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Hört endlich auf, von Gutmenschen und besorgten Bürgern zu reden

Die Gesellschaft ist nicht zwischen denen gespalten, die „die Probleme erkennen", und jenen, die „die Augen verschließen". Sondern zwischen jenen, die ein Problem sehen, und jenen, die eine Herausforderung sehen.
31.1.16
Foto von Kurt Prinz

Foto von Kurt Prinz.

Das Unwort des Jahres ist „Gutmensch". Und was passiert? Unzählige Artikel über das Gutmenschentum. Da hat wohl jemand den Sinn nicht ganz verstanden. Der Begriff ist ein Unwort, weil er Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd darstellt. Und in der Tat wurde der „Gutmenschen"-Ruf genau dann laut, als unzählige Flüchtlinge von spontanen Freiwilligen an den Bahnhöfen in Wien, Salzburg und München verpflegt wurden—was eigentlich ein Akt der Menschlichkeit ist.

Zur Klärung des Begriffs „Gutmensch"

Die, die „Gutmensch" schreien, werden jetzt sicher einwerfen: Genau das sei ja naiv. Man habe am Bahnhof für genau die Leute geklatscht, die zu Silvester in Köln, Salzburg und vermutlich auch irgendwo in Schweden für sexuelle Übergriffe auf Frauen verantwortlich waren. Das ist falsch. Denn kurz davor erschütterte der LKW mit 71 Toten in Parndorf uns alle, die Bilder der wartenden und schreienden Flüchtlinge in Budapest gingen um die Welt. Das Klatschen an den Bahnhöfen war eine Geste für die Flüchtlinge. „Wir wissen, was ihr durchgemacht habt. In Syrien, auf dem Mittelmeer, in Ungarn. Auf dem Weg hierher. Jetzt seid ihr sicher."

Man kann das als human bezeichnen, von mir aus auch als kitschig. Aber nicht als naiv. Naiv wäre, zu behaupten, dass alles, was seit 2011 passiert ist, uns vor keine Probleme stelle. Aber das behauptet niemand.

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Die, die als „Gutmenschen" bezeichnet werden, sind nicht naiv. Niemand behauptet, dass es leicht wird, 100.000 Flüchtlinge in Österreich zu integrieren, ihnen die Sprache beizubringen und ihnen Arbeit zu verschaffen. Niemand sagt, dass es nichts kostet, diese Flüchtlinge angemessen zu versorgen, ihnen ein faires Verfahren zu ermöglichen. Und niemand glaubt, dass eine so große Anzahl an Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sich ohne soziale Probleme einfach so in die Gesellschaft einfügen wird.

Auch „Gutmenschen" glauben das nicht. So wird es aber dargestellt, wenn man sie mit diesem Begriff bezeichnet. Die Gesellschaft ist nicht zwischen denen gespalten, die „die Probleme erkennen", und jenen, die „die Augen verschließen". Sondern zwischen jenen, die ein Problem sehen, und jenen, die eine Herausforderung sehen.

Wenn man also Menschen als „Gutmenschen" bezeichnet, unterstellt man ihnen ein naives Weltbild, das nicht mal jene, die sich selbst so bezeichnen, wirklich vertreten würden. Dadurch trägt der Begriff unnötig zur Polarisierung einer ohnehin spaltenden Debatte bei. Genauso wie der Begriff „besorgte Bürger", der im Alltag zum Synonym für „dämliche Nazis" verkommen ist.

Zur Klärung des Begriffs „Besorgter Bürger"

Um nicht nur Partei für den linksliberalen Teil der Bevölkerung zu ergreifen, seien hier auch die „besorgten Bürger" verteidigt. Auch von denen, die mit diesem Ausdruck bezeichnet werden, entsprechen vermutlich wenige dem Klischee des eigentlich Rechten, der jeden Satz mit „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …" anfängt.

Viele derer, die mit Pegida spazieren gehen, in Österreich die FPÖ wählen, in ganz Europa mit den Rechten kokettieren und die Donald Trump gar nicht sooo schlecht finden, haben wirklich einfach Angst um ihre Zukunft. Sie glauben nicht mehr an „Wir schaffen das". Sie sehen nur die Ereignisse in Köln, Paris und Istanbul und fragen sich, ob „das so weitergehen soll". Dabei muss man anmerken, dass viele dabei zu unreflektiert vorgehen und einen pauschalen Zusammenhang à la „Die sind alle Verbrecher" vermuten—dennoch liegt dahinter die positive Intention, dass man sich um die eigene Zukunft sorgt.

Und wer tut das nicht? Wer hatte am 14. November, dem Tag nach Paris, nicht irgendwie ein mulmiges Gefühl im Bauch? Und wer bezweifelt, dass uns die Flüchtlingssituation noch lange politisch fordern wird? Ich glaube, keiner. Auch deshalb sollten wir „besorgte Bürger" einfach besorgt bleiben lassen und uns mit ihnen auf Augenhöhe unterhalten.

Versöhnung ist angesagt

Und so nebenbei: Die Anwendung dieser Begriffe lässt auch einige Schlüsse auf die eigene Person zu. Wenn du dich über die „besorgten Bürger" lustig machst—glaubst du selbst, dass alles in Ordnung ist? Wenn du dich über die „Gutmenschen" aufregst—bist du selbst etwa ein schlechter Mensch?

Die Diskussion um den Umgang mit der Flüchtlingskrise gehört dringend entschärft. Wir müssen uns darüber unterhalten, ob und wie Integration in solchen Massen möglich ist. Wir müssen uns fragen, was für ein Welt- und auch Frauenbild gewisse Menschen mitbringen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das Grundrecht auf Asyl damit vereinbaren, dass man sich dem Rechtsstaat fügen muss. Und wir sollten darüber eine gesamtgesellschaftliche Debatte führen—und zwar ohne ständig darauf zu schielen, was unsere Feinde aus dem anderen Lager darüber denken. Es gilt also dringend, diese Unwörter zu streichen, wenn wir die Flüchtlingsdebatte führen—denn ansonsten kommen wir nicht weiter.