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VICE Snow

Der VICE Guide zum Après-Ski und Wintersport

Wir sagen dir, wie du deinen inneren Prolo mit ein bisschen Wintersport verbinden kannst.
3.1.14
Illustrationen von Eva Zar

Illustrationen von Eva Zar

Du hast unzähligen Menschen die dreckigen Teller hinterhergeräumt, hast im Call Center Bordelle für Perverslinge ohne Internet rausgesucht, vielleicht hast du sogar Dinge getan, auf die deine Mama alles andere als stolz wäre. Niemand würde je dafür bezahlen, dich Snowboarden zu sehen und dein Sponsor-me-Tape fand nicht mal deine Großmutter wirklich beeindruckend, deshalb hast du hart sparen müssen. Aber das alles hast du für einen guten Zweck getan: um die Stadt mit dem rotzdreckigen Schnee hinter dir zu lassen und für eine Woche deines tristen Jahres in die glitzernde Bergwelt einzutauchen, denn der Winter-Urlaub steht endlich an. Im Vordergrund steht natürlich die Zeit, die du sportlich auf und abseits der Piste verbringst, aber es passiert doch jedes Mal wieder: die Schirmbar ruft und weil tief in dir das Herz eines Prolos schlägt, folgst du ihrem dringenden Schrei.

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Denn was gibt es Schöneres, als stockbesoffen Polonaise mit 40-jährigen Familienvätern zu tanzen, deren riesige Wampen sich dicht an dich schmiegen? Das Problem ist, dass du den nächsten Tag, nicht wie zu Hause, halbtot auf deiner durchgelegenen Couch verbringen und dir ranziges Essen vom Chinesen kommen lassen kannst. Du musst deinen erschlafften Körper irgendwie dazu bringen, einen weiteren aktiven Tag zu verbringen. Wie du das schaffen kannst, haben wir für dich intensiv getestet und niedergeschrieben, denn so etwas lässt sich in keinem Kurs der Welt erlernen.

Natürlich hält sich die Meinung, dass Sport und der exzessive Konsum von Alkohol nicht zusammenpassen. Wir raten dir hingegen dringend davon ab, solchen Sport-besessen Nerds überhaupt in die Augen zu schauen. Die Gefahr ist zu groß in ihren Bann aus spaßfreiem, gesundem Lebensstil und überdurchschnittlich langer Lebensdauer hineingesogen zu werden. Keiner will das. Das Wichtigste zu Beginn deiner erfolgreichen Urlaubskombination aus Trinken und Snowboarden ist eine positive Einstellung. Das geht schon am zweiten Tag in der Früh nach dem Kotzen los. Sag dir „Ich liebe mein Leben und Winter-Sport.“—am Besten fünf Mal hintereinander. Wie ich darauf komme, dass über der Kloschüssel hängen deine erste Morgenaktivität sein wird, kannst du dir vielleicht schon denken.

Wenn du es geschafft hast, deinen zittrigen Körper wieder in eine senkrechte Lage zu bringen, solltest du dich erst einmal im Pyjama auf den Balkon stellen, um deine unendlichen Schmerzen herauszuschreien. Wenn du in der richtigen Jugendherberge bist, brauchst du keinen Wecker—der pickelige Brite vom Nebenzimmer hat dich bereits sanft mit seinem Urschrei geweckt. Anschließend kommt das Frühstück—die wichtigste aber auch schwierigste Mahlzeit des Tages. Wenn du genug Geld hast, befindest du dich in einer Unterkunft mit Frühstücksbuffet. Dort musst du dir so viel vor Fett triefendes Essen wie nur möglich auf den Teller schaufeln und gierig hinunterschlingen. Solltest du es aber noch nicht so weit gebracht haben, tut es auch Pulvercafé. Belass es an besonders harten Tagen aber lieber bei Hühnersuppe, das 8-jährige Ski-Ass, das in der Gondel neben dir steht, vollzukotzen, ist nicht cool.

Jeder, der in der glücklichen Lage ist, einen Führerschein zu besitzen und wieder fahrtauglich zu sein (leider eine seltene Kombination), packt jetzt die Ausrüstung ins Auto und macht sich mit seinen nach Schnaps stinkenden Freunden auf den Weg zur Talstation. Wahrscheinlich sind wichtige Dinge, wie deine Würde oder Sonnencreme, in den letzten 12 Stunden verloren gegangen, aber das ist OK. Deine Nase ist immer noch knallrot vom Flying Hirsch des Vorabends und das mit der Würde hat dir sowieso nie jemand abgekauft. Niemand wird also den Unterschied merken. Hoffentlich sind du und deine Kollegen sicher bei der Gondel angekommen, falls nicht, gibt es vielleicht nette Einheimische, die dein Auto aus dem Tiefschnee ziehen.

Schneeketten anzulegen wäre in deinem Zustand nämlich dem Lösen eines verdammten Rubik's Cube gleichgekommen. Die erste Gondelfahrt des Tages ist ein Martyrium, aber keine Sorge: damit bist du nicht alleine. Ich empfehle dir, auf keinen Fall aus dem Fenster zu sehen und außerdem darauf zu hoffen, dass kein Wind geht, der die Gondel zu einer der 7000 bei Galileo getesteten „schlimmsten Achterbahnen der Welt“ macht. Während der Gondelfahrt ist es zum zweiten Mal an der Zeit dir einzureden, dass du dein Leben und den Sport eigentlich irgendwie doch liebst.

Wenn du dann oben angekommen bist, ist der große Moment endlich da: dein Blick schweift über die Pisten, die ins Tal führen. Für einige Sekunden bist du geblendet von der Schönheit der Natur, aber lass dich nicht zu Übermut verleiten. Keine andere Regenbogenfarbe außer blau ist jetzt angebracht. Denk erst gar nicht daran, dass du lebend eine rote oder schwarze Piste hinunterkommst oder jemals wieder aus dem back country rausfindest. Halte dich außerdem von jedem Snow Park fern, du wirst bei der Anfahrt zum Kicker durch die Hölle gehen. Wenn du gute Freunde hast, werden sie dich jetzt schubsen, sodass die Option wieder mit der Gondel zurück ins Tal zu fahren und in ewiger Scham zu leben wegfällt und du dich deinem inneren Schweinehund stellen musst.

Bei dieser ersten Abfahrt des Tages ist die eine oder andere Nahtoderfahrung sehr wahrscheinlich, versuche die Distanz zu anderen Fahrern also so groß wie möglich zu halten. Die anderen können nichts dafür, dass du schon wieder die falschen Entscheidungen im Leben getroffen hast und für immer ein unverbesserlicher Prolet bleiben wirst. In deinem Kopf spielt sich jetzt das Mantra „Es ist gleich vorbei, es ist gleich vorbei, es ist gleich vorbei“ ab und das stimmt auch. Es ist wirklich schneller vorbei, als du gedacht hättest, mit jedem halbgaren Schwung kommt die Skihütte ein Stück näher. Du hast es also tatsächlich lebendig in die wohlig warme Stube geschafft, die vollbusige Kellnerin wird nahe an dich treten und du kannst endlich den rettenden Anker an Land ziehen: das Reperaturseiterl.