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Ich bin ohne Vater aufgewachsen und es war (trotzdem) super

Obwohl ich ihm ziemlich dankbar dafür bin, dass er mich gezeugt hat, liegt mir nichts an meinem Vater.
Titelbild: Racchio via photopin

Manchmal kommt es vor, dass ich meinen Vater jahrelang nicht sehe, obwohl wir an sich nicht weit voneinander entfernt wohnen. Ab und zu telefonieren wir und reden über oberflächliche Dinge—er fragt mich, was auf der Uni los ist und ich ihn, was es im Dorf Neues gibt. Mehr habe ich mit ihm auch nicht zu reden, denn er weiß so gut wie nichts über mich. Er kennt meine Freunde nicht, weiß nicht, was mich interessiert oder beschäftigt. Das liegt daran, dass sich mein Vater und meine Mutter getrennt haben, als ich noch ein Baby war und das Einzige, das er jemals zu meinem Leben beigetragen hat, Alimente sind. So wirklich tragisch fand ich diese Tatsache jedoch nie.

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Natürlich war ich als Kind manchmal neidisch, wenn ich Freunde besucht und gesehen habe, wie sich ihre Papas um sie kümmern und ihnen Sachen beibringen. Diese Phase war aber zum Glück relativ kurz und ich habe gelernt, dass eine Mama, die genug Liebe für zwei Elternteile hat und alles erschreckend gut managen kann, mehr wert ist als ein zusätzlicher Mensch, für den man nicht mehr als das unwichtige Ergebnis einer austauschbaren Beziehung ist.

Das einzig Komische an der ganzen Sache ist nur, dass, wenn das Gespräch auf meine Eltern fällt und ich erzähle, dass ich mit meinem Vater nicht wirklich etwas zu tun habe und auch nie hatte, ich einen mitleidigen Blick und ein „Oh, du Arme … Das muss wirklich schlimm sein." bekomme. Nein, muss es nicht. Mein Papa hat sich nie um mich gekümmert und bekanntlich kann man nichts vermissen, was man nie hatte—das gilt nicht nur für Materielles, sondern auch für Menschen. Es hat mir schlicht und einfach an nichts gefehlt.

Munchies: I Got It From My Mama – David Gemeinböck

Noch schlimmer finde ich es nur, wenn sich Menschen Dinge, die ich falsch mache, oder bestimmte Verhaltensweisen mit der Tatsache erklären wollen, dass ich ohne Vater aufgewachsen bin. Meine Jugend mit meiner alleinerziehenden Mutter hat mich zu keinem Wrack voller Selbsthass gemacht, das seine Daddy Issues heute mit irgendwelchen Arschlöchern zu kompensieren versucht. Ja, manchmal gerate ich zwar an dumme Typen, das hat aber nichts mit Vaterkomplexen zu tun—das passiert auch denen, die mit Vater aufgewachsen sind. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, die Sache mit meinem Vater als Vorwand oder Entschuldigung für Dummheiten und falsche Entscheidungen zu verwenden. Ich bin durch ihn weder traumatisiert, noch gesellschafts- oder beziehungsunfähig.

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Ganz grundlegend sollte sich doch jeder in seinem Leben mit Menschen umgeben, die man gern hat und die einen im besten Fall selbst auch gern haben. Alles andere ist schlecht für den Seelenfrieden von zumindest einer der beteiligten Personen. Mittlerweile vertrete ich die Meinung, dass man diese Faustregel nicht nur auf Freunde und Bekannte, sondern ruhig auch auf Verwandte anwenden kann—selbst wenn es dabei um einen Elternteil geht.

Manche Menschen sind einfach Arschlöcher. Und warum in den restlichen Bereichen des Lebens mit Arschlöchern abschließen, aber nicht innerhalb der Familie? Man sagt zwar, die Familie kann man sich nicht aussuchen—mein Vater hat das aber anders gesehen. Er war 20 Jahre lang der Meinung, er könne sich aussuchen, ob er sich um sein Kind kümmert oder nicht. Und jetzt suche ich mir aus, ob ich so einen Menschen in meinem Leben haben möchte. Auch wenn das Manche vielleicht nachtragend oder genauso beschissen finden mögen, ist für mich der Zug nach vielen Jahren und noch mehr ungenutzten Chancen irgendwann abgefahren.

Manchmal, wenn ich mit meinem Papa rede, erzählt er mir, dass er oft an mich denkt und mich lieb hat. Es würde mir nie über die Lippen kommen, dass ich ihn auch gern habe. Natürlich weiß ich, dass es mich ohne meinen Vater in dieser Form nicht gäbe. Darum bin ich ihm auch ziemlich dankbar für sein Genmaterial und die verkorkste Beziehung, die er zu meiner Mutter geführt hat—obwohl er sie ziemlich schlecht behandelt hat.

Aber vor allem bin ich ihm für eines dankbar: Ich weiß dank ihm, dass eine glückliche Kindheit und die Frage, ob man sein Leben auf die Reihe bekommt, nicht vom Aufwachsen in gewissen gesellschaftlichen Traditionen und Mustern abhängig ist.


Titelbild: primi pass(t)i via photopin (license)