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„Bruder vor Luder“ bringt Slut-Shaming auf ein neues Level

Der erste Kinofilm der YouTube-Stars DieLochis ist albern, kurzweilig und harmlos. Bis auf seinen Umgang mit den weiblichen Darstellerinnen.

von Lisa Ludwig
21 Dezember 2015, 5:00am

Screenshot von YouTube aus dem Video „Bruder vor Luder – offizieller Trailer“ von Constantin Film

„Es geht um hippe YouTuber, die erste große Liebe, Stars, Fame Bitches und Biester, sowie schließlich ums Erwachsenwerden." fasst die Pressemappe den ersten Film der beiden YouTube-Brüder Heiko und Roman Lochmann, Bruder vor Luder, zusammen, die sich nicht nur in den Hauptrollen selbst spielen, sondern auch gleich Regie geführt haben. Inhaltlich ist das Ganze eine solide Mischung aus Wilde Kerle und Glee.

Ich könnte euch jetzt erzählen, dass es sich auch beim zweiten YouTube-Kinofilm um keine cineastische Höchstleistung handelt, wenngleich DieLochis ein ungleich sympathischeres Erstlingswerk abgeliefert haben als ihr Webvideokollege Freshtorge mit Kartoffelsalat. Ich könnte euch en detail erzählen, wie anstrengend ich bemüht humoristische Szenen finde, die primär aus Erektions- und Durchfallwitzen bestehen und würde dabei wahrscheinlich wie jede ältere Person (26. Ich bin 26.) klingen, die sich über einen Film auslässt, für den sie einfach nicht die Zielgruppe ist. Deswegen lasse ich das. Und auch die Fragen, die bereits der Trailer bei uns aufgeworfen hat, wurden uns bisher leider nicht beantwortet.

Wenn es aber etwas gibt, worüber man sich bei Bruder vor Luder generationsübergreifend unterhalten kann (und sollte), dann ist es das Frauenbild, das der explizite Jugendfilm an sein junges Publikum weitergibt. In dem Film gibt es nämlich genau zwei Typen Frauen—respektive Mädchen: Die aufgedonnerten, selbstbewussten Tussis, die extrem oberflächlich sind und nichts anderes wollen, als mit einem Promi ins Bett zu springen. Und die süßen, schüchternen, natürlichen Mädels, die es ernst meinen mit den Brüdern/der Familie/dem Leben im Dienste anderer und deswegen wie vollwertige Menschen behandelt werden.

Die „große Liebe" und „Fame Bitches". Der Engel und die Hure. Klingt ein bisschen wie das Bild, das im Deutschrap gerne über Frauen transportiert wird—und da vollkommen zurecht kritisiert wird. Nur: Dass es sich in der hiesigen Sprechgesangsszene um einen Bereich handelt, in dem übertrieben zur Schau gestellte Maskulinität elementarer Bestandteil der eigenen Inszenierung ist, wissen die Hörer in aller Regel. Bei den Gebrüdern Lochmann hingegen handelt es sich um Teenie-Idole, die einen Großteil ihrer Beliebtheit daraus ziehen, dass sie sich als nahbar, offen und glaubwürdig verkaufen. Wenn die Lochis stark geschminkte Cheerleaderinnen als „Luder" abstempeln, gibt es für ihre Fans keinen Anlass zu hinterfragen, ob das nicht nur Teil eines fiktiven Narrativs ist.

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Das Luder im Film heißt Jessy, ist knapp volljährig und sieht aus wie eine Make-Up-Reklame. Sie steht ausschließlich auf Promis, möchte unbedingt selbst berühmt werden und benutzt die Menschen um sich herum zu ihrem eigenen Vorteil. Sie ist das ultimative Böse, die manipulative Sirene, die einen der Brüder (Heiko) in ihre Fänge bekommt und versucht, über ihn ihre eigene Gesangskarriere zu pushen. Wenn sie sich gerade nicht hübsch macht, quält sie ihre jüngere Schwester (Bella, der Engel, die „große Liebe"), für die sie seit dem Tod der Eltern die Vormundschaft hat. Warum sie das tut? Weil sie böse ist. Es gibt keine Erklärung. Sie ist eine „Fame Bitch", genau wie ihre Freundinnen. Und der Film hilft uns sogar dabei, diese Spezies Frau zu erkennen: Sie legen Wert auf ihr Äußeres, lachen viel und wirken eigentlich ziemlich traurig und einsam.

„Bruder vor Luder!", dieser Satz fällt mehrmals im Film. Aber was soll das dem jungen Publikum mitteilen? Das mag eine fiese Unterstellung sein, aber: Wer sich einmal durch die Kommentarspalten und Fanfiction-Foren des YouTuber-Universums gewühlt hat, bekommt ziemlich schnell den Eindruck, dass es auch unter den treuen Lochi-Anhängerinnen die ein oder andere Kandidatin gibt, die alles dafür tun würde, mal mit Heiko (oder Roman) Essen zu gehen. Sind das dann auch alles verabscheuungswürdige Fame Bitches, denen man nur das Schlechteste wünscht? Muss Slut-Shaming wirklich schon in einem Alter anfangen, in dem sich vor allem junge Frauen mit der Identitätsfindung noch ein bisschen schwer tun?

Rechts im Bild: ein Luder. Links: Ein Comedian, von dem wir gehofft haben, dass er endlich in der Versenkung verschwunden ist. | Screenshot von YouTube aus dem Video „Bruder vor Luder – offizieller Trailer" von Constantin Film

Vielleicht darf man von einer flach angelegten Teenie-Komödie keine tiefgreifenden Charakterstudien erwarten, aber wenn Jessy am Schluss von der buhenden, übergriffig werdenden Fanmeute aus dem Konzertsaal gejagt wird, dann hinterlässt das einen ganz ekligen Beigeschmack und sagt eigentlich nichts anderes als: Wenn du dich als Mädchen auf eine bestimmte Art und Weise verhältst, dann hast du keinen Wert. Dann ist es OK, dich nicht mehr als das zu behandeln, was du eigentlich bist. Ein junger Mensch, der seine Rolle im Leben noch nicht gefunden hat und sich aus Unsicherheit hinter eine vermeintlich perfekte Oberfläche flüchtet.

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Dass zwei 16-jährige Jungs diese Feinheiten nicht sehen und wahrscheinlich selbst noch viel zu sehr ins Erwachsenwerden involviert sind, um den Prozess mit etwas Abstand zu betrachten, ist nur allzu verständlich. Ihre erwachsenen Geschäftspartner haben diese Entschuldigung allerdings nicht. Nur weil die Protagonisten und Aushängeschilder quasi noch Kinder sind und das angestrebte Publikum ebenfalls minderjährig ist, muss das transportierte Weltbild nicht dem Schwarz-Weiß-Denken eines Heranwachsenden entsprechen, der es einfach noch nicht besser weiß. Vielleicht ist es genau dann wichtig, besonders sensibel zu sein.

Auch am Schluss bleiben die Rollen klar verteilt. Die Guten sind unendlich gut, weswegen sie das ultimative Happy-End bekommen. Die Bösen sind Böse und bekommen ihre gerechte Strafe. Und DieLochis sind harmlos, medial gesehen wahrscheinlich die neuen Ochsenknechts und süß. Was sich eben verkauft in YouTube-Deutschland.

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