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Ich habe 20 Stunden in einem Walmart verbracht

Um die USA besser zu verstehen, bin ich fast einen ganzen Tag und eine ganze Nacht durch die Gänge der berühmtesten Supermarktkette des Landes geschlichen.

von Jamie Lee Curtis Taete
12 April 2015, 4:00am

Fotos vom Autor


Vor ein paar Jahren bin ich aus England in die USA gezogen. Die meiste Zeit in diesem Land habe ich bislang in Großstädten verbracht. Da es in den meisten Großstädten allerdings keinen Walmart gibt, wusste ich eigentlich nie so recht, was in ihnen vor sich geht.

Klar, bei längeren Ausflügen mit dem Auto bin ich schon mal in einem gelandet, aber ich bin mir nicht ganz sicher, was Walmart von den anderen großen Supermarktketten unterscheidet. Dank des Internets kenne ich natürlich Meldungen wie die über das aktive Methlab in den Walmart-Toiletten und den Mann, dem vorgeworfen wurde, im Walmart Frauen die Füße abgelutscht zu haben. Ich habe auch gemerkt, dass diese Storys für Menschen noch lustiger sind, weil sie in einem Walmart passiert sind. Warum das aber so ist, habe ich nicht wirklich verstanden. Walmart ist anscheinend anders als Target, K-Mart, Costco und wie sie alle heißen—ich weiß aber einfach nicht warum.

Um ein besseres Verständnis für diese eine Sache zu bekommen, die ein so elementarer Teil der amerikanischen Erfahrung zu sein scheint, entschied ich mich dafür, 24 Stunden im nächstgelegenen Walmart Supercenter, in Santa Fe Springs, Kalifornien, zu verbringen.

Ich nahm mein Handy mit, aber nur um Fotos zu schießen und Notizen zu machen. Ich habe weder das Internet benutzt, noch irgendwelche Podcasts gehört oder andere Sachen gemacht, um mich abzulenken. Ich wollte Walmart so sehr verbunden sein, wie es nur geht. Und das hier habe ich erlebt:

04:00 Uhr Direkt mal vorweg: Laut seiner Website ist das Walmart Supercenter in Santa Fe Springs 24 Stunden geöffnet. Das stimmt aber nicht. Als ich um 4:00 Uhr morgens dort ankomme, ist der Laden ziemlich sehr geschlossen.

04:10 Uhr Ich sehe eine Frau in dem Gebäude. Ich frage sie, wann der Laden aufmacht. Sie sagt um sechs. Ich entscheide mich dazu, mir die Zeit bis zur Öffnung damit zu vertreiben, über den großen Parkplatz zu latschen.

05:30 Uhr Es gibt hier nichts, worüber ich schreiben könnte. Außerhalb eines Walmarts gibt es einfach nichts zu sehen. Es ist bloß ein gigantischer, fensterloser, beigefarbener Klotz umgeben von anderen gigantischen, fensterlosen, beigefarbenen Klötzen mit leicht abweichenden Logos auf der Vorderseite.

05:40 Uhr Verdammt, mir ist langweilig.

05:52 Uhr Die ersten Kunden stellen sich vor dem Eingang an. Es gibt auch wirklich keinen Grund, dass ich die einzige Person sein sollte, die morgens um 05:52 Uhr darauf wartet, dass der Walmart aufmacht, oder? Was läuft bei diesen Menschen falsch?

06:01 Uhr Die Türen öffnen sich und ich beginne, durch den Laden zu schlendern. Schon ziemlich bald fange ich an, mein Vorhaben zutiefst zu bereuen. Ich bin die wahrscheinlich am schnellsten gelangweilte Person, die ich kenne. Ich brauche ständig irgendeine Ablenkung. Wenn ich ein öffentliches Verkehrsmittel betrete und merke, dass ich meine Kopfhörer vergessen habe, reagiere ich so, wie die meisten Menschen reagieren würden, wenn sie merken, dass sie ihr Kind vergessen haben. Was zur Hölle mache ich eigentlich hier?

06:05 Uhr Ich schlender an den Fernsehern in der Elektronikabteilung vorbei. Darauf läuft irgendeine Werbung, in der Katie Holmes irgendetwas anpreist. Warum sollte irgendjemand etwas kaufen wollen, das von Katie Holmes empfohlen wird? Sie hat jetzt nicht gerade die besten Entscheidungen in ihrem Leben getroffen.

06:12 Uhr Ich mache mir langsam Sorgen darüber, was ich den Angestellten hier sagen soll, warum ich mich so lange in dem Laden aufhalte.

06:18 Uhr Ich merke, dass meine Sorgen unbegründet waren. Keiner der Angestellten hier scheint überhaupt zu merken, dass ich existiere, wenn ich an ihnen vorbeigehe.

06:20 Uhr In der Abteilung für Herrenbekleidung fällt mir eine Flasche Sauce Tartare auf, die auf einem Gürtelständer steht. Ich finde das schon etwas sonderbar, da der Laden ja gerade erst aufgemacht hat. Die Soße muss die ganze Nacht dort gewesen sein.

06:48 Uhr Ich komme wieder an den Fernsehern vorbei und wieder flimmert Katie Holmes über die Bildschirme. Ich beschließe, auf das Ende der Werbung zu warten, um zu sehen, ob hier vielleicht irgendetwas Gutes läuft. Irgendwie muss ich die Zeit ja rumkriegen.

06:51 Uhr Die Werbung läuft immer noch. Dauert Werbung in diesem Land immer so lang?

06:55 Uhr Wie kann es bitte sein, dass diese Werbung immer noch läuft?

06:58 Uhr Ich merke, dass hier nichts anderes mehr kommt. Die Werbung läuft in Dauerschleife. Ist das in allen Walmarts so? Die Menschen, die in der Abteilung für Unterhaltungselektronik arbeiten, müssen doch wahnsinnig werden.

06:59 Uhr Mein Plan, die meiste Zeit meines Tages damit zu verbringen, in der Abteilung von den Fernsehern abzuhängen, wurde gerade brutal zunichte gemacht. Ich fühle mich wie der Typ, dem am Ende dieser einen Twilight Zone-Folge seine Brille kaputtgeht.

07:01 Uhr Dieser Walmart ist gigantisch. Ich werde den Laden jetzt an seinen äußersten Rändern umrunden, um zu sehen, wie lange ich dafür brauche.

07:05 Uhr Ich habe etwas weniger als fünf Minuten gebraucht. Das muss mehr als ein halber Kilometer gewesen sein. Für ein Gebäude ist das verdammt groß. Ich erinnere mich daran, wie jemand mir mal erzählte, dass es ein NASA-Gebäude gibt, das so groß ist, dass es sein eigenes Wetter hat. Ich frage mich unweigerlich, wie viel größer dieser Raum noch sein müsste, um sein eigenes Wetter zu haben.

07:11 Uhr Ich gehe wieder in die Elektronikabteilung, um die Zeit damit totzuschlagen, an den ausgestellten Konsolen zu zocken.

07:13 Uhr Keine der Konsolen funktioniert. Das wird ein langer Tag.

07:46 Uhr Die Sauce Tartare steht noch immer bei den Gürteln. Irgendwie hat es was Schönes, dass sie noch da ist. Ein Hauch von Chaos in einer ansonsten sterilen und durchsortierten Umwelt. Ich murmle im Vorbeigehen ein leises „Hallo".

08:06 Uhr Ich fasse den Entschluss, meine Zeit im Walmart sinnvoll zu verbringen. Ich bin hier ein Immigrant und es gibt eine Menge Sachen, die ich nicht über Amerika weiß. Ich verstehe nur etwa 70 Prozent der Referenzen bei Family Guy. Ich habe keine Ahnung, wer Katie Couric ist. Ich weiß nicht, warum die Menschen hier den Ausspruch „on accident" in Situationen verwenden, in denen er überhaupt keinen Sinn ergibt. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, was die Three Stooges oder Full House ist. Diese Tag könnte also durchaus zu einer wertvollen Lernerfahrung für mich werden. Alles, was man je über Amerika wissen können wollte, findet man in einem Walmart Supercenter. Ich werde mich jetzt Gang für Gang durch diesen Laden arbeiten und die Verpackung jedes einzelnen Produkts studieren.

08:07 Uhr Ich beginne in der Tiefkühlabteilung, weil sie sich direkt am Haupteingang befindet.

08:08 Uhr Ich lerne, dass „Supreme" in diesem Land eine Pizza-Geschmacksrichtung ist.

08:09 Uhr Ich lerne, was ein „Toaster Strudel" ist—ein Begriff, den ich schon oft in Filmen gehört habe.

08:14 Uhr Ich sehe ein Produkt, das „Pillsbury Maple Burst'n Mini Pancakes" heißt. Warum sollte jemand etwas Warmes essen wollen, das einem um die Ohren fliegt?

08:26 Uhr Verdammt, ist das langweilig, 20 Minuten damit zu verbringen, die Verpackung von jedem einzelnen Produkt in der Tiefkühlabteilung durchzulesen. Ich gebe meinen Plan wieder auf, alles in diesem Laden zu studieren, und setze mich stattdessen in der hauseigenen McDonald's.

08:30 Uhr Der McDonald's hat seinen eigenen Fernsehsender. Dort läuft ein Interview mit einem Fotografen, der eine Serie über „Sheeple" gemacht hat, in der Models prothetische Schafsmasken tragen und dazu teure Säfte trinken und Yoga machen. Im Interview erklärt der Fotograf, dass er damit ein Statement darüber machen wollte, wie Menschen zu Sklaven der kapitalistischen Maschinerie werden. Ein McDonald's-Sender scheint mir ein sonderbares Medium zu sein, um derartige Ansichten zu äußern.

08:40 Uhr Besorgt, dass ich mich verdächtig mache, weil ich bei McDonald's nichts gekauft habe, begebe ich mich zurück in den Laden.

08:44 Uhr Die Sauce Tartare ist noch immer an ihrem Platz.

08:59 Uhr Ich sehe dieses Buch aus meinem Augenwinkel und schrecke innerlich kurz zusammen. Wäre ich Schriftsteller und mein Name wäre „Neggers", ich würde ich ihn sehr wahrscheinlich ändern.

09:01 Uhr Der Kelly-Clarkson-Song, in dem sie „What doesn't kill you makes you stronger!" singt, läuft über die Walmart-Lautsprecher. Mir ist es peinlich zuzugeben, wie bewegt ich von diesen Worten angesichts meiner momentanen Misselage bin. Nein, dieser Tag hier wird mich nicht umbringen, er wird mich stärker machen.

09:12 Uhr Für meinen Brunch kaufe ich mir eine Schachtel Ritz Cracker und einen Dip. Wenn man ihrer Namensbrosche Glauben schenken darf, dann heißt die Frau, die mich an der Kasse bedient „Msedith". Ich überlege, sie zu fragen, wie man das ausspricht, entscheide mich dann aber dafür, es als großes Mysterium zu belassen. Vielleicht ist es ja auch einfach „Ms. Edith"?

09:13 Uhr Zum Essen setze ich mich auf eine Bank vor dem Laden. Der Dip schmeckt in etwa so, wie Katzenfutter riecht.

09:41 Uhr Eine Weile lang beobachte ich den Begrüßer am Eingang. Er grüßt die Kunden, aber niemand reagiert—und trotzdem bleibt er freundlich. Es ist ein älterer Mann und er sieht meinem Vater gar nicht mal so unähnlich, was die ganze Sache noch trauriger macht. Ich nehme mir fest vor, die Walmart-Begrüßer von nun an immer zurückzugrüßen.

09:42 Uhr Mir fällt auf, dass der Redbox-Automat [DVD-Verleihautomat] blau ist. Sind alle Redbox-Automaten blau? Sollte dem so sein, dann läuft in der Designabteilung von Redbox ganz gehörig was schief—dieser Automat ist eine Box und darauf steht Redbox.

10:00 Uhr Ich merke, dass ich jetzt fast 20 Minuten auf den Redbox-Automaten gestarrt habe. Bin ich eingeschlafen? Nein, das glaube ich nicht. Aber ich erinnere mich an nichts, was in den letzten 20 Minuten passiert ist. Wurde ich von Aliens entführt?

10:20 Uhr Ich merke, dass der Gürtelbestand aufgestockt wird. Das Ende der Sauce Tartare scheint gekommen zu sein. Ich bin überraschend traurig darüber.

11:00 Uhr Ich begebe mich in die Pflanzen- und Gartenabteilung. Dabei handelt es sich um eine wunderschöne Oase fernab der Neonlichter und der erschlagend öden Innenarchitektur des Ladens. Ich mache fast augenblicklich wieder kehrt, denn ich fürchte, dass mich die Schönheit der Pflanzen- und Gartenabteilung übersättigen könnte. Ich nehme mir jedoch fest vor, in den nächsten Stunden nicht mehr hierher zurückzukommen, um diese Schönheit richtig schätzen zu können.

11:06 Uhr Der Gürtelständer ist jetzt zwar leer, aber die Sauce Tartare ist immer noch da. Die Sauce Tartare ist tatsächlich der einzige Gegenstand, der sich jetzt noch auf dem ansonsten leeren Gürtelständer befindet.

11:20 Uhr Ich drehe wieder eine Runde durch den Laden und erblicke das obige Produkt. Ich frage mich, wie viele Menschen den Namen wohl während der Entwicklung gesehen haben, ohne zu merken, dass er einem unweigerlich Bilder von Oralsex mit Katzen in den Kopf pflanzt.

11:26 Uhr Ich bin jetzt mindestens dreimal in jeder Abteilung dieses Ladens gewesen. Es gibt nichts Neues mehr zu entdecken. Ich drehe eine weitere Runde. Lebensmittel. Elektro-Artikel. Garten. Sport. Haushaltswaren. Und wieder von vorne.

11:47 Uhr Zum ersten Mal seit Jahren stellt sich mir die Frage „Ist es noch zu früh, um sich zu besaufen?".

11:49 Uhr Ich hatte ja keine Ahnung, dass einem so schnell so langweilig werden kann. Die Zeit vergeht langsamer als sonst. Ich kehre wieder zu der Bank vor dem Laden zurück. Ich setze mich hin und versuche zu raten, wann 15 Minuten vergangen sind.

11:53 Uhr Ich schaue auf die Uhr. Scheiße. Das waren nur fünf Minuten.

11:54 Uhr Ich habe mal im Verkauf gearbeitet. Wie zur Hölle habe ich das nur gemacht?

11:55 Uhr Ich kaufe zwei lächerlich große Dosen Bier, da sie das einzige Produkt sind, die man einzeln und nicht in Multipacks kaufen kann.

11:57 Uhr In der Toilette trinke ich das Bier viel zu schnell und bekomme Hirnfrost.

12:00 Uhr Ich fühle mich betrunken und schlendere wieder durch den Laden. Tagsüber betrunken zu sein, ist super. Ich sollte immer morgens trinken.

12:03 Uhr Selbst betrunken ist mir langweilig. Mir ist so langweilig, dass ich es sogar körperlich in meinem Brustkorb spüren kann. Es fühlt sich an, als hätte ich einen Tennisball verschluckt. Gibt es irgendeine Wohltätigkeitsorganisation, die sich dem Kampf gegen die Langeweile verschrieben hat? Ich würde ihr sofort spenden, sobald ich aus diesem Laden komme.

12:14 Uhr Wie schaffen es nur Menschen, die in einem Brunnen feststecken, sich in der Wildnis verirrt haben oder in einem Bunker eingeschlossen sind, zu überleben? Ich meine gehört zu haben, dass Chelsea Manning in Einzelhaft sitzt und nicht lesen darf. Sie sollten aufhören, ihr so etwas anzutun.

12:23 Uhr Ich mache mich mit dem Vorhaben, jeden Tester zu testen, auf dem Weg in die Kosmetikabteilung.

12:25 Uhr Es gibt keine Tester. Scheiße.

12:45 Uhr Ich bemerke, dass sich die Sauce Tartare nicht länger auf dem Gürtelständer befindet. Ich bin am Boden zerstört. Dann merke ich, dass die Flasche nur ein paar Meter entfernt in einen Einkaufswagen voll mit irgendwelchem Krempel verlegt wurde—wahrscheinlich, um sie zurück zum Soßen-Regal zu bringen. Betrunken und mutig, wie ich mich gerade fühle, nehme ich schnell die Soßenflasche und platziere sie wieder auf dem Gürtelständer. Es ist das Aufregendste, was den ganzen Tag passiert ist. Mein Adrenalin kocht förmlich.

12:05 Uhr In der Videospielabteilung stelle ich fest, dass es tatsächlich noch immer Cheat-Bücher und Walkthrough-Guides gibt. Haben diese Menschen kein Internet?

12:11 Uhr Ich beginne damit, mich durch den Behälter mit den 5-Dollar-DVDs zu wühlen. Vielleicht finde ich am Boden ja ein paar verlorene Schätze.

12:12 Uhr Es gibt fünf Ein Hund Namens Beethoven-Filme???

12:13 Uhr Es gibt vier Garfield-Filme???

12:14 Uhr Das Carrie-Remake mit Chloe Grace Moretz ist im 5-Dollar-Eimer? Ich habe das Gefühl, der Film sei erst letzte Woche rausgekommen. Wo geht die Zeit nur hin? Bin ich alt?

12:15 Uhr Ich frage mich, wann ich wohl sterben werde.

12:16 Uhr Ich frage mich, wann Chloe Grace Moretz stirbt. Ich frage mich, ob sie vor oder nach mir sterben wird.

12:17 Uhr Ich stelle fest, dass es absolut unmöglich ist, den Boden des 5-Dollar-DVD-Wühltisches zu erreichen. Jedes Mal, wenn ich eine Girls Club-DVD rausnehme, rutscht eine von Joyful Noise nach unten, um den leeren Raum zu füllen. Ich denke angestrengt nach, wie ich daraus wohl eine pointierte Metapher für meinen Aufenthalt bei Walmart machen könnte. Mir fällt nichts ein.

12:30 Uhr „Rosanna" von Toto erklingt über die Lautsprecher. Der Song ist so unglaublich gut. Der Walmart DJ ist so unglaublich gut. In den ganzen sechseinhalb Stunden, die ich hier bin, hat mich die Musik noch kein einziges Mal gestört. Ich frage mich, wo die so viel harmlose Musik auftreiben. Ob dafür wohl extra Fokusgruppen aufgestellt wurden?

12:50 Uhr Die Sauce Tartare ist noch immer bei den Gürteln. Ich bin unglaublich froh darüber. Die Flasche Sauce Tartare ist mein persönlicher Wilson aus Cast Away.

12:49 Uhr Ich bemerke einen Gesundheitscheckautomaten bei der Apotheke.

12:50 Uhr Der Automat kontrolliert meinen Blutdruck. 105/70. Auf dem Bildschirm lese ich, dass das gut ist.

12:59 Uhr Der Automat sagt mir, dass mein BMI und meine Sehfähigkeit auch gut sind. Langweilig.

13:08 Uhr Ich trinke noch ein Bier.

13:36 Uhr Ich lasse noch einmal meine Gesundheit kontrollieren. Es ist noch immer alles gut. Das Bier hatte anscheinend keine Auswirkungen auf meinen Blutdruck, meine Sehfähigkeiten oder meinen BMI.

13:44 Uhr „Drops of Jupiter" läuft über die Anlage. Verdammt, der Song ist so unglaublich gut.

14:18 Uhr Ein Katergefühl setzt ein.

14:36 Uhr Ich bemerke ein Kind ohne Begleitperson, das anscheinend versucht, eine der Kassen zu öffnen. Ich schaue dem Jungen dabei zu und hoffe insgeheim, dass er es schafft. Leider schickt ihn jemand weg.

14:59 Uhr Obwohl ich ursprünglich ziemlich froh war, dass ich die ganze Zeit recht anonym durch den Laden schlendern konnte, nehme ich es langsam etwas persönlich, dass sich anscheinend niemand hier an mich erinnern kann. Ich bin jetzt seit neun verfickten Stunden in diesem Laden und die Zahl der Personen, mit denen ich Blickkontakt hatte, beläuft sich auf eine satte eins. Vielleicht sollte ich mir flottere Klamotten zulegen.

15:43 Uhr Vom Alkohol ist eigentlich nichts mehr zu spüren. Für 15:43 Uhr in einem Walmart fühle ich mich viel zu verkatert.

15:50 Uhr Der Kater wird immer schlimmer, ich begebe mich auf die Suche nach irgendetwas in dem Laden, auf dem ich ein Nickerchen machen kann. Ich erinnere mich an diese Nachrichtenmeldung vor einiger Zeit über einen Jugendlichen, der von zu Hause abgehauen ist und dann in einem Walmart lebte. Er schlief gerade in der Kinderwagenabteilung hinter eine Reihe riesiger Kartons, als man ihn erwischte.

15:51 Uhr Ich gehe zu den Kinderwagen und suche nach einer Möglichkeit, um hinter die Kartons zu klettern, aber sie sind alle bis zum Ende durchgeschoben. Ich drehe eine weitere Runde durch den Laden, um ähnlich große Kartons zu finden, die ein akzeptables Übergangsschlafzimmer hergeben würden. Ohne Erfolg.

15:55 Uhr Ich entscheide mich dafür, mich für ein Nickerchen auf der Hollywoodschaukel in der Gartenmöbelabteilung niederzulassen.

15:59 Uhr Ich komme zu dem Schluss, dass ich es trotz unerträglicher Langeweile und in einem zunehmend schlimmer werdendem Kater nicht schaffe, mitten im Walmart ein Nickerchen zu halten. Ich fange wieder an umherzulaufen.

16:05 Uhr Im Spielzeuggang drücke ich den Test-Knopf von jedem testbaren Spielzeug. Die Geräusche, die dadurch entstehen, sind ausnahmslos nervtötend. Menschen, die Kinder haben, müssen verrückt sein.

16:16 Uhr Kelly Clarkson erklingt wieder über die Lautsprecher und ich merke, dass die Playlist von vorne angefangen hat—also offensichtlich eine zehn Stunden Playlist. Während mich Kelly wieder daran erinnert, dass das, was mich nicht umbringt, mich nur stärker macht, kommen mir fast die Tränen.

16:17 Uhr Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber Kelly hat mir am Ende ihres Songs neuen Schwung gegeben. Ich fühle mich geradezu verjüngt.

16:25 Uhr Mir fällt auf, dass auf mindestens 20 Prozent aller Produkte in diesem Laden diese Minions von Ich—Einfach unverbesserlich, irgendwas von Frozen oder Duck Dynasty gedruckt ist.

16:30 Uhr Ich fange damit an zu zählen, auf wie vielen Produkten in diesem Walmart Minions abgebildet sind.

17:00 Uhr Ich habe 33 Produkte mit Minions gefunden. Darunter Schlafanzüge, Rucksäcke, Teppiche, Cracker, T-Shirts, Spielzeug, Blue-Rays, Joghurts, Cupcakes, Osterzeug und Handtücher. Das ist dann doch weniger, als ich vermutet hatte.

17:10 Uhr Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Dolly Parton die Songs „Jolene" und „I Will Always Love You" an ein und demselben Tag geschrieben hat. Ich habe gerade 30 Minuten damit verbracht, alle Minion-Produkte in diesem Walmart zu zählen. Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?

17:23 Uhr Was machen eigentlich Leute, die im Knast sitzen? Gefängnis muss so langweilig sein.

17:25 Uhr Ich begebe mich wieder zu den Büchern, um zu sehen, ob sie dort irgendwelche über Leute im Gefängnis haben. Vielleicht finde ich darin ja etwas Inspiration dafür, wie man die Zeit schneller totschlägt.

17:40 Uhr Es gibt keine Bücher über Gefängnisse—nur Liebesromane und spanischsprachige Bücher über Religion.

17:42 Uhr Nachdem ich jetzt darüber nachgedacht habe, wie Menschen im Gefängnis die Zeit totschlagen, ist alles, was mir einfällt: Jesus finden (kommt nicht in Frage) und Linda Hamilton, wie sie in Terminator 2 Klimmzüge an ihrem umgedrehten Bett macht. Ich entscheide mich dafür, meine ‚Haftzeit' dafür zu verwenden, mich körperlich etwas in Form zu bringen.

17:43 Uhr Ich lade eine Schrittzähl-App für mein Handy runter und fange an, Power-Walking Runden durch den Laden zu drehen. Um nicht die Aufmerksamkeit der Angestellten auf mich zu ziehen, wechsle ich ständig meine Route.

18:00 Uhr Die Appp kann mir irgendwie sagen, wie viele Schritte ich getan haben, bevor ich sie überhaupt runtergeladen habe. Laut App habe ich 22 Kalorien verbrannt. Ich weiß nicht wirklich, was das bedeuten soll, aber es klingt nicht besonders beeindruckend.

18:20 Uhr Ich gehe in die Abteilung mit dem ganzen Trainingsequipment und stemme einige der zahlreichen Kurzhanteln und Kugelhanteln, die es hier zu kaufen gibt. Nach ein paar Minuten mache ich mir Sorgen, dass ich vielleicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehe und höre damit auf.

18:30 Uhr Es ist einfach unmöglich, in einem abgesteckten Bereich unbemerkt zu trainieren. Ich entscheide mich dafür, mich weiterzubilden. Mir fällt auf, dass ich keine Ahnung von Glühbirnen habe. Hier gibt es einen ganzen Gang, der voll davon ist! Ich fange an, die Verpackung jeder einzelnen Glühbirne zu lesen.

18:39 Uhr Nachdem ich die Beschreibungen aller Produkte in diesem Gang gelesen habe, weiß ich immer noch nichts über Glühbirnen.

18:41 Uhr Weiter geht es in die Werkzeugabteilung. Ich weiß nämlich auch nichts über Werkzeug. Nachdem ich alles im Werkzeuggang gelesen habe, weiß ich jedoch auch weiterhin nichts über Werkzeug.

18:49 Uhr Ich überlege, dass ich vielleicht ein Musikvideo mit mir selber drehen könnte—wie dieser Typ, der über Nacht in einem Flughafen eingesperrt war. Dann aber erinnerte ich mich daran, wie sehr ich dieses Musikvideo gehasst habe, und ich lasse den Gedanken wieder fallen.

18:50 Uhr So. Lang-weil-ig. So. Lang-weil-ig. So. Unglaublich. Lang-weil-ig.

18:57 Uhr Die Sauce Tartare ist noch immer da.

18:58 Uhr Der Typ aus 127 Hours muss es echt beschissen gehabt haben.

18:59 Uhr Ich sehe einen Angestellten, auf dessen Namensschild „Joshebed" steht. Die Leute hier haben komische Namen.

19:00 Uhr Über Zeit nachzudenken, lässt die Zeit langsamer vergehen. Ich muss mich irgendwie ablenken. Oder wieder besaufen? Allein schon der Gedanke an Alkohol lässt mich würgen.

19:05 Uhr Ich fange an, mir zu wünschen, rausgeschmissen zu werden, und entscheide mich dafür, von nun an jeden Angestellten anzulächeln, wenn ich an einem vorbeigehe—in der Hoffnung, dass sie mich wiedererkennen und auffordern zu gehen.

19:07 Uhr Oh Gott, die Angestellten halten mich wahrscheinlich für einen verdammten Loser.

19:09 Uhr Ich versuche in der Bastelabteilung, aus den Holzbuchstaben versaute Wörter zu bilden. Die hier zur Auswahl stehenden Buchstaben machen das aber unmöglich. Vielleicht absichtlich? Das Beste, was ich hinbekomme, ist ein „KKK".

19:30 Uhr Mir fällt auf, dass es hier Beileidskarten im 12er-Pack zu kaufen gibt. Wer hat denn so viel mit dem Tod zu tun, dass er Beileidskarten in so großer Menge kaufen muss?

19:38 Uhr Mir wird klar, dass jeder, der ein bestimmtes Alter erreicht, derartig regelmäßig mit dem Tod konfrontiert wird. Oh Gott!

19:44 Uhr Ich werde eines Tages sterben.

19:50 Uhr Jeder, den ich kenne und jemals kennengelernt habe, wird eines Tages sterben.

19:55 Uhr Mit diesem Gedanken im Hinterkopf frage ich mich, ob ich mit meinem Tag im Walmart meine Zeit wirklich sinnvoll nutze.

20:16 Uhr Ich drehe noch immer meine Runden durch den Laden. In der Babyabteilung entdecke ich, dass Nick Lachey ein Album mit Musik für Babys bei Fisher Price Records veröffentlicht hat. Er tut mir ein wenig Leid.

20:18 Uhr Dann erinnere ich mich aber wieder daran, dass ich für meine Arbeit jetzt schon über einen halben Tag in einem Walmart verbracht habe. Nick Lachey tut mir weniger leid.

21:19 Uhr Ich schaue noch mal auf meine Notizen aus der letzten Stunde und sehe, dass ich vier Wörter aufgeschrieben habe: Übelkeit, Laufen, Zahnweh und Target. Mir will beim besten Willen nicht mehr einfallen, was ich eigentlich mit irgendeinem dieser Wörtern ausdrücken wollte.

21:30 Uhr Die Angestellten haben jetzt angefangen, zweimal hinzuschauen, wenn ich an ihnen vorbei gehe, aber keiner von ihnen fragt mich, warum ich seit dem Beginn ihrer Schicht im Laden bin. Das ist mir unglaublich peinlich. Die müssen denken, ich bin verrückt.

21:43 Uhr Ich sehe eine Flasche Worcestershire Sauce. Darauf ist eine Ausspracheanleitung abgebildet: „(wus-te(r)-sher)". Ich versuche, mich daran zu erinnern, ob wir das in England wirklich so aussprechen, aber ich bekomme es nicht hin. Ich habe Heimweh.

21:54 Uhr Ich bin jetzt in dem Gang mit den Toilettenartikeln: Was zur Hölle soll der ganze Scheiß sein, von dem die Hersteller behaupten, dass er in ihren Produkten sei? „Marula Oil", „Yoghurt Proteins", „omega packed sea berries", „diamond dust"? Was soll denn der Unsinn?

21:58 Uhr Ich frage mich, wie lange ich wohl in diesem Land leben muss, bis ich aufhöre, es lustig zu finden, dass auf allen Duschgels „gel douche" steht.

21:59 Uhr Und alle Unternehmen, die „lube" in ihrem Namen haben.

22:01 Uhr Ich sitze in einer Ecke und starre Löcher in die Luft. Als einer der Angestellten mich anlächelt, ist mir das peinlich, und ich fange wieder an, mich zu bewegen.

22:10 Uhr Mein Freund hat mir eine SMS geschickt, dass er als Überraschung hier in diesen Walmart kommt, um seine Einkäufe zu erledigen und um mich zu sehen. Ich bin wieder guter Dinge.

22:41 Uhr Vor lauter Aufregung, dass ich gleich eine bekannte Person treffe, werde ich ganz unruhig und fange an, ziellos durch die Gegend zu laufen. Ich bewege mich einfach vorwärts und lese Sachen, an denen ich vorbeikomme. Dieses Produkt hier hat beinahe „boner" und „hardwood" in seinem Namen.

22:47 Uhr Ich probiere aus, ob die ausgestellten Laptops mit dem Internet verbunden sind. Sind sie nicht. Ich habe damals tagtäglich stundenlang vor dem Rechner gesessen, bevor meine Eltern überhaupt Internet hatten. Was habe ich da bloß gemacht?

22:56 Uhr Ich begutachte jedes Produkt im Werkzeuggang, um etwas über Werkzeug zu lernen. Als ich fertig bin, fällt mir ein, dass ich das vorhin schon gemacht habe.

23:00 Uhr Mein Freund betritt den Laden. Ich war noch nie so froh, ein anderes menschliches Wesen zu sehen. Ich fühle mich wie eine der befreiten Geiseln aus dem Iran beim Anblick der Familie.

23:30 Uhr Während meiner letzten Runde durch den Laden folge ich einfach meinem Freund beim Lebensmitteleinkauf. Ich bin körperlich und mental total erschöpft. Jedes Mal, wenn ich versuche, mich mit ihm zu unterhalten, klingt meine Stimme total verkrampft.

23:59 Uhr Mein Freund bezahlt seinen Einkauf und es ist endlich an der Zeit zu gehen.

00:00 Uhr Bevor wir den Laden verlassen, schaue ich noch ein letztes Mal mal bei der Sauce Tartare vorbei. Sie ist immer noch da. Als wir auf dem Weg nach draußen in der Lobby sind, hält mein Freund bei der automatischen Schlüsselmaschine an und sagt, dass er einen seiner Schlüssel kopieren möchte. Ich versuche, ihm mitzuteilen, dass wir das ein anderes Mal machen sollten. Da ich aber emotional total am Ende bin, platzt nur ein „Neinbittewirklichwirklichjetztnichtichkannnichtmehrichwillnichtmehrbittebitteichmussausdiesemscheißladenraus" aus mir heraus. Wir verlassen das Geschäft mit der gleichen Anzahl an Schlüsseln, mit der wir hergekommen sind.

00:01 Uhr Ich bin psychisch total am Ende—nach etwas, das viele Amerikaner wohl einfach als einen langen Tag bei der Arbeit abtun würden. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich nicht mehr im Verkauf arbeite, aber auch traurig darüber, dass ich so ein Weichei bin.

00:02 Uhr Auf dem Nachhauseweg überlege ich mir im Auto, was ich in den letzten 20 Stunden in und um den Walmart gelernt habe: absolut nichts. Als Autor hat man immer die Sorge, dass man sich in eine Situation begibt und am Ende mit nichts wieder herauskommt. Keine Schlussfolgerung, keine Erkenntnis. Keine Epiphanie, die das ganze Erlebte umfasst und für den geneigten Leser irgendwie interessant macht. Ich schätze, ich kann zusammenfassend sagen, dass ein ganzer Tag bei Walmart ungefähr so langweilig ist, wie ich mir einen ganzen Tag bei Walmart immer vorgestellt habe? Das sollte ausreichen.