(K)ein Tag mit Haftbefehl & Xatar—Die Geschichte einer glorreichen Nacht voller Pannen mit Coup

„Vielleicht sollten wir das heute einfach bleiben lassen, denken wir uns schon—da taucht Haftbefehls Manager auf ... “—Aus einem normalen Interviewtag wurde Fear & Loathing in Berlin.

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09 August 2016, 9:31am

Die Aufgabe scheint lösbar. Triff dich mit Coup. Nimm einen Fotografen mit. Folge den Beiden einen Tag lang auf Schritt und Tritt. Kitzel eventuell ein paar amüsante Storys aus Haftbefehl und Xatar heraus. Schreib was drüber. Mission complete.

Es ist ein gewöhnlicher Wochentag. Nix besonderes. Keiner dieser Montage, die euch alle nur so ankotzen, weil euer Job scheiße ist, nicht etwa Montage an sich. Und keiner dieser Freitage, an denen ihr alle ganz aufgeregt seid, weil feiern ab sofort zwei Tage legal ist. Der Fotograf und ich stehen vor dem Cinemaxx am Potsdamer Platz in Berlin. Der Termin wurde bereits von 14 auf 16 Uhr verschoben. Eine reizende, aber leicht angespannt wirkende Frau vom Label empfängt uns, kann aber auch nicht helfen. Haftbefehl hat seinen Flug verpasst. Vor 18 Uhr passiert hier also leider gar nichts. Wo Xatar ist fragen wir lieber erst gar nicht. Wir werden gebeten uns die Zeit anderweitig zu vertreiben und beschließen, irgendwo das Loch in unserem Bauch zu stopfen.

Also ab zu Vapiano, diesem aalglatten Pasta-Laden, der in so Städten wie Magdeburg, Kiel oder Wuppertal der heißeste Scheiß der Fußgängerzone ist. Bei Vapiano sitzen meist Schulklassen, mittelständische Männer, die aussehen wie GQ lesende Bereitschaftspolizisten, und Frauen, die sich bei TAFF die neuesten Stylingtips holen. Und diese dann leider auch konsequent umsetzen. Alle sind unglaublich gepflegt, aber auf eine belastende Art und Weise. Vapiano ist so eine Mischung aus Fast Food und Edelitaliener, das Konzept ergibt irgendwie überhaupt keinen Sinn. Wir stehen 20 Minuten in der Schlange. Vor uns eine holländische Schulklasse. Es dauert, aber wir haben ja Zeit.

Während wir essen konstatiere ich, dass Haftis Verspätung jetzt auch keine große Überraschung sei. Es ist bekannt, dass er zu spät oder gar nicht erscheint und es gibt kaum jemanden, bei dem das so nachvollziehbar und sympathisch ist. Einfach, weil die Kunst stark genug ist, um sich so etwas zu erlauben. In einem vor kurzem erschienenen Interview wurde er gefragt, was er denn so tue, wenn er nicht zu den Promo-Terminen erscheint. „Ich lieg im Bett und zieh mir die Decke übern Kopf. Ich will einfach niemanden sehen“ antwortet Haft und ich werde ein bisschen gefühlsduselig. Einfach, weil ich es so gut nachvollziehen kann. Von Künstler her, verstehste?

Es gibt Leute, die sich seit Jahren damit beschäftigen, im Internet zu verkünden, dass Haftbefehl der schlechteste Rapper der Welt sei. Diese Leute haben offenbar viel Zeit und wenig Ahnung. Und dann gibt es Menschen, die sagen, dass er ein echter Künstler ist. Jemand, dem lyrisch kaum einer das Wasser reichen kann. Einer von denen, die das todlangweilige Game wieder spannend gemacht haben. Ein Jungbrunnen für Rap. Ich persönlich gehöre zur zweiten Sorte, da muss man keinen Hehl draus machen. Ich war aber auch sehr schlecht in Mathematik und habe keinen Schulabschluß, vielleicht hab ich deswegen keine Lust auf Silben zählen und Reimketten gegeneinander aufwiegen. Ihr anderen dürft das gerne weiter tun. 1, 2 oder 3, letzte Chance und vorbei.

Inzwischen ist es 20 vor 6. Wir sind satt, ich höre mir noch einmal das Album an und nicke mit dem Kopf, wie man das eben so tut. „Ich zahle gar nix!“ brüllen der Bra und der Baba. Fundierte Kapitalismuskritik oder schlichtweg Ignoranz, mir ist das im Moment egal. „Wollen wir einfach gehen? Also ohne zu bezahlen?“ Mein Fotograf nickt und wir stehen auf. Tschüß, Vapiano. Danke für nichts. Also außer für das Essen, aber das war jetzt auch nicht der Brüller. Nach ein paar hundert Metern spricht uns plötzlich jemand von der Seite an. Scheiße! Ich überlege kurz loszusprinten, aber wir haben noch mal Glück gehabt. Uns ist kein Vapianista (oder Vapianologe?) auf die Schliche gekommen, nur ein Touri, der den nächsten Bankautomaten sucht. Das Konzept des Nichtbezahlens scheint ihm noch nicht geläufig zu sein.

Zurück im seelenlosen Kino-Würfel. Inzwischen gibt es ein paar Gläser Sekt für die VIP-Gäste. Die zahlen ebenfalls gar nix, auch ohne die Aura eines arroganten Mafiosi. Alle stehen sich auf den Füßen rum und die meisten Frauen sind viel zu overdressed für Kino 7 an einem gewöhnlichen Donnerstag. Wenn man in die Runde schaut, wird man von jedem taxiert und abgescannt. Alle wollen wissen, ob man eventuell irgendwer wichtiges ist. Wenn nicht, geht der Blick ganz schnell weiter. Das Publikum besteht aus den Leuten, die man in Berlin auf jeder zweiten Veranstaltung trifft, diese Mischung aus Journalisten, Promis und Label-Menschen im Hugo Boss-Anzug eben. Hallo hallo, Na und du so, Ja muss, haha, OK bis später. Gott sei Dank kein Bussi Bussi, wir sind hier schließlich nicht in München. Noch nicht.

Die Frau vom Label kommt noch mal, entschuldigt sich und verspricht uns äußerst intime Einblicke, sobald die beiden endlich auftauchen. Ich gehe noch mal die ein oder andere Frage im Kopf durch, man will ja nicht unvorbereitet wirken. Jetzt gibt’s auch noch Popcorn gratis. Was will man mehr, ich zahle gar nix! Der Fotograf streift umher, auf der Suche nach etwas Unerwartetem. Bisher Fehlanzeige. Ich skippe erneut das Album durch, es sind ein paar richtig starke Nummern drauf und mit Haiyti auch ein Feature, was so niemand erwartet hat. Xatar rappt wie immer grundsolide, Haft wirkt durch die für seine Verhältnisse eher langsamen Beats ab und zu gebremst, weiß das aber immer wieder durch einen amüsanten Biggie-Flow auszugleichen. Man hört gerne zu.

Jetzt sollen wir plötzlich in den Kinosaal. Die beiden Protagonisten sind zwar immer noch nicht da, aber es geht jetzt trotzdem erst mal los. Der Holland Job, ein 30-minütiger Film zum gleichnamigen Album, mit mehreren integrierten Musikvideos, hat hier heute Premiere. Gedreht wurde in den USA, es gibt Explosionen, Gags und Gastauftritte des AON- und Azzlack-Camps. Die Kiddies hinter mir lachen sich scheckig. Nun gut, egal. Als der Film vorbei ist, sind die beiden endlich da. Durch eine Seitentür betreten sie den Saal, ein paar Handshakes, Kuss links, Kuss rechts, einmal winken bitte. Kurze Danksagung, dann performen sie vier Songs. Ein Großteil des Saals rennt nach vorne, Handys blitzen, junge Leute machen Selfies.

Im hinteren Teil des Saals stehen jetzt nur noch die Menschen aus der Industrie, einige Manager und Label-Heinis Ü40 versuchen krampfhaft, locker zu wirken und wackeln ungelenk mit der Hüfte. Einer hebt tatsächlich die Hand und macht diese Bewegung, die schon '98 bei Blumentopf-Konzerten scheiße war. Ich muss es wissen, ich war da. Die Bodyguards wollen uns erst nicht in die Nähe lassen, aber die Frau vom Label spricht ein Machtwort: „Die beiden hier dürfen heute den ganzen Tag überall hin, auch zu den Künstlern.“ Ein Hoffnungsschimmer am Firmament. Das kann doch noch was werden heute. Der Gig wird routiniert abgespult. Uns wird versprochen in Kürze gemeinsam mit den beiden Rappern ins Hotel zu fahren.

Jetzt aber erstmal Autogrammstunde. Zwei Mädchen, die weder zu den Bodyguards gehören, noch für das Kino arbeiten, wollen uns daran hindern, in den für Haft und Xatar abgesperrten Bereich vorzudringen. Dafür tragen beide extrem kurze, identische Kleider. „Setz dich mal hin, denkst du, du bist Security oder was?“ lacht die eine, die andere tut wie ihr befohlen. Endlich kommt Haftbefehl, er taxiert uns kurz. „Du bist Juri, ne?“ Ich nicke. „Und du William?“ Der Fotograf nickt ebenfalls. „Ein Russe und ein Ami!“ brüllt er und amüsiert sich. Ich erwähne unsere vorherigen Treffen und teile ihm mit, was wir vorhaben, mein Fotograf trumpft kurz mit einem gemeinsamen Freund auf, ein umtriebiger Geschäftsmann aus dem Frankfurter Rotlichtviertel. Haft hört zu, lächelt und setzt sich an den Klapptisch auf dem stapelweise Autogrammkarten liegen.

Davor bildet sich eine lange Schlange, dutzende Kids und Jugendliche stehen in Reih und Glied, warten auf das Foto ihres Lebens oder zumindest den nächsten Instagram-Post. Einer der Elfjährigen hat bereits einen Vollbart. Sorry, verguckt, das ist Rooz von HipHop.de, der da zwischen den Minderjährigen kaum auffällt. Rooz ist dieser grundsympathische YouTube-Kerl mit der Selfie-Cam, der über jeden dummen Witz eines Rappers hysterisch lacht und sich anderen beziehungsweise normalsterblichen Menschen gegenüber benimmt wie Mariah Carey auf Koks. Ist aber auch OK, Napoleon und so. Die Autogrammstunde geht los. Highlight ist ein Mädchen, die ein Gesetzbuch mitgebracht hat, auf dem Xatar und Haft bereitwillig unterschreiben. „Ich ruf dich an wenn ich im Bau bin“ ruft Haftbefehl ihr hinterher, ihre Augen strahlen jetzt.

Abdi taucht auf und hat die kindliche Freude mitgebracht, die ihm offenbar naturgemäß innewohnt. „Ich hab extra zwei Belvedere-Flaschen im KaDeWe geholt, Bruder!“ berichtet er freudestrahlend. Haft freut sich für ihn, wie sich ein Vater für seinen Sohn freut, wenn dieser ein Tor geschossen hat. Dann berichtet er von seinem Tag. „Ich lag im Bett. Dann bin ich aufgewacht und hab gesehen, dass mein Flieger gleich geht. Dann bin ich wieder eingeschlafen.“ Langsam werden wir ungeduldig. Die Frau vom Label muss jetzt weg, verweist uns aber auf eine andere Angestellte, die dafür sorgen wird, dass wir mit der gesamten Entourage ins Restaurant fahren. Was es wohl zu essen gibt? Pustekuchen!

Haftbefehl möchte lieber alleine mit seiner Frau essen gehen. Die beiden sind vor kurzem Eltern geworden. Er lässt sein feierwütiges Umfeld stehen und zischt ab, Xatar, Milonair und der Rest bewegen sich Richtung Hotel. Vielleicht sollten wir das heute einfach bleiben lassen, denken wir uns schon, da taucht Erfan Bolourchi auf, Hafts Manager. Seit einer denkwürdigen Partynacht vor einigen Jahren auf dem Kosmonaut Festival kennt und mag man sich. Damals haben wir einen Kasten Bier aus der Garderobe von Zugezogen Maskulin geklaut, uns sentimental gesoffen und standen dann bei AnnenMayKantereit in der ersten Reihe, eine Träne im Knopfloch. Derartiges wird heute eher nicht passieren.

Xatar möchte nicht, dass wir mit in sein Hotelzimmer kommen—welch Überraschung—und die neue Aufpasserin vom Label ist nach wenigen Minuten verschwunden. Erfan erbarmt sich und packt uns in sein Taxi. „Einmal zum Intercontinental!“ Wir stehen vor dem Casino am Potsdamer Platz, Bolourchi erzählt uns und dem Taxifahrer von einem Freund, der vor kurzem nach Berlin kam, um die Ersparnisse eines dritten Kumpels in eben jenem Casino zu verdoppeln. Rot oder Schwarz, Alles oder Nichts. Der Freund entscheidet sich für Rot, Schwarz kommt. Die Ampel wird grün. Ab zum Ku'damm.

Angekommen im Hotel, parkt Erfan uns an der Hotelbar. „Ich bin gleich wieder da, alles auf mein' Nacken“ ruft er und rauscht von dannen. In der Hotelbar sitzen eine einsame Witwe im Pelzmantel, ein frustriertes, leicht angesoffenes Pärchen um die 50 und einige Geschäftsmänner die wahrscheinlich auf ihre Escort-Damen warten. Wir setzen uns an den Tresen. „Wir nehmen zwei Sekt“ sage ich und die Dame in der Barkeeper-Uniform lächelt mitleidig. „Ähm, dann nehmen wir zwei Cremant.“ Wir bekommen eine Karte gereicht. „Das ist unsere Champagner-Karte, da können sie sich was aussuchen.“ OK, na gut, was soll's. Erfan hat ja gesagt, wir sollen bestellen, was wir wollen. Zwei mal Veuve Clicquot bitte, dazu werden Erdbeeren auf Eis, Serrano-Schinken und Oliven gereicht. Ich zahle gar nix!

Wir trinken den Schampus und verschicken Selfies an unsere Freunde. Sämtliche Anwesende, samt Belegschaft und Barpianist, sind sich nun absolut sicher, es mit zwei totalen Bauerntrampeln zu tun zu haben, die zum ersten Mal in der großen Stadt sind. Dabei sind wir einfach nur ziemlich betrunken mittlerweile und scheißen auf alles. Aus „Ein Tag mit Coup“ ist mittlerweile „Keine Nacht mit Coup“ geworden. An uns vorbei rauschen immer wieder monströs aufgetakelte Frauen, die entweder wütend und mit verschmiertem MakeUp das Hotel verlassen oder mit einem „Yes, its me and i'll be famous soon“-Blick in Richtung der Suiten stöckeln. Rooz ist auch wieder da, er steht zu einer Hälfte vor dem Hotel, zur anderen Hälfte in seinem Smartphone drin.

Hafts Manager kommt wieder und ist kurz irritiert. „Habt ihr wirklich Champagner bestellt?“ Wir bejahen und erklären ihm, dass die Cocktails hier deutlich teurer sind, er ist jedoch nicht restlos überzeugt. Erneut springen wir ins Taxi und fahren in die Tube Station, einer dieser Clubs, in denen man einen Tisch reservieren kann und sogar eine eigene Kordel bekommt, mit der man sich lästige Schnorrer vom Hals halten kann. Oder eben andere Gäste. Kann man eigentlich auch zu Hause saufen, spart man sich die Kordel. Xatar und Haftbefehl hatten angekündigt, dass heute Eintritt frei für alle ist, die enttäuschten, minderjährigen Kids vor der Tür warten dennoch vergebens. Man muss schon auch ins Bild passen oder irgendwen kennen. Im Club stehen schon wieder die gleichen Leute wie sonst auch. Jimi „Blaue Lagune“ Ochsenknecht und Co.

Mir reichts. Ich bin zu früh zu alt geworden. Zumindest heute. Eine Hostess trägt ein Tablett mit Gratis-Haselnußschnaps herum, ich winke sie herbei und trinke drei Stück nacheinander. „Hihi, soll ich einfach hier stehen bleiben?“ sagt sie neckisch. Ich bejahe. Sie lacht und möchte weiterziehen, aber sie hat noch nicht verstanden, dass mir nicht nach Scherzen zumute ist. Ich greife sie leicht am Arm und verdeutliche ihr, dass ich es ernst meine. Ich zahle gar nix! In den nächsten fünf Minuten leeren wir das gesamte Tablett, auch wenn Haselnußschnaps ein Verbrechen an der Menschheit ist, das interessiert jetzt nicht mehr. Wir treffen die Label-Frau erneut im Getümmel und sie verspricht uns, dass wir mit auf die „Bühne“ dürfen später, die beiden wollen noch performen. Ich widerspreche nicht, Hauptsache, sie glaubt noch daran, das ist ja auch etwas. Man soll den Leuten nicht ihren Glauben nehmen, was bleibt ihnen dann noch?

Um 2 Uhr morgens kommt Haftbefehl. Xatar war angeblich schon früher da, ist aber wie schon zuvor nicht in der Laune, sich fotografieren zu lassen oder gar ein Gespräch anzufangen. Wer will es ihm verübeln. Der Babo sagt zu, noch ein paar Fotos in der Tiefgarage des Clubs zu schießen und tatsächlich, er läuft die wenigen Meter mit uns und lässt sich bereitwillig knipsen. Wir bedanken uns, er wirft sich ins Getümmel, wir springen ins Taxi und lassen uns an einen Späti in Kreuzberg kutschieren. Vielleicht hätten wir uns von vornherein einfach an ihn direkt wenden sollen, statt mit irgendwelchen Menschen zu reden, die nicht verstehen, wie es ist, wenn man aufwacht und nur einen einzigen Wunsch hat: Im Bett bleiben, sich die Decke über den Kopf ziehen und einfach nur niemanden sehen müssen.