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Geständnisse eines ehemaligen Pickup Artists

Nathan Thompson

Durch einen Kurs fürs Frauenaufreißen wollte ich mich von meiner Schale befreien. Das Ganze wurde jedoch eher zu einem Blick in die Abgründe der menschlichen Seele.

Titelfoto: Der Autor als Pickup Artist

Irgendwann im Jahr 2005 landete eine Paket auf dem Stapel ungeöffneter Rechnungen, Flyer und Lieferservice-Karten neben meiner Haustür. Ich öffnete es. Darin befand sich eine Ausgabe von Neil Strausses Buch The Game—darin wird die Wandlung des Autors vom lahmen Geek hin zum Meister der Verführungskunst beschrieben. Strauss wurde Pickup Artist (PUA). Pickup Artists sind Männer, die sich selbst als Experten im Frauenaufreißen sehen. Ich war begeistert. Wenn er das schafft, dann sollte ich das doch auch schaffen. Ein paar Monate später war ich angewidert von den beschriebenen manipulierenden Vorgehensweisen und schmiss das Buch deswegen in den Müll. Wenn ich es doch bloß dort gelassen hätte.

Ein Jahr später hatte ich mit einer sexuellen Durststrecke zu kämpfen. Damals war ich 23 Jahre alt und verzweifelt genug, um mich wieder mit dem Thema PUA zu beschäftigen. Ich meldete mich bei einem Wochenendkurs bei PUA Training an. Das ist ein in London ansässiges Unternehmen, das von Richard La Ruina geleitet wird— La Ruina ist auch bekannt unter seinem PUA-Pseudonym „Gambler".

Der Kurs fand im Tiger Tiger Nachtclub ganz in der Nähe des Piccadilly Circus statt und begann an einem Samstagmorgen. Mit mir waren es 12 Teilnehmer, alles ganz normal aussehende Typen. Gambler lümmelte mit einer umwerfend aussehenden Blondine auf einem Sofa. Uns beachtete er gar nicht—später wurde mir klar, dass er damit bewirken wollte, dass wir um seine Anerkennung buhlen. Der Großteil des Kurses wurde von seinen Assistenten gehalten.

Die erste Übung trug den Namen „Set Breaking". Unser Trainer erklärte, dass attraktive Frauen nur selten alleine unterwegs seien. Deshalb müsse man unbedingt lernen, wie man eine solche Gruppe infiltriert und besagte Frau (oder das „Ziel") isoliert. Die Blondine—sie heißt übrigens Kezia und ist selber Pickup Artist—führte uns nun durch die Übung, in der wir uns in kleine Gruppen aufteilten und sie dann Männer aussuchte, die das Infiltrieren und Aufbauen einer Verbindung üben mussten.

Der Kurs war wirklich umfassend. Wir bekamen Tipps bezüglich unserer Kleidung, es gab motivierende Vorträge und uns wurde gezeigt, wie wir selbstbewusst auftreten. Später verließen wir dann das Tiger Tiger und waren ganz scharf darauf, das Frischgelernte in die Tat umzusetzen. Uns wurde die „Drei-Sekunden-Regel" beigebracht: Diese Regel besagt, dass man drei Sekunden Zeit dafür hat, auf seine ausgewählte Frau zuzugehen und sich vorzustellen. Das Ziel war es, die Telefonnummer zu bekommen. Ich fühlte mich wie befreit, so als ob ich eben die Erlaubnis bekommen hätte, ein bisschen mehr meinem Instinkt zu folgen und die Frauen anzusprechen, die mir gefallen. Ich kam mit zwei Nummern zurück (eine davon war sogar echt).

Die Art und Weise, wie Pickup Artists Frauen auf der Straße angehen, wird manchmal mit Belästigung verwechselt. Meiner Erfahrung nach legen PUAs bei ihrer Vorgehensweise sehr viel Wert auf Höflichkeit und Rücksichtnahme—immerhin wollen sie mit der Frau ins Bett, aggressives Verhalten wäre dabei nicht sehr förderlich. Uns wurde beigebracht, dass wir bei Desinteresse seitens der Frauen immer weiter lächeln und höflich bleiben müssen. Wir sollten diesem Muster vor allem dann folgen, wenn eine Frau sauer reagiert, weil wir so darin trainiert werden, uns nicht provozieren zu lassen.

Wenn sich mehrere Pickup Artists in der gleichen Gegend befinden, dann kann es natürlich vorkommen, dass eine Frau es mehrmals mit total motiviert auftretenden Nerds zu tun bekommt. Wir haben den Leicester Square sogar schon auf „Pester Square" (Belästigungsplatz) getauft. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall, als ich ein Mädchen ansprach. Bevor ich meine Masche überhaupt durchziehen konnte, unterbrach sie mich wütend: „Meine Fresse! Du bist jetzt schon der dritte unheimliche Typ, der mir irgendetwas darüber erzählen will, wie toll er meine Energie findet. Verpiss dich!" Und weg war sie.

Meiner Erfahrung nach funktionieren die Vorgehensweisen der PUAs nicht. Dadurch werden keine James-Bond-Verführungskünstler geschaffen, sondern eher groteske Menschenroboter, die nur irgendetwas nachplappern, das sich Soziopathen ausgedacht haben. Die Annahme, dass einem durch schicke Kleidung und das Aufsagen von ein paar Sprüchen die Zuneigung einer Frau sicher ist, beleidigt deren Intelligenz.

Einige Pickup Artists machen ihre Sache jedoch besser und bringen den Leuten etwas über „innere Werte" bei. Dabei konzentrieren sie sich darauf, Männer innerlich aufzubauen, anstatt Frauen zu degradieren. Für extrem schüchterne Menschen kann das wirklich hilfreich sein. Es ist eine gute Sache, sich Selbstvertrauen und Selbstachtung anzueignen—ich bin mir allerdings nicht sicher, ob professionelle Verführer dafür die besten Lehrer sind.

Während selbsternannte „Pickup-Gurus" wie Strauss anscheinend eine clevere Persönlichkeit entwickelt haben, kommt der Großteil der PUAs eher als total unecht rüber. Authentische Verführer wie Russell Brand sind rar gesät, Pickup Artists hingegen sind wie Schwebefliegen: Sie tragen vielleicht die Farben einer Wespe, haben aber keinen Stachel. Des Weiteren haben Frauen einen Riecher für falsche Menschen—wenn man sich also eine unechte PUA-Persönlichkeit zulegt, um beim anderen Geschlecht zu landen, dann ist das eher erstaunlich kontraproduktiv.

Dazu kommt, dass die ganzen Techniken total skrupellos sind. In der Welt der Pickup Artists ist es ganz normal, andere Menschen für seine eigenen egoistischen Zwecke zu manipulieren: ein „Pivot" ist ein Mädel, das man nur für die Verbesserung seines eigenen gesellschaftlichen Status ausnutzt, „AMOGing" ist eine Technik, mit der man Rivalen von einer ausgewählten Frau wegdrängt, und „Boyfriend Destroyers" dienen nur dazu, um ein Mädchen mit festem Freund flachzulegen.

Pickup Artists rechtfertigen das Ganze mit einer schwammigen Berufung auf die evolutionäre Psychologie und dabei besonders auf „Alpha"- und „Beta"-Männer. Beta-Männer wollen mit nur einer Frau zusammen sein, während Alpha-Männer mit mehreren in Kontakt stehen. Den Maßstab für Erfolg setzt in der PUA-Gemeinschaft die sogenannte „Multiple Long Term Relationship": Ein Pickup Artist führt dabei mehrere sexuelle Beziehung gleichzeitig.

Es wird jedoch noch schlimmer, wenn es um das „Relationship Game" geht. Aufgrund von weiteren Aspekten der evolutionären Psychologie glauben manche PUAs, dass alle Frauen sie unterbewusst in einer festen Beziehung festhalten wollen—das Ganze nennen sie „Betaisation". Um das zu verhindern, gibt es Vorgehensweisen wie das Ablehnen von Zärtlichkeiten (das bedeutet im Grunde, dass es im Bett immer richtig hart zur Sache gehen muss) und das Stehenlassen von Partnern, während man sich auf die Verführung von anderen Frauen konzentriert („Nexting"). Das alles gehört zum traurigen Kernstück dieser Kultur—hier gehen unsichere Männer Beziehungen mit Frauen ein, die es erlauben, schlecht behandelt zu werden.

Egal an welchem Wochenende du am „Pester Square" auch aus der U-Bahn steigst, irgendwelche Typen, die mutig Frauen ansprechen, sind immer zu sehen. Manchen Männern wird es irgendwann zu blöd, manche treffen so ihre zukünftige Freundin und viele werden von dem Selbstbewusstseinsschub profitieren, der nach dieser Art von Training folgt. Andere hingegen werden es zu weit treiben und am Ende zu einem bitteren und entfremdeten Menschen werden.

Bei mir war nicht alles schlecht. Ich profitiere immer noch von einer Vorgehensweise namens „The Direct Approach". Dabei fängt man das Gespräch ungefähr so an: „Entschuldigung, hey! Normalerweise mache ich so etwas nicht, aber ich finde dich echt hübsch und ich würde mich nachher nur zu Tode ärgern, wenn ich dich jetzt nicht anspreche und mich vorstelle." So habe ich tatsächlich meine letzte Freundin kennengelernt. Ich bin mir allerdings auch sicher, dass das weniger etwas mit dem Spruch als mit der Glaubwürdigkeit zu tun hatte, die mit einer gewissen Reife kommt. Außerdem steht sie auf Autoren.

Der PUA-Lifestyle ist für mich inzwischen Vergangenheit, genauso wie meine Korn-Shirts und meine gepiercten Nippel. Ich brauche solche Herangehensweisen nicht mehr. Ich weiß jetzt, dass es wichtiger ist, ein glücklicher und eigenständiger Mensch zu sein. Das ist viel attraktiver als ein paar psychologische Tricks. Und das ist auch richtig so, denn das PUA-System basiert auf einer Lüge: Frauen sind kein Code, den man knacken muss. Frauen sind Menschen.