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Popkultur

Ich habe in einem Monat an über 1.000 Gewinnspielen teilgenommen und das habe ich gewonnen

Ich wollte es einer Profi-Gewinnspielerin gleichtun, die behauptet, ein ganzes Jahresgehalt damit zu verdienen.

von Sam Tahmassebi
23 August 2015, 4:18am

Es ist Samstagmorgen und ich bin elf Jahre alt. Ich laufe Richtung Küche, um mir dort eine große Portion Cornflakes zum Frühstück reinzuziehen. Ich schalte den Fernseher an. Irgendein Junge namens Greg hat soeben eine Hitachi-Stereoanlage gewonnen, die sogar mit eingebautem MiniDisc-Player daherkommt. Die beiden Moderatoren lächeln um die Wette und auch die Mutter des ausgesprochenen Glückspilzes kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus.

Ich denke mir: "Warum sind es immer irgendwelche Gregs, die coole Stereoanlagen gewinnen, und nicht ich?"

Mehr als zehn Jahre später glaube ich die Antwort auf diese knifflige Frage zu kennen: Ich habe einfach noch nie an einem Gewinnspiel teilgenommen. Darum beschloss ich auch, das umgehend zu ändern. Ich bin zu Google und "Teilnahme Gewinnspiel" eingegeben. Unter all den Suchergebnissen fiel mir besonders ein Artikel über eine Frau namens Di Coke ins Auge. Di Coke ist 40 Jahre alt und nennt sich selbst "comper", also jemand, der an so vielen Gewinnspielen wie möglich teilnimmt. Nach eigener Aussage kommt sie auf überwältigende 400 Gewinnspielteilnahmen pro Woche und behauptet, Jahr für Jahr Preise in Höhe von mindestens 15.000 Pfund abzusahnen. Das kann ich auch, dachte ich mir. Also habe ich einen Monat lang wie ein Irrer an Gewinnspielen teilgenommen und wollte dabei mindestens 1.250 Pfund (15.000 geteilt durch 12, verstehste?) gewinnen.

WOCHE 1

Da ich nicht frei von masochistischen Persönlichkeitszügen bin, verbringe ich die meiste Zeit meines Tages auf Arbeit. Deswegen kam Vollzeit-"Compen" für mich leider nicht in Frage. Was ich aber stattdessen machen konnte, war, verdammt-ist-das-scheiße-früh aufzustehen und zu einem nahegelegenen Café zu radeln. Dort angekommen registrierte ich mich bei unzähligen Gewinnspielseiten, die zweifellos meinen E-Mail-Eingang sowas von verstopfen würden. Glücklicherweise kam mir noch der Geistesblitz, eine neue E-Mail-Adresse einzurichten. Und weil ich ein Freund positiven Denkens bin, war für mich klar, dass meine neue E-Mail-Adresse nur so lauten dürfte:

"Sam wird gewinnen" war mein Mantra, das ich mir vor jedem Gewinnspiel gewissenhaft vorsprach, was meine Gewinnchancen jedes Mal um ein Prozent erhöhen würde.

PrizeBug ist eine Website, die Gewinnspiele von verschiedenen Seiten zusammenträgt. Klickt man dort auf einen Link, wird man auf die Seite des Gewinnspiels weitergeleitet. Daneben öffnen sich natürlich auch noch 400 Pop-ups. Ich bin nicht gerade wählerisch, also wollte ich einfach alles gewinnen: iPhones, iPads, die PS4, einen Urlaub in New York, einen Fiat 500 (warum bitte nicht?) und sogar einen Autostaubsauger. Nicht dass ich ein Auto besitzen würde, aber das kann sich eines Tages ja noch ändern. Außerdem ist es doch ohnehin gut, so viel wie möglich zu besitzen, oder?

Nachdem ich meine ersten Kontaktdaten eingegeben hatte, musste ich feststellen, dass bei manchen Seiten nach hinten raus Gebühren anfallen könnten. Also machte ich es nicht wie bei den Apple-Geschäftsbedingungen und las mir die hier tatsächlich mal durch.

Nach meiner ersten Session kam ich auf 58 Gewinnspiele. Da war es noch nicht mal neun Uhr. Bei der Arbeit angekommen ging ich meinen üblichen Aufgaben nach, musste aber feststellen, dass ich null konzentriert war. Ständig tauchten irgendwelche Bilder vor meinem geistigen Auge auf: Ich sah große Pakete, die mir von einem freudestrahlenden Postboten zugestellt wurden; ich sah mich auf eBay, wo ich versuchte, irgendwelche Ramschgeschenke zu verhökern; ich sah mich bei der Post hinter einem profus schwitzenden Typen in der Warteschlange stehen, wo ich eines dieser Ramschgeschenke aufgeben wollte; ich sah mich auf Reisen in ferne Länder – wo ich auf alle Fälle einen fetten Hitzeausschlag bekommen würde; ich sah mich mit meinem Autostaubsauger jubelnd durch die Wohnung rennen. Ich sah so viel – und arbeitete so wenig.

Ich war mir auf jeden Fall sicher: Meine E-Mails zu checken, würde bald zu einer freudigen Angelegenheit werden. Wenn ich jetzt auf den Refresh-Button klicken würde, müsste ich an erster Stelle nicht mehr zwei automatisierte Leider-haben-wir-uns-für-einen-anderen-Bewerber-Nachrichten lesen. Schon bald würde da nämlich stehen: "Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Auto" (oder ein Haufen Spam-Nachrichten, die mir dringend eine Penisverlängerung ans Herz legen).

Am Ende der Woche kam ich auf stolze 347 Gewinnspielteilnahmen. Schon bald würde ich mich mit den Profis messen können.

WOCHE 2

Bisher noch nichts gewonnen. Hmpf. Nur ein paar E-Mails, die mich offensichtlich bei der Stange halten wollten mit Pseudo-Glückwünschen à la "Gratuliere, du bist in der nächsten Runde unserer Auslosung, samisgoingtowin@gmail.com!"

Würde ich am Ende all meine persönlichen Daten für nichts und wieder nichts rausgeben, nur damit undurchsichtige Werbeunternehmen sie an Firmen verkaufen könnten, die meinem Posteingang mit ihren speziell auf mich zugeschnittenen Werbeangeboten den Gnadenschuss verpassen würden? Ist die Welt wirklich so ungerecht?


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Dann stieß ich auf ThePrizeFinder. Auch hier waren unzählige Gewinnspiele von unterschiedlichen Seiten aufgelistet. Auch hier konnte man durch Klicken 500 Pop-ups auf einmal auslösen. Doch davon ließ ich mich nicht unterkriegen. Mit meinen ausgewiesenen Shortcut-Skills schloss ich alle unnützen Seiten und machte mich wieder an die Arbeit.

Zwei Wochen und 500 Gewinnspiele später wurde mein Enthusiasmus neu entfacht. Ich hatte soeben einen ersten Jackpot an Land gezogen: ein Schokoriegel, den bestimmt irgendein armer Praktikant einpacken und zur Post bringen musste.

WOCHE 3

Da ich nach einer Woche gerade mal einen angeschmolzenen Schokoriegel mein Eigen nennen konnte, war mir klar, dass es an der Zeit war, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Also kontaktierte ich erfahrene Comper, in der Hoffnung, dass sie mir weiterhelfen könnten. Praktischerweise gibt es bei MoneySavingExpert eigene Comper-Foren, wo sich die User regelmäßig über neue Gewinnspiele austauschen und sich bei Gewinnspielfragen gegenseitig helfen.

Ein User, der anonym bleiben wollte, erwies sich als besonders hilfreich. So schlug er mir vor, zuerst an Gewinnspielen teilzunehmen, die bald enden würden, und es daraufhin bei Spielen mit Sofortgewinnen zu probieren. Als Nächstes sollte ich mich an Gewinnspiele in den sozialen Medien machen, die häufig nur einen Tag geöffnet sind, und zu guter Letzt an Gewinnspielen teilnehmen, wo es tatsächlich auf bestimmte Fähigkeiten, die ich natürlich mitbringen sollte, ankommt.

Ein weiterer User, der seit einem Jahr an Hunderten von Gewinnspielen pro Monat teilnimmt (ich weiß, was ist schon ein Jahr ... aber ich hatte keine Wahl, ich brauchte verdammt noch mal Infos, auch wenn er eigentlich noch ein blutiger Anfänger war), erzählte mir, dass er jeden Tag drei Stunden für Gewinnspiele aufwenden würde, am Wochenende auch schon mal zehn. Das habe sich aber schon längst ausgezahlt, findet er. So habe er unter anderem eine Uhr von Accurist im Wert von 465 Dollar und ein von Motörhead handsigniertes Schlagzeugfell gewonnen. Na wenn das nichts ist.

Mitte der Woche steckte ich dann in einem tiefen Motivationsloch. Bis ich dann während der Mittagspause plötzlich einen Anruf bekam: "Hi, spreche ich mit Sam?", fragte mich eine Frauenstimme. Ich bestätigte atemlos und ahnte schon, dass mich jetzt das ganz große Los erwarten würde. "Du hast ein Ticket für einen Radio-Auftritt von The Darkness gewonnen!"

"Geile Scheiße!", rutschte es mir raus. Sie wollte dann noch meine E-Mail-Adresse wissen und wir haben zusammen gelacht. Und wie wir gelacht haben! Ich darüber, dass mir "samisgoingtowin" tatsächlich geholfen hatte und sie – so vermute ich zumindest – aus Freude, einen Menschen am Telefon zu haben, der eine noch traurigere Existenz als sie selbst zu führen schien.

Nach diesem Moment der Glückseligkeit war ich endlich wieder richtig heiß. Heiß auf noch mehr Gewinnspiele und auf noch mehr solcher Traumpreise!

WOCHE 4

The Darkness. Foto mit freundlicher Genehmigung von Bauer Media

Ich hatte schon seit Ewigkeiten kein Live-Konzert mehr besucht. Konzerte waren mittlerweile zu einer netten, wenn auch verdammt weit entfernten Erinnerung geworden. Fast so wie die Backstreet Boys und das Gefühl, beim Joggen nicht schon nach zwei Minuten stehen bleiben zu müssen. Ich muss leider eingestehen – und ja, ich habe vorher gewusst, dass mich dort Catsuits im Nadelstreifen-Look und endlose Gitarrensoli erwarten würden –, dass ich wirklich aufgeregt vor dem Live-Gig war.

Ein paar Tage später kam ich also bei dem Radiosender an und stieß dort auf Hardcore-Fans, die sich tatsächlich auf die Band freuten und das neue Album vorbestellt hatten. "SCHWINDLER!" hallte immer wieder durch meinen Kopf.

Leadsänger Hawkins – der schon einen Entzug wegen Alkohol- und Kokainsucht hinter sich hatte – war voller Selbstironie, was natürlich immer recht charmant rüberkommt. Und am Ende des Konzerts glaubte ich auch wieder an die Liebe (deren Song "I believe in a thing called love" wird euch ja hoffentlich ein Begriff sein), auch wenn die häufig genauso schnell wieder weg ist wie mein hart erspielter Schokoriegel.

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Obwohl ich fast einen Monat lang jede freie Minute für Gewinnspiele genutzt hatte, war ich noch immer nicht befriedigt. Klar, Schoko und Live-Musik sind eine feine Sache, aber ich wollte auch etwas gewinnen, das ich in Händen halten konnte (und das dabei nicht schmelzen würde). Wie zum Beispiel ein Auto. Ich wollte verdammt noch mal ein Auto gewinnen.

Die letzten Tage meines Testmonats rückten näher und ich wollte die Marke von 1.000 Gewinnspielen unbedingt noch erreichen. Ich würde nicht aufgeben. Ich konnte nicht aufgeben. Und dann änderte sich auf einmal alles.

Ich schaffte es, innerhalb von drei Minuten zwei Preise zu gewinnen. Eine Ausgabe des Jugendromans The Forgotten Sisters sowie ein Buch über eine Künstlerin, die die Südwestküste Englands entlanggewandert ist, A Brush with the Coast. Entschlossenheit, Durchhaltevermögen und eine positive Grundeinstellung haben mir am Ende doch noch zwei Preise beschert, die ich in meinen Händen halten, meinen Freunden zeigen und fotografisch festhalten konnte. Und dann in meinem Bücherregal vergessen, bis ich das nächste Mal umziehe.

Was habe ich also in dem Monat gelernt? A) Dass du nicht darauf hoffen kannst, von Online-Gewinnspielen zu leben, und B) dass Cafébesitzer ziemlich sauer werden, wenn du stundenlang in ihren Röststuben abhängst und an Gewinnspielen teilnimmst, ohne einen einzigen Kaffee zu bestellen.

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