Das Studio 54 sieht immer noch aus wie der beste Club aller Zeiten

Vergesst das Berghain. Wir haben mit Tod Papageorge über seine Fotos aus dem legendärsten Club aller Zeiten gesprochen.

von Bruno Bayley
28 Oktober 2014, 12:14pm

Wenn ihr einen talentierten, künstlerisch veranlagten Fotografen und die verrücktesten, glamourösesten, hedonistischsten und schönsten Menschen des New Yorks der späten 1970er Jahre zusammenbringt, bekommt ihr phänomenale Fotos.

Bilder aus dem Studio 54 sind heutzutage weit verbreitet-schließlich gibt es zahlreiche Artikel, Dokumentationen und Biografien über diesen beeindruckenden Club. Aber etwas an den Fotos, die Tod Papageorge dort aufgenommen hat, stellt das Ganze auf eine sehr besondere Weise dar. Die Besucher sind nicht bloß Partygänger, sondern eine Art seltsamer, künstlerisch angehauchter, prominenter, zugekokster und von Champagner berauschter dionysischer Kult, der in Anzügen und Ballkleidern herumturnt.

Tod Papageorge, der wohl die größte Bekanntheit mit seinem Bildband American Sports, 1970: Or How We Spent the War in Vietnam, einer flammenden Kritik am Krieg in Vietnam, erreicht hat, hat sich die Zeit genommen, um mit mir über die Fotos in seinem neuen Buch Studio 54 zu sprechen. Im Gespräch ging es um Tods Motivation und darüber, wie uns seine Arbeit im Club ein geschlossenes Bild der Welt zeigt, in der wir leben.

VICE: Viele Biografien oder auch Beschreibungen deiner frühen Arbeiten scheinen sich auf das Etikett „Straßenfotografie" zu konzentrieren. Wie stehst du zu dieser Bezeichnung?
Tod Papageorge:
 Interessante Frage. Nun, ich bin nicht gerade glücklich mit dieser Bezeichnung. Es ist ja einfach die Arbeit eines Fotografen, der in New York City arbeitet. Jetzt, wo ich älter und milder werde, bin ich nicht mehr so empfindlich, was diese Bezeichnung angeht. Aber früher war sie für mich wie ein rotes Tuch-und nicht nur für mich. Auch für Garry Winogrand und die anderen Fotografen in unserem Team war sie ein rotes Tuch. Sie schien uns herablassend, so haben wir zumindest darauf reagiert: als ob sie eine herablassende Beschreibung unserer Arbeit gewesen wäre. Wir gingen ja davon aus, dass wir einfach nur fotografierten. 

Damals haben das alle Fotografen so gemacht: Sie sind in die Welt hinaus gegangen und haben versucht, ein Stück von ihr einzufangen, ob man nun Berge fotografierte wie Ansel Adams oder die eigene Ehefrau wie Harry Callahan. Wir hatten nicht den Eindruck, dass der Begriff „Straßenfotografie" eine besonders hilfreiche Bezeichnung war. Es gibt eine berühmte Ausgabe des Aperture Magazine mit dem Titel „Snapshot", an der ich mitgearbeitet habe. In dieser Aussage wurde diese Frage vielen Fotografen gestellt und alle haben ablehnend darauf geantwortet. Genau wie ich.

Wenn wir uns deine Arbeiten aus dieser Zeit ansehen, die Nicht-Straßenfotografie, wie passen da die Fotos vom Studio 54 rein?
1977 bat mich [der Fotograf und Kurator] John Szarkowski darum, eine Ausstellung am Museum of Modern Art zu kuratieren. Eine Ausstellung zu kuratieren, ist eine große Ehre für einen Fotografen. Es handelte sich um eine Ausstellung zu Garry Winogrands Arbeit in dem Buch Public Relations. Da habe ich mit ernsthafter Arbeit im Central Park begonnen.

Ist aus den Fotos im Central Park dann irgendwann das Buch Passing Through Eden entstanden?
Ja, genau. Tagsüber arbeitete ich mit einem Aufhellblitz, um die Schatten im Park auszuweiten. Häufig nahm ich dann abends dieselbe Ausrüstung ins Studio 54 mit. Aber es ist ja auch nicht so, als ob ich irgendwie vom Studio 54 besessen gewesen wäre. Ich hatte Glück, weil meine gute Freundin Sonia Moskowitz, eine berühmte Fotografin, im Studio 54 sehr gern gesehen war. Dank ihr kam ich überhaupt erst rein. Sonst hätte ich wahrscheinlich nie einen Gedanken daran verschwendet. Eines meiner Vorbilder ist Brassaï, ein französisch-ungarischer Fotograf. Ich liebe seine Arbeit und habe 1968 eine große Ausstellung von ihm gesehen. In dem Club zu fotografieren, passte also auf natürliche Art und Weise zu Arbeiten aus der Geschichte der Fotografie, die mich bewegt und inspiriert haben.

Wie haben die Menschen darauf reagiert, ständig fotografiert zu werden?
Es waren sehr viele Fotografen im Club. Sie waren ziemlich großzügig mit dem Zugang, weil sie wussten, dass die Fotos ja veröffentlicht und den Club noch begehrenswerter machen würden. Die Leute hatten sich an Kameras gewöhnt, deshalb haben sie auch nicht ablehnend reagiert. Es gab nicht eine einzige skeptische Reaktion auf meine Arbeit.

Ich habe in dem kurzen Essay im Buch einige Anstrengungen unternommen, um meinen Arbeitsprozess zu beschreiben, was wohl geholfen hat. Ich war ja bereits ein erfahrener 35-mm-Fotograf und die Kamera, mit der ich arbeitete, hatte den gleichen Ausschnitt wie eine 35 mm. Wenn ich umherspazierte, konnte ich irgendwie schon den Ausschnitt des Bilds sehen, bevor ich meine Kamera überhaupt ansetzte. Ich hob die Kamera nur, um tatsächlich ein Foto zu machen, wenn ich gesehen habe, dass gleich etwas passiert. Ich lief also nicht zaghaft mit meiner Kamera herum, hielt sie mir nicht permanent vor das Gesicht und machte die Leute so nicht permanent auf die Kamera aufmerksam und dadurch argwöhnisch. Wenn etwas passierte, passierte es normalerweise sofort. Gelegentlich machte ich noch ein zweites Foto, aber im Allgemeinen war ich nicht so ungeschickt, als dass ich diese aufdringliche Kamera exponiert hätte. 

Was dachtest du damals, was du einfängst? War es eher so eine Art unverfälschtes, verrücktes, visuelles Spektakel?
Du hast das schon ganz gut beschrieben. Ich war bloß verblüfft von diesen sich irgendwie ergänzenden sinnlichen Welten. Die Menschen, die sich auf dem Rasen im Central Park entspannt haben, oder diejenigen, die im Studio 54 gefeiert haben. Es war mehr die Arbeit an diesen Trennlinien. Es ist ein zu weitreichendes Thema, um es umfassend zu beschreiben, aber ich habe immer geglaubt, dass diese Dinge eine Vision der Welt sind. 

Es hängt mit der Vorstellung zusammen, dass man einen allgemeinen Eindruck von den Dingen hat, ein Gefühl, das dir im Laufe deines Lebens eingeschärft wurde, durch die Kunst, die du liebst und die dich bewegt, und die Musik, die du hörst. Ich habe immer darauf vertraut, dass die Vision, welche Form sie auch immer angenommen hat, in allen meinen Fotos zum Ausdruck kommt. Ich denke, deine Werke beschreiben ziemlich kohärent deinen Eindruck von der Welt. Es ist vom Wesen her poetisch. Mit Sicherheit ist es vom Wesen her nicht journalistisch. Es bezieht sich ja auf meine Erfahrung als Künstler und als jemand mit künstlerischen Ambitionen, der von der Kunst, die er liebt, geformt wurde. Aber nein, es ist überhaupt nicht politisch.