Der neuseeländische „Mighty Mongrel Mob“ im Porträt

FYI.

This story is over 5 years old.

Foto

Der neuseeländische „Mighty Mongrel Mob“ im Porträt

Wir haben uns mit dem Fotografen Jono Rotman unterhalten, der acht Jahre lang hinter die Kulissen der größten Gang Neuseelands blicken durfte und dabei beeindruckende Porträtfotos geschossen hat.
30.5.15

Shano Rogue, 2010 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

In den 60er Jahren gründeten mehrere unzufriedene und wütende Jugendliche im neuseeländischen Hawkes Bay eine Gang. Sie fuhren zwar keine Harleys oder andere schwere Maschinen, aber ihr Auftreten und ihr Aussehen erinnerte dank den Patches, den Gang-Farben und den brutalen Einführungsritualen schnell an einen Motorrad-Club. Sie gaben sich den Namen Mighty Mongrel Mob und sind heute mit 30 Chapters die größte Gang Neuseelands.

Anzeige

Den Medien wird nur selten ein Blick hinter die Kulissen des Mobs gewährt und genau deswegen ist die Fotoreihe von Jono Rotman so besonders. Rotman ist ein in Neuseeland geborener Fotograf, der sich seit 2007 mit dem Gang-Leben beschäftigt. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, wie er die beinharten Mob-Mitglieder davon überzeugt hat, sich im Großformat ablichten zu lassen, und was er aus der ganzen Erfahrung lernen konnte.

Notorious Snapshot #24, 2014 (Chromogen-Foto, 1,8 auf 2,3 Meter)

VICE: Hey Jono. Wie hast du den Kontakt zu diesen Typen hergestellt und sie dann von deinem Projekt überzeugt?
Jono Rotman: Ich habe mich zuerst mit der neuseeländischen Polizei in Verbindung gesetzt und so die Telefonnummern von den Leuten bekommen, die zwischen der Gang und den Beamten vermitteln. Auf diesem Weg bin ich mit dem Mighty Mongrel Mob in Kontakt gekommen und habe den Mitgliedern mein Vorhaben erklärt: Ich wollte nicht „ihre Geschichte erzählen" oder so, sondern kriegerische Porträts von ihnen machen—denn diese Typen haben sich ganz ihrer Überzeugung verschrieben und auch schon richtige Schlachten ausgetragen. Je mehr sie schließlich von meiner Ehrlichkeit überzeugt waren, desto mehr wurde ihnen auch klar, dass ich hier etwas Komplexeres als nur eine kulturelle Postkarte kreieren wollte. In der Gang herrscht eine strenge Hierarchie: Als dann von oben das OK kam, waren die niedriger gestellten Mitglieder sofort dabei.

Hattest du bei der ganzen Sache auch ein wenig Schiss?
Natürlich. Ich meine, der Mob hat eine blutige Vergangenheit und in Neuseeland gibt es nur wenige Waffen—diese Typen verdienen sich ihren Respekt also wortwörtlich mit vollem Körpereinsatz. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass sie nicht lange fackeln. Sowohl ihnen als auch mir war irgendwie klar, dass sie mich töten würden, falls ich sie verarschen oder Scheiße bauen sollte.

Denimz Rogue, 2008 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

Erzähl mir doch ein wenig vom ersten Mob-Porträt, das du gemacht hast.
Mein erstes Fotomotiv war Denimz, der Typ mit den Hunde-Tattoos im Gesicht. Er wohnt zusammen mit seiner Familie in einem hübschen Haus und ist im Allgemeinen ein sehr ordentlicher Typ. Wenn die Gang-Mitglieder älter werden, verändert sich meiner Meinung nach auch ihre Einstellung: Dann geht es ihnen weniger um den Revierkampf, sondern mehr um das Wohlbefinden ihres Umfelds. Als ich Denimz kennenlernte, wollte ich so direkt sein wie möglich. Deshalb habe ich ihm einfach gesagt, was ich machen will, und er hat mir daraufhin gesagt, was er nicht machen will.

Sean Wellington and Sons, 2009 (Chromogen-Foto, 1,5 auf 1,2 Meter)

Wie ist der Rest des Mighty Mongrel Mobs so drauf?
Das sind vielschichtige, vom Leben gezeichnete Typen mit viel Charakter. Ich bin jetzt schon ziemlich lange Fotograf und habe auch schon einen Haufen berühmter und hochgelobter Leute getroffen, aber die Mobster habe ich irgendwie immer als beeindruckendere Menschen empfunden. Inzwischen haben sich ungefähr 200 Porträtfotos angesammelt und eigentlich gab es während des ganzen Prozesses keine negativen Zwischenfälle—vielleicht mit Ausnahme von ein paar Startschwierigkeiten.

Bung-Eye Notorious, 2008 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

Hast du bei der ganzen Geschichte auch einmal etwas richtig Heftiges erlebt?
Ich war mit dem Mob im Zuge eines sogenannten Memorial Runs unterwegs. Dabei handelt es sich im Grunde um einen Roadtrip zu Ehren ihrer verstorbenen Kollegen. Wir fuhren mit unserer Autokolonne dabei auch durch eine Stadt, in der die „Black Power"-Gang—also Rivalen—das Sagen hatten.

Als wir schon fast wieder aus der Stadt draußen waren, tauchte plötzlich ein halbes Dutzend Black-Power-Mitglieder auf und sie waren mit Ziegelsteinen und Baseballschlägern bewaffnet. Sie haben dann angefangen, auf unsere Autos einzudreschen. Daraus entwickelte sich mitten auf der Hauptstraße schließlich eine richtige Massenschlägerei. Zum Glück schritt letztendlich der Mob-Chef ein und beendete die ganze Sache, denn sonst wäre das für die Black-Power-Leute echt übel ausgegangen—sie waren ja in der Unterzahl.

Greco Notorious South Island, 2008 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

Was hast du aus den acht Jahren mit dem Mighty Mongrel Mob gelernt?
Ich sehe Neuseeland jetzt mit anderen Augen. Einige der Typen stammen aus richtig armen und schwierigen Verhältnissen—das hat mir dabei geholfen, mein Land besser zu verstehen. Man tritt ja schließlich keiner Gang bei, weil man auf eine gute Schule gehen kann und so weiter.

Als Künstler interessieren mich vor allem verschiedene Perspektiven des Menschseins. Gangs repräsentieren dabei für mich einen inneren Antrieb, der bis an die Grenzen ausgereizt wird. Diese Typen haben so etwas Reines an sich. Und genau solche Dinge will ich erforschen. Es ehrt mich, wenn ich von Menschen akzeptiert werde, die komplett anders aufgewachsen sind als ich. Auch hat mir das Ganze einen Einblick in das gegeben, was Neuseeland zu dem Land gemacht hat, das es heute ist. Diese Menschen haben bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt.

Anzeige

Das Interview führte Julian Morgans.

Aaron Rogue, 2009 (Chromogen-Foto, 1,5 auf 1,2 Meter)

Toots King Country, 2009 (Chromogen-Foto, 1,5 auf 1,2 Meter)

Breeze Notorious, 2008 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

Zap Notorious, 2008 (Chromogen-Foto, 1,9 auf 1,5 Meter)

Denimz’ Collage #3, 2014 (Chromogen-Foto, 1,8 auf 2,3 Meter)