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Drogen

Egal was ihr kauft oder verkauft, die Drogenfahndung hat keine Ahnung

Was ihr schon immer mal über die Drogenfahndung wissen wolltet.

von Hermann Zwiebel
20 März 2013, 5:35pm


Titel-Illustration von Nikita Kakowsi

Hey, ich bin Hermann Zwiebel. Ich bin zwar kein Polizist, aber Strafverteidiger, und deshalb so gut vernetzt, dass ich euch über die neuesten Trends in Sachen Polizei auf dem Laufenden halten werde. Seid gespannt. Mein erster Beitrag handelt von der Drogenfahndung.

Wenn ihr das hinter euch habt, werdet ihr mit anderen Augen U-Bahn fahren! Meistens arbeiten sie zu dritt oder viert. Einer steht am Ausgang Schmiere und hält Ausschau nach Zivilpolizisten, der Zweite steht rum, lässt sich ansprechen, bezahlen und schickt den Kunden zum Dritten. Der hat dann sogenannte Szenekugeln mit Heroin- und Kokaingemisch aus Plastik im Mund, die er ganz unauffällig an den Käufer übergibt. Im Mund, damit er sie schnell runterschlucken kann, wenn einer kommt. Dadurch hatte ja keiner was in der Tasche. Ein Vierter ist manchmal noch mit dem Fahrrad draußen unterwegs und holt von etwas weiter weg Nachschub. Damit die Polizei nicht gleich den Vorrat findet im Falle des Falles. Das Ganze kann natürlich im Ablauf variieren. Aber so geht's im Prinzip am Bahnhof zu, wenn da Rauschgift verkauft wird.

Das waren die einleitenden Worte des Oberstaatsanwaltes, als er mir erklärte, wie das so läuft mit dem Drogenhandel in Berlin. Die nächsten drei Monate sollte ich im Rahmen meiner Anwaltsausbildung bei der Staatsanwaltschaft Station machen, im Bereich Betäubungsmittel. 

Heute, als Strafverteidiger, weiß ich es natürlich besser, aber ich gebe zu, so ein klitzekleines bisschen Scarface oder Blow hatte ich mir insgeheim schon erhofft. Drogenhandel in der U-Bahn, das war doch irgendwie ziemlich gewöhnlich.

Als er dann noch kopfschüttelnd hinzufügte, es gäbe mittlerweile scheinbar sogar Kokaintaxis, also so richtige Lieferanten, die einem den Stoff auf Bestellung nach Hause brächten, da wusste ich: Die richtig dicken Fische gehen denen hier scheinbar nicht ins Netz.

Konnte es tatsächlich sein, dass die für die Drogenfahndung zuständige Behörde der deutschen Hauptstadt eher in der hinteren Ecke des Mondes lebt?

Klar, als sozusagen Praktikant habe ich jetzt natürlich nicht die Anklagen gegen die Pablo Escobars Berlins geschrieben. Aber neugierig nachgefragt bei den Vorgesetzten und nach den Gerichtsverhandlungen bei den Richtern habe ich dann schon mal. Was eigentlich so die größten Erfolge waren im letzten Jahr, wie sie an die rangekommen sind. Und wie sie überhaupt eigentlich ermitteln.

Da war zum Beispiel der angeblich mit Abstand größte Marihuanafund letztes Jahr. Irgendwo im Westen in einer Villengegend. Die Kollegen von der Polizei waren eigentlich wegen etwas ganz anderem da, da roch es plötzlich so komisch. Die heimlichen Gärtner waren eine Dame Mitte 50 und ihr erwachsener Sohn.

Oder der anonyme Anruf, auf den hin man die Imbissbuden gegenüber vom Hauptbahnhof in der Invalidenstrasse wochenlang beschattete. Schließlich konnte man „an die Spinne im Netz" herankommen. Gemeint war eine Asiatin besten Alters, und circa 300 Gramm Amphetamine.

Als ich das hörte, war ich zur Abwechslung mal wirklich überrascht. Dass es neben den gebratenen Nudeln auch noch ein bisschen Speed für die Reise mit der Deutschen Bahn gegeben haben soll, fand ich irgendwie witzig.

Noch mehr sollte eine andere Beschattung ans Licht bringen. Von einem kleinen Konsumenten hatte man den Tipp bekommen, es würde aus einer Wohnung in Kreuzberg heraus Marihuana verkauft. Angeblich im ganz großen Stil. Also platzierte man zwei Überwachungsbeamte auf der Straße und wartete auf die Lieferung. Zwischenzeitlich, man befürchtete schon einen Fehlschlag, hatten die Raben gezwitschert, sie sei immer gegen Monatsanfang zu erwarten. Auch die Vornamen der Strippenzieher waren bereits bekannt. Und siehe da! Pünktlich am ersten Tag des Monats kam auch schon der Verdächtige mit einem Rucksack auf dem Rücken und einer Kapuze über dem Kopf und verschwand in der Drogenhöhle. Jetzt wollten die Ermittler mehr, denn von irgendwem musste ja auch der Lieferant den Stoff bekommen. Man war vorbereitet und verfolgte den Kurier bis zu einem Mietshaus in Friedrichshain. Um die Tarnung nicht auffliegen zu lassen, konnte man jedoch nicht bis zur Wohnungstür folgen. Leider zeigten sich die übrigen Hausbewohner der Polizei gegenüber nicht besonders kooperativ: Es war einfach nicht möglich, nur mit dem Vornamen die richtige Wohnung ausfindig zu machen. Jetzt musste alles schnell gehen, um den Ermittlungserfolg nicht zu gefährden, denn was, wenn der Zirkel Wind von der Verfolgung bekommen hatte?

Glücklicherweise war der Kurier ordnungsgemäß beim Einwohnermeldeamt gemeldet, und da es nur einen jungen Mann mit diesem Vornamen in dem Haus gab, konnten schon am nächsten Tag die Wohnungen gleichzeitig durchsucht werden. Die Überraschung war groß. Auf beiden Seiten. Während die Drogenhöhle nur weniger als 30 Gramm Gras beherbergte, fand man bei dem sichtlich verwunderten Kurier nur zwei kleine Plastiktütchen: Eines war leer, in dem anderen mutmaßlich Cannabisstängel. Es waren aber zu wenige, um das mittels einer kriminaltechnischen Untersuchung zu klären. Auch die handschriftliche Notiz, wie man Cannabisöl herstellt, würde wohl vor Gericht nicht für eine Verurteilung reichen. Beim vermeintlichen Dealer fand man zwar deutlich mehr szenetypische Plastikschnellverschlusstütchen, und noch dazu eine elektronische Feinwaage, aber da man damit ja alles Mögliche wiegen und verpacken kann, haben die auch eher einen geringen Beweiswert.

Das war schon ärgerlich, bei der ganzen Mühe, die man sich da gemacht hatte.

Nach einiger Zeit wurde mir dann aber klar, dass es bei der Drogenfahndung auch oft einfach nur genau darum ging: Sich zu bemühen. Aber den Meisten war letzten Endes wahrscheinlich klar, was ihre eigene kleine Rolle in dieser letzten Verästelung des War on Drugs wirklich ist. Kleine Fußsoldaten, im Kampf gegen eine technisch bestens aufgestellte Armada von hochmotivierten Kampfdealern. Vermutlich ein ähnliches Kräfteverhältnis wie in dem richtigen Krieg in Lateinamerika.

Hier bei uns sind ja die Erwartungen dann doch irgendwie recht abgesteckt: Hin und wieder Mal den Görlitzer Park durchfegen und möglichst wenig Fixer in der U-Bahn. Ein paar Mal im Jahr ein Zeitungsbericht über eine größere Beschlagnahme. Egal, ob die dann aus dem Anschwärzen eines Konkurrenten resultiert oder dem Zufall zu verdanken war. Es wäre aber auch nicht fair, der Polizei jeden eigenen Ermittlungserfolg abzusprechen. Nach ein paar Monaten Observation, dem langfristigen Auswerten von umfangreichem Überwachungsvideomaterial und einem anschließenden Großeinsatz samt der Durchsuchung von einigen Wohnungen, wird dann schon auch mal ein straff organisiertes, libanesisches Heroinsyndikat verhaftet. 

Sage und schreibe 19 Plastikkugeln mit Heroingemisch und sogar 1055 Euro dreckiges Geld werden so aus dem Spiel genommen. Aus den Laborberichten geht übrigens hervor, dass diese Kügelchen in aller Regel so zwischen 0,6 und 0,7 Gramm enthalten. Der Wirkstoffgehalt ist meistens so gering, dass man schon einen ganzen Sack davon sicherstellen müsste, damit es vor Gericht nicht nur um eine geringe Menge geht. Und erst dann kommen wir in zu einem Strafmaß, über das die Angeklagten etwas weniger müde lächeln.

Klar, Mühe gab sich auch die Staatsanwältin, die seit 35 Jahren nichts anderes macht, als Anklagen gegen die Junkies, Grasticker und Poppersverkäufer zu erheben, und dabei immer wieder verwirrenderweise grundsätzlich schwerere Vorwürfe erhob, als die Fakten hergaben.

Bei ihr, oder auch beim Abteilungsleiter, in dessen Welt es keinen Unterschied gab zwischen weichen und harten Drogen, waren die Scheuklappen fest und eng gezurrt. Aber irgendwie geisterten doch die Gedanken durch die Flure, ob es nicht vielleicht besser sein könnte, eventuell Schluss zu machen mit der Prohibition. Einer von den drei Richtern, die tagein tagaus ausschließlich unsere Anklagen verhandelten, sagte mir nach einer Verhandlung, für ihn gäbe es eigentlich nur noch ein einziges Argument für das Verbot von Cannabis: Nach dem Nikotin und dem Alkohol solle nicht noch eine weitere Kulturdroge etabliert werden. 

Für die Cliquen an den U-Bahnhöfen geht es jedoch zunächst so weiter wie bisher.

Wenn dann doch mal einer erwischt wird, oder sich die Polizei sicher ist, dass da einer die Kügelchen runtergeschluckt hat, dann geht es zum Bereitschaftsgericht. Früher hat man dann Brechmittel eingesetzt, um an die Beweise zu kommen. Nachdem das der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2006 verboten hat, muss man heute hoffen, dass die Jungs das Brechmittel freiwillig trinken. Die, die darauf keinen Bock haben, werden auf eine Drogentoilette gesetzt und dann wird sorgfältig geschaut, was sich da so alles findet. Das kann mitunter eine dreckige und nutzlose, rund 400 Euro teure Angelegenheit werden, denn der Erfolg steht und vor allem fällt ganz mit der Geschwindigkeit der Verdauung in die Schüssel. Schließlich muss nach spätestens 48 Stunden ein Richter entscheiden, ob der Festgenommene wieder raus darf. Dann kann er sein Geschäft wieder woanders erledigen.

Ist aber auch egal, denn wie mir mein Chef erklärte, rechnen die eh damit, auch mal im Gefängnis zu landen. Bis zu zwei Jahre werden da eingeplant. Hinterher hätten sie immer noch genug verdient, um da, wo sie herkommen, eine kleine Tankstelle oder so was aufzumachen, sagt er.

Ich weiß nicht so recht, ob ich jetzt wirklich mit anderen Augen U-Bahn fahre. Aber Dinge mit anderen Augen sehen, neue Wege gehen, das kann hin und wieder sicher nicht schaden.