Das große Autokino-Sterben
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Popkultur

Das große Autokino-Sterben

Während ihr Filme streamt, stirbt eine österreichische Kinoinstitution—das Autokino in Groß-Enzersdorf. Wir erinnern uns an ein Auslaufmodell, das einige Sachen besser macht, als manche Multiplexe.

Prinzipiell war uns zwei Monate vor dem Abrüsten eh schon alles scheißegal. Damals, im Frühjahr 1991, nach einem halben Jahr Grundwehrdienst in der Smola-Kaserne in Groß-Enzersdorf bei Wien und einem der schärfsten Winter, an die ich mich erinnern kann.

Das Geld für VHS-Filme aus der Videothek investierten wir lieber in billigen Fusel und machten uns, ausgestattet mit Ferngläsern, auf in den letzten Stock unserer Kaserne. Dort konnten wir nach Einbruch der Dunkelheit gerade mal so eine der Leinwände des Autokinos sehen und somit gratis (wenn auch ohne Ton) aktuelle Kinofilme schauen.

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Rauchend, kiffend und saufend am Fenstersims—es war eine alte Tradition im mittlerweile aufgelassenen und verkauften Stützpunkt des Fliegerabwehrbataillons 1. hier haben seit 1967 schon Generationen von Grundwehrdienern eine besondere Beziehung zu dem ersten und einzigen Autokino Österreichs aufgebaut. Rund um das Kino war nicht nur abends was los, sondern auch in der Früh: die Route des Heeres-Morgenlaufs führte unter anderem entlang der Autokinostraße vorbei—und genau hier fiel mit schöner Regelmäßigkeit den besonders eifrigen Trinkern des Vorabends ihr Frühstück wieder aus dem Gesicht.

Aber das ist anscheinend schon bald alles unwiederbringlich verloren. Denn vor kurzem wurde das Konkursverfahren eröffnet, nach langen Jahren des Strauchelns scheint nun endgültig das Ende gekommen. Schade. Ich verbinde abgesehen von den Bundesheergeschichten auch viele wirklich gute Erinnerungen mit dieser heute anachronistisch wirkenden Einrichtung.

Zum Beispiel als ich mit 19 die glorreiche Idee hatte, für ein erstes Date die 17-jährige Raffaella ausgerechnet ins Autokino einzuladen. Die nackte Kanone 2 ½ stand auf dem Programm. Offenkundiger geht's eigentlich nicht mehr, dachte ich mir—wer fährt schon wegen des Films dorthin? Aber sie sagte ja. Und sie war eigentlich gar nicht 17, sondern viel jünger, wie sie mir später erst gestand, aber egal. Gesehen hab ich nichts, da die Scheiben ziemlich schnell angelaufen waren. Und gehört hab ich auch nichts, weil ich keine Lust hatte, mir diese übel quäkenden Lautsprecher innen ans Fenster zu hängen. Raffaella war übrigens für ihr Alter schon sehr weit. Ich hab den Film dann später auf VHS nachgeholt.

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Dann gab es da auch jene glückseligen Momente, wenn ich beim Sonntags-Flohmarkt am Autokinoplatz wieder ein Stück Vinyl, eine Gürtelschnalle oder sonst irgendwelchen Blödsinn erfeilschte. Der Kinoflohmarkt galt damals als echter Geheimtipp—im Autokino konnte man zu dem im Vergleich viel überlaufeneren und professionalisierten Flohmarkt am Naschmarkt noch wirklich gute Deals machen. Oder eben auch selbst altes Zeug loswerden, wie zum Beispiel Tapeziertisch.

Apropos Zeug loswerden: Das schwierige Geschäftsmodell des Autokinos hat sich über all die Jahre, die ich es schon kenne, kein bisschen geändert—was nicht unbedingt dabei geholfen hat, dass die Betreiber ihre Tickets und Parkplätze loswerden. Schon der steinalte Witz mit dem Kinoprogramm („Was spielt's denn heute im Autokino?" „Wintersperre." „Den kenn ich gar nicht.") macht ganz gut deutlich, womit auch Skispringer zu kämpfen haben: ein Freiluft-Event ist kein Wunschkonzert.

Wenn man also das halbe Jahr wegen der unserer Klimazone geschuldeten Witterung geschlossen hat und sich das andere halbe Jahr nur nach Einbruch der Finsternis aufs Kerngeschäft konzentrieren kann, muss man alle Möglichkeiten ausschöpfen—und eigentlich noch viel härter an seinem Geschäftsmodell arbeiten als, sagen wir, Kinos, die das ganze Jahr Blockbuster zeigen.

Standmieten für den Flohmarkt waren das eine, eine Vermietung an die örtliche Fahrschule für diverse Grundkurse das andere, das den Betrieb am laufen hielt. Beides war bitter nötig, weil nicht nur der Betrieb mit Angestellten, entsprechende Kosten für die Filme und die üblichen Abgaben für Erwerbsdruck sorgen. Auch ständige Instandhaltung der 365 Tage im Jahr Wind und Wetter ausgesetzten Anlage sowie Modernisierungen kosten Geld. So wurde das Kino mit einer eigenen Sendeanlage nachgerüstet, über die der Kinoton mittels Autoradio empfangen werden kann—und zwar je nach Frequenz in Original- oder deutscher Synchronfassung. Das ist schon mal mehr als die meisten Multiplexes heute anbieten, in denen Filme meistens nur auf Deutsch laufen.

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Zusätzliche Infos waren mittels RDS-Übertragung am Radiodisplay abzulesen—der in Europa führenden Technologie am Autokinosektor. Auch ein Service übrigens, den die modernsten IMAX-Tempel nicht bieten können. Abgesehen von der Tatsache, dass natürlich im eigenen Auto von Verpflegung bis zu Drogen praktisch alles mitgebracht und—entsprechend diskret—konsumiert werden konnte. Rauchen im Kino? Etwa gar einen fetten Ofen? Undenkbar. Im Autokino jedoch bis letztes Jahr noch Gang und Gäbe.

Was mich daran erinnert, wie mein Uraltfreund Andi mit seinem BMW-Cabrio und einer Unzahl an Pölstern und Decken mit wechselnder Begleitung dort sein ganz persönliches Kino unter Sternen veranstaltete: Dach auf, Radio an und ganz lässig in den Federn und qualmend die riesige Leinwand oder bisweilen auch das eine oder andere schaukelnde Auto nebenan beobachten. Ich frage mich, warum dort eigentlich nie die Polizei kontrolliert hat.

Die Frage ist genauso schwer zu beantworten, wie die, ob das Autokino eigentlich noch zu retten ist. Sofern sich jemand findet, der nicht nur eine knappe halbe Million Außenstände schultern kann, sondern auch ein funktionierendes Konzept für einen gewinnbringenden Betrieb hat, ja. Auch die Gemeinde hat, wissend um die Einzigartigkeit des Standortes, schon in der Vergangenheit immer wieder mal geholfen. Zuletzt, als vor ein paar Jahren die Vergnügungssteuer in Höhe von 10 Prozent der Ticketerlöse erlassen wurde.

Freilich, mit der Eröffnung eines Einkaufszentrums und entsprechender Verkehrsinfrastruktur in der Nähe wurde ein besseres Umfeld geschaffen; andererseits setzen aber Streaming-Dienste und billigste Unterhaltungselektronik schon dem Kinomarkt im Ganzen zu—und noch um ein vielfaches härter einem Autokino. Es wäre also durchaus auch eine kulturelle Investition, das Autokino am Leben zu erhalten. Denkbar wären natürlich saisonale Schwerpunkte wie Filmfestivals oder die Nutzung als Eventschauplatz. Auch das Entstehen der nur 10 Minuten entfernten Seestadt Aspern könnte darüber hinaus viel neues Publikum erschließen. Aber das alles steht in den Sternen—und die leuchten 2015 wahrscheinlich zum letzten Mal über dem Betonplatz am Wiener Stadtrand.