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So zu tun, als wäre man arm und mittellos, ist unausstehlich

Es ist ziemlich erbärmlich und heuchlerisch so zu tun, als wärst du arm, wenn du eigentlich in Geld schwimmst.
23.5.13

Arm sein ist scheiße. Das findet sicher jeder, und darum nerven mich jene Leute extrem, die so tun, als wären sie arm, nur um cooler rüberzukommen. Während des Studiums hatte ich eine Mitbewohnerin, die zum Monatsende hin immer nur Dosenbohnen futterte. Ihr Konto wurde zwar dank ihres reichen Vaters, der einen fetten BMW fuhr, immer gut gefüllt, aber trotzdem hat sie nie anständiges Essen eingekauft. Sie wollte, dass die Leute denken, sie sei arm, und deswegen fraß sie Dosenbohnen und trank Billigbier.

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Diese Mitbewohnerin, immer noch eine Freundin von mir, arbeitet mittlerweile in einem schicken Büro und spart ihr dickes Gehalt, um sich eine Wohnung zu kaufen. Sie isst keine Dosenbohnen mehr, weil sie kein Interesse mehr daran hat, dass Leute sie für arm halten. Sie weiß jetzt, dass man, um cool zu wirken (wenn man das denn will), nicht so tun muss, als wäre man arm. Sie hat erkannt, dass es irgendwie pervers ist, Leute nachzuahmen, die echte Geldprobleme haben.

Wohl fast jeder kennt Situationen, in denen man nur mit Mühe über den Monat kommt. Augenblicke, in denen man sich nicht das kaufen kann, was man will. Nur in den seltensten Fällen dürften das dringend benötigte Kleidung und die tägliche Mahlzeit sein. Genauso—oder zumindest ähnlich—geht es aber etwa jedem achten Österreicher. Zwischen 957.000 und 1.146.000 Personen gelten bei uns als armutsgefährdet; 4 Prozent der Gesamtbevölkerung sind sogar „erheblich materiell depriviert", was eine nüchterne Formulierung dafür ist, dass sie nicht sehr viel mehr als einen Scheißdreck besitzen. Insgesamt leben bei uns, im freundlichen Herzen Europas, zirka 1,4 Millionen Armuts- und Ausgrenzungsgefährdete (Stand: 2012).

Doch was kann man tun, wenn man zu reich oder zu sehr Kind reicher Eltern ist, um täglich mit tatsächlicher Armut umgehen zu müssen? Die australische Social-Media-Kampagne „live below the line" fordert Menschen seit 2008 dazu auf, mit weniger als umgerechnet 1,15 Euro pro Tag zu leben. Was steckt dahinter? Die Aufmerksamkeit soll durch dieses künstliche Elend auf Armut, Hunger und den richtigen Umgang mit Geld gelenkt werden. Und das auf einer recht persönlichen Ebene. Verdammt, sogar Wolverine lädt uns dazu ein! Die 1,15 Euro ergeben sich übrigens aus der Summe, die arme Menschen im Durchschnitt weltweit täglich zur Verfügung haben.

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Aber diese Herangehensweise ist völlig bescheuert, weil das einfach gar nicht mit echter Armut zu vergleichen ist. Handelt es sich dabei nicht viel mehr um eine Art Armutstourismus? Einen Kurzurlaub auf der Schattenseite der globalen Konsumgesellschaft? Am Ende des Tages fallen die Leute trotzdem in ihr sicheres Bett in ihrer sicheren Wohnung, für die sie pünktlich die Miete gezahlt haben. Ihnen wird weder Strom noch Wasser abgedreht und sie haben keine ernsten Gesundheitsprobleme aufgrund von fehlender ärztlicher Versorgung bzw. Mangelernährung.

Ihr psychologisches und physisches Sicherheitsnetz ist nach wie vor intakt. Nach einer Woche spricht man dann von einer wunderbaren Erfahrung und einem augenöffnenden Erlebnis, während man seinen überteuerten Cappuccino schlürft und damit ordentlich Euros in die Gastronomiebranche pumpt. Nach zwei Wochen ist das nette, kleine Experiment fast vergessen und man belohnt sich für so viel Offenheit mit einem neuen Geschirrspüler. Doch Fakt ist: Die Aussage, man habe sich selbst einmal in die Lage der Armen versetzen wollen und würde künftig bewusster leben, führt zur Romantisierung eines Lebensstils, dem die wirklich Betroffenen lieber heute als morgen entkämen.

Überhaupt ist das Glorifizieren der armen, arbeitenden Schicht keine Neuheit. Bruce Springsteen singt seit 1973 von der Trostlosigkeit des Arbeiterlebens und den vorgezeichneten, tragischen Lebensläufen der Arbeiterklasse—und verdient damit Millionen. Auch in unserer Gesellschaft stellt das abgearbeitete Aussehen der Armen in manchen Kreisen einen durchaus erstrebenswerten Look dar.

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Man denke nur an moderat reiche Mittelschichtskinder, die plötzlich Punk- und Grunge-Musik und damit unweigerlich auch die assoziierte Mode für sich entdecken: Löchrige Karohemden, dreckige Jeans, alte Sneakers. Gerade war in New York eine Gala im Metropolitan Museum of Art, wo die schicken Stars versucht haben, den Punk-Stil zu kopieren, den man hier an jedem größeren Bahnhof bewundern kann.

Doch die Faszination für modische Armut beschränkt sich nicht nur auf den heimischen Kleiderschrank. In der März-Ausgabe der Vogue aus dem Jahr 2012 bildet Hausfotograf Steven Meisel viele klassische Klischees der westlichen Unterschicht ab: zu viele Kinder, Fast-Food, Plastikschmuck und fehlender Geschmack. Die Fotostrecke geriet fast zeitgleich mit ihrer Veröffentlichung in die Kritik und wurde heiß diskutiert. Viele werfen der Vogue vor, Randgruppen, sozial Benachteiligte und Armut ganz allgemein als Modeaccessoires zu inszenieren.

Dasselbe Prinzip steckt auch hinter jeden hippen Modekette, die sich nicht der Belieferung von Yacht-Urlaubern und Innere-Stadt-Ursula-Stenzels verschrieben hat. Die heutigen Lifestyleimperien für Wanna-Be-Arme, in dem man von lässigen Schlapphüten über Vinylplatten bis zu Tassen in Eulenform alles bekommt, bezeichnen ihre Zielgruppe manchmal sogar explizit als Oberschichtsobdachlose. Als ob diese Worte in dieser Kombination überhaupt eine Ähnlichkeit mit einer real existierenden Gesellschaftsschicht hätten.

Die Menschen, die dort einkaufen, wollen stylisch, aber gleichzeitig abgekämpft aussehen. Sie wollen cool wirken, aber nicht reich oder glücklich. Sie wollen alte, ausgeleierte Wollpullover tragen, aber gleichzeitig Sashimi in überteuerten Sushibars in sich hineinstopfen (und für den Wollpullover haben sie vorher natürlich auch 300 Euro hingeblättert). Arm aussehen, aber nicht arm sein ist das Motto.

Versteht mich nicht falsch. Natürlich ist es nicht verwerflich, sich nur in Second-Hand-Shops einzukleiden, um dem übermäßigen Konsum wenigstens etwas zu entsagen und seltener sinnlos Geld auszugeben. Problematisch wird es erst, wenn dahinter die bewusste Entscheidung steht, einem Trend zu folgen. Im Gegensatz zur wirklich armen Bevölkerung haben diese Leute nämlich eine Wahl: Die Wahl, nicht arm zu sein.

Armut ist scheiße. So zu tun, als sei man selber arm, nur um sein Gewissen zu beruhigen oder einem Trend zu folgen wie bei dieser Aktion aus Australien, ist definitiv nicht besser. Noch schlimmer ist, dass wir uns alle scheinbar so sehr an diese neue Mehrklassengesellschaft gewöhnt haben, dass das OK für uns ist.