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Musik

Gaahl hasst eure Trainingshosen

Der ehemalige Sänger von Gorgoroth plaudert über Mode und Jungs.

von Marie-Alix Isdahl und Andreas Falkenberg
25 März 2011, 12:00am

Ihr könnt euch doch sicher noch an Gaahl erinnern. Das war dieser dünne, langhaarige Norweger, den wir inzwischen bereits mehrfach interviewt haben—vor allem für die VBS.TV-Dokumentation True Norwegian Black Metal. Er war der Sänger von Gorgoroth, der einst Furcht einflößendsten Band Skandinaviens, oder sogar darüber hinaus. Er war ein paar Mal wegen Gewaltdelikten und der Beteiligung an Folterritualen hinter Gittern und wurde von keinem Geringeren als dem Papst in Rom verdammt. (Das kommt euch jetzt hoffentlich alles schon ein bisschen bekannt vor?) Er ist der Typ, der Schafsköpfe aufgepflockt und Models gekreuzigt und vor Hunderten Zuschauern geröchelt, geschrien und gegurgelt hat, während das Blut nur so spritzte. Und dann wurde er noch in Bergen, Norwegen, zum Schwulen des Jahres 2010 gewählt. Ah, der Typ!


Heute ist Gaahl zurückhaltend, man möchte fast sagen geläutert. Vor Kurzem sah man ihn andächtig in der ersten Reihe einer Show eines Modelabels, an dem er beteiligt ist, sitzen, teuren italienischen Rotwein trinken und liebevoll zu seinem zu dem Zeitpunkt 19-jährigen Freund, Robin Jakobsen, aufschauen, der den Catwalk in bunten androgynen Kreationen zu einem Soundtrack aus funkigem Ibiza House herunterstolzierte. Diese Seite von Gaahl schien uns interessant, aber als wir ihn fragten, ob wir ihn für diese Ausgabe zum Thema Klamotten interviewen dürften, waren wir uns ziemlich unsicher, ob ihn das auch interessieren würde. Wir machten uns Sorgen, dass es ihn nerven könnte. Aber wir stellten fest, dass er die Menschwerdung von Balder, dem nordischen Gott des Glücks und der Perfektion, war. Bei drei Flaschen exquisiten Weins führten wir das folgende Gespräch.

Vice: Du wirkst sehr entspannt oder sogar glücklich. Auf welche Weise kanalisierst du jetzt, da es Gorgoroth nicht mehr gibt, die extremeren Aspekte deiner Persönlichkeit?
Gaahl:
Ich habe meine Methoden. Neunzig Prozent meines künstlerischen Ausdrucks sind äußerlich nicht wahrnehmbar.

Was ist die Vision hinter Wynjo, dem Modelabel, dass du mit deinem damaligen Freund Dan DeVero gegründet hast?
Ich bin wirklich kein Designer. Es war Dans Idee und Dans Vision. Ich habe ein wenig mitgemacht und ihn unterstützt, aber nur auf rein finanzieller Ebene. Ich funktioniere eher als ein Kanal für andere. Es ist eine ganze Weile her, dass Dan und ich darüber gesprochen haben. Es ist nicht der Planet, auf dem ich mich in letzter Zeit aufhalte. Ich bin auch schon ewig nicht mehr auf einer Modenschau gewesen.

Glaubst du an das Projekt?
Absolut. Es wird auf jeden Fall ein Erfolg, denn Dan ist ein pfiffiger Typ. Er ist kreativ, manchmal vielleicht sogar zu kreativ.

Wo kommt der Name Wynjo her?
Es ist ein altnordisches Wort, das soviel bedeutet wie „der Weg zu Glück und Perfektion“. Man kann es nicht wirklich in die heutige Sprache übersetzen. Im Altnordischen sind Glück und Perfektion dasselbe Konzept.

Macht das für dich Sinn?
Perfektion bringt einem Freude.

Du hast einmal gesagt, dass „Kleider Leute machen“.
Wenn ich hässliche Leute sehe, bekomme ich furchtbar schlechte Laune. Von so was bin ich schnell genervt. Ästhetik ist mir sehr wichtig.

Mit hässlich meinst du Leute, die hässliche Klamotten tragen?
Das Schlimmste ist, wenn die Leute in Trainingshosen rumlaufen. Wenn man Teil der Gesellschaft sein will, kann man sich wenigstens vernünftig anziehen.

Hast du schon mal Leute in diesen OnePiece-Overalls gesehen?
Ich bin sicher, deren Erfinder lacht sich gerade halb tot.

Ich nehme mal an, du magst es eher schlicht.
Wenn man die Dinge auf das Notwendigste reduziert, tritt ihre Aussage stärker hervor, sie wird klarer. Wenn man etwas mit zu vielen Details zukleistern muss, ist das ein Zeichen dafür, dass das Design nicht stimmt. Schlichtheit macht alles einfach sauberer und schöner.

Reden wir immer noch nur von Mode?
Ich habe immer Kleider in einfachen Farben bevorzugt, und mich an einen strikten Stil gehalten. Schon als Kind habe ich immer nur einfarbige Pullover getragen.


  Gaahls momentaner Freund, Robin Jakobsen, der Wynjos 2009er Kollektion vorführt, die von Dan DeVero in Zusammenarbeit mit Sonia Wu entworfen wurde. Könntest du dir vorstellen auch mal ein eigenes Label zu gründen?
Nein, oder zumindest nicht jetzt. Ich habe meine „Uniform“. Aber man weiß nie, was für Ideen einem irgendwann kommen.

Ist das ein Mjölnir-Anhänger [der Hammer Thors] an deinem Hals?
Es ist ein isländisches Wolfskreuz. [Es folgt ein einminütiges herausforderndes Schweigen.] Die nächste Frage.

Würdest du sagen, dass in der Black-Metal-Szene im Allgemeinen ein eher schlechter Stil herrscht?
Für die meisten trifft das zu.

Wie meinst du das?
Sie nehmen die Dinge nicht ernst genug. Unter den Leuten, die ich kenne, sind die, die am mutigsten sind, oft diejenigen, die ihre Sachen noch nicht mal veröffentlichen. Die meisten anderen halten zu sehr an einem bestimmten Stil fest. Es wird eine Art Neurose. Wie ein Zug von Bergen nach Oslo bleiben sie immer nur auf festgefahrenen Gleisen, statt neues Terrain zu erkunden.

Warum hast du dich entschieden, den Black Metal hinter dir zu lassen?
Gorgoroth musste sterben. Ich musste es zerschlagen. Es hatte nichts Neues mehr zu bieten. Du stehst auf der Bühne und käust immer nur dieselben Sachen wieder. Meine Art zu arbeiten, braucht Isolation. Wenn das Ganze zum Geschäft wird, hat man keine Zeit mehr, sich um die Inhalte zu kümmern. Es hat die Kunst zerstört und dazu geführt, dass die Leute ihre Positionen ausnutzen.

Auf welche Weise nutzen die Leute ihre Positionen aus?
Indem sie die Tatsache ausnutzen, dass einen die Leute verehren. Dass man alles haben kann. Es ist einfach, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn man in einer Machtposition ist, also musste ich einen teuflischen Plan schmieden, um Gorgoroth aufzulösen. Ich hätte einfach aufhören können, aber ich stand vor einem Dilemma: Gorgoroth war meine Band. Es war meine Haltung, mein Gesicht. Ich liebte es, aber es konnte nicht weiter fortbestehen. Man kann sein Schwert nicht einfach ablegen und die Band den Imitatoren überlassen. Ich musste sie von hinten erstechen. Es war keine nette Art, das zu tun, aber es war absolut notwendig.

Wie gehst du mit der Tatsache um, dass du als das Gesicht des Black Metal giltst?
Überhaupt nicht. Ich bin einfach ich selbst.

Die Schlagzeilen in der Klatschpresse haben dich nie beeinflusst?
Warum sollten sie das? Die Welt tut, was sie will. Ich bin nicht verantwortlich dafür, was irgendwelche dummen Typen denken.

Bist du immer noch dafür, Kirchen in Brand zu stecken?
Ja, natürlich. [Schenkt uns beiden Wein nach.]

Wir haben gehört, dass das einzige Monopol, das du befürwortest, das norwegische Alkoholmonopol ist.
Es sorgt dafür, dass nicht nur die Chefs von irgendwelchen Billigsupermärkten entscheiden können, was in die Regale kommt. Denn das wäre sicher keine gute Auswahl. Es ist gut, eine Art Pufferzone zu haben, für die Qualität. Wenn man eine bestimmte Preisklasse erreicht hat, ist Wein in Norwegen sogar billiger als in Frankreich. Ich kenne Leute, die hier ihren Wein kaufen, um ihn mitzunehmen.

Was trinkst du momentan so?
Natürliche Weine. Das sind Weine, die von selbst fermentieren—ohne Zusatz von Hefe, Sulfiten oder Schwefel. Lebende Weine. Sie riechen nicht wirklich angenehm—vielleicht ein wenig nach Scheune—und schmecken nach etwas ganz anderem. Sie sind so launisch wie ich. Es sind schizophrene Weine. Es gibt Tage, an denen kann man sie überhaupt nicht trinken. Manchmal sind sie regelrecht übelriechend, wenn man das überhaupt von Weinen sagen kann.


Dan DeVero, Gaahls Exfreund, bei Aufnahmen für die 2010er Winterkollektion in Berlin.
Wie ist es mit Musik? Was hörst du so?
Stille.

Würdest du jetzt gern was hören?
Leg doch mal Klaus Nomi auf—Dan zu Ehren. Eine tolle Stimme. Klaus sang bei Bowie als Hintergrundsänger, bevor seine eigene Karriere begann. [Wir suchen auf YouTube nach Videos.] Dieser Song ist von 1982, dem Jahr, bevor er starb.

Wir haben ein paar Fragen, die Dan uns geschickt hat.
Ich beantworte immer alle Fragen.

Was für eine Art Wesen bist du?
Das ist eine Frage, die Dan sehr beschäftigt, weil er mein Wesen, glaube ich, wirklich nicht versteht. Das tut wohl keiner. Wenn ich zum wirklichen Kern meiner Person vordringen und ihn in altnordisch beschreiben würde, würde ich sagen, dass ich mich am ehesten als ein Rimturs sehe.

Was ist das?
Ein Element, aus dem alles andere entspringt. Die Mächte der Natur; eine Kreatur der permanenten Unruhe. Daher kommt auch mein Anarchismus, meine Aversion gegenüber der Vorstellung, Macht über andere auszuüben. Es ist das Perverseste, das ich mir überhaupt vorstellen kann.

Was sind deine Pläne für 2011?
Mich zurückzuziehen und an geheimen Projekten zu arbeiten.

Würdest du mit uns in den Bergen in einem lila Wynjo-Outfit wandern gehen?
[lacht] Solange ich es nicht selber tragen muss.

Was ist der größte Verrat, den ein Mensch begehen kann?
Sich der Verantwortung für das eigene Tun zu entziehen.

Wie viele Male bist du schon auf der Welt gewesen?
Ich komme alle 1.200 Jahre wieder.

Bist du so sexy, wie es immer heißt?
Ich weiß nicht, ob sexy unbedingt das erste Wort wäre, was mir zu mir einfallen würde, aber ein paar Leute scheinen das so zu sehen.


Robin und Gaahl auf einem sonnigen Nachmittagsspaziergang in Malaga, Spanien
OK, das war’s erst mal mit Dans Fragen. Was Jungs betrifft, hast du angeblich mal gesagt, dass du mehr an der Ästhetik als an den körperlichen Aspekten interessiert bist.
Ich bin vermutlich ein wenig ephebophil. Den Körperkontakt verstehe ich ehrlich gesagt nicht.

Das heißt, dass du Jungs im mittleren oder späteren Teenageralter bevorzugst, sogenannte epheboi, oder Jünglinge.
Was den ephebos als Symbol betrifft, interessiert mich eher die Ästhetik des Ganzen. Es hat auch etwas mit dem Willen zu tun, das Individuum zu entdecken, etwas Einzigartiges zu werden, das in einem jungen Mann, der noch nicht von seinem Umfeld eingefärbt worden ist, sehr präsent ist—wenn man das fantastische Universum der Kindheit hinter sich gelassen hat und sich in der letzten Phase einer der härtesten und chaotischsten Übergangsperioden befindet. Ich kann es nicht erklären, aber das ist etwas, das mich zutiefst fasziniert. Ich liebe es: diesen unendlichen Willen, man selbst zu sein.

Was für ein Verhältnis hast du zu Frauen?
Ich liebe stolze Frauen. Aber Mädchen mag ich nicht. Sie sind mir zuwider. Sie haben eine Art der Unterwerfung, die ich absolut verachte. Ich könnte auch nie ein körperliches Verhältnis zu einer Frau haben. Ich mag ihre Kurven nicht und habe Brüste nie verstanden. Ich mag maskuline Linien sehr viel lieber.

Du hast letztes Jahr in Bergen einen Preis als Schwuler des Jahres bekommen. Hat dir das etwas bedeutet?
Überhaupt nicht. Danke—es ist super, der Hetero des Jahres zu sein! Wirklich toll, Pakistani des Jahres zu sein! Ich finde es albern, Preise zu verleihen, die auf der sexuellen Orientierung oder der Rasse von jemandem beruhen.

Es scheint, dass du die ganze Sache mit deinem Schwulsein schon immer recht locker genommen hast.
Das ist für mich nicht wichtiger als jeder beliebige andere Aspekt meiner Persönlichkeit.


Wie hat man in der Black-Metal-Szene darauf reagiert?
Das Metal-Universum ist wohl eher liberal. Ich weiß von niemanden, der es schrecklich findet, dass ich schwul bin. Vielleicht sagen sie so etwas untereinander, aber zu mir nicht. Trotzdem sind in über 30 Jahren bisher nur Rob Halford und ich in der Szene offen damit umgegangen.

Du hast dich einfach in deinen damaligen Freund verliebt?
Es war tatsächlich reiner Zufall, dass ich einen Menschen getroffen habe, bei dem ich dachte: „Wow!“ Ich habe immer die Ästhetik von Männern bevorzugt, aber ich habe nie zuvor ein Wesen getroffen, das mich derart aus dem Gleichgewicht mit dem Universum bringen konnte. Die Frage ist aber, habe ich es vielleicht selbst ausgelöst? Sechs Monate vorher sagte ich meinem Kumpel Erlend Ericksen [dem ehemaligen Drummer von Gorgoroth] halb im Scherz, dass ich an einem Punkt wäre, wo ich entweder einen Fetisch finden oder mich verlieben müsse. Ich war in einem Vakuum, denn ich hatte alles, was ich je gewollt hatte, aber nichts davon befriedigte mich innerlich. Und dann traf ich jemand der … nun, ich bin jemand, der eigentlich sehr fest mit den Füßen auf dem Boden steht, aber ich erinnere mich, dass dieser Boden auf einmal ein sehr unsicheres Pflaster wurde. Das ist auch der Grund, warum ich auch nicht sagen könnte, dass ich nie meine eigene Modelinie gründen würde. Ich kann einfach nicht sagen, was passieren könnte, worauf ich plötzlich Lust haben könnte.

Darauf sollten wir anstoßen. Skål.
Skål auf Glück und Perfektion. Skål auf die bestmögliche Art, man selbst zu werden.

INTERVIEW VON MARIE-ALIX ISDAHL UND ANDREAS FALKENBERG
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