Diese merkwürdige Methode, eine Muschi zu streicheln, könnte dein Leben für immer verändern

„Nach dieser ersten orgastischen Meditation war meine Pussy so angeturnt wie nie zuvor. Sie lebte. Und auch ich fühlte mich lebendiger.“ Als würde ein wildes Tier, das in einem sehr kleinen Käfig lebt, dadurch freigelassen.

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30 Oktober 2013, 12:45pm

Titelfoto: Eine Mitarbeiterin der OneTaste-Bewegung

Kann man seinen innerem Frieden in der Klitoris finden? Die OneTaste-Bewegung sagt, das geht. Sie wirbt mit der „partnerschaftlichen Übung des weiblichen Orgasmus", die sie als orgastische Meditation (OM) vorstellt. Die Gruppe hat sich in San Francisco gegründet und wirbt für Orgasmus-Meditation und Slow-Sex-Übungen. Die Gruppe beruft sich auf Yoga, Kabbalah und buddhistische Meditation, mit Hilfe derer sie dem weiblichen Orgasmus verbessern will. Diese Art der Meditation funktioniert ähnlich wie andere Achtsamkeitsübungen. Statt auf tiefes Atmen oder Mantras konzentrierst du dich bei der OM allerdings darauf, dass dir jemand—wirklich irgendjemand—15 Minuten lang die Klitoris streichelt. 

Das funktioniert so: Nachdem man sich ein weiches „Nest" gebaut hat, ölt sich der Partner einen behandschuhten Finger ein, setzt den Timer auf genau 15 Minuten und streichelt den „oberen linken Quadranten" der weiblichen Klitoris. Das einzige Ziel dabei ist, „zu spüren, was im jeweiligen Moment passiert". 

Bevor es aber los geht, beschreiben die Streichler die Vagina, die sie gleich streicheln werden—nach Farbe, Form, Beschaffenheit—sowie jegliche Gefühle, die beim Betrachten entstehen. Dieses Betrachten ist ziemlich unangenehm. Am Ende der zugewiesenen Zeit tauschen beide Seiten ihre Eindrücke aus und sagen Sätze wie: „Aus deiner Pussy leuchtet ein weißes Licht bis zu meinem Finger." (In der OM ist die Vagina grundsätzlich eine „Pussy".) Theoretisch soll diese Erfahrung für beide Beteiligten, den streichelnden Part und die Gestreichelte, gleich intensiv sein. 

Seit Nicole Daedone 2001 das erste OneTaste-Zentrum in San Francisco gründete, hat sich die OM schnell verbreitet. Mittlerweile schwören Tausende Mitglieder auf die Methode. Ein paar Kritiker bezeichnen sie sogar als Sex-Kult. Eines der Mitglieder ist Justine Dawson, eine ehemalige Sozialarbeiterin, die früher obdachlose Frauen und Kinder unterstützte. Mittlerweile widmet sie ihre gesamte Zeit dem weitaus edleren Streben, Frauen zum Kommen zu verhelfen. 

Ich habe mit ihr gechattet, um herauszufinden, wie die OM unser Leben verändern kann.

Justine Dawson

VICE: Kannst du in eigenen Worten sagen, was orgastische Meditation ist? Es klingt ja irgendwie nach Tantra, aber angeblich ist es nicht sexuell?
Justine Dawson: OM dauert 15 Minuten, vom Anfang bis zum Ende, sie findet ohne Erwiderung und ohne Ziel statt. Das ist der Unterschied zum Sex und verlagert OM in den Bereich des Trainings. 

Ist es also ein bisschen so wie tantrischer Sex? 
Es ist insofern viel einfacher als Tantra, als dass es keine Visualisierungen, spezielle Atemtechniken oder eine bewusste Steuerung von Energieflüssen im Körper beinhaltet. 

OK, aber worauf zielt das Ganze dann ab? Was geschieht nach den 15 Minuten?  
Es gibt kein ultimatives Ziel, aber die meisten Leute, die die Übung über längere Zeit durchführen, spüren eine tiefere Verbindung zu ihrem Partner, reichere Empfindungen, mehr Lebensenergie und ein generell besseres Körpergefühl. Es ist ähnlich wie beim Yoga oder bei der Meditation: Du spürst die einzelnen Vorteile vielleicht nicht bei jeder einzelnen Übung, doch mit der Zeit nimmst du einen signifikanten Unterschied wahr. In diesem Fall beim Sex, in der Beziehung und allgemein im Körpergefühl. 

Es muss in den 15 OM-Minuten also nicht unbedingt zum Orgasmus kommen, um von einem Erfolg zu sprechen?   
Nein, der Klimax ist nicht das Ziel der OM. Es kann dazu kommen oder auch nicht. Dadurch, dass der Druck wegfällt, ein Ziel erreichen zu müssen, macht die ganze Sache für beide Seiten viel mehr Spaß. 

Was ist mit Frauen, die Schwierigkeiten haben, durch die Stimulation der Klitoris zum Orgasmus zu kommen? 
Viele Frauen, denen Anorgasmie attestiert wurde, berichten, dass die zum Höhepunkt kommen, seit sie mit OM angefangen haben. Was mich persönlich betrifft, hatte ich vorher nie einen Orgasmus durch reine Penetration, aber jetzt komme ich regelmäßig einen. Dadurch hat sich meine Beziehung völlig verändert. 

Kannst du das ein bisschen ausführen? 
Nun, bevor ich angefangen habe, OM zu machen, hatte ich feste Vorstellungen davon, wie guter Sex aussieht. Dass er spontan ist, beide gleichermaßen geben und nehmen, und der Partner immer sicherstellt, dass ich komme. Dem Ganzen lag eine gewisse Berechnung zugrunde: Ich streichle dich, also streichelst du mich. Es war wie ein Handelsmodell. Mittlerweile ist mir der Klimax nicht mehr annähernd so wichtig. Ich erfahre eine viel tiefergehende und reichhaltigere Bandbreite an Sinneseindrücken. Manchmal sind sie zart und spielerisch, manchmal gewaltig und intensiv. Aber ich bin immer vollkommen bei der Sache—früher habe ich mir beim Sex viel zu viele Gedanken gemacht. 

Und was ist mit deinem Partner? Kommt er denn?  
Ich weiß, dass mein Partner auch etwas fühlt, während er mich streichelt. Und weil er es auch fühlt, ist die ganze Frage der Wechselseitigkeit hinfällig. Wir beiden haben Zugang zum gleichen Phänomen, nur von unterschiedlichen Positionen aus.

Ein OM-Einführungsvideo

Aber was ist mit dem Orgasmus des Mannes? Warum gibt es keine männliche Streicheltechnik? 
Es gibt eine männliche Streicheltechnik, auch wenn wir uns auf den weiblichen Orgasmus konzentrieren. Sie ermöglicht es Männern, ihren gesamten Körper, angefangen beim Finger, als Geschlechtsorgan wahrzunehmen. 

Also, um ehrlich zu sein, scheint mir das nicht ganz gerecht zu sein. 
Für viele Frauen bedeutet sexuelle Gleichheit eine Art Verpflichtung. Wir befriedigen unseren Partner, damit er etwas im Gegenzug macht, oder aus vielen anderen komplexen Gründen. Wir machen es jedenfalls nicht einfach zum Vergnügen. Das liegt daran, dass die meisten Frauen nicht voll und ganz beim Sex sind. Wenn wir Männer anfassen, sie ficken oder ihre Schwänze streicheln und lutschen, tun wir es nicht aus tiefster Seele heraus. Wenn eine Frau eine Weile OM praktiziert hat, verändert sie sich und geht mit einer neuen, überquellenden Weise an Sex heran. Das ist eine völlig andere Erfahrung, sowohl für die Frau selbst als auch für die Leute, mit denen sie schläft. 

Warum ist weibliche Sexualität denn für manche Menschen so verwirrend?  
Für viele Frauen ist Begehren mit Schande behaftet. Wenn wir nicht kommen, denken wir oft, dass es an uns und irgendeinem sexuellen Defizit liegt. Wir verstehen nicht, dass unser Körper genau weiß, was er will, und es sich so gut anfühlen würde, wenn wir ihn einfach fragen und auf ihn hören würden. In der OM lehren wir Frauen genau das zu tun. Außerdem bringen wir Männern bei, Frauen einfache Angebote zu machen, die sie mit „ja" oder „nein" beantworten können. „Möchtest du, dass ich schneller streichle?", „Soll ich mehr an einer Stelle bleiben?" Auf diese Weise können zwei Menschen die großartigste aller Empfindungen verfeinern. Männer finden es erleichternd, wenn sie eine direkte Anleitungen bekommen, was sich gut anfühlt. So müssen sie nicht mehr die Gedanken der Frau lesen. 

Und eine solche Beziehung ist für Streichler und Gestreichelte gleich erregend? Muss es sich dabei um eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau handeln? 
Die einzigen Voraussetzungen für OM sind eine Klitoris und eine Person mit einem Finger. Das heißt, es können auch zwei Frauen sein. Da ich seit vielen Jahren gestreichelt werde und auch selber gestreichelt habe, kann ich sagen, dass die Wirkung auf beiden Seiten gleich intensiv ist. Es ist verrückt, aber wahr. Anstatt dass eine Person gibt und die andere empfängt, ist es eher so, dass sich zwei Leute an eine Steckdose anschließen und beide spüren, wie die Spannung durch ihren Körper fließt. Es gibt eine Wissenschaft, die das bestätigt: die Biologie, die sich mit dem limbischen System beschäftigt. Aber am wichtigsten ist, dass die Erfahrung für sich selbst spricht. 

Warum sprecht ihr immer von der „Pussy" und nie von der „Vagina"?
Pussy ist doch der aufgeladenere Begriff, oder? In ein aufgeladenes Gebiet vorzudringen, ist sexy. Es steigert die Empfindsamkeit. Es lässt uns Dinge hinterfragen. Das Witzige an der Pussy sind all die Streichel-Konnotationen. 

Glaubst du, dass es generell wichtig ist, einen bestimmten Cunnilingus-Wortschatz aufzubauen? Versuchst du Leuten beizubringen, so über Sex zu sprechen, dass sich ihre Einstellung dazu ändert? 
Ja, das ist ein Teil des Ganzen. Wir benutzen gern aufgeladene Wörter, so wie Pussy, Schwanz, ficken, lutschen. Sie zielen genau aufs Schamgefühl ab und werten es um. Diese Worten besitzen eine gewisse Rauheit. Sensationeller Sex ist rau. Mehr braucht man dazu nicht. Keine blumige Sprache, kein Yoni, nichts Sakrales. Erst wenn du Sex auf die ursprünglichsten Bestandteile runterbrichst, kannst du herausfinden, was es alles gibt. Du kannst aufhören, etwas vorzutäuschen. Du musst niemand anderes sein, als du in Wirklichkeit bist. 

Kannst du deine erste OM-Erfahrung beschreiben?  
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr sehr gut an meine erste OM erinnern. Die Erfahrung an sich war nicht umwerfend, das Erstaunliche war, wie ich mich danach gefühlt habe. Es war, als hätte sich tief in meinem Inneren eine Tür geöffnet. Gefühle, von denen ich zuvor nicht einmal wusste, dass ich sie habe, begannen herauszuströmen: pulsierender Sex, tiefe Traurigkeit, ausgelassenes Lachen, rasende Wut. 

Ein TED-Vortrag von Nicole Daedone, der Gründerin von OneTaste

Hat sich dein Leben durch OM verändert? 
Nach dieser ersten orgastischen Meditation war meine Pussy so angeturnt wir nie zuvor. Sie lebte. Und auch ich fühlte mich lebendiger. Ich habe mein Sexleben geöffnet. Ich hatte mehr Energie und fühlte mich kreativer. Sechseinhalb Jahre später bin ich völlig in der OM und allem, was damit zusammenhängt, aufgegangen. Unter meinem Foto im Schuljahrbuch stand: „Wird aller Voraussicht nach Nonne." Das ist jetzt vorbei!

Macht OM, ähm, sexuell einfallsreicher?
OM öffnet das Begehren. Einige Leute hatten vielleicht schon vorher viel Sex und haben ihre speziellen Vorlieben bereits entdeckt. Andere haben sich im Bett vielleicht nie so richtig ausgelassen. Es ist, als würde ein wildes Tier in einem sehr kleinen Käfig leben, das durch OM freigelassen wird. Ich gehöre definitiv zum zweiten Lager. Durch OM habe ich begonnen, Sex wirklich zu lieben. Ich habe meine Hemmungen verloren, meine Bedürfnisse auszudrücken. Mein Körper ist lebendiger und erregter. Ich habe öfter den Sex, den ich will.  

Dagegen lässt sich wohl schwer was sagen. Einige haben OM als feministische Bewegung bezeichnet. Stimmst du dem zu?
Ich würde sagen, OM richtet sich an alle, die mehr Verbindungen zu ihrem Partner, mehr Energie und mehr Erregung wollen. Feministinnen würden viel aus OM herausholen können, aber das gilt auch für Konservative. Ich glaube, ein bisschen Muschigestreichel würde den meisten Menschen guttun. 

Da hast du wahrscheinlich recht. Danke, Justine. 

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