Jungfrauenauktionen und Notfallbeschneidungen: Mein Leben als Undercover-Journalist

Der spanische Investigativjournalist Antonio Salas hat schon einige Leben hinter sich und ist der vielleicht mutigste lebende Investigativjournalist der Welt.

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Apr. 9 2014, 3:25pm

Der spanische Investigativjournalist Antonio Salas hat schon einige Leben hinter sich. Für eine Story über Neonazi-Fußball-Hooligans schlich er sich bei einer Gruppe von ultrarechten Real-Madrid-Fans ein, ging mit ihnen auf White-Power-Konzerte und rasierte sich die Haare ab.

Als nächstes berichtete er undercover über einen Menschenhändlerring in Madrid, der die Jungfräulichkeit von 13-jährigen Mädchen versteigerte—eine Erfahrung, die ihn psychisch und emotional schwer belastete. Für sein Buch über den islamischen Terrorismus El Palestino verbrachte er sechs Jahre inmitten verschiedener Islamistenzellen—die ihn allerdings erst aufnahmen, nachdem er sich einer Notfallbeschneidung unterzogen und den gesamten Koran auf Arabisch abgeschrieben hatte.

Natürlich handelt es sich bei „Antonio Salas" um ein Pseudonym, da Salas während seiner Arbeit hauptsächlich mit Leuten zu tun hat, von denen man in der Regel lieber Abstand hält. Trotzdem hatte ich nicht viele Probleme damit, seine Telefonnummer herauszubekommen, und rief ihn an, um mit ihm darüber zu reden, wie es ist, der vielleicht mutigste lebende Investigativjournalist der Welt zu sein.

VICE: Hallo Antonio, wie läuft es bei dir?
Antonio Salas: Alles gut—ich lebe noch.

Das ist ja mal eine lustige Antwort.
Überhaupt nicht. Letztes Jahr hat mich Chino Caritas, der Anführer des Tupac-Amaru-Revolutionary-Movement, für tot erklärt. Der Nachteil daran, als Undercover-Journalist zu arbeiten, besteht darin, dass du deinen Erfolg nie offiziell genießen kannst. Allerdings erlaubt dir die Anonymität, am Leben zu bleiben und weiter zu recherchieren.

Über deine Zeit mit den rechten Hooligans von Real Madrid hast du geschrieben, dass du es manchmal genossen hast. Aber auch, dass du ab und zu das Bedürfnis hattest, den Leuten zu sagen: „Ich bin ein Verräter, ich betrüge euch."
Wenn ich undercover arbeite, dann bin ich einer von denen. Ich lebe, schlafe, esse nur aus einem bestimmten Grund, nämlich dem, die Menschen und ihre Handlungsmotive zu verstehen. Und dazu gehört nun mal, mit Terroristen oder Neonazis eine emotionale Verbindung einzugehen. Wir alle tun doch das, was wir für richtig halten und die Leute, über die ich berichte, tun das genauso. Manchmal fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, dass ich Journalist bin—und nicht einer von ihnen.



Das ist dir auch passiert, als du dich bei dem Menschenhändlerring eingeschlichen hast, richtig?
Ja. Obwohl es nicht so gefährlich war, war es für mich die traumatischste und emotional verwirrendste Erfahrung, die ich während meiner Arbeit bisher gemacht habe. Ich kam mit einer Handvoll Klischees dort an und wurde dann mit einer viel härteren Realität konfrontiert.

Wann hast du dich dafür entschieden, professionell ausschließlich in diesem Bereich zu arbeiten?
Ich dachte früher immer, als Arzt oder Dirigent zu arbeiten, wäre das Größte. Doch für beides war ich zu rebellisch und zu undiszipliniert. Journalist zu werden, war meine dritte Option. Ich glaube, dass nach der Wahrheit zu suchen, und die Realität so zu zeigen, wie sie wirklich ist, eine ziemlich noble Art ist, sein Geld zu verdienen.

Wird deine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt, weil du unter einem Pseudonym schreibst und niemand weiß, wer du wirklich bist? Wie gehen andere spanische Journalisten mit dir um?
Abgesehen von ein paar Ausnahmen behandeln meine Kollegen mich sehr gut. Ich verstehe den Zweifel an meiner Glaubwürdigkeit. Ich verstehe die Skepsis. Wenn einer meiner Kollegen mir davon erzählen würde, wie er bei einem Essen im Restaurant minderjährige Jungfrauen dazu überredet, sich zu prostituieren, würde ich ihm nicht glauben. Der Vorteil von versteckten Kameras ist: Du musst nichts glauben, alles, was du tun musst, ist, dir das Video anschauen.


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Warum hast du dich für den Namen Antonio Salas entschieden? Bedeutet der Name irgendetwas?

Nein, eine spezielle Bedeutung hat er nicht. Antonio, Toni, ist ein häufiger Name in Spanien. Man kann ihn leicht vergessen, was gut ist, denn bei meiner Arbeit geht es vor allem darum, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Außerdem existiert der Name Toni auch in vielen anderen Sprachen. Und Salas ist einfach ein Allerweltsname, nichts Besonderes.

Wirst du deine wahre Identität jemals enthüllen?
Ich weiß nicht. Ich gebe zu, dass ich es manchmal schade finde, dass ich keine Preise entgegen nehmen oder offizielle Einladungen annehmen kann. Wie jeder andere Autor würde auch ich gerne meine eigenen Bücher signieren, wir sind alle etwas eitel. An dem Tag, an dem ich meine wahre Identität enthüllen würde, wäre meine Karriere als Investigativjournalist natürlich vorbei. Und da ich glaube, dass meine Arbeit einen großen Nutzen für die Gesellschaft hat, werde ich so lange weitermachen, wie ich kann. Ich bin vielleicht nicht so mutig wie Roberto Saviano, Günter Wallraff oder Hunter S. Thompson, aber dafür bin ich ehrgeiziger als sie.

Am Anfang von Diary of a Skin schreibst du, dass die Person, die dich verraten hat, ein Polizist war.
Das war schrecklich. Wenn David Madrid mich nicht gewarnt hätte, dass einer seiner Bosse mich an die Ultras Sur [Real Madrids Hardcore-Fanclub] verraten hatte, wäre ich an dem Tag ins Stadion gegangen, und du und ich würden jetzt wahrscheinlich nicht miteinander reden.Leider ist Korruption bei der Polizei in Wirklichkeit noch schlimmer, als man sie aus Filmen kennt. Die Wirtschaftskrise und die Abstriche, die jeder bei sich selbst machen muss, haben dazu geführt. Als ich für die Geschichte über Mädchenhandel und das organisierte Verbrechen recherchierte, fand ich heraus, dass viele Polizisten, Richter und Anwälte in die Sache involviert waren.

Wie war das bei den rechten Hooligans?
Anders. Meine Kameraden dort haben eine ziemlich rechte Ideologie. Sie stehen auf Disziplin und auf Uniformen. Sie sind konservativ, stehen auf die militärische Hierarchie, und das passt ganz gut mit der Einstellung eines durchschnittlichen Polizisten zusammen. Viele von ihnen haben Väter, die Polizisten sind.

Interessant, dass du sie immer noch deine „Kameraden" nennst. Sind sie wirklich noch deine Kameraden?
Ehrlich gesagt, war es für mich sehr schwer, die Organisation zu verlassen. Wenn du dich nicht richtig integrierst, fliegst du auf, und wenn du es richtig machst, läufst du Gefahr, wirklich einer von ihnen zu werden. Deshalb arbeiten Spione und Polizisten zu zweit; damit der eine den anderen kontrollieren kann und aufpasst, dass er nicht wirklich zu dem Charakter wird, der er vorgibt zu sein. Ich dagegen arbeite allein. Als ich Diary of a Skin veröffentlichte, hatte ich eine Art Stockholmsyndrom. Ich fühlte mich schlecht, weil ich meine Kameraden verraten hatte, aber ein Freund von mir, der Psychologe ist, half mir und erklärte mir, dass meine Kameraden in Wirklichkeit nicht Antonios Freunde waren, sondern die von Tiger88, meinem imaginären Charakter. Trotzdem sind die Beziehungen, die ich während meiner Arbeit eingehe teilweise sehr intensiv und danach bleiben immer ein paar Narben zurück.

Ich gehe davon aus, dass du mir nichts über dein neues Projekt erzählen kannst …
Das wäre sehr unklug. Danach müsste ich dich töten [lacht].

OK, ich dachte auch nur an etwas ganz Allgemeines. Einen geographischen Hinweis vielleicht.
Na ja, es geht um eine Menge Sachen, aber das allgemeine Thema ist Korruption. Geographisch gesehen, musste ich zurück nach Südamerika und auch in einige europäische Länder. Zu meiner Überraschung traf ich dabei auf einige meiner alten Skinhead-Kameraden. Sogar auf ein paar Hammersteins, gegen die ich vor Gericht ausgesagt hatte. Hätten sie mich wiedererkannt, wäre ich ziemlich am Arsch gewesen.

Eine letzte Frage: Wie sieht dein Privatleben aus? Was sagen deine Eltern oder deine Freundin zu deiner Arbeit? Kannst du überhaupt ein normales Leben führen?
Ich versuche sehr, meine Arbeit und mein Privatleben auseinanderzuhalten. Seit der Mädchenhandelsgeschichte stehen meine Eltern unter Polizeischutz. Meine Mutter kommt damit nicht sonderlich gut klar. Nur die wenigsten meiner Freunde wissen, wer ich wirklich bin. Die meisten ahnen noch nicht einmal etwas. Manchmal unterhalten sie sich über Antonio Salas und die Filme, die auf meinen Büchern basieren, und ich sitze direkt daneben. Dabei zuzuhören, wie andere über dich reden, ohne es zu wissen, ist ein ziemlich komisches Gefühl. Aber es ist der einzige Weg herauszufinden, wie sie wirklich über meine Arbeit denken. In meinem Arbeitsleben ist der Tod immer präsent.

Wie gehst du damit um?
Ich habe keine Angst mehr. Ich trage immer noch eine Kette mit einer 9-Millimeter-Kugel, die mich während der Arbeit mit den Mädchenhändlern nur knapp verfehlt hat. Bis zu diesem Tag hatte ich keine Ahnung, wie sich ein Schuss anhört.

Während meiner Recherche für das Buch El Palestino habe ich mich dann an die Waffen gewöhnt und auch an den Gedanken, dass ich sterben könnte. Ich habe ein reines Gewissen und immer versucht mein Leben voll auszukosten. Ich habe so viel gelernt, wie ich konnte und etwas Nützliches getan. Was mir jetzt noch Angst macht, ist ein schmerzhafter Tod, aber ich denke, davor haben wir alle Angst.

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