Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Stuff

Wie Bart Simpson zur Hip-Hop-Ikone geworden ist

Wir haben mit dem Typen gesprochen, der Experte für nachgemachte Simpsons-Shirts und „Bootleg-Bart“ ist.

von Dave Schilling
02 Oktober 2014, 10:40am

Die Simpsons ist eine kulturelle Institution. Die Fernsehserie lässt erwachsene Menschen den Verstand verlieren, nur weil eine Figur vielleicht sterben wird—eine Comic-Figur wohlgemerkt. Aber damals in den frühen 90er-Jahren, als die ganze Sache noch etwas Neues war, musste sich die Familie Simpson ihren Platz im Kulturlexikon erst noch erarbeiten. Der erste Popularitätsschub kam, als die Öffentlichkeit von einem ungezogen, vorlauten, bissigen und skateboardfahrenden Jungen in seinen Bann gezogen wurde—Bart Simpson.

Bart Simpson-Fanartikel waren schneller wieder ausverkauft, als man sie in die Regale räumen konnte. Diese extrem hohe Nachfrage führte zu Schwarzmarkt-Unternehmern, die sogenannte „Bootleg Bart“-Shirts vertrieben. Auf diesen nicht lizensierten T-Shirts sind Bart und andere Simpsons-Charaktere in verschiedenen, teilweise sehr bizarren Situationen zu sehen. Zum Beispiel spielt Bart dort für die Chicago Bulls, besiegt im Alleingang die irakische Armee, raucht eine riesige Menge Gras oder wird vom Hinterteil einer fettleibigen Frau zerquetscht. Wenn du mit den ersten Staffeln der Simpsons aufgewachsen bist, dann stehen die Chancen hoch, dass du mal eines dieser eigentlich verbotenen Kleidungsstücke besessen hast. Wahrscheinlich hast du aber auch die meisten dieser Shirts schon verschenkt oder sie sind total zerschlissen. 

Alteingesessene Fans der Serie haben Glück: „Leo“, ein mysteriöser Mann aus dem Vereinigten Königreich, sammelt „Bootleg Bart“-Shirts und dokumentiert alle ausgefallenen Motive in mehreren sozialen Netzwerken. Sein Ziel ist es, so viele nicht lizensierte Bart Simpsons-Shirts wie möglich zu sammeln und die Leute darüber aufzuklären, welche ethnischen Probleme es mit sich bringt, wenn man Bart Simpson als Schwarzen darstellt. Als mich ein weiterer Anfall von Simpsons-Manie überkam, habe ich mit „Leo“ gesprochen. 

VICE: Wieso hast du damit angefangen, Bart-Shirts zu sammeln und wann hast du dich dazu entschieden, damit online zu gehen?
Leo: 1990 war ich sieben Jahre alt und habe Die Simpsons geliebt—wie eben die meisten Kinder damals. Neben den Bart-Shirts besaß ich noch viele Roger Rabbit-Klamotten, die mir meine Mutter immer vom Markt mitbrachte. Die fand ich total witzig, weil die Farben überhaupt nicht gepasst haben. Ich erinnere mich daran, wie ich damals auf dem Western International Market die Bart Marley-Shirts entdeckt habe. 

2003 habe ich mir dann aus Spaß ein paar „Bootleg Bart“-Shirts besorgt. Immer wenn Freunde oder Familienmitglieder in den Urlaub fuhren und mich fragten, ob sie mir etwas mitbringen sollten, habe ich immer nach einem „Bootleg Bart“-Shirt gefragt. Mir wurden dann die sozialen Netzwerke gezeigt und ich dachte mir, dass es ganz cool wäre, meine eigene kleine Seite zu haben, auf der ich meine Shirts und andere nicht lizensierte Simpsons-Bilder mit der Welt teile. Ich wollte einen Ort schaffen, wo die Leute in Erinnerungen schwelgen, lachen und sich an eine Zeit zurückerinnern können, in der die Serie noch etwas ganz Neues war. An dieser Stelle muss ich die Flickr-Gemeinschaft „Growing Up Star Wars“ erwähnen. Die war meine Inspiration und ihr solltet mal reinklicken. 

Wie viele „Bootleg Bart“-Shirts besitzt du?
Viele der Shirts auf meinem Instagram-Account sind von den Abonnenten. Das ist ja auch eine gemeinschaftliche Seite, jeder kann etwas dazu beitragen. Meine Sammlung verändert sich ständig, denn ich verkaufe immer mal wieder welche. Als ich das letzte Mal nachgezählt habe, waren es aber um die 60 Shirts. Es werden jedoch noch mehr und mein Traum ist es, eine Wanderausstellung mit „pädagogischem Wert“ zu organisieren. 

Du veröffentlichst auch ein Buch. Was erwartet uns da?
An diesem Buch arbeite ich jetzt schon seit Jahren. Jetzt habe ich mich mit jemandem zusammengeschlossen, damit endlich alles klappt. Ich wünschte, ich könnte euch hier jetzt mehr erzählen. Für Updates geht ihr am besten auf bootlegbart.com

Hast du jemals mit 20th Century Fox oder mit den Simpsons-Machern über deine Seite gesprochen?
Nein, ich persönlich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie da der Kontakt zustande kommen sollte. Das wäre jedoch super. Wie toll wäre es, ihren Segen zu bekommen? Ich weiß, dass Matt Groening nicht lizensierte Shirts sammelt. Ich erinnere mich an eine alte Dokumentation, in der er einen Teil seiner Sammlung zeigt.

Hat Fox jemals versucht, den Verkauf von „Bootleg Bart“-Shirts zu stoppen? Das erscheint mir fast unmöglich, weil es einfach so viele verschiedene Motive gibt. 
Ja, damals hat Fox solche Shirts erfolgreich beschlagnahmen lassen. Dabei handelte es sich meistens um Fälschungen—also Shirts, die als offizieller Merchandise durchgehen sollten. Auch wurden einige Shirts aus dem Verkehr gezogen, weil sie Bart als Nazi zeigten. 

Auf vielen „Bootleg Bart“-Shirts ist Bart schwarz. Er wurde als Symbol für den Widerstand gegen Apartheid, für die Rasta-Kultur und für HipHop verwendet. Hat das einfach gerade so in diese Zeit gepasst oder hat der Charakter Bart Simpson etwas an sich, das zu so etwas anregt?
Mit sieben Jahren hatte ich keine Ahnung, was das Wort „Rasse“ überhaupt bedeutet. Ich habe nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, warum die Simpsons gelb sind. Aber ja, Bart hatte schon immer richtig Style. Schau dir doch nur mal seine Frisur und seine Hits mit Michael Jackson und Jazzy Jeff an. Damals war er immer am Puls der Zeit. 

Wenn ich älteren Menschen „Bootleg Bart“-Shirts zeige, fühlen sie sich manchmal richtig angegriffen, vor allem von den Shirts mit Bart als Schwarzem. Ich rede vor allem von dem Motiv, das Bart als Rastafari mit großen, roten Lippen darstellt—ähnlich wie auf älteren rassistischen Karikaturen. 
Auf jeden Fall. Es gibt ein paar echt anstößige Bart-Shirts. Das schlimmste, das ich je gesehen habe, bezieht sich auf den Golfkrieg: Bart steckt einem Typen eine Pistole in den Mund und sagt ‚How much is the price of oil now, raghead?‘ (Wie viel kostet das Öl jetzt, du Kameltreiber?). Deshalb sind das Buch und die Ausstellung meiner Meinung nach so wichtig. Damit können wir die politischen Hintergründe der damaligen Zeit erklären und das Ganze ins rechte Licht rücken. 

Wenn jemand einen schwarzen Bart auf einem Shirt sieht und den Kontext nicht kennt, dann könnte das schon rassistisch rüberkommen. Wenn man sich aber mit der Thematik auskennt, dann versteht man es auch. Aber stimmt schon, es gibt echt kranke „Bootleg Bart“-Shirts. Ich bekomme die ganze Zeit Nachrichten, in denen ich als Arschloch beschimpft werde, weil ich diese Motive poste.

Wo wir gerade vom Golfkrieg reden … Bart wurde oft als riesiger, muskulöser und bewaffneter Soldat dargestellt. Was ziemlich seltsam ist, er ist ja schließlich noch ein Kind. 
Ja, Bart wurde während des Golfkriegs oft zu Propaganda-Zwecken verwendet. Wäre Die Simpsons damals nicht so durch die Decke gegangen, dann hätten bestimmt andere Cartoon-Charaktere seinen Platz eingenommen. Vielleicht die Ninja-Turtles?

Die Show gibt es jetzt schon lange genug, um mehr als nur ein schnelllebiger Trend der Popkultur zu sein. Am Anfang war Bart wohl noch der beliebteste Charakter, aber inzwischen scheint das Homer zu sein. Warum hat Bart seinen Platz an der Spitze räumen müssen?
Ja, das stimmt. Ich finde es super, dass die Familie Simpson zusammen mit mir groß wurde. Jetzt ist die Show bei vielen Fans in Ungnade gefallen, weil sie nicht mehr so wie früher ist. Aber allein die Couch-Gags sind viel besser als alles andere, was sonst so im Fernsehen läuft. Du musst dir jetzt nicht die ganze Folge anschauen … aber ehrlich, gib dir diese Couch-Gags.

Über Homers Beliebtheit weiß ich jetzt nicht so genau Bescheid. Ich denke, dass das vielleicht am Drehbuch liegt. Bart ist heutzutage irgendwie ziemlich nervig.

Hast du ein Lieblings-„Bootleg Bart“-Shirt?
Puh, das ist echt schwer. Ich besitze eins, auf dem Bart zusammen mit Nelson Mandela vor einer Afrika-Landkarte steht und ‚The dude’s my hero‘ (Der Typ ist mein Held) sagt. Das mag ich sehr. Ich stehe auch total auf die Hawaii-Shirts, auf denen die Simpsons als leuchtend grüne Geckos dargestellt werden. Und schließlich finde ich dieses Motiv-Crossover aus Bel Biv Devoe, LL Cool J und Betty Boop richtig stark—darauf starrt Bart auf Betty Boops Arsch.