhörten, war unser Sex schon knapp an der Grenze, und ich glaubte wirklich, dass es ihm Leid tat. Er meinte, dass er keine Ahnung hätte, was da über ihn gekommen war. Dem stimmte ich zu und beim Aufstehen sagte ich, dass ich ihn nie wieder sehen wollte. „Wie du willst, wie du willst", wiederholte er als Antwort. Schließlich stand auch er auf und ging. Ich wusste, dass es jetzt vorbei war.

Ich erzählte der Freundin, die mich zu der Konfrontation bewegt hatte, von dem Treffen und dass ich mit der ganzen Sache abgeschlossen hätte. Für mich war dieses Kapitel damit ad acta gelegt. Daraufhin wurde sie richtig sauer und sagte, dass er damit nicht einfach so davonkommen sollte und ich Anzeige erstatten müsste, um einen Präzedenzfall zu setzen. Sie hat zwar schon Recht, aber ich bin eben irgendwie egoistisch und will nicht, dass ich durch diesen Vorfall definiert werde. Das ist mein gutes Recht. Ich habe mich mit der Sache auseinandergesetzt und tatsächlich meinen Frieden damit gefunden.

Seit dem Treffen im Park habe ich kein Wort mehr mit meinem Ex gesprochen und habe auch auf den Social Media-Plattformen und so weiter jegliche Spur von ihm gelöscht. Aber ich kenne ihn: Ich weiß, dass er sich für immer an den Zwischenfall erinnern wird. Vielleicht handle ich der Person gegenüber unfair, mit der er irgendwann mal zusammenkommen wird, aber ich bin mit der Situation so gut umgegangen, wie es mir eben möglich war. Am Anfang meiner neuer Beziehung hatte ich ein paar Termine bei einem Psychologen und das reicht mir, zumindest für jetzt. Keine Ahnung, wie das in der Zukunft sein wird.

So wie es jetzt aussieht, lebe ich mein Leben, und zwar ohne dass mich die Erinnerung an den Zwischenfall verfolgt. Mir geht es gut. Ich weiß, dass ich zur Polizei gehen kann, falls und wenn ich das will. Aber die Vorstellung, vor Gericht zu ziehen und mich nochmals mit etwas auseinanderzusetzen, mit dem ich im Kopf schon mehr oder weniger abgeschlossen habe, ist für mich zur Zeit undenkbar. Und das ist OK so.

Sexuelle Übergriffe sind unverzeihlich. Dabei kommt es auch nicht auf dein Geschlecht oder deine Vorlieben an. Du vergehst dich am Körper eines anderen Menschen. Punkt. Die Tatsache, dass du ein Mann bist und auf die Berührung einer geliebten Person reagierst, macht den Übergriff nicht weniger schlimm. Wenn jemand—egal ob homo- oder heterosexuell—Nein sagt, dann muss die andere Person auch aufhören. Wenn das nicht passiert und einfach weitergemacht wird, dann ist das ein klarer sexueller Übergriff. In so einem Fall gibt es keine Grauzonen.

Der Grund, warum ich hier jetzt trotzdem in aller Öffentlichkeit über meine Erfahrung spreche, ist folgender: Ich kann jedem, der selbst schon einmal so was erlebt hat, nur raten, sich einem Freund, einem Verwandten oder einer anderen Person anzuvertrauen. Ich hatte Glück, dass es mir psychologisch gesehen möglich war, mich so mit der Sache auseinanderzusetzen und mit meinem Ex-Freund von Angesicht zu Angesicht darüber zu reden. Diese Möglichkeit bietet sich aber nicht jedem.

Ich meine es ernst: Jeder, der unter ähnlichen Umständen einen sexuellen Übergriff über sich ergehen lassen musste, sollte sich jemandem anvertrauen und auf keinen Fall so tun, als ob das Ganze keine schlimme Sache wäre. Wenn du Nein gesagt hast, dass ist der Kontext völlig irrelevant. Solche Sachen passieren vielleicht hinter verschlossenen Türen, aber sie sollten deswegen nicht dort bleiben.