FYI.

This story is over 5 years old.

Stuff

Warum glauben wir eigentlich an Horoskope?

Sind Sternzeichen und ihre Auslegung esoterischer Schwachsinn, oder ist da wirklich etwas dran? Wir haben bei einem Astronomen und einem Psychologen nachgefragt.
4.9.15
Bild: Gideon Wright | Flickr | CC BY 2.0​

„Eigentlich glaube ich nicht an Horoskope, ABER …" ist einer dieser Sätze, bei denen man eine Unterhaltung sofort beenden (oder einfach wortlos gehen) sollte. Was in aller Regel folgt, ist nämlich eine bunte Mischung aus esoterisch-verklärtem Halbwissen und der großäugigen Versicherung, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der eine Bekannte hat, die wirklich sehr gut Tarotkarten legen kann. Irgendwann, und dann wird es gefährlich, kommt der Punkt, an dem man selbst zugeben muss: Ab und an fühlt man sich bei Sternzeichenbeschreibungen ja schon ertappt. Ich, sensibel, aufmerksam und künstlerisch begabt? Klar! Wie passend, wo ich doch Fisch bin!

Anzeige

Um herauszufinden, wie viel wirklich hinter astrologisch bedeutsamen Planetenkonstellationen steckt und ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen exzessivem Bettnässen und den Mondstand bei der Geburt der betroffenen Person gibt, haben wir bei Leuten nachgefragt, die sich nicht nur mit der menschlichen Psyche, sondern auch dem Weltraum auskennen.

Um eine Sache direkt vorwegzunehmen: Es gibt absolut keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen dem menschlichen Befinden und Verhalten und irgendwelchen Sternenkonstellationen. „Es kann auch keinen geben. Die Sterne sind viel zu weit weg, um irgendeinen Einfluss auszuüben", sagt der Astronom, Wissenschaftler und Autor Florian Freistetter. „Die ganze Astrologie ist komplett unlogisch und hat keine in sich konsistente Grundlage. Es gibt zum Beispiel keine Regeln, die besagen, welche Körper im Horoskop eine Rolle spielen. Der Mond der Erde ist wichtig—die mehr als 200 anderen Monde des Sonnensystems allerdings nicht. Der große Asteroid/Zwergplanet Pluto ist wichtig—der ebenso große Asteroid/Zwergplanet Eris dagegen nicht."

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Glaube an Horoskope also ganz großer Unsinn. Wie erklärt es sich dann aber, dass die Charakteristika des persönlichen Sternzeichens oft so zutreffend scheinen? Oder die Vorhersagen des Tageshoroskops tatsächlich genau so eintreffen?

Ich habe Wahrsager darum gebeten, meine nicht-existierende, tote Schwester zu kontaktieren.

Nun, zum einen könnte das daran liegen, wie solche Texte und Vorhersagen verfasst sind. „Man deutet ein Horoskop und verwendet möglichst abstrakte Begriffe, die der Empfänger selbst ins Konkrete umsetzen muss, wobei ihm die Freiheit gegeben ist, den Deutungsspielraum selbst zu bestimmen", erklärt Psychologe und Astrologieforscher Suitbert Ertel. In der Psychologie ist dieses Phänomen als Barnum- oder Forer-Effekt bekannt und fußt auf einem Experiment des Amerikaners Bertram R. Forer. Der führte in den 40er Jahren einen vermeintlichen Persönlichkeitstest mit seinen Studenten durch, legte anschließend allerdings jedem den exakt selben Auswertungstext vor—und ließ die Teilnehmer auf einer Skala von 1 bis 5 bestimmen, für wie zutreffend sie ihr Ergebnis erachteten. Im Schnitt lag der Wert der Studenten bei 4,26 (also bei „sehr zutreffend"), den Text selbst hatte Forer aus verschiedenen Zeitungshoroskopen zusammengeschrieben.

Der Mensch als solcher ist also gewillt, Dinge automatisch auf sich zu beziehen, wenn ihm suggeriert wird, dass sie auf ihn zutreffen. Und im gleichen Schritt Aussagen zu übergehen und auszublenden, die er als nicht korrekt erachtet. Das kann auch dazu führen, dass der Horoskop-Leser bewusst auf Dinge achtet, die ihm vorhergesagt wurden—und sie dadurch vielleicht überhaupt erst auslöst. „Diese Täuschungsquelle nennt man ‚selbsterfüllende Prophezeiung'", sagt Suitbert Ertel und zeigt auf, welche Risiken durch diese Art der Suggestion entstehen können. „Positive Erwartungseffekte dieser Art kommen auch vor. Allerdings muss man dabei auch die Möglichkeit und das tatsächliche Auftreten von negativen Effekten bei negativen Erwartungen bedenken. Das führt zu Fragen der Ethik in der praktizierenden Astrologie."

The Creators Project: Ein leuchtender Planet simuliert die Interaktion zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz.

Sind wir also alle nur durch Suggestion und psychologische Spielchen manipulierte Schafe, die auf jeden noch so einfachen rhetorischen Trick reinfallen? Vielleicht. Tatsächlich gibt es aber auch ganz simple, menschliche Gründe abseits von Wahrsagerei, Pseudowissenschaft und tiefverwurzeltem Aberglauben, an Horoskope und sternzeichenbezogene Seelenverwandtschaft zu glauben. „Die Astrologie befriedigt das zutiefst menschliche Bedürfnis, Hilfestellung bei Entscheidungen zu bekommen, die man selbst nicht treffen möchte oder kann", erklärt Florian Freistetter. „Sie verspricht ‚tiefes' Wissen über das eigene Leben und die eigene Psyche, und eine weitere Möglichkeit, die oft komplizierte, anstrengende und manchmal auch schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selbst zu vermeiden." Da gibt es in jedem Fall deutlich destruktivere Arten des Alltagseskapismus.

Vielleicht ist die wirklich interessante Frage an der Astrologie gar nicht unbedingt, ob es albern ist, daran zu glauben oder nicht. Vielmehr sollten wir uns fragen, wie es ein derart unwissenschaftliches Esoterikthema so sehr in die Mitte der Gesellschaft (und diverse Frauenmagazine) geschafft hat. Und was das eigentlich über unser alltägliches Ringen mit uns selbst und anderen aussagt.

Wenn euch Lisa eure Zukunft voraussagen soll, kontaktiert sie bei Twitter.


Titelbild: Gideon Wright | Flickr | CC BY 2.0