Free the Network

Du bist im Internet. Aber was heißt das eigentlich?

|
02 April 2012, 12:40am

Du bist im Internet. Aber was heißt das eigentlich?

Vermutlich am ehesten, dass ein paar Telekommunikationsfirmen deine Daten von Punkt A nach Punkt B bewegen. Wenn du eine E-Mail oder einen Tweet schickst, einen Livestream machst oder ein Video auf YouTube hochlädst, bist du abhängig von gigantischen Untergrundnetzwerken aus Glasfaserkabeln, die teilweise am Meeresboden verlaufen, und von Satelliten im All, um deine Daten um die Welt zu schicken und die Welt an deine Fingerspitzen zu bringen.

Diese Infrastruktur ist größtenteils unsichtbar und deshalb machen sich die meisten Leute auch selten Gedanken darum. AT&T, Level 3, Hurricane Electric, Tata Indicom—für die meisten sind das unsichtbare Magier, die die Verbindung zum Internet herstellen. Für Open Source-Aktivisten sind das aber vielmehr diejenigen, die für die fortschreitende Konsolidierung des Internets zu einer disneyfizierten Version seiner selbst verantwortlich sind. Der Gedanke an ein unumkehrlich zentralisiertes Netz, eine physisches Internet in den Händen von wenigen so genannter Tier 1 Transit Networks lässt Isaac Wilder nachts nicht schlafen.

Der 21-jährige Wilder, ursprünglich aus Kansas City, ist Mitbegründer der Free Network Foundation. Motherboard hat Wilder zum ersten Mal im Zuccotti Park getroffen, in den Geburtstagen der Occupy-Bewegung, und er schien gerade sehr wenig Schlaf zu bekommen. Nachdem er in den ersten drei Tagen dieser Bewegung, die das Land und die Welt bald erobern sollte, diskutiert und skandiert hatte, war er langsam heiser. Aber trotzdem war alles, was er über die Bemühungen der FNF, einer Non-Profit, Peer-to-Peer-Kommunikationsinitiative, deren Ziel es ist, das Internet von Einmischungen durch Regierungen und Kooperationen zu befreien, sagte, von großer Dringlichkeit und Faszination.

Es hört sich abgehoben und abstrakt an und wir haben das meiste auch nicht nur im geringsten verstanden. Aber er war so überzeugt von seinem Beitrag zur Weltrevolution, der übrigens aus drei Meter hohen Funktürmen besteht, die sicheres WLAN in besetzten und abgeschnittenen Zonen ermöglichen, dass wir mehr von ihm hören wollten.

Das Konzept eines vermaschten Netzes, eine Art Piratenradiosystem, angewendet auf das Internet, bei dem Leute online ohne die Hilfe eines Verbindungsmanns miteinander in Verbindung treten können, könnte der Gegenentwurf zum zentralisierten Internet sein, das dermaßen überwacht und zensiert ist, dass es, wenn auch nur theoretisch, doch eine Art Zentralschalter beinhaltet, der das Netz selbst abschalten könnte. Gibt es eine Möglichkeit, das zu verhindern und ist es möglich, eine neues Netzwerk vollständig neu aufzubauen? Könnte man eine neues Internet schaffen, außerhalb der Restriktionen des bereits Bestehenden? Oder ist das alles nur das Futter für ideologische Fantasien?

Um den Puls des Internets zu fühlen—und um rauszufinden, wie das Leben im digitalen Nervenzentrum der möglicherweise ersten sozialen Bewegung Amerikas ist, die aus dem Netz entstanden ist—, hat sich Motherboard im letzten halben Jahr an Wilder und Tyron Greenfield, den Kommunikationsdirektor der Free Network Foundation, gehängt. Wir haben Wilder, Greenfield und die FNF dabei beobachtet, wie sie inmitten von Occupy-Demonstrationen, besetzten Häusern, in Testlaboren, die auch als Büros dienten, auf Hausdächern und überall dazwischen, ihre Funktürme aufgestellt und perfektioniert haben und dabei ihr kleines, physisches Gemeinschaftsinternet immer weiter aufgebaut haben.

Wir brachten auch diese Geschichte, die sich kurz nach der Räumung des Zuccotti Parks durch die Polizei entwickelte. Wir waren mit Wilder in einer Garage der New Yorker Stadtreinigung, kurz nachdem er 36 Stunden im Knast saß. Er suchte nach Sachen, die ihm am frühen Morgen bei der Räumung im Epizentrum der Occupy-Bewegung abhanden gekommen waren: Bargeld, sein Rucksack und sein Laptop und der Funkturm des Parks.

Neben einem Haufen nasser Kleidung und Zelte fanden wir eine Reihe von kaputten Laptops, einer war sogar aus seiner Plastikhülle rausgebrochen worden. Ob jemand die Occupy-Laptops mutwillig zerstört hat, oder ob sie einfach unter die Räder eines Müllwagens gekommen waren, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Um sicherzugehen, haben wir nach dem Zwischenfall die New Yorker Polizei kontaktiert, die uns an die Stadtreinigung verwies, die dafür verantwortlich war, die ganzen liegengelassenen Sachen aus dem Zuccotti Park in eine Garage zu transportieren, wo die Besetzer später hinkommen konnten, um ihre Habseligkeiten wieder zu finden. Ein Sprecher der Stadtreinigung sagte uns, dass es keine Anweisungen gab, Dinge zu zerstören, aber dass es ihn nicht überrasche, dass ein paar Dinge, vor allem Laptops, vielleicht nicht sehr gut behandelt oder verloren wurden.

Am Ende steht diese Doku mit dem Titel Free the Network. Es ist eine Geschichte über große Träume und wolkige Ideen, über komplexe Verbindungen und was passiert, wenn eine Bewegung von DIY-Hackern sich mit der Staatsmacht anlegt.

Aber am allermeisten geht es darum, wie hoch unser Einsatz in dieser vernetzten Gesellschaft ist. Es geht uns alle an. Denk dran. Du bist im Internet!