„Who Am I“—der singende, tanzende Abschaum der Onlinewelt

Wir haben mit Regisseur Baran Bo Odar und Jantje Friese über den Hacker-Thriller gesprochen und einen exklusiven Blick ins Drehbuch geworfen.

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Sep. 24 2014, 12:06pm

Mit Who Am I—kein System ist sicher kommt am 25. September ein Film in die Kinos, der ohne Frage zu den international konkurrenzfähigsten deutschen Produktionen des Jahres gezählt werden kann. Zur Nominierung für den Auslands-Oscar reichte es zwar nicht, trotzdem gibt sich der Thriller um Cyberkriminalität und die Tücken des Darkweb überaus ambitioniert. Das liegt zum einen an der deutschen Starbesetzung um Tom Schilling (Benjamin), Elyas M’Barek (Max) und Wotan Wilke-Möhring (Stephan), zum anderen eben auch an expliziten Hollywood-Anleihen, die Negativ-Stimmen durchaus als Rip-Off auslegen könnten. Grund genug, sich mit Regisseur Baran bo Odar und seiner Drehbuch-Kollegin Jantje Friese zusammen zu setzen und einen exklusiven Blick ins Drehbuch zu werfen.

Weil es so schwierig ist, die Handlung und inhaltliche Ausrichtung des Films zu diskutieren, ohne zu viel zu verraten, haben wir das Interview aufgesplittet. Auf Seite 1 sprechen Odar und Friese über die Entstehung von Who Am I, das internationale Feedback und den Status Quo der deutschen Filmszene. Auf Seite 2 haben wir uns dann erklären lassen, warum sich die Hälfte des Plots wie ein Kultfilm aus den 90ern anfühlt und warum sich sogar selbsternannte Filmwissenschaftler an dem Streifen abarbeiten dürften.

Alle Fotos: Jermain Raffington

VICE: Bei der Pressevorführung wurde gesagt, dass man mit dem Film eine Lücke in der deutschen Filmlandschaft schließen möchte: die zwischen platten Komödien und sperrigem Arthouse.
Baran bo Odar: Von mir war das ehrlich gesagt nicht die Prämisse. Mir geht es überhaupt nicht darum, irgendwas zu ändern oder zu retten, ich will einfach nur einen guten Film machen. Diese Aussage ist wirklich eher so ein Produzenten-Satz. Es gibt gute Arthouse-Filme, es gibt gute Komödien—aber klar gibt es in Deutschland zusätzlich das Problem, dass es in der Mitte nicht viel gibt. Und wenn es etwas gibt, wie Stereo zum Beispiel, gehen die Leute nicht rein.

Jantje Friese: Ich hatte schon das Gefühl, dass es auf jeden Fall schön wäre—wenn man es denn schafft—einen Film zu machen, der sich von diesen beiden Kategorien weg bewegt. Dass man etwas anderes mit der Hoffnung macht, trotzdem Publikum zu finden. Ich wollte den Film nicht nur für mich alleine machen.

Ich finde es ziemlich interessant, dass viele Leute meinten: „Für einen deutschen Film ist der schon ganz gut.“ Dass es scheinbar dieses Stigma des deutschen Films gibt.
Odar: Das wird auch noch lange so bleiben. Der Film kommt wahnsinnig gut beim Publikum an, was mich natürlich sehr freut. Die Leute mochten den Film bei den Sneaks, aber tatsächlich ist es so, dass man Vorurteile gegen deutsche Filme hat. Entweder ist es Arthouse ohne Musik nach der Berliner Schule—wo es ganz fantastische Filme gibt—, oder es ist die flache Komödie, die zum tausendsten Mal gesehen wurde. Dieses Bewusstsein kann ein Film alleine natürlich nicht schaffen. Da müssen ein paar hinterherkommen, bei denen die Zuschauer merken, dass einen etwas unterhalten und gleichzeitig trotzdem Anspruch haben kann.

Friese: Es wird ja viel in so einen Film investiert und natürlich setzen viele eine Hoffnung da rein. Nicht, um das deutsche Kino zu revolutionieren, das ist natürlich Quatsch. Aber die Hoffnung auf mehr Vielfalt. Wenn diesen Film jetzt niemand sehen will, überlegt sich das der nächste Produzent, der so ein Projekt auf dem Tisch hat, halt zweimal. Wenn so ein Projekt funktioniert, öffnet es andererseits natürlich Türen für viel mehr Filme, was schön wäre.

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Wann kam denn erstmalig die Idee zu diesem Film auf?
Odar: Vor eineinhalb Jahren habe ich einen Anruf von Wiedemann und Berg bekommen, die ich noch von der Filmhochschule kenne. Die wollten einen Film über Hacker machen und ich hatte bis dato noch keine Ahnung von so etwas. Bei der Recherche bin ich dann zum einen auf das Thema Social Engineering gestoßen, aber eben auch auf die Menschen, die dahinterstecken. Das Hacken selbst hat mich nie interessiert, wenn ich ehrlich bin. Da steige ich auch nicht durch. Die Leute, die das machen, finde ich spannend, weil die wahnsinnig smart und intelligent sind.

Im Netz können sie zu Superstars werden, im wahren Leben sind sie aber doch wahrscheinlich die Nerds, die sozial hier und da inkompetent sind—wobei es auch andere Hacker gibt, die ganz extrovertiert und cool rüberkommen. Wir hatten für das ganze Projekt einen Hacker-Berater, weil uns wichtig war, dass das alles stimmt. In jedem Fall sind alle Codes im Film echt und richtig programmiert worden. Man sieht so viele Filme—gerade auch in den 90ern—, wo so etwas total schwachsinnig dargestellt wird. Wir wollten etwas zeigen, was zu zumindest 80, 90 Prozent so stimmt.

Friese: Das ist auch das Schöne, was man jetzt aus der Community zurückbekommt. Dass die total glücklich darüber sind, dass zumindest die Oberflächen richtig aussehen. Es war uns wirklich wichtig, dass sich da nicht so quatschige 3D-Animationen aufbauen und jemand mit der Hand einfach nur von links nach rechts wischt.

Odar: Ich glaube, die größte Regieleistung war tatsächlich, das Hacken so zu zeigen, dass es Spaß macht, zuzuschauen. Die Filme, die bisher in der Richtung da waren, zeigen halt Leute am Laptop und das ist cineastisch gesehen sehr unsexy. Wenn jemand irgendwelche Codes tippt, versteht das auch niemand, deswegen war uns wichtig, dass die Zuschauer zumindest die einfachsten Methoden visualisiert dargestellt bekommen. Dass selbst meine Mutter sagen würde: „Achso, das ist also das Prinzip von Phishing!“ Die positiven Reaktionen dazu freuen mich sehr.

Friese: Es ist auch nicht zu erklärend. Man nimmt Leute mit, die damit überhaupt gar nichts zu tun haben, aber man findet auch eine schöne Lösung für die Leute, die tatsächlich wissen, was das Darkweb ist.

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Wie war denn das internationale Feedback?
Friese: Das war erstaunlicherweise sehr, sehr gut. Wir hatten so ein bisschen Angst, weil im Film sehr viel geredet wird und er in der internationalen Fassung untertitelt ist. Wir waren uns nicht sicher, ob man beim Lesen mitkommt und das wirklich versteht. Bei der Premiere beim Toronto Film Festival saßen auch sehr alte Leute im Kino, die das total verstanden haben und es gab viele positive Stimmen. Das war sehr schön.

Wie intensiv haben sich die Schauspieler auf ihre Rollen vorbereitet? Hatten die irgendeine Vorerfahrung?
Odar: Tom hatte keine Ahnung. Der hatte bis vor eineinhalb Jahren noch nicht einmal einen Computer. Der ist ein klassischer Künstlerschauspieler, der lieber irgendwo mit seiner Gitarre rumsitzt, als in Sozialen Netzwerken rumzuhängen. Er hat einen Grundkurs im Tippen und Coden gemacht und sich auch mit Hackern zusammengesetzt. Unser Hackerberater ist ein Professor in Potsdam und der hat eine Fragerunde mit seinen Studenten organisiert. Da konnte Tom Fragen stellen und ein Gefühl dafür bekommen, was das so für Typen sind. Er hat sich also wirklich intensiv vorbereitet und die Anderen … nicht so sehr, glaube ich.

Friese: Die stehen auch ganz unterschiedlich zu der Materie. Antoine ist tatsächlich sehr technikaffin und kennt sich total gut aus. Das ist seine Welt. Tom ist das genaue Gegenteil davon und musste sich da erst einmal rein arbeiten. So hat jeder einen ganz eigenen Bezug zum Thema gefunden und das für sich umgesetzt.

ACHTUNG, SPOILER! Was ist in Who Am I real und was nicht? Hier gehts zur großen Analyse.

Ungeachtet der finalen Umsetzung ist es ja schon so, dass es in dem Film klare Anspielungen auf andere Filme gibt. So klar, dass ich mich ab einem bestimmten Punkt gefragt habe, ob das absichtlich so offensichtlich gemacht wurde.
Friese: Der ganze Film ist ein einziger Zaubertrick. Im Prinzip geht es ja darum, dass Benjamin einen Trick anwendet, um am Ende das zu bekommen, was er bekommt. Was er letztendlich tut, ist ein Social Engineering und die Puzzleteile seiner Erzählung sind der manipulative Prozess an der Ermittelnden. Und Fight Club ist im Prinzip seine Transportfläche, damit das alles überhaupt funktioniert, und genau so nutzen wir das auch. Also ja, das ist bewusst so. Es ging uns darum, den Plot-Twist vorzubereiten, schließlich wissen wir noch nicht mal, ob das, was Benjamin erzählt, genau so passiert ist. Wir vertrauen ihm ja, genau so wie die Ermittlerin ihm vertraut. Aber wissen wir, ob Max und er sich tatsächlich so kennengelernt haben? Am Ende wissen wir eigentlich gar nichts. Wir wissen nicht, was wahr ist und was nicht. Im Prinzip füttert Benjamin die Ermittlerin mit kleinen Fight Club-Häppchen und wir den Zuschauer auch.

Odar: In meinem Kopf war es immer so: Er hat diese Mutter, die an multipler Persönlichkeitsstörung erkrankt war und sich deswegen auch umgebracht hat, und—so hatte ich mit Tom auch immer die Figur gesprochen—ist ein riesen Fight Club-Fan. Einmal auf Grund seines Backgrounds, aber eben auch, weil er den Film geil findet. Erst die Kombination aus beidem führt in zu diesem Social-Engineering-Trick. Es gab Überlegungen, ob man das vielleicht auch mal ausspricht, aber das hätte ich zu plakativ gefunden. Ein größeres Vorbild war für mich ehrlich gesagt Prestige. Da geht es ja genau um dieses „Come closer and I show you a magic trick“ und dass du erst am Schluss checkst, dass eigentlich der ganze Film ein Zaubertrick war.

Glaubt ihr, dass der Großteil der Zuschauer diese ganzen Twists und Anspielungen verstehen wird?
Friese: Was einen guten Film meiner Meinung nach ausmacht, ist, dass er auf mehreren Ebenen funktioniert—und eben auch für unterschiedliche Leute. Jemand, der Fight Club noch nicht gesehen hat, sollte trotzdem Spaß an dem Film haben. Derjenige, der die Referenz kennt, ist der Ermittlerin dann aber wahrscheinlich sogar einen Schritt voraus. Ich hoffe, dass der auf mehreren intellektuellen Ebenen funktioniert.

Odar: Die ersten Stimmen sind gut, aber es gibt auch ein paar, denen dieser Doppel-Twist zuviel ist. Aber das ist wie bei einem Zaubertrick: Wenn du weißt, wie er funktioniert, dann ist er meistens enttäuschend. Das ist für mich aber das Spannende. Mein Lieblingsmoment ist der, wo sie rafft, dass sie auf Benjamin reingefallen ist. Obwohl er von der ersten Sekunde an gesagt hat: „Jedes Detail ist wichtig, passen Sie jetzt gut auf“ und „Jeder wird nur das sehen, was er sehen will.“ Das Gleiche passiert ja mit dem Zuschauer. Für mich gibt es die Typen bis zum Schluss nicht. Ich habe Hannah Herzsprung so inszeniert, dass sie nie zu den Jungs kuckt. Sie nimmt sie einfach nicht wahr. Für andere Leute ist das ein ganz klares Social-Engineering-Ding und es gibt die Gruppe.

Ist die Szene, wo Hannah Max küsst, dann das Pendant zu der Szene, wo Tyler Durden Sex mit Marla hat?
Odar: Genau.

Friese: Das ist frei zur Interpretation. Das ist auch das Schöne: Dass man danach diskutieren kann, was man selbst gesehen hat. Das hat ganz viel damit zu tun, was für ein Typ Mensch ich bin.

Odar: Ich mag Filme einfach, die keine hundertprozentige Haltung haben und eine offene Interpretation zulassen. Bei The Shining beispielsweise kann man sich ja auch darüber streiten, was eigentlich die Grundgeschichte ist. War Jack Nicholson 1920 schon in diesem Hotel, weil er am Schluss auf dem einen Foto zu sehen ist? Es gibt in Who Am I auf jeden Fall eine Einstellung, die meine Haltung als Regisseur zu dem Film widerspiegelt.

Verrätst du mir, welche?
Odar: Als er ihr im Auto den Trick erklärt und die Zuckerwürfel hinlegt, sieht man im Hintergrund jemanden mit einer CLAY-Maske stehen, der da eigentlich gar nichts zu suchen hätte. Damit will ich klar machen: Er ist und bleibt schizophren und erschafft sich Figuren, die eigentlich gar nicht da sind.

Danke für das Gespräch.

Lisa geht Leuten ziemlich gerne mit ihren Filminterpretationen auf die Nerven. Folgt ihr bei Twitter.

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