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Sex

Korrupte Polizisten, Mafia-Morde und AIDS: eine Führung durch Prags Drogen- und Prostitutionsbrennpunkte

Unser Guide, Karim, ist früher selbst anschaffen gegangen.

von Mark Pickering
04 August 2014, 12:19pm

Unser Tour-Guide Karim.

„Willkommen im Sherwood Forest!“, ertönte es von unserem Guide. Wir standen in einem kleinen Park, nicht unweit entfernt von Prags Hauptbahnhof. „Robin Hood hat die Reichen beklaut und die Armen beschenkt. Hier gibt es Bettler, Junkies, Prostituierte und Obdachlose—aber keine Robin Hoods. Hier beklaut jeder jeden.“

So beginnt eine von Europas weniger familienfreundlichen Stadtführungen. Organisiert wird sie von der Obdachlosen-Organisation Pragulic. Sie unterscheidet sich grundlegend von den üblichen Touren zur Prager Burg oder der Karlsbrücke: Die Touristen werden hier durch die schäbigeren und unbekannteren Teile der tschechischen Hauptstadt geführt. Es ist eine ziemlich düstere Angelegenheit. Jeder der neun Guides von Pragulic ist entweder obdachlos oder hat einen großen Teil seines Lebens auf der Straße verbracht, die von ihnen gewählten Routen geben Einblicke in das Triumvirat aus Obdachlosigkeit, Drogen und Prostitution—abgerundet wird das Ganze noch mit grundlegenden Fakten zur Polizeikorruption und dem einen oder anderen Mafia-Mord.

Unser Guide heißt Karim und ist laut Pragulic auch der gefragteste Führer aus der Gruppe. Karim hat 25 seiner 40 Lebensjahre auf Prags Straßen verbracht, war früher heroinabhängig und hat als männliche Prostituierte angeschafft.

Er trägt einen langen Ledermantel, der theatralisch bei jedem seiner Richtungswechsel mitschwingt. Unzählige Anhänger und Ketten zieren seinen Hals und dick aufgetragener Eyeliner umrandet seine Augen. Seine Hände—ein Wirrwarr aus selbstgestochenen Tattoos und Gothicschmuck—halten während der ganzen Tour kein einziges Mal still. Mit ihnen leitet er unsere Blicke auf jede Crackhöhle, jedes Bordell und jeden Obdachlosentreffpunkt, von dem er uns berichtet.

„In dem Treppenhaus da drüben nehmen Leute Drogen, haben Sex und schlafen“, erzählt er uns. „In den 80ern und 90ern war der Hauptbahnhof ein florierender Ort für männliche Prostituierte. Im Bahnhof selber gab es einen Balkon, auf dem die Leute Sex hatten—andere bevorzugten den Park. Der Park hat sich heutzutage mehr zu einem Wohnzimmer der Obdachlosen entwickelt.“

Es reicht, hier einmal kurz den Blick schweifen zu lassen, um das zu bestätigen: Eine Mischung aus Bettlern, Landstreichern und Junkies besetzt die vorhandenen Sitzbänke, andere liegen weggetreten daneben auf dem Rasen. Wie viele Obdachlose es genau in Prag gibt, ist schwierig festzumachen, Schätzungen gehen aber von ungefähr 3.500 Menschen aus—darunter finden sich Leute aller Altersgruppen und Bildungsgrade. Die Spanne reicht von jungen Kindern bis hin zu Erwachsenen mit Universitätsabschluss. Karim führte uns weiter an den dösenden Menschen im Park vorbei und biegt in eine Seitenstraße ein, die am Nationalmuseum vorbeiführt, bevor wir dann am Wenzelsplatz stehenbleiben. Hier fanden 1989 während der samtenen Revolution die Massenproteste statt, heute ist er ein Bollwerk der Prager Zuhälter.

„Das hier ist der einzige Ort, an dem die Zuhälter noch das Sagen haben“, erklärte uns Karim. „Alle anderen Prostituierten in der Stadt arbeiten auf eigene Faust oder haben Absprachen mit Taxifahrern, die ihnen die Kunden bringen. Hier arbeiten die ausländischen Mädchen aus Russland, der Ukraine, Bulgarien und Rumänien. Jede von ihnen hat einen eigenen Zuhälter, der sich in der Nähe aufhält, Drogen bereitstellt und den Cops eine Art Provision zahlt, damit sie hier ungestört arbeiten kann.“

„Es gibt drei Kategorien von Polizisten in Tschechien“, so Karim weiter. „Die lokalen Polizisten tuen so, als würden sie dich nicht sehen, und manchmal geben sie dir sogar Zigaretten oder reden mit dir. Die von der Staatspolizei schlagen oft die Dealer zusammen und fangen danach erst an, Fragen zu stellen. Die dritte Kategorie nennen wir Hybriden—das sind Polizisten, die sich irgendwo zwischen der Staatspolizei und den kommunalen Gesetzeshütern befinden. Wenn du Drogen verkaufst, bettelst oder dich prostituierst, werden sie dich sofort nach Geld fragen—und nicht nach wenig. Wenn du sie dann bezahlst, erkennen sie deine Arbeit an und lassen dich deinen Kram machen.“

Als wir in Richtung der Seite des Platzes zurückschauen, an der das Museum steht, zeigt Karim in Richtung der imposanten Statue des böhmischen Schutzheiligen Wenzel, vor dessen Augen sich die heißen Geschäfte zwischen Polizei und Verbrechern abspielen. Es ist weniger die Zusammenarbeit, die einen schockiert—vor allem, wenn man den Ruf der ersten Gruppe kennt, die dafür bekannt ist, keine Gelegenheit auszulassen, um ein paar Kronen extra zu machen—sondern die Art, in der dieser Platz fein säuberlich in Guter-Cop-, Böser-Cop-Territorien aufgeteilt ist.

„Von der Statue bis hin zu den Schienen werden Dealer, Bettler, Prostituierte und Taschendiebe geduldet, weil sie die Polizisten bezahlen“, klärte uns Karim auf. „In der unteren Hälfte des Wenzelsplatzes nehmen die Polizisten aber kein Geld an: Dort wechseln die Beamten regelmäßig, weswegen du sie nicht einfach bezahlen kannst. Die obere Hälfte profitiert also von der Prostitution, während die untere Hälfte sie bekämpft. Viele der Polizisten in der oberen Hälfte sind gleichzeitig Kunden. Sie kaufen Drogen und bezahlen die Prostituierten für Sex.“

Als wir den Wenzelsplatz entlanglaufen, kommen wir an einem halben Dutzend Mädchen vorbei, die hier unmissverständlich anschaffen. Einige Meter entfernt lauert eine Gruppe westafrikanischer Zuhälter und Dealer, die versuchen, Drogen an Touristen zu verkaufen. Die ganze Szenerie könnte keinen stärkeren Kontrast zu der unschuldigen Würstchenverköstigung darstellen, die wir ein paar Stunden zuvor noch absolviert hatten. Karim unterbricht seinen Vortrag für eine Anekdote über einen berühmten Transvestiten, der 1968 ein paar russische Soldaten mit seiner Handtasche zusammengeschlagen hatte („Sie waren mental so schockiert darüber, dass sie in einer psychiatrischen Anstalt endeten“), um dann damit fortzufahren, dass sich die Zeiten im Geschäft geändert haben.

„Zu Zeiten des Kommunismus konnte man als Prostituierte sehr gutes Geld verdienen. Heute gibt es hier verschiedene Mafiagruppierungen. Die Bettler, Pusher und Prostituierten müssen ihnen einen großen Anteil zahlen und stehen dann unter ihrem Schutz. In Prag gibt es nicht nur afrikanische Mafiosi, sondern auch arabische und bulgarische. Alle haben ihre eigenen Territorien und festgelegten Orte. Wenn Mädchen von einem dieser Orte in einen anderen geraten, kann das zu ernsthaften Problemen führen.“

In einer Straße mit dem Namen Perlovka—hier ging Karim früher selber anschaffen—zeigte er auf einen verdächtig aussehenden Durchgang zu unserer Rechten. „In diesem Durchgang befindet sich ein Pub, der früher der bulgarischen Mafia gehörte. Das waren richtige Psychopathen. Vier Monate nach der samtenen Revolution hatte einer der Köche Geld und Güter von ihnen geklaut. Die Bulgaren machten ihn ausfindig, es gab einen Kampf und am nächsten Morgen fand ein Kollege die zerhackte Leiche des Typen, auf verschiedene Töpfe und Pfannen verteilt.“

Karim erzählte uns auch, dass die gleiche bulgarische Mafia für den Tod seines zweiten Zuhälters, Sasha, verantwortlich war. In seiner 18 Jahre andauernden Tätigkeit als männliche Prostituierte hatte Karim zwei Zuhälter: einen mit dem Spitznahmen „Die Ratte“ („Er drehte in seinem Wohnzimmer Pornos“), der an einer Überdosis starb, und eben Sasha. Sasha war ein dünner, grauer Mann und es war offensichtlich kein Zuckerschlecken, für ihn zu arbeiten. Als wir uns bei einem Bier in dem vornehmen Café Louvre entspannten, Prags renommiertestem Bordell zu Ostblockzeiten und dem letzte Stopp auf unserer Tour, erzählte uns Karim eine Story über Sasha und die Billardhalle, die zu dem Café gehört.

„Sasha hat uns gezwungen, die Kunden unter Drogen zu setzen und sie dann zu bestehlen“, begann er. „Für eine Prostituierte endete das allerdings furchtbar. Einer der Kunden kam, nachdem er unter Drogen gesetzt und beklaut worden war, zurück in das Bordell, schnappte sich einen Billard-Queue und rammte ihn der Prostituierten gewaltsam in den Hintern.“

Karim erzählte uns weiter, dass die Zuhälter alles kontrollierten. Falls du versucht haben solltest, aus ihren Fängen zu entkommen, spürten sie dich wieder auf und brachten dich dann in manchen Fällen auch um. Es gab nur eine wirkliche Ausstiegsklausel und die war alles andere als schön. Du konntest dich aus dem Geschäft zurückziehen, wenn du dich mit HIV infiziert hattest—ein Schicksal, das auch unseren Guide ereilt hatte. Der Mann, der Karim ansteckte, tat dies, „weil er nicht mit sich selber klar kam und die Krankheit verbreiten wollte, um damit nicht allein zu sein.“

Für jemanden, der ein so schweres Leben hinter sich hat, ist das ein unglaublich trauriger Ausgang. 25 Jahre verbrachte Karim im festen Griff von Zuhältern, Heroin und Methamphetamin—er schlief auf Friedhöfen, in Squats, Höhlen und auf dem Bürgersteig. Heute ist er viel glücklicher. Er lebt dauerhaft in einem Obdachlosenheim und hat seit sieben Jahren einen festen Freund. Wenn 18-Jährige Jungs an ihn herantreten und sagen „Bring mir bei, wie man eine Prostituierte wird“, wimmelt er sie mit einem Lächeln ab. Stattdessen verbringt er seine Zeit damit, Führungen zu geben und Bilder zu malen.

Als wir unsere Biere im Café Louvre leeren, reicht er einige Bilder zum Anschauen in die Runde und sagt „Ich wollte immer nur unabhängig zu sein. Das war alles.“ Endlich hat er seine Freiheit gefunden. Die Tour hat uns allerdings nur zu deutlich vor Augen geführt, dass es in Prag Tausende anderer Menschen gibt, über die man das nicht sagen kann.

Mehr Informationen zu den Führungen findest du auf www.pragulic.cz 

Besonderer Dank geht an die Dolmetscherin, Kristýna Chvojková.

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