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Wir haben unsere Schweizer Facebook-Freunde gefragt, wieso sie rechte Seiten liken

Und konnten so unsere Illusion vom Guten im Menschen zumindest ein bisschen aufrecht erhalten.
Foto: opposition24.de

Facebook ist wichtig dafür, um eine kleinere oder grössere Öffentlichkeit zu unterhalten, zu nerven oder zu informieren. Diese Erkenntnis hat sich hoffentlich nach deinem dritten öffentlichen Status à la „Bandenkrieg ist mein Leben!!!! Wer kommt spielen???? Wer kämpft gegen mich?!?! :D :D :d" in deinem Gehirn festgesetzt. Denn mittlerweile ist sie sogar beim Tante-Emma-Laden aus deinem Mini-Heimatdorf (und seinen drei Likes) angekommen.

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Doch nicht nur dein Post-Bandenkrieg-Ich und der Tante-Emma-Laden haben mitbekommen, dass man über Facebook viele Leute erreichen kann: Auch viele, die die offizielle Politik rechts überholen, sammeln mit fragwürdigen Memes und Status-Updates tonnenweise Likes und Shares.

Im Spiegel erschien am Montag ein Artikel, in dem die These vertreten wird, dass wir alle uns auf Facebook radikalisieren. Wir liken Seiten, die unsere Meinung stützen, haben Freunde, die unsere Meinung stützen und posten Dinge, die unsere Meinung stützen. So schaffen wir uns unsere eigene kleine Filterblase, in der nur existiert, was unserer Ansicht nach dort auch existieren soll.

Wir in der Redaktion glauben ja an das Gute im Menschen und rechnen damit, dass die Homo sapiens-Exemplare in unserem persönlichen Umfeld nie auf die Idee kommen würden, ihre kleine Facebook-Welt um hetzerische Rechtsaussen-Organisationen aufzubauen. Anlässlich der ersten genehmigten (und später verbotenen und dann doch wieder angekündigten) Kundgebung von Pegida Schweiz (mit unserem etwas merkwürdigen Freund Eric Weber) und dem von einem SVP-Politiker besuchten Stammtisch der rechtsextremen Identitären begaben wir uns auf eine Expedition in die Tiefen unserer Freundeslisten. Dort mussten wir feststellen: Sie tun es doch.

Da blieben uns nur zwei Möglichkeiten: 1. Wir verbannen diese Leute aus unserem Facebook-Freundeskreis, obwohl es gute Gründe dagegen gibt. 2. Wir finden heraus, wieso sie unbedingt unsere Illusion vom guten Menschen kaputt machen wollen.

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Wir haben uns für Möglichkeit 2 entschieden und bei den Rechtsaussen-Likern nachgehakt—mal zu unserer Erleichterung, mal zu unserem Bedauern.

Elias Douglas (liket „Die Identitären")

Ehrlich gesagt: Wir haben einmal ein Trinkspiel gespielt und ich musste eine Seite auf Facebook liken, mit der ich absolut nichts zu tun haben will. Aber ich finde es interessant, was für verblendete Volltrottel sich da rumtreiben und welchen Scheiss die da erzählen.

Foto: Marco Verch | Flickr | CC BY 2.0

Alexander C. Diem (liket „Pegida")

Was meine Sympathie für Pegida angeht, so sehe ich sie als den Anfang eines überfälligen Volksaufstands gegen die unsägliche Gutmenschen-Politik der Kanzlerin Merkel und ihren Helfershelfern in der Schweiz und der EU. Genauso wie auch in der Schweiz wird von der herrschenden politischen Klasse das Volk systematisch hintergangen und verraten. Hier kann sich das Volk immerhin mit Initiativen Gehör und Mitbestimmung verschaffen.

In Deutschland geht das halt nur mittels einem Volksaufstand wie Pegida. Ohne Gegenwehr hat sonst eben jedes Volk die sprichwörtliche Regierung, welche es auch verdient. Ansonsten bin ich natürlich für jeden Protest gegen volksfeindliche beziehungsweise linke Politik respektive entsprechende Politiker.

Foto: Metropolico.org | Flickr | CC BY 2.0

Philipp Schicker (liket „Pegida")

Ich sehe das mit dem „Gefällt mir" nicht so eng. Leider gibt es keine Möglichkeiten seitens Facebook, Gruppen mit „gefällt mir nicht" zu kennzeichnen und trotzdem den Status abonnieren zu können.

Wieso ich sie also like: In den Wirren des Internets mit all den Falschmeldungen und Behauptungen finde Ich es interessant, wie ein Ereignis interpretiert werden kann. Zum Beispiel habe ich die IDF (Israel Defense Forces) aber auch Free Palestine geliket. Oder Salafisten wie Pierre Vogel und Sven Lau—wie auch deren Gegner von „100.000 Stimmen gegen LIES!". Und natürlich auch die ganzen Verschwörungsfanatiker. Es geht auch um Unterhaltung und den Spass am Entsetzen. Es ist schliesslich unterhaltsam, wenn jemand erklärt, die CIA sei schuld an Ebola.

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Bei Pegida konkret ist sicherlich „Know your Enemy" ein Grund für den Like. Aber auch „Troll your Enemy". Über Facebook kommt man einfach besser an die Typen ran, man muss sie nicht im Zug ansprechen oder auf der Arbeit. Ausserdem ist die Hemmschwelle kleiner. Indem du sie trollst, mit Fakten konfrontierst und ihnen widersprichst, kannst du den ganzen Frust abbauen, den du bekommst, wenn du Leserkommentare oder Abstimmungsresultate ansiehst. Sie müssen merken und wissen, dass sie nicht unwidersprochen ihren Schwachsinn verbreiten können.

Dies sollten viel mehr Leute tun. Nicht unbedingt weil es etwas bringt, aber es setzt ein Zeichen. Also der Like ist nur technisch bedingt, damit ich den aktuellen Status der Gruppe kenne, um mich zu informiere, zu trollen oder zu widersprechen.

Max Sommer (liket „Pegida")

Ich stehe grundsätzlich nicht hinter dem Gedankengut von Pegida. Der Grund wieso ich die Seite dennoch geliked habe ist, dass jede Tendenz in Richtung „rechts" in unserer Gesellschaft enorm kritisiert wird. Meiner Meinung nach braucht eine Gesellschaft eine gesunde Balance zwischen „links" und „rechts", was momentan nicht der Fall zu sein scheint. Ich finde es sehr interessant, dass extrem rechte Ansichten aufs schärfste verurteilt werden, wohingegen extrem linke Ansichten kaum wahrgenommen werden.

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Titelbild: opposition24.de | Flickr | CC BY 2.0