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Sport

Ich habe mir zum ersten Mal Darts angesehen und fand es geil

Bei der Darts-WM wird gesoffen, gelitten und DJ Ötzi gesungen. Für mich ist es der sympathischste Sport der Welt.
5.1.16

Ich hasse Sport grundsätzlich. Bei Fußball langweile ich mich und beim Skispringen schlafe ich meistens ein. Auch Darts wirkte auf mich super unspektakulär und langweilig und nicht mal sonderlich nach echtem Sport. So wie Schach oder Angeln.

Es erinnert mich mehr an besoffene Männer, die auf zwei wackeligen Beinen Pfeile werfen und dabei um ein paar Bier wetten—was daran liegt, dass ich in Pubs schon öfter Darts gesehen habe und es dort immer von besoffenen Männern gespielt wurde, die auf zwei wackeligen Beinen Pfeile werfen und dabei um ein paar Bier wetten.

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Beim Finale der Darts-Weltmeisterschaft in London am Sonntag wurde mir dann klar, dass das zwar immer noch stimmt, aber Darts trotzdem eine der vermutlich geilsten Sportarten der Welt ist. Hier treffen Gegensätze, ja Welten, aufeinander, Loser-Typen werden zu Gewinnern und das in einer inszenierten Show mit absurden Charakteren, verrückten Fans und jeder Menge sympathisch erdiger (britischer?) Stimmung.

Gary Anderson betritt den Saal zu „Jump Around" von House of Pain als Einlaufmusik. Jeder Spieler hat hier, wie beim Boxen oder Wrestling, sein eigenes Lied. Er hebt die Hände in die Höhe. Das Publikum grölt. Die Halle tobt. Gary hat kurze braune Haare und herausquellendes Brusthaar, trägt Goldkettchen und ein aufgeknöpftes schwarzes Hemd. Das Karo-Muster auf einem Ärmel ist ein Hinweis für seine Herkunft. „Flying Scotsman" wird der Schotte von seinen Fans genannt.

Sein Gegner Adrian Lewis, „der Jackpot", betritt zu „Reach Up" von Perfecto Allstarz die Bühne. Auch er wird gefeiert, bekommt aber weniger Applaus. Manche halten ihn für zu ernst, zu verbissen, und einfach zu wenig Party. Lewis begann früh damit, professionell Darts zu spielen.

Während sein Gegner Anderson noch Roste für Kamine herstellte, trainierte er schon. Beim Zielen öffnet er immer den Mund. Dann blitzen seine Tribals unter dem Shirt hervor. Seine Schultern zieht er beim Gehen immer nach vorne. So ähnelt er mehr Moe von den Simpsons als einem möglichen Weltmeister. Auch der Bierbauch und das aufgeknöpfte Shirt passen gut dazu. Es fehlt nur noch das Bier in seiner Hand.

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Genug Bier gibt es im Publikum. Der Saal erinnert mit den Tischen und den Krügen eher an ein Oktoberfest als an eine sportliche Weltmeisterschaft—und die saufenden Fans sind auch noch verkleidet: Affen, Shreks, Schweine, Kühe und Joker stemmen Doppelliter zwischen Teletubbies und Weihnachtsmännern, während die Spieler, die irgendwie nur Nebenattraktion sind, hochkonzentriert Pfeile werfen. Zur Motivation stimmen sie für ihre Helden immer wieder „Hey Baby" von DJ Ötzi an. Warum genau diesen Song, weiß keiner.

Das großteils männliche und betrunkene Publikum passt perfekt zum Sport. Darts ist für mich der einzig verbliebene wahre Männersport für Leute, die dem Sport an sich sonst eher fern sind. Ein Ort, wo klassische Männer aufeinander treffen, ohne aufgepumpte Körper, Schiedsrichter und Fouls.

Gerade, weil die Sportler nicht wie Sportler aussehen und ihren Fans mehr ähneln als den aalglatten Athleten in den anderen Sportarten, liebe ich sie. Sie haben Bierbäuche, Männerbrüste, Doppelkinn und Glatze. Sie sind Männer aus dem realen Leben, so wie ihre Zuseher vor dem Fernseher. Darts signalisiert ihnen ein Erfolgsversprechen, das athletischer Sport ihnen nicht gibt: Schaut her, ihr könnt reich und erfolgreich werden, so wie wir.

Auch der Zeitpunkt der Darts-WM—sie läuft von 17. Dezember bis 3. Januar—scheint nicht zufällig gewählt: In einer Zeit, wo jeder mit seinem angefressenen Winter-Weihnachts-Speck vor dem Fernseher sitzt, tut es so gut, mal nicht auf Sixpacks und Striche in der Landschaft zu glotzen, sondern auf Männer, die genauso gut vom Stammtisch kommen könnten. In den Werbepausen reihen sich dann Clips von Internet-Dating-Plattformen aneinander. Vermutlich auch kein Zufall, die perfekte Zielgruppe eben.

Im Fernsehen wird Darts für die Zuseher vereinfacht. Mögliche Kombinationen, wie man einen Satz fertig machen kann, werden vorgerechnet und auf dem Bildschirm eingeblendet. So kann man sich getrost auf sein Bier und das Publikum konzentrieren, da man selbst nicht mitrechnen muss.

Die Spieler müssen das aber schon. Zumindest in der Regel. Im Finale zeigt Gary Anderson, dass man auch Weltmeister werden kann, wenn man sich mehrmals verrechnet. Er verhaute es gewaltig im vierten Satz und lachte danach nur über sich selbst. Allein dafür, dass die Akteure hier Selbstironie haben, muss man Darts lieben.

Eva auf Twitter: @immerwiederEva