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Warum fliegen Flüchtlinge nicht einfach nach Europa?

Dumme Frage? In einem Video erklärt der Professor Hans Rosling die Antwort – und die ist schockierend.
30 April 2015, 6:00am
Älterer Mann klärt über Flüchtlinge auf
Screenshot aus demFacebook-Video

Foto: Dirk Voderstraße | Flickr |

CC BY 2.0

Manche Fragen kommen einem so einfach vor, dass man sie gar nicht stellen will. Dabei stößt man manchmal auf überraschende Antworten, wenn man sie sich doch mal stellt. Die Frage, warum Flüchtlinge nicht einfach in Flugzeuge steigen, um nach Europa zu gelangen, gehört dazu. Ist ja irgendwie klar, schließlich sind sie Flüchtlinge, und Flüchtlinge sind eben dazu verdammt, ihr Leben auf unsicheren Booten im Mittelmeer zu riskieren, wenn sie nicht ausgebombt oder von Milizen entführt werden wollen.

Andererseits gibt es natürlich jeden Tag Flüge von Kairo, Istanbul, Beirut oder Khartum nach Europa. Diese Flüge sind natürlich nicht nur sicherer, sondern auch noch billiger als zum Beispiel die lebensgefährliche Mittelmeer-Überquerung, die seit Anfang des Jahres bereits 1.700 Menschen das Leben gekostet hat. Und da zum Beispiel syrische Flüchtlinge in Deutschland momentan eine Anerkennungsrate von 98 Prozent haben, hätten sie auch eine gute Chance, am Ankunftsflughafen Asyl zu bekommen.

Plötzlich scheint die Frage, warum so wenige Flüchtlinge das Flugzeug nehmen, gar nicht mehr so einfältig. Genau diese Frage hat sich der schwedische Professor und Direktor der Gapminder-Stiftung Hans Rosling in diesem Video gestellt:

Überraschend ist vielleicht nicht so sehr, dass Fluglinien Menschen ohne Visa nicht an Bord gehen lassen, weil die EU sie dazu erpresst. Von einer EU, die Menschen erst an den Außengrenzen mit allen Mitteln von der Einreise abhalten will, egal ob Flüchtling oder nicht, und sie dann teilweise jahrelang in Lager steckt, wenn sie die Einreise doch irgendwie illegal bewältigt haben, muss man nicht viel mehr erwarten.

Wirklich interessant ist aber, dass die EU-Direktive tatsächlich behauptet, ihre Anwendung würde die Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen nicht beeinflussen:

(1) Um die illegale Einwanderung wirksam zu bekämpfen, ist es von grundlegender Bedeutung, dass sich alle Mitgliedstaaten einen Regelungsrahmen geben, der die Verpflichtungen der Beförderungsunternehmen festlegt, die ausländische Staatsangehörige in das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten verbringen. Damit dieses Ziel wirksamer erreicht werden kann, ist ferner unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Rechtsordnungen und der Rechtspraxis der Mitgliedstaaten eine möglichst weit gehende Harmonisierung der derzeit in den Mitgliedstaaten vorgesehenen finanziellen Sanktionen für Beförderungsunternehmen, die sich nicht an diese Kontrollverpflichtungen halten, angezeigt.

(3) Die Anwendung dieser Richtlinie beeinträchtigt nicht die Verpflichtungen aus dem Genfer Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 in der Fassung des New Yorker Protokolls vom 31. Januar 1967. - EUR-LEX

Durch seine einfache Frage hat Hans Rosling also eine ziemlich schockierende Wahrheit ans Licht gebracht: Die EU lagert die Entscheidung über den Flüchtlingsstatus von Fluggästen an die Fluggesellschaften aus. Und wenn die sich (aus Sicht der EU) falsch entscheiden sollten, bekommen sie Sanktionen aufgebrummt. Kein Wunder, dass die Gesellschaften lieber auf Nummer sicher gehen und niemanden ohne Visum hereinlassen.

Das bedeutet: Jede Junggesellen-Party aus Ried im Innkreis kann heutzutage in ein Flugzeug steigen und innerhalb weniger Stunden nach Marokko fliegen. Aber ausgerechnet die Menschen, die aus größter Not versuchen, in ein sicheres Land zu fliehen, wird dieses Fortbewegungsmittel verwehrt. Wir haben unsere Flüchtlinge eben lieber zu Fuß—oder verzweifelt um ihr Leben schwimmend.


Sea Watch—Mit dem Fischkutter gegen das Sterben im Mittelmeer: