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Popkultur

Kim Kardashian West ist die Outsider-Künstlerin, die die Welt verdient hat

Quasi über Nacht wurde die „Warum ist die überhaupt berühmt?"-Prominente Nummer 1 zum neuen Liebling der Kunstliebhaber und Intellektuellen.

von Laura Jean Moore
02 Juni 2015, 4:00am

Aus Selfish (2015) von Kim Kardashian West

Kim Kardashian West ist die Künstlerin, die die zeitgenössische Kunstwelt verdient hat: ein Emblem, eine Anklage und ein Gegenmittel—verpackt in einem für Instagram bestens geeigneten A-Promi-Paket. Ihr neues Buch Selfish, ein schick aussehendes Bildband voller bereits veröffentlichter sowie noch nie gesehener Selfies, ist anscheinend so gut, dass sich alle Kunstkritiker dieser Welt plötzlich hinter sie stellen und das Ganze mit anspruchsvoller Literatur vergleichen. Quasi über Nacht wurde die gern gehasste „Warum ist die überhaupt berühmt?"-Prominente Nummer 1 zum neuen Liebling der Kunstliebhaber und Intellektuellen. Und das Ganze ergibt auch Sinn: Wir haben die digitale Revolution bereits hinter uns und sind im Zeitalter unserer digitalen Jugend angekommen. Auf uns zugeschnittene Technologie ist König, das Selfie Trumpf und Kardashian West die Königin.

Der Männerclub bestehend aus (vornehmlich) europäischen Malern und Fotografen der Moderne, die von Kunstsammlern der alten Garde und Kunsthistorikern immer noch verehrt werden, hat die für ihn wichtigen Frauen schon längst in irgendeiner Form verewigt (egal ob nun bekleidet oder nicht). Edgar Degas' Buch Dancers and Nudes ist dabei vielleicht das offensichtlichste und berühmteste Beispiel für Kunst, die von der anonymen Frauengestalt inspiriert wurde, aber das Schema wiederholt sich. Egal in welches Museum man auch geht, man findet eigentlich überall Frauen als Muse, Männer als Künstler und ein paar Alibi-Ausnahmen aus dem späten 20. Jahrhundert, um die überempfindlichen Political-Correctness-Ritter zufrieden zu stellen.

Im digitalen Zeitalter wurde diese Kommodifizierung des oftmals anonymen Körpers auf die Spitze getrieben, als Richard Prince Kunst erschuf, indem er verschiedene Instagram-Fotos (darunter viele Selfies) recycelte, um auf billige Art und Weise zu erschließen, wie wir unser eigenes Leben durch das Dokumentieren unserer Erinnerungen zu einem Produkt verkommen lassen. Dabei ist es egal, dass er diese Bilder eigentlich gestohlen und sie schließlich für 90.000 Dollar verkauft hat. Genauso unwichtig ist es, dass seine Kommentare zu den abgebildeten Frauen vor einer altbackenen und offensichtlichen Frauenfeindlichkeit strotzen, die man so eigentlich nur von Männern gewohnt ist, die sich selbst zum Klischee machen wollen. Zu seiner Verteidigung wurde zwar auch gesagt, dass er eine Art Meta-Selfie kreiert hat, indem er die Betrachter dazu auffordert, „sich mit unserem permanenten Narzissmus und unserem Bedürfnis nach den narzisstischen Bildern unserer Mitmenschen auseinanderzusetzen", aber überzeugt hat mich das nicht. Wir tragen wirklich eine rosarote Kunstbrille, wenn ein weißer Mann, der aus dem Leben, den Bildern und den Erfahrungen anderer Menschen Profit schlägt, als etwas Besonderes angesehen wird.

Kim Kardashian zu Gast bei Jimmy Kimmel

Und genau hier kommt Kim Kardashian ins Spiel. Sie macht so oft Selfies, dass das Bild von ihr beim Selfie-Knipsen fast genauso omnipräsent ist wie ihre eigentlichen Selbstporträts. Ihre Hingabe zu dieser Kunstform—eigentlich kann man hier fast schon von Meisterhaftigkeit sprechen—scheint ganz offensichtlich das angeblich bessere Empfindungsvermögen der Menschen anzusprechen, die sich immer noch auf der Seite des guten Geschmacks positionieren wollen. Aber Vorsicht, der gute Geschmack wird hier von der Ausdrucksform des Äußeren und nicht des Inneren bestimmt. Selbst beim überschwänglichen Lob für Kardashian Wests neuestes Buch lassen es sich die Kritiker nicht nehmen, das Selfie als den „womöglich selbstbefriedigendsten Akt neben dem eigentlichen Masturbieren" abzustempeln. Die Selfie-Sammlung von Kanye Wests Ehefrau wird dann schließlich als „Paradebeispiel für kurierten Narzissmus" bezeichnet.

Ein Ausschnitt des „Selfish"-Covers

Aber was genau ist das Selfie abgesehen von der bequemsten Form des Selbstporträts eigentlich? Und seit wann sind Selbstporträts so verabscheut? Anscheinend seitdem Handys mit Kameras das Selbstporträt so einfach und allgemein zugänglich gemacht haben. Ich habe zum Beispiel noch nicht mitbekommen, wie jemand rückblickend darüber diskutiert, ob die Selbstporträts von Van Gogh ein Beweis für dessen Narzissmus sind. Bei Frida Kahlo wurde dieses Argument allerdings interessanterweise schon angebracht: In einer Überschrift wurde die Künstlerin als die Schutzheilige des Internet-Narzissmus bezeichnet.

Diese Verabscheuung sollte als Teil eines weitläufigeren Trends gesehen werden, bei dem die weibliche Eigenliebe und die daraus resultierende Kunst irgendwie weniger Wert hat als die männliche Ausdrucksform sowohl in der Kunstwelt als auch sonst überall. Das Selfie an sich stellt historische Normen der weiblichen Repräsentation und Macht auf den Kopf und gibt einem selbst die Kontrolle über die eigene Darstellung. Weil sie schon damals 1984 das Selfie für sich entdeckt hat, ist Kim Kardashian West die eigentliche Schöpferin ihres öffentlichen Images. Für diesen Umstand sollte man ihr Respekt zollen und sie nicht verunglimpfen.

34,7 Millionen Menschen folgen Kim Kardashian bei Instagram.

Indem sie sich in den Mittelpunkt ihres eigenes Lebens—und ich sage es jetzt einfach: auch ihrer eigenen Kunst—stellt, gehört Kim Kardashian West zu einem etablierten Vermächtnis von Künstlerinnen, die Kunst in einem sehr persönlichen und bekenntnishaften Kontext erschaffen haben. Neben Frida Kahlo, deren Selbstdarstellung vor allem von Verletzungen und Bewegungsunfähigkeit motiviert war, erschweren die Arbeiten von Cindy Sherman schon lange die Überschneidung des persönlichen und des öffentlichen Raumes, denn sie stellt sich immer anders und in verschiedenen gesellschaftlichen und beruflichen Rollen dar. Während in Shermans Werken eine Spannung zwischen dem unveränderlichen und dem selbst aufgebauten Wesen des Menschen existiert, verschmelzen in Kardashian Wests Selfies die persönliche und die öffentliche Welt. Wir sehen sie dabei als richtige Mutter sowie als tatsächliches und selbstbewusstes Sexsymbol—und dabei strahlt Kardashian West noch eine Weiblichkeit aus, die unsere öffentlichen Ideale der Gender-Darstellung verkomplizieren.

Aus Selfish (2015) von Kim Kardashian West

Julie Doubleday nennt Kardashian West „eine fast perfekte Vermenschlichung der Werte, nach denen wir von klein auf streben sollen." Kardashian West vereint alle Eigenschaften, die Frauen besitzen sollen: schön, sexuell anziehend, mütterlich und nicht allzu klug. Und trotzdem wird sie von einem Teil der US-Bevölkerung gehasst, dem es Vergnügen bereitet, besser zu sein als das, was in diesen Kreisen als selbstverherrlichender und scheinbar nichtssagender Ausdruck der Menschlichkeit angesehen wird. Damit kann jetzt auch mal Schluss sein. Ein solches pseudointellektuelles Getue basiert auf einem fehlerhaften Wertesystem, in dem Frauen und nicht-weiße Menschen zwar nach Dingen wie einem gesellschaftlichen Status, Geld oder Macht streben können, aber eben nur auf vorgegeben Wegen: durch Heirat, durch Geschäfte oder durch weiterführende Bildung. Natürlich sind das jetzt keine schlechten Möglichkeiten, nach etwas zu streben, aber trotzdem wird ihre Achtbarkeit von einer etablierten Oberschicht herabgesetzt—und das nur, weil es dieser Oberschicht nicht passt, wenn Frauen wie Kim Kardashian West erfolgreich sind und etwas erreichen. Dieser Umstand erinnert sie nämlich an ihren eigenen unverdienten Status. In vielen Fällen haben die Mitglieder der etablierten Oberschicht ihren Reichtum auch nur geerbt und trotzdem bilden sie sich ein negatives Urteil über die Personen, deren Erfolg gleichermaßen unbegründet ist.

i-D: Kim Kardashian macht das ultimative Selfie

Die Kunstwelt trägt eine Mitschuld an dieser Missachtung und ist—wie bereits gesagt—ebenfalls schuldig, wenn es darum geht, die nach außen gerichtete männliche Ausdrucksform höher zu stellen als die nach innen gerichtete weibliche. Es ist allerdings schön und inspirierend zu sehen, dass diese Diskussion eine Trendwende herbeiführt, indem man über Kardashian West und ihre Werke sagt, dass sie „die Aufmerksamkeit der Leute, die sich als ernsthafte kritische Denker bezeichnen, verdient haben." Sie ist eine—zugegebenermaßen reiche und berühmte—Außenseiterin und vielleicht wird sie eines Tages von einer anderen US-Gesellschaftsschicht profitieren, nämlich dem erfolgreichen Underdog. Bis dahin fungiert Kardashian Wests Buch Selfish als ein angenehmes Gegenmittel für eine Kunstwelt, die dringend neu geordnet, wenn nicht sogar ganz über den Haufen geworfen werden muss. Kardashian Wests Wandlung zu einer Künstlerin ist ein erster Schritt in Richtung neue Achtbarkeit. Ich wünsche Kim viel Glück!