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Popkultur

Wie die Anti-Gewalt-Aktion #ausnahmslos rechte „Frauenbeschützer“ enttarnt

Sexuelle Gewalt ist niemals zu rechtfertigen—egal durch wen, egal an wem. Wer das nicht verstehen möchte, instrumentalisiert die Vergewaltigungsdebatte nach Köln.
12.1.16
Screenshot: ausnahmslos.org

Beinahe zwei Wochen sind die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht nun her, die Diskussion um eine vermeintlich importierte Vergewaltigungskultur und die Frage, wie gefährdet man als Frau in unserer Gesellschaft wirklich ist, bleibt allerdings aktuell. In Düsseldorf ziehen nachts größere Männergruppen durch die Straßen, um „unsere" Frauen zu schützen, und während Pegida und Co. die Vorfälle für ihre Anti-Asyl-Politik instrumentalisieren, müssen sich Andere den Vorwurf gefallen lassen, die Herkunft der bisher identifizierten Täter herunterzuspielen, um keine rassistischen Ressentiments zu bedienen.

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An dieser Stelle auch noch mal (ungläubige) Props an den Focus, der es sich nicht nehmen ließ, sich ordentlich mit Fremdblut einzureiben und dann mit Anlauf in das Haifischbecken zu springen, das diese Debatte mittlerweile geworden ist. Das Magazin bildete—passend zur Frage, warum überhaupt so getan wird, als ginge es beim Thema Vergewaltigung nur um Übergriffe von ausländischen Männern auf deutsche Frauen—eine blonde, weiße Frau auf seinem Titel ab, deren nackter Körper mit schwarzen Handabdrücken übersät war. Muss man auch erstmal bringen.

Dass sexuelle Gewalt gegen Frauen—gegen ALLE Frauen—in den unterschiedlichsten Situationen und von den unterschiedlichsten Tätergruppen aus passiert, wird bei der Fokussierung auf die wirklich unglaublichen Vorfälle in Köln gerne unter den Tisch fallen gelassen. Dabei wäre das gerade jetzt, wo das Thema endlich so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, wahnsinnig wichtig.

Aus diesem Grund haben sich 23 Feminist_innen unter dem Hashtag #ausnahmslos zusammengeschlossen—darunter auch #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, Rapperin Sookee und Journalistin Kübra Gümüşay—um ein Zeichen gegen Rassismus und Gewalt zu setzen. Egal durch wen, egal gegen wen. In einer 14 Punkte umfassenden Erklärung fordern sie von Politik, Gesellschaft und Medien ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit Opfern, Tätern und in der Berichterstattung. Besonders wichtig dabei: mehr Aufklärung, eine Anpassung der Gesetzeslage und eine offenere, kritischere, differenzierter geführte Debatte. Zu den Unterstützern der Aktion zählen neben Aktivist_innen und Medienvertreter_innen auch Politikerinnen wie Renate Künast, Manuela Schwesig oder Claudia Roth.

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— Диверсия (@Ea3321)11. Januar 2016

Eine Frage interessiert uns nun natürlich wahnsinnig: Wie wird die Initiative von den Leuten aufgegriffen, denen die Sorge um „unsere Frauen" nach den Vorfällen in Köln so sehr den Schlaf raubt, dass sie in selbstorganisierten Bürgerwehren um die Häuser ziehen, „Rapefugee"-Banner hissen oder im Netz vor verrohten Männern aus muslimisch geprägten Kulturen warnen? Juchzen sie vor Freude darüber, dass die „Femnazis" endlich damit aufgehört haben, die Silvester-Übergriffe zu „relativieren"? Ziehen nun alle gemeinsam an einem Strang, um dafür zu sorgen, dass sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft thematisiert und bekämpft wird?

Nein. Natürlich nicht.

Brauchen wir „Verhaltensregeln" für Männer, um Vergewaltigungen zu verhindern?

#ausnahmslos ist lediglich ein weiterer Versuch, islamische Tätermigranten #rapefugees zu schützen.", „Jetzt kapier ich auch, warum der #Netzfeminismus die ganze Zeit #koelnbhf relativiert hat. Trittbrettfahrer für eigene Agenda: #ausnahmslos" oder „Wir sind #ausnahmslos gegen #Massenvergewaltigungen durch sog. #Flüchtlinge"—was sich zum Teil unter dem Hashtag auf Twitter sammelt, macht nicht nur fassungslos, sondern auch wütend. Wie zynisch muss man sein, um eine Initiative gegen sexuelle Gewalt, egal an wem und durch wen, als irgendeine Art von verzerrter Propaganda zu begreifen? Und Propaganda für was genau? Das Recht auf körperliche Unversehrtheit?

Man muss kein aktiver Unterstützer von Netzfeminismus und -aktionismus sein, um zu verstehen, wie wichtig solche Aktionen sind. Gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Wer das nicht tut, hat kein Interesse daran, den Opfern von sexueller Gewalt zu helfen oder sexuelle Gewalt überhaupt erst zu verhindern. Er nutzt das Leid anderer als Deckmantel für seinen Rassismus, seine Islamophobie, seine Ausländerfeindlichkeit. Und damit hilft er absolut niemandem.