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Warum bin ich immer krank?

Kortison-Spray ist mein täglicher Begleiter.

von Dalia Ahmed
28 Juni 2015, 4:00am

Einmal im Monat oder—wenn es gut geht—einmal alle zwei Monate liege ich für eine Woche krank im Bett. Jedes Mal mit den selben Symptomen, Halsschmerzen, die schlimmer als auf 20 brennende Legosteine treten sind und überall Schleim. Rituell gehe ich dann zu meinem HNO, der nach vier Jahren noch immer nur Schmerzmittel und ein Kortisonspray verschreibt. Die Schmerzmittel, die er mir gibt, sind aber so stark, dass ich den restlichen Krankheitsverlauf im Delirium bin und weder die Halsschmerzen noch sonst irgendwas spüre.

Weil ich bis vor einem Jahr eigentlich nur studiert habe, war eine Woche herumliegen und unproduktiv sein, nichts ungewöhnliches. Ja, es wurde ein bisschen nervig wenn mir Freunde meine „Kann nicht. Krank"-SMS nicht mehr glauben wollten, aber außer einem verstimmten Geburtstagskind zu dessen Party ich nicht kommen konnte, gab es keine gröberen Schäden. Es war sogar ein bisschen wie Urlaub. Wenn Reisebüros Pakete anbieten würden, bei denen man tagelang high auf Schmerzmitteln Disneyfilme schaut und nie weiß, wann Tag oder Nacht ist, wäre dieser Zweig der Tourismusbranche nicht so verkümmert.

Seit einem Weilchen bin ich aber, als halb Erwachsene auch halb angestellt und die ewigkranken Jahre sind vorbei bzw sollten sie es sein. Einen Haufen Vorlesungen verpasse ich gerne - da wäre ich gesund wahrscheinlich auch nicht hingegangen - aber bei einer Woche Arbeit, bei der es im Gegensatz zum wischi-waschi Studium wirklich um was geht, wird's meinem inneren Spießbürger unangenehm.

In dieser Situation hätte sich sicher jeder Nicht-Volltrottel mittlerweile einen anderen Arzt gesucht. Einen, der helfen kann und nicht immer nur wie ein Peter Rapp der „Viruslosshow"an einem Rad dreht und dann abwechselnd, Mandel-, Nebenhöhlen-, oder Luftröhrenentzündung diagnostiziert. Mir kommt da aber leider meine Faulheit in die Quere. Um einen anderen Arzt zu finden, müsste ich mir einen raussuchen, bei diesem Arzt anrufen und einen ganzen verständlichen Satz für's Band zusammenbringen oder noch schlimmer, mit dem Arzthelfer sprechen! Und dann könnte die Arztpraxis so liegen, dass ich noch wo umsteigen müsste, um hinzukommen.

Trotz all dieser Hürden und meiner grenzenlosen Faulheit (ich wollte diesen Beitrag schon seit einem halben Jahr fertig geschrieben haben) habe ich es geschafft, zwei anderen Ärzten meinen verschleimten Hals zu zeigen. Eine konnte mir nichts neues erzählen und der andere wollte mir nur Aspirin verschreiben, obwohl mein Rachen schlimmer als ein irakisches Ölfeld brannte. Außerdem kommt dazu, dass ich mal den Bürgermeister im Wartezimmer meines HNOs des Missvertrauens gesehen habe und seitdem schwirrt in meinem Kopf der Gedanke: „Was gut genug für den ist, ist auch gut genug für dich" herum.

Foto: Maryam Abdulghaffar | Flickr.com | CC BY 2.0

Vielleicht ist aber genau das das Problem meines Arztes. Er hat seine Praxis mit schicker Lage und Patientenliste von seinem Vater übernommen, nimmt nur Privatpatienten und ist teurer als ein Tidal-Abo. Wahrscheinlich ist genau diese Art von Arzt dann dafür anfällig, sich nicht besonders viel Mühe zu geben. Warum auch, die Patienten stehen ja sowieso Schlange, um ihm haufenweise Geld in Hals, Nase und Ohren zu schieben. Deshalb hatte ich mir auch schon mal überlegt, einen alle Kassen, volles Wartezimmer, frisch von der Uni-Arzt aufzusuchen, aber das scheitert eben an dem Ding mit der Faulheit: Ich mag nichts raussuchen und ich mag nicht wo hinfahren.
Nach vier Jahren dieser lahmen Leidensgeschichte, bei der ich durchgehend entweder krank oder kurz davor bin, fühle ich mich wie Ned Flanders Eltern „We've tried nothing and we're all out of ideas!".

Ich bin aber nicht die einzige Ewigkranke. Ich habe schon von vielen anderen genau dieselbe Geschichte gehört. Immer krank, immer was mit den Atemwegen. Im Gegensatz zu mir, haben diese Leute aber was oder sogar vieles probiert, sie gehen zu unterschiedlichen Ärzten, machen Sport, ernähren sich gesund, hören mit dem Rauchen auf, probieren TCM und trinken die widerlichsten Tees. Trotzdem bringt es ihnen auch nichts. Alle erzählen sie mit ihrer verstopfte-Nase-Stimme, wie sie letzte Woche, diese Woche oder wahrscheinlich nächste Woche krank sind. Ist das wie bei Sense8 (schaut euch die Serie auf keinen Fall an) und wir sind alle in einem Cluster verbunden der von Tempo-Taschentücher und Neo-Angin Halspastillen gesponsert wird?

Von Allergien, über kaputte Mandeln, bis hin zu „es ist der schlechte Lebenswandel"(wenig Schlaf, viel Party) habe ich schon alles an möglichen Ursachen gehört. Die Theorie, dass es am Lebensstil liegt, rede ich mir gern ein, weil sie spannender als ein kaputtes lymphatisches Organ klingt, aber stimmen wird sie wahrscheinlich auch nicht. Dafür gibt es zu viele gestresstere, verkatertere und sich ungesünder ernährende, aber trotzdem seltener kranke Leute in meinem Umfeld. Vielleicht ist es aber auch ein Evolutionsding und Mutter Natur versucht uns Atemwegsschwächlinge auszumisten und uns bleibt nichts anderes übrig, als entweder ewig vor uns hinzukränkeln oder uns für den Rest unseres Lebens auf eine Kuranstalt wie im Thomas Mann Roman zurückzuziehen...keine Ahnung, wenn ich es wüsste, würde ich jetzt nicht krank und benebelt diesen Text schreiben, sondern gesund und benebelt bei der Geburtstagsfeier meines besten Freundes sitzen.


Titelfoto: B Rosen | Flickr.com | CC BY-ND 2.0