Illustration: Ashley Goodall

"Unsere Bankkonten waren quasi leergeräumt" – Reisende berichten von den schlimmsten Abzocker-Maschen

"Als Nächstes erinnere ich mich nur noch daran, wie ich—umgeben von den Frauen—auf dem Boden der Bar aufwachte und es mir richtig dreckig ging."

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31 August 2016, 4:00am

Illustration: Ashley Goodall

Klar, Reisen kann uns viel Freude bereiten. Als Tourist—vor allem in der Variante mit um den Hals hängenden Kameras, offenen Mündern und unnötigen Fragen—bietest du jedoch auch viel Angriffsfläche für Abzocker- und Betrüger-Maschen.

Viele Tricksereien gehören fast schon dazu, wenn du dich als Urlauber im Ausland aufhältst. Ein Beispiel hierfür wären die angezogenen Preise an Souvenirständen oder im Taxi. Aber auch ausgeklügeltere Schwindel-Taktiken sind immer möglich. Und da es nur ganz selten funktioniert, den Gegenüber einfach so dazu zu bewegen, einen großen Batzen Geld locker zu machen, sind die besten dieser Schwindel-Taktiken unglaublich verschachtelt, kreativ und perfekt ausgeführt.

Ich finde solche Abzocker-Maschen durchaus faszinierend und habe deshalb mit mehreren Menschen darüber gesprochen, wie sie im Urlaub zum Opfer von Betrügern wurden. Ihre Geschichten schwanken dabei zwischen lehrreich, bedauernswert und manchmal auch lustig. Hoffentlich könnt ihr aus diesen Anekdoten etwas mitnehmen und seid nach dem Lesen besser darauf vorbereitet, wenn im Ausland das nächste Mal jemand eure Taschen leeren will.

Teure Schmetterlinge im Bauch

Ich reiste kreuz und quer durch Europa und entschied mich dazu, eine Weile in Paris zu bleiben. Also suchte ich im Internet nach einer Bleibe, fand irgendwann auch eine WG, die mir zusagte und kontaktiere die junge Frau hinter der Anzeige. Wir trafen uns und letztendlich hingen wir den ganzen Abend miteinander rum und der Alkohol floss in Strömen. Die Chemie stimmte und als sie mir noch einen coolen, kleinen Pariser Flohmarkt zeigte, war ich fast schon etwas verliebt.

Nachdem wir noch eine weitere Woche Nachrichten hin- und herschrieben, bekam mein Einzug grünes Licht. Ich überwies also die Kaution sowie die Miete für die erste Woche—alles in allem 1.000 Euro.

Am Tag des Umzugs stand ich dann mit meinen Siebensachen vor ihrer Haustür. Es war jedoch niemand zu Hause und meine neue Mitbewohnerin schrieb mir nur, dass sie erst später wieder zurückkommen würde—der Schlüssel befände sich aber im bekannten Versteck und ich solle mich schon mal häuslich einrichten. Ich konnte jedoch keinen Schlüssel finden. Meine Anrufe und Nachrichten blieben von da an ebenfalls unbeantwortet. Nach drei Stunden des Wartens klopfte ich schließlich bei den Nachbarn, die mir erzählten, dass die junge Frau schon vor drei Tagen in die USA gezogen war und die neuen Mieter die Wohnung schon bezogen hatten.

Ich ging daraufhin zu ihrer angeblichen Arbeit, wo natürlich niemand wusste, von wem ich da überhaupt sprach. Die junge Dame hatte mich wirklich von vorne bis hinten angelogen. Ich fand dann auch noch heraus, dass das Bankkonto, auf das ich das Geld überwiesen hatte, auf ihre Mutter lief. Ich versuchte zwar, die Mutter irgendwie ausfindig zu machen, aber leider alles vergebens. Und so landete ich letztendlich wieder auf der Couch meiner Tante. – Sulty

Zwielichtige Geschäftspartner mit zwielichtigen Paketen

Ich war 19 und noch richtig grün hinter den Ohren. Während meiner Reise durch den indischen Bundesstaat Goa lernte ich einen richtig netten Typen von dort kennen. Im Laufe der darauffolgenden Tage unternahmen wir viel und er stellte mich dabei auch seinem Boss vor, dem Besitzer eines Textilunternehmens. Und der hatte auch gleich einen Auftrag für mich.

Ich sollte ein Paket mit Schmuck an einen Typen in Sydney schicken. Die beiden meinten zu mir, dass die australische Einfuhrsteuer richtig teuer sei, aber wenn ich—also ein Australier—das Ganze mit der Post versendete, dann würden die Behörden den Inhalt des Pakets als mein Eigentum ansehen und auch keine Steuern darauf erheben. Der Schmuck war angeblich 10.000 Dollar wert und sie wollten 40 Prozent davon an mich abtreten.

Natürlich kam mir das Ganze schon etwas zwielichtig vor, aber da ich weder ein Handy noch Zugang zum Internet oder irgendjemanden zum Besprechen der Situation hatte, sagte ich zu.

Weil ich sichergehen wollte, dass sich in dem Paket keine Drogen oder ähnliche Dinge befinden, verpackte ich den Schmuck selbst und versicherte das Ganze dann für 10.000 Dollar. Nachdem ich die Ware aufgegeben hatte, meinten meine beiden "Geschäftspartner" zu mir, dass sie sich um mich kümmern würden, bis das Paket durch den Zoll gegangen ist. Und sie hielten ihr Wort: Ich bekam ein Hotelzimmer gestellt, musste nichts fürs Essen bezahlen und konnte mich sogar noch auf ihre Kosten betrinken.

Nach ein paar Tagen bekam ich dann einen Anruf von der Zollbehörde in Mumbai. Ein Beamter fragte mich, warum ich ein Paket voller Schmuck im Wert von 10.000 Dollar verschicken wollte, ohne eine Rechnung beizulegen. Ich geriet sofort in Panik und tat einfach so, als würde die Verbindung abreißen. Der Typ schrie mich daraufhin richtig an: "Wir wissen, was hier vor sich geht! Sie wollen illegalerweise Schmuck ausführen! Sie haben 24 Stunden Zeit, zu uns zu kommen und zu beweisen, dass sie für den Inhalt des Pakets bezahlt haben. Ansonsten werden wir ein Ausreiseverbot verhängen!"

Ich drehte richtig durch und sah mich in Gedanken schon im indischen Gefängnis sitzen. Der "Geschäftsführer" meinte, dass wir jetzt alle in der Scheiße säßen. Sie würden mir aber auf jeden Fall beistehen, weil für sie viel mehr auf dem Spiel stünde. Dann wies er mich an, mein gesamtes Geld auf ihr Konto zu überweisen, damit sie eine Rechnung fälschen könnten. Anschließend würden sie mir meine Kohle wieder zurücküberweisen. Ja, auch für mich klingt die ganze Sache inzwischen richtig bescheuert, aber damals in meiner Panik hielt ich diese Taktik noch für den einzigen Weg, der mich vor dem Knast bewahren konnte.

Dass ich nur 1.700 Dollar auf meinem Konto hatte, stimmte meine "Geschäftspartner" natürlich nicht gerade glücklich. Dennoch überwies ich ihnen den gesamten Betrag und versprach außerdem noch, zu Hause mehr Geld aufzutreiben. Es dauerte anschließend nicht mal fünf Stunden und ich hielt mein von ihnen gekauftes Rückflugticket nach Sydney in der Hand.

Nachdem ich in Australien gelandet war, googelte mein Bruder und meinte dann zu mir, dass man mich nach Strich und Faden verarscht hatte. Der Schmuck war quasi wertlos und der angebliche Beamte der Zollbehörde von Mumbai hatte mir ebenfalls nur Müll erzählt. So war ich mein ganzes Geld los, befand mich aber immerhin wieder zu Hause. – Jasper

Illustration: Ashley Goodall

Der nette Dieb

Vergangenen September reiste ich zusammen mit zwei Freunden für zehn Tage nach Tokio. Am zweiten Abend zogen wir durch die Gassen von Roppongi, wo wir auch einen dicken, heiteren Mann kennenlernten, der darauf bestand, uns mit in eine Bar zu nehmen. Zwar hatten wir schon den ganzen Abend lang genau solche Angebote dankend abgelehnt, aber wir dachten uns in diesem Fall, dass es doch auch nicht schaden könnte, zumindest einmal Ja zu sagen.

Also führte uns der Typ ganz enthusiastisch zu seinem Etablissement, wo bereits drei junge Frauen—sein Harem—auf uns warteten. Die weibliche Gesellschaft ignorierten wir gekonnt und sagten auch, dass wir nur ein Bier trinken und danach wieder abhauen würden. So füllte unser Gastgeber die Gläser und drängte uns in eine private Sitzecke.

Als Nächstes erinnere ich mich nur noch daran, wie ich—umgeben von den Frauen—auf dem Boden der Bar aufwachte und es mir richtig dreckig ging. Der Typ forderte mich schreiend dazu auf, für irgendetwas zu bezahlen. Völlig benebelt fragte ich nach einem Geldautomaten. Als er mich dann zu einem bringen wollte, nahm ich die Beine in die Hand, als ich den erstbesten Notausgang erblickte.

Am darauffolgenden Morgen wachte ich dann wieder mit dem Gesicht auf dem Boden auf—aber dieses Mal zumindest in unserer Unterkunft. Meine Freunde befanden sich in der gleichen körperlichen Verfassung. Man hatte uns irgendetwas ins Getränk gemischt und unsere Bankkonten waren quasi leergeräumt. Insgesamt gingen bei der ganzen Aktion 4.000 Dollar sowie eine Kamera im Wert von 5.000 Dollar flöten.

Was wir jedoch richtig komisch fanden, war die Tatsache, dass sich unsere Geldbeutel noch in unseren Taschen befanden. Der Typ muss sie sich gekrallt haben, als wir bewusstlos waren, und hat sie anschließend wieder zurückgesteckt. Und als wir bei unseren Banken anriefen, um den Zwischenfall zu melden, mussten wir erfahren, dass man mit unseren Karten mehrere Transaktionen durchgeführt hatte, anstatt nur eine große Summe abzubuchen. Diese beiden Faktoren erweckten im Zusammenspiel den Eindruck, als ob wir bei einer durchzechten Nacht einfach nur ein wenig über die Stränge geschlagen hatten. Deshalb weigerten sich die Banken auch, unser verlorenes Geld zurückzuerstatten. Ich finde es jedoch viel schlimmer, wohl niemals zu erfahren, was in dieser Nacht noch alles passiert ist. – Iain

Der spendable Retter in der Not

Als ich vor Kurzem in Mumbai unterwegs war, sprach mich ein Brite mit indischen Wurzeln an und erzählte mir davon, wie man ihn ausgeraubt und seinen Pass gestohlen hätte. Ihm fehlte ein Zahn und auch sein Gesicht war ziemlich lädiert. Deswegen nahm ich ihm die Geschichte direkt ab. Er meinte, dass ihm sein Bruder 500 Pfund per Western Union überweisen könnte. Die ganze Transaktion müsste jedoch über mich laufen, weil sein Pass ja weg war.

Das britische Konsulat hatte aufgrund eines indischen Feiertags nicht geöffnet und deshalb war es auch nicht möglich, einen neuen Pass zu beantragen. Nachdem wir noch ein wenig geredet hatten, willigte ich schließlich ein und ließ den Bruder das Geld auf meinen Namen überweisen. Anschließend machten wir uns auf die Suche nach einer geöffneten Western-Union-Filiale. Nach vier Stunden des Herumirrens war es dann inzwischen schon dunkel geworden und ohne Geld oder Pass ist man in Indien wirklich aufgeschmissen. Deshalb fühlte ich mich für den armen Typen sowie dessen Sicherheit auch irgendwie verantwortlich.

Er meinte irgendwann, dass seine beste Option wohl ein Taxi nach Delhi wäre, wo seine Familie wohnte. Da ich überzeugt davon war, dass ich bei Western Union 500 Pfund abholen könnte, hob ich 22.000 Rupien ab (umgerechnet ungefähr der gleiche Betrag), um dem Typen die Fahrt zu bezahlen.

Zweifel kamen mir während dieser ganzen Zeit nie. Ich meine, mein Gegenüber machte einen wirklich verzweifelten Eindruck und sein Bruder hatte ja angeblich auch das Geld an mich überwiesen. Als ich dann jedoch in mein Hotel zurückkehrte, googelte ich sicherheitshalber doch mal. Und siehe da, es sollte sich herausstellen, dass der Typ diese Abzocker-Masche schon seit Jahren durchzieht. – Daniel