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Vice Blog

Warum ich den Valentinstag mit meiner besten Freundin unter lauter Paaren verbracht habe

Warum wir am Valentinstag auf die Männer scheißen und in der Nacht ganz schön froh waren, heute keinen Sex mehr haben zu müssen.
15.2.16

Alle Fotos stammen von der Autorin

Seit drei Jahren verbringe ich den Valentinstag nun mit meiner besten Freundin. Dahinter steckt das Dilemma, dass wir beide diesen Tag und das ganze Drumherum eigentlich peinlich finden, uns paradoxerweise aber trotzdem etwas erwarten. Jedes Jahr endete dieser Tag damit, dass wir beide irgendwie enttäuscht waren.

War ich an einem Valentinstag Single, fühlte ich mich wie der einsamste Mensch auf Erden und auch in meinen Beziehungen war das nicht besser: Mein Ex-Freund spielte an diesem Abend bevorzugte Poker mit seinen Freunden und mein Ex-Ex-Freund wollte mit mir bonzig essen gehen. Beides fand ich blöd und passte auch nicht zu unseren Beziehungen. Kurz gesagt: Eigentlich gab es keine Chance, es mir recht zu machen und meiner Freundin ging es ähnlich. Daraufhin haben wir vor drei Jahren zu Weihnachten gemeinsam beschlossen, auf die Männer am Valentinstag zu scheißen und es selbst in die Hand zu nehmen, uns aus dem Valentinstag einen geilen Tag zu machen.

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Ursprünglich wollten wir damals snowboarden gehen, daraus wurde aber nichts und wir sahen ein Angebot für ein Pärchen-Wochenende in einem Wellness- und Weinhotel—inklusive Valentinstags-Romantik-Dinner, Rosen auf dem Bett und Frühstücks-Brunch. Was bei Paaren irgendwie peinlich ist, klang in Verbindung mit der besten Freundin ziemlich geil. Also buchten wir und so entstand unsere kleine Tradition.

Auch vergangenes Wochenende haben wir uns wieder auf unseren gemeinsamen Romantik-Trip begeben. Dort angekommen empfing uns eine hyperfreundliche Rezeptionistin, die zuerst mal wissen wollte, wie es uns denn gehe und die Fahrt war. Danach wünschte sie uns ein romantisches Wochenende. Wir nickten und gingen auf unser Zimmer. Dieses hatte sogar so eine durchsichtige Dusche—ziemlich porno also.

Nach dem Zimmerbezug kam dann der beste Part: Wir zogen die Bademäntel an, die unerklärlich weich waren und machten uns auf den Weg in den Wellness-Bereich, um ja nicht das 3:00-Uhr-Kuchenbuffet zu versäumen. Das Spa bestand aus einem großen Raum, in dem es komplett still war und wo Holzliegen mit Polster und Decken standen.

Hier hatte Wellness nichts mehr mit grindigen Plastikliegen, Fußpilz, nasser Kleidung oder Zugluft zu tun (so wie ich mir Wellness früher immer vorstellte), sondern wirkte wie ein großes Wohnzimmer—eines, in dem man öffentlich kuschelte und aufeinander herumlungerte wie Aale, aber trotzdem. Bei all dieser Nähe konnte es als Nicht-Paar schon ein bisschen weird werden, aber daran hatten wir uns nach drei Jahren dieses Wochenend-Rituals schon gewöhnt und konnten mittlerweile besser kuscheln als jedes Durchschnittspaar.

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Eines war dieses Jahr aber neu: Neben diesem „Wohnzimmer" gab es jetzt auch einen Tiefen-Entspannungsbereich, der wie ein großes Schlafzimmer angelegt war. Dieser Raum war mit schwarzen Vorhängen vom Rest des Spas abgetrennt und nur durch Kerzenschein beleuchtet. Hier durfte man nicht reden und auch keinen Sex haben (dachte ich zumindest). Es wurde dort aber heftig gekuschelt, Bademäntel verrutschten schon mal und die Hände mancher Paare waren überall. Neben uns schmuste ein Paar so abartig miteinander, dass wir zurück in den normalen Bereich wechselten.

Was ich beim Wellnessen nie verstehen werde (trotz mehrmaligen Spa-Aufenthalten) ist, wie man mit fremden Menschen in der Sauna—wo diese nackt sind—ungezwungen plaudern kann. Nennt mich prüde, aber es war für mich sehr seltsam, nackt Small Talk zu führen. Wir fanden darum auch keine Freunde im Spa und flüchteten bei sich anbahnenden Konversationen immer mit der Ausrede: „Ach, mein Kreislauf macht mir Probleme."

Die Bilder von Menschen und ihrer Geschlechtsteile verfolgten mich noch bis zum Dinner (und manche sogar bis zum Brunch). Auch die Bademäntel halfen nicht wirklich, da viele Männer ihre Beine einfach nicht zusammenhalten konnten oder wollten.

Nach Tiefenentspannung, Seelen-Detox und einem Mittagsschlaf gingen wir (wieder angezogen) zur Weinverkostung—die bekam man zu dem Pärchen-Package nämlich dazu. Zum Glück hatte meine Freundin durch ihr Tourismus-Studium Ahnung von Wein. Ich machte ihr einfach alles nach: das Schwenken, das Riechen, das Schmecken. Laut unserem Sommelier schmeckte man bei dem einen Wein im Abgang eher Banane und Akazie und bei dem anderen eher Kaffee und schwarzen Pfeffer.

Mal abgesehen davon, dass ich das nicht schmeckte und ich immer noch nicht ganz verstand, was jetzt der Unterschied zu dem 3,90-Wein, den ich immer kaufte, war, machte es mich jede Runde ein wenig traurig, dass nur so wenig Wein im Glas war. Zum Schluss wurde uns dann noch erklärt, dass ein wirklich guter Wein Geschichte habe und darum bekamen wir auch noch ein Factsheet über den Weinanbau in die Hand gedrückt.

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Nach ein paar Gläsern, reichte es mir dann wirklich und ich war hungrig—Zeit für unser Romantik-Dinner. Die Tische im Saal waren mit Rosenblättern dekoriert, Schokoherzen lagen auf dem Menü und ein Body-Öl stand als Valentinstags-Geschenk auf dem Tisch. Zur Begrüßung bekamen wir pink-roten Sekt. Das Essen war geil.

Links neben uns saß ein Paar; die Frau war zirka 70 Jahre alt und sah mit ihren orange gefärbten Haaren aus wie Vivienne Westwood, während ihr Mann 10 Jahre jünger aussah und eine fesche Kombi aus grauem Haar, Anzug und lila Schuhen vorführte. Sie stritten den ganzen zweiten und dritten Gang lang darüber, dass sie ihm von Vergewaltigungen am Traumschiff erzählen wollte und er ihr vorwarf, dass sie immer nur mit ihrer eigenen Meinung argumentiere und das irrelevant sei.

Rechts neben uns saß ebenfalls ein Paar—sie waren zischen 30 und 40 Jahre alt. Er war klein und unscheinbar, sie sehr groß und hübsch. Die Frau sah ein bisschen aus wie Brooke Shields (dank Lugner und dem Opernball wissen auch die Nicht-Lipstick-Jungle-Fans, wer das ist). Die beiden sprachen auf jeden Fall nichts miteinander. Nichts. Dafür hörten sie uns die ganze Zeit zu und verdrehten regelmäßig die Augen. Als wir über Sex sprachen—und das nicht mal besonders laut oder derb—, begann sich die Frau zu räuspern. Als sie gingen, warfen sie uns noch einmal einen besonders bösen Blick zu.

Generell gab es verschiedene Reaktionen auf uns: Es gab Paare, die uns hassten—entweder, weil sie neidisch waren oder wir uns wirklich anstrengend, laut und unpärchenhaft verhielten. Andere Paare signalisierten uns ein bisschen zu betont tolerant, wie toll sie es nicht fänden(wink, wink). Und dann gab es noch jene, die uns gefühlt den ganzen Aufenthalt über anstarrten, beobachteten und es sich zur Aufgabe machten, herauszufinden, ob wir nun wirklich ein Paar wären oder nicht.

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Nach drei Stunden Essen und einer ebenso deftigen Weinbegleitung, gingen wir dann an die Bar, wo die selben sprachlosen Paare saßen wie zuvor. Zwischen eingeheizten Kaminen und noch mehr Rosenblättern ließen sie sich dort volllaufen. Das machten wir dann auch. Wie auch schon in den letzten Jahren zuvor, fragten wir uns erneut, warum an der Bar so viele Männer (alleine!) saßen. Da es eher unwahrscheinlich war, dass sie diesen Romantik-Urlaub alleine machten, lag die Vermutung nahe, dass ihre Frauen bereits am Zimmer waren und sie den Valentinstag so verbrachten wie alle anderen Abende auch: Alleine, trinkend, sexlos und mit Sport auf dem Flatscreen (nur dass sie hier sehr viel Geld dafür zahlten).

Der schon etwas betrunken wirkende Hoteldirektor gesellte sich dann auch zu uns an den Tisch und erkundigte sich: „Haben die Damen einen romantischen Aufenthalt hier?" Wir nickten und wollten seine Bemühungen, sich mit seinem Hotel als besonders gay-friendly zu präsentieren, nicht zerstören. Am Weg nach oben, fragte er uns dann noch, ob wir nicht eine Flasche Wein für die nächsten Stunden mit auf das Zimmer nehmen wollten. Mittlerweile machte uns dieses Spiel des super verliebten Paares schon etwas Spaß und wir nahmen das Angebot an.

Kurz daraufhin klopfte das Zimmerservice an unserer Tür und ich machte auf. Ein Kellner schob einen riesigen Wagen mit Wein und Gläsern herein. Darauf standen wieder Rosen. Auch der Kellner wünschte uns noch sehr viel Spaß heute Nacht und grinste uns komisch an. Nach zwei Flaschen Wein und einigen Gin Tonics waren wir ziemlich hacke und lagen todmüde im Bett. In diesem Moment dachte ich mir nur, wie froh ich darüber war, dass ich neben meiner besten Freundin lag, die sich keinen Sex mehr von mir erwartete. Darum musste ich auch keine Schuldgefühle haben, dass ich zu müde für irgendetwas war und konnte betrunken und zufrieden einschlafen. Der perfekte Valentinstag eben.

Bereits 8 Stunden später ging es mit dem nächsten Essen weiter. Der Brunch gehört für uns jedes Jahr wieder zu den absoluten Highlights unseres Romantik-Urlaubes. Manche Frauen trugen zum Brunch rote Kleider oder Sachen mit Herzen und Rosen darauf. Einen Klavierspieler gab es dieses Jahr auch, seine schwerfälligen und dramatischen Klavierstücke machten mich aber ganz schön fertig. Für mich war „Fix You" von Coldplay oder Bruno Mars Gesülze in der Früh einfach zu harte Kost—generell erinnerten die Songs eher an Post-Break-up-Songs und Liebeskummer als an Valentinstag.

Zum Abschluss hat sich noch ein Paar beim Frühstück verlobt und wir haben uns versprochen, auch die nächsten 5 Valentinstage gemeinsam zu verbringen. Wieder in Wien angekommen, legte ich mich neben meinen Freund ins Bett und war ziemlich froh, dass wir uns keine Rosen, teure Dinner oder Pralinen geschenkt hatten, uns dafür aber respektierten und noch etwas zu sagen hatten. Als ich mein Wochenende und meinen Kater Revue passieren ließ, ging mir nämlich immer wieder der Gedanken durch den Kopf, dass man den ganzen belanglosen Kitsch erst braucht, wenn da sonst nichts mehr ist.

Eva auf Twitter