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DIE SCHNITZEL UND STRUDEL AUSGABE

Südtirol, Interzone

Zwischen Italien und Österreich ist eine ganze Provinz auf der Suche nach ihrer Identität.
06 Mai 2014, 1:17pm

Foto von Andreas Bertagnoll

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 gingen in Südtirol 37 Bomben hoch. Sie sprengten 37 Hochspannungsmasten und ein Mussolini-Denkmal in der Provinz Bozen, legten die Stromversorgung in großen Teilen der Region lahm und sollten in der Nacht der Herz-Jesu-Feuer auf die Unterdrückung der Deutschitaliener im eigenen Land aufmerksam machen. Seither hat sich an der Situation nichts Wesentliches verbessert—zumindest nicht, wenn man einige Südtiroler fragt. Das Tirolerland im Norden Italiens bleibt von seinem unliebsamen Unterdrücker der faschistischen Ära annektiert.

Umso verwunderlicher ist es, wie still es seit jenem 11. Juni 1961 in Südtirol geworden ist. Das einzige Ventil der Südtiroler sind heute ihre Traditionen und Volksfeste, über die gelegentlich Dampf in unbedenklicher, allgemeinverträglicher Form abgelassen wird. „Der Heimatbegriff spielt im kollektiven Gedächtnis noch immer eine zentrale Rolle", sagt Martin Santner, Chefredakteur des Südtiroler Exil-Kulturmagazins 39NULL. „Die inoffizielle Hymne ‚Dem Land Tirol die ewige Treue' wird auch heute noch lautstark von den Jungen mitgesungen." Der alte Blasmusikmarsch wird in seinen zahlreichen Neuinterpretationen „nicht nur auf Schützenfesten, sondern auch in Diskotheken auf und ab gespielt", sagt Martin Santner.

Eine modernere Form der eingeschworenen Heimatverbundenheit bietet die Südtiroler Rockband Frei.Wild, die in ihren Songs auf den althergebrachten Blut-und-Boden-Kult schwört, aber gleichzeitig den Nerv vieler trifft, die sich selbst nicht als radikal oder auch nur rechts verstehen. Dabei geht es nicht um historische (oder politische) Korrektheit, sondern um das gelebte Gemeinschaftsgefühl. „Wenn es um die Geschichte Südtirols geht, habe ich über die Zeit den Eindruck bekommen, dass historische Fakten häufig nur eine untergeordnete Rolle spielen", sagt Silvia Weitlaner, die sich als Sozialanthropologin in ihrer Diplomarbeit mit Südtirol beschäftigt hat. „In der Essenz geht es darum, dass Andreas Hofer nach wie vor der Größte ist, Österreich uns wiederholt verraten hat—von Hofer über Hitler bis heute—und die Zeit des Faschismus der Beginn eines düsteren Zeitalters der Unterjochung war, das in gewisser Weise bis heute anhält."

Foto von Andreas Bertagnoll

Wie so oft in Europa führt die Frustration über das System zu einem Wählerzuwachs für die Rechten—was verwunderlich ist, weil die autonome Provinz noch nie von links regiert wurde. Die stärkste Kraft hier ist seit jeher die Südtiroler Volkspartei, die sich als Protektoratspartei der Bauern—inklusive entsprechender Steuerpolitik—und Sammelbecken aller nicht italienischsprachigen Wähler inszeniert. Die SVP tritt in der „Südtirol-Frage" für eine Vollautonomie ein, die rechts von ihr stehenden Freiheitlichen wollen einen Freistaat und die davon abgespaltene Süd-Tiroler Freiheit plädiert sogar für eine Rückführung zu Österreich.

Nur 5 von 35 Sitzen im Südtiroler Landtag entfallen auf Parteien links vom rechten Spektrum. Fragen um Tradition, Sprache und Identität sind auch in Südtirol klassischerweise von rechts gepachtet. Was die Rechte in Südtirol aber einzigartig macht, ist ihre Opposition zum Faschismus, was seine Ursache in einer Abstimmung von 1939 hat, die seither als „Option" zum Sinnbild der Doppelmoral wurde. Dabei mussten Bewohner zwischen einer Auswanderung nach Nazi-Deutschland und einem Verbleib in ihrem Heimatgebiet wählen. Während den Auswanderern also der Verlust ihres Grundes bevorstand, mussten die „Dableiber" die komplette Aufgabe ihrer Kultur und Sprache im Zuge einer umfassenden Italianisierung befürchten.

Die Option war nicht weniger als der Versuch, die deutschsprachigen Einwohner der Provinz zu einer Entscheidung zwischen mentaler und materieller Heimat zu zwingen—zwei Dinge, die paradoxerweise ausgerechnet in der Mythologie beider faschistischen Diktaturen untrennbar miteinander verbunden waren. Rund 75.000 Menschen wanderten bis Kriegsende aus. Danach stoppte der Migrationsstrom—und mit ihm auch jede Auseinandersetzung mit der Südtirol-Frage. Auch das kurze Aufflammen der Thematik rund um die Feuernacht 1961 hatte nicht den gewünschten PR-Effekt für die Anliegen der Deutschitaliener, im Gegenteil rückte es den Unabhängigkeitskampf in die Terror-Ecke und konditionierte die Südtiroler endgültig aufs Kuschen.

Foto von Andreas Bertagnoll

Eine der wenigen jungen und lauten Stimmen, die öffentlich bereit sind, über ihren „Regionalismus" zu reden, ist Matthias Christoph: „Ich persönlich möchte, dass Südtirol wieder an Österreich annektiert wird und wir wieder mit den anderen Teilen Tirols vereint werden, da das die einzig richtige und auch realistisch durchführbare Zukunft für uns sein sollte. Meiner Meinung nach sind alle deutschsprachigen Südtiroler auch Österreicher, auch wenn viele das leugnen oder vehement verneinen." Sein Facebook-Bild zeigt ihn mit volltätowierten Armen, Trachtenhemd und Tirolerfahne—sowohl traditionelle als auch moderne Aspekte in sich vereinigend.

Die Gräben zwischen den Kulturen sind so groß, dass es eine Quotenregelung für öffentlichen Ämter braucht: das sogenannte „ethnische Proporzsystem", das festlegt, dass von zehn Stellen sieben an deutschsprachige, zwei an italienischsprachige und eine an ladinische Bewohner vergeben werden müssen (wobei Ladiner als rätoromanische Minderheit unter den Minderheiten immer die eigentlichen Verlierer jeglicher Auseinandersetzung mit Südtirol sind). Kontakt unter den einzelnen Gruppen ergibt sich da nur schwer. „Auf unserem Schulgelände waren zwar verschiedensprachige Schulen untergebracht, aber sie alle waren durch einen Zaun voneinander getrennt", erinnert sich Martin Santner von 39NULL. „Ich vermute dahinter eine absichtliche Trennungspolitik." Überhaupt scheint Trennung das Leitmotiv Südtirols zu sein—von Sprachen, Schulen oder Volksgruppen.

Silvia Weitlaner spricht von einem „faktischen Vorhandensein von Parallelgesellschaften". Damit kommt der Separatismus zunehmend in der Mitte der Gesellschaft an. „Meine Mutter ist im Tourismus tätig und war immer unpolitisch", erzählt eine andere junge Südtirolerin. „Aber seit der Wirtschaftskrise sagt auch sie, dass wir Südtiroler nicht mehr länger für die Fehler von ‚denen dort unten in Rom' geradestehen sollten." Der Kochtopf bleibt also unter Hochdruck—und die Region, die für Außenstehende ein Niemandsland und für Bewohner das Allesland ist, bleibt eine Interzone zwischen den Welten.

Anlässlich der Herz-Jesu-Feier war VICE in Südtirol und hat der Thematik eine ausführliche Videoreportage gewidmet. Das Ergebnis gibt es Anfang 2015 hier zu sehen.

Markus auf Twitter: @wurstzombie