Warum sind die Leute so besessen von dem grauenerregenden Internetvideo ‚Dafu Love’?

Ob das Video nun eine düstere Legende ist oder das Werk eines unfassbar bösartigen Mannes, der aktuell in den Philippinen inhaftiert ist, das Internet liebt es, darüber zu reden.

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24 September 2015, 8:56am

Titelfoto: Anonymouscollective | Flickr.com | CC BY 2.0


Warnung: Dieser Artikel enthält explizite Beschreibungen von besonders gewaltsamem Kindesmord.

Wenn du so bist wie ich, dann bringt dich deine Internet-Neugierde manchmal auf Dinge, die in dir das dringende Bedürfnis wecken, dir den Kopf mit Seife auszuwaschen. Als ich noch zur Schule ging, durchstöberte ich, wie viele Jugendliche mit einem Internetanschluss und einer Vorliebe fürs Morbide, Rotten.com, den ekligsten Ort im damaligen Internet. Die schadenfrohe Misanthropie der Seite gefiel mir nicht—ich war nicht dort, um über Fotos zu lachen, die den gewaltsamen Tod anderer Menschen zeigten—, doch ich fand es, aus welchem Grund auch immer, irgendwie wichtig, die Leiche des Comedians Chris Farley zu sehen, und Rotten erfüllte mir diesen Wunsch nur zu gerne. Ich habe auch das gesamte Video von der Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl gesehen und die Audioaufnahmen vom Jonestown-Massaker angehört.

Ich bin bei Weitem nicht der einzige, der in diese dunklen—und doch leicht zugänglichen—Ecken des Internets vorgestoßen ist. Dieses Jahr schrieb die Journalistin Brianna Snyder für Wired über ihre Erfahrungen mit dem Ansehen von furchtbaren Mord-Videos und ihre Versuche, sich ihre Internetgewohnheiten zu erklären. „Ich weiß, dass ich zu der Erniedrigung und Entmenschlichung der Opfer beitrage, deren Tode auf Video festgehalten wurden", schloss sie. „Und ich kann mich nicht genug bei ihnen dafür entschuldigen, dass ich dazu beigetragen habe. Meine Schuldgefühle entschuldigen nicht meinen Voyeurismus. Sie machen mich nur viel mehr zu einem Teil des Missbrauchs und des Leids dieser Opfer."

MOTHERBOARD: Wie ein computergeneriertes Mädchen Tausende Pädophile entlarvt hat

Die meisten Menschen, die diese Videos ansehen, fühlen sich allerdings nicht so schuldig. Es gibt jede Menge von ihnen auf Reddit (wo sonst?), wo Nutzer in bestimmten Subreddits zusammenkommen, um über die schlimmsten Dinge zu reden, die es im Deep Web gibt. Deep Web, das ist der Sammelbegriff für die nicht indexierten (also googlebaren) und meist verschlüsselten Seiten im Internet. Dort hörte ich auch von „Dafu Love", einem angeblichen Snuff-Film und einem der furchtbarsten Videos, die je produziert wurden—wenn es sich dabei nicht einfach um eine sehr, sehr düstere Legende des 21. Jahrhunderts handelt.

What is Dafu Love?" fragt ein Reddit-Nutzer namens ImAPotatoBoss in einem Thread. „Ich habe gehört, dass Leute wahnsinnig geworden sein sollen, weil sie es angesehen haben", fuhr er fort. „Aber was ist es?"

Laut Beschreibungen aus zweiter Hand sieht man in dem angeblichen Video einen real existierenden australischen Mann, den in den Philippinen lebenden Peter Scully, der zusammen mit seinen Komplizen mehrere Babys zu Tode foltert. Gerüchten zufolge setzen sie einen Hammer und Meißel ein, um den Schädel eines Babys zu brechen. Gerüchten zufolge weiden sie ein Baby aus. Gerüchten zufolge schlagen sie zwei Babys gegeneinander wie bei einer Kissenschlacht, bis sie schließlich tot sind.

Wenn jemand zugeben würde, „Dafu Love" gesehen zu haben, dann würde sich diese Person im Grunde eines Verbrechens schuldig bekennen.

Ich habe nach Beweisen gesucht, dass „Dafu Love" existiert, und nichts Konkretes finden können. Es ist schwierig, Gerüchte zu verifizieren (eine frühe Beschreibung des Videos war auf Spanisch, eine weitere gibt es in Form eines YouTube-Videos), und angesichts des abstoßenden angeblichen Inhalts ist es wenig überraschend, dass niemand damit angibt, es gesehen zu haben.

Wenn jemand zugeben würde, „Dafu Love" gesehen zu haben, dann würde sich diese Person im Grunde (in den USA) eines Verbrechens schuldig bekennen, so Frank Kardasz, der ehemalige Kommandant der Arizona Internet Crimes Against Children (ICAC) Task Force. „Wir haben bereits ‚Forscher' verhaftet, die sich dann erfolglos versucht haben, auf den ersten Verfassungszusatz / Redefreiheit / Pressefreiheit zu berufen, um ihre verbotene Bildersammlung zu erklären", sagte Kardasz mir gegenüber. „Dieser Typ willst du nicht sein."

Wenn „Dafu Love" im Internet existieren sollte, dann im Deep Web—der Computersicherheitsexperte Gareth Owen stellte vergangenes Jahr in einer Studie fest, dass 80 Prozent der Deep-Web-Nutzung in irgendeiner Weise mit Pädophilie zusammenhängen. Das passt zu einem lange existierenden Trend, demzufolge Pädophile Technologie einsetzen, um Kinderpornografie zu sammeln. In den 1970ern und 80ern, so Kardasz, wurde dieses Material hauptsächlich per Post verteilt, und bis in die Mitte der 1990er „gab es keine Ermittlungseinheiten, die sich einzig auf verbotenes Bildmaterial konzentrierten, das die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger zeigt ... Damals waren solche Ermittlungen selten genug, um nur Nebenaufgaben von Ermittlern auszumachen, die sich ansonsten um andere Verbrechen kümmerten."

Heute gibt es Strafverfolgungseinheiten, die sich einzig und allein aufs Deep Web konzentrieren. „Es gibt schwierigere Fälle, bei denen das Kindesmissbrauchsmaterial im Deep Web gehostet ist, und vieles davon ist sehr schnell wieder verschwunden", sagte Detective Roy Calarese vom Labor für Computerforensik von Chester County.

Peter Scully, der Mann, der Gerüchten zufolge hinter „Dafu Love" stecken soll, ist einer der verachtenswertesten Knotenpunkte im Netzwerk des Deep-Web-Pädophilen. Der 52-jährige Australier ist im Moment in den Philippinen inhaftiert: Er wartet auf seinen Prozess wegen Vergewaltigung und Menschenhandel, und es wird wegen Entführung und Mord an Kindern gegen ihn ermittelt.

Laut Berichten in den australischen Medien zog Scully 2011 in die Philippinen, nachdem ihm Betrug zur Last gelegt wurde. Während er dort lebte, fing er mutmaßlich an, pornografische Filme von minderjährigen Mädchen zu drehen, mit denen er einen kranken weltweiten Markt bediente; Berichten zufolge zahlten ihm jene, die seinen berüchtigtsten Film sehen wollten, 10.000 australische Dollar (mehr als 6.200 Euro)—der Film trägt den Titel „The Destruction of Daisy" und zeigt mutmaßlich die Folter eines Babys unter zwei Jahren.

Das Video tauchte laut einer australischen Ausgabe der Sendung 60 Minutes in Europa auf—Scullys Gesicht war verpixelt worden, doch sein australischer Akzent gab den Ermittlern genug Anhaltspunkte, um ihn nach einer weltweiten Suche zu finden.

Die einzigen Beschreibungen von „Dafu Love" werden von angeblichen Zuschauern des Videos an Leute weitergegeben, die das Grauen mit dem Rest der Welt teilen wollen.

Die australische Bundespolizei antwortete nicht auf mehrere Bitten um Kommentar zu Scully und „Dafu Love", und sie scheint auch nicht mit anderen Medien über das Video gesprochen zu haben.

Die einzigen Beschreibungen von „Dafu Love" werden von angeblichen Zuschauern des Videos an Leute weitergegeben, die das Grauen mit dem Rest der Welt teilen wollen. YouTube-Vlogger, die angeblich Insiderinformationen zu dem Video bekommen haben, schütteln die Köpfe, verurteilen die ungeheuerlichen Verbrechen, die sie gleich beschreiben werden, und warnen ihre Zuschauer, dass sie gleich etwas Schreckliches hören werden. Im Internet garantiert eine solche Warnung ein eifriges Publikum—das Video eines Nutzers namens Takedownman hat es innerhalb von drei Monaten auf Hunderttausende Klicks gebracht.

„Viele Fans haben mich gefragt, ob das Video echt ist und ob Scully involviert ist", sagte mir Takedownman, als ich ihn fragte, was ihn an dem Thema angezogen habe. Er fügte hinzu, Scully sei „der Abschaum dieser Erde". Doch er konnte mir auch nicht dabei helfen, die Gerüchte um das Video zu verifizieren. „Viele Leute im Deep Web sagen, ‚Dafu Love' sei echt, doch im Surface Web sagen viele, es sei ein Fake."

Tatsächlich tun andere ‚Dafu Love' als eine düstere Legende ab—nichts als eine traurigere Version des Slender Man, die Neugierigen einen Schauer über den Rücken jagen soll. Die früheste Erwähnung scheint ein undatierter Post auf der Wikia-Community Creepypasta zu sein, deren ältester Kommentar im Mai 2014 gepostet wurde. Creepypasta ist eine unterhaltsame Sammelstelle für Gruselkram, den man sich nachts mit Freunden durchlesen kann, doch es ist keine Nachrichtenquelle. Wenn das der Ursprung von „Dafu Love" sein sollte, dann wäre das ein Anzeichen dafür, dass „Dafu Love" kompletter Bullshit ist.

Als Peter Scully für 60 Minutes interviewt wurde, waren seine Antworten auf die Fragen nach seinen Beweggründen so vage und nichtssagend, dass sie fast schon langweilig waren—es ist nicht so, als fehle ihm die Reue, sondern er scheint völlig von der Situation distanziert. Doch von seiner Art des Bösen, die uns so unvorstellbar und fremd erscheint, können wir uns auch distanzieren. Die schwierigere Frage lautet, warum so viele Leute—von denen die meisten vermutlich kein bisschen pädophil sind—über „Dafu Love" sprechen wollen, und warum so viele andere bereit oder sogar versessen darauf sind, Videos anzusehen, in denen jemand Menschen zerstückelt oder ermordet.

Den Unterschied zwischen Menschen, die ihre Augen vor dem Grauen verschließen wollen, und solchen, die hinsehen, werden wir vielleicht niemals verstehen.

Letztes Jahr, als die Enthauptungen durch den Islamischen Staat durch die Medien gingen, wurde eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Captivated and Grossed Out: An Examination of Processing Core and Sociomoral Disgusts in Entertainment Media" veröffentlicht. Ich habe eine der Autorinnen, Bridget Rubenking, gefragt, warum Beschreibungen von „Dafu Love" manche Menschen so sehr fesseln.

Da sie die Ekelreaktionen von 130 Probanden untersucht hat, ist sie sich ziemlich sicher, dass es dabei um die Vermeidung von Tabus geht. Ihre Hypothese lautet, dass unsere Affengehirne dazu programmiert sind, davon zu lernen, wenn wir Zeuge von Dingen werden, von denen wir vermeiden wollen, dass sie uns selbst passieren, und dies sei Teil „unseres oralen Ablehnungssystems". Im Grunde wollen wir instinktiv Tabus befolgen, sie aber gleichzeitig auch gebrochen sehen. Ein Wunsch zu sehen, wie anderen Menschen Gewalt widerfährt, könne „sich im Laufe der Zeit manifestiert haben, um uns zu zeigen, welchen Verhaltensweisen und Menschen wir aus dem Weg gehen sollten, und wir gaffen, weil wir diese schlechte Sache nicht selbst tun wollen."

Laut Kardasz sei „eine der anhaltenden Herausforderungen bei Verbrechen an Kindern, dass wir diese Verbrechen emotional, logisch und psychologisch so sehr verabscheuen, dass wir alles tun wollen, um ihre Existenz zu leugnen".

Doch wie 245.000 Klicks auf Takedownmans Video bestätigen, sind manche von uns von diesen Verbrechen fasziniert, und es wollen absolut nicht alle „ihre Existenz leugnen". Und den Unterschied zwischen Menschen, die ihre Augen vor dem Grauen verschließen wollen, und solchen, die hinsehen, werden wir vielleicht niemals verstehen.

„Es gibt Inhalte aller Art, weil es Menschen aller Art gibt. Ich kenne nicht die Gründe, warum manche Menschen sich von diesem Inhalt mehr angezogen als abgestoßen fühlen", sagte Rubenking. „Die Moralvorstellungen der Menschen könnten etwas damit zu tun haben, was für Inhalte sie ertragen."