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the it's actually quite weird issue

Cryptokakteen knacken

Hamilton Morris machte sich auf die Suche nach dem Kaktus der vier Winde, der angeblich übernatürliche Heilkräfte besitzt.
31.5.12

Der vierrippige Trichocereus pachanoi Es gibt viele Kakteen, die den Status von Legenden haben: von Sahagúns umstrittenem weißen Peyote zum sagenumrankten lilafarbenen T. Pachanoi und einigen gar als heilig angesehenen Spezies des San Pedro in Huancabamba, die eine masernähnliche Krankheit hervorrufen sollen, die die Körper derer, die es wagen, ihn zu ernten, mit kleinen Schwellungen übersät. Ein paar dieser Kakteen lassen sich leicht finden, darunter der Ariocarpus retusus, eine Gattung, die, wie die Tarahumara behaupten, Geisteskrankheit und Tod bewirken kann, wenn sie von Menschen mit „unreinem Herzen“ eingenommen wird. Andere sind dem Expertenauge der modernen Taxonomie bisher entgangen und seit Jahren, vielleicht Jahrtausenden unentdeckt. Dies sind die Cryptokakteen, die an die Ränder der ethnobotanischen Literatur verbannt worden sind, wo sie diskutiert und debattiert wurden, obwohl sie nie wirklich beobachtet worden sind. Einer dieser Kakteen, der in seiner Macht und seiner Undefinierbarkeit über alle anderen herausragt, ist der „Kaktus der vier Winde“, ein uralter Säulenkaktus, gekennzeichnet durch vier Längsrippen und angeblich mit übernatürlichen Heilkräften ausgestattet. Auf einer kürzlichen Reise nach Lima, Peru, wo ich wegen einer ganz anderen Story unterwegs war, nutzte ich meine freien Stunden, um nach ein paar wilden Exemplaren der Trichocereus-Gattung (die als die eigentliche Gattung dieses Cryptokaktus gilt) zu suchen—in der Hoffnung, unter ihnen vielleicht einen Kaktus der vier Winde zu finden. Um Trichocereus finden zu können, muss man die notwendigen Techniken beherrschen, um die taxonomischen Unterschiede zwischen Pflanzenarten zu erkennen. Oberflächlich unterscheidet man ähnliche grüne Säulenkakteen auf Grundlage ihrer maximalen Höhe; Breite; Rippenanzahl; der Länge, des Umfangs, der Anzahl und dem Winkel der Stacheln; der Farbe des Fleisches auf dem breiten Spektrum von Grüntönen; der Existenz graublauer Klumpen epikutikularen Wachses und ob diese, so sie existieren, sich abreiben lassen; außerdem aufgrund des Glanzes der Pflanzenoberfläche; der Existenz kleiner, V-förmiger Dellen über den Areolen; der Flexibilität des Pflanzenkörpers, wenn man ihn hin- und herbewegt; der Klebrigkeit des Gewebes, wenn man es in einer Küchenmaschine homogenisiert. Ich vernachlässige hier natürlich die notwendige genauste Betrachtung der Unterschiede an den Früchten, Samen und Blüten—trotz alledem ist der Kaktus der vier Winde keiner, der sich leicht verwechseln lässt. In Richard Even Schultes Buch Plants of the Gods bekommt der Kaktus der vier Winde sogar ein ganzes eigenes Kapitel, seine Gattung wird hier als Trichocereus pachanoi, oder San Pedro identifiziert. Der Ethnologe Douglas Sharon schreibt in seinem Buch Wizard of the Four Winds: „Vierrippige Kakteen werden, wie vierblättrige Kleeblätter, als extrem selten und entsprechend als Glücksbringer angesehen, und man sagt ihnen besondere Heilkräfte nach, weil sie den ,vier Winden‘ und den ,vier Straßen‘ entsprechen, übernatürlichen Mächten, die mit den Kardinalpunkten assoziiert werden, die man während Heilritualen heraufbeschwört.“ Der italienische Historiker Mario Polia sagt: „Der San Pedro der vier Winde kommt in der freien Natur extrem selten vor und stellt ein Symbol der Auserwähltheit dar: Man glaubt, dass wer ihn findet, ein großer Schamane ist, oder einer werden wird.“ Wade Davis, einer der vielen Ethnobotaniker, die auf der Suche nach dem heiligen Kaktus durch Südamerika gereist sind, schrieb: „Hier lag vielleicht der Schlüssel zu dem religiösen Impuls, der sich 4.000 Jahre zuvor in diesen Bergen ausbreitete. Der Kaktus der vier Winde, eine Pflanze, die so mächtig ist, dass sie das Bewusstsein ausradieren, einen Körper zu Geist machen und den Himmel öffnen kann.“

Ein lilafarbener Trichocereus pachanoi

Trotz der Vielzahl der Sagen, die der Kaktus der vier Winde inspiriert, tauchen ausgewachsene Exemplare außerordentlich selten auf, wenn überhaupt. Kommerzielle Kaktusfarmer finden gelegentlich junge vierrippige Trichocereus bridgesii und, wenngleich noch seltener, auch junge San Pedros. Es gibt zeitgenössische Berichte über vierrippige Trichocereus scopulicola, die über 1,20 m hoch sind, aber fotografisch dokumentiert worden ist bisher keiner. Ich habe mal einen fünfrippigen Trichocereus bridgesii gesehen, der die heilige vierrippige Form angenommen hatte, weil eine Dürre die Pflanze hatte schrumpfen lassen; ich habe aber noch nie einen ausgewachsenen vierrippigen Trichocereus irgendeiner Untergattung gesehen, ebensowenig wie die kommerziellen Kakteenanbauer, die ich befragt habe. Da ich in Lima nur eine Woche Zeit hatte, um den Kaktus zu finden, beschloss ich, Karel Knize zu besuchen, einen aus Tschechien stammenden Sukkulentenhändler mit der größten Kaktusfarm in Südamerika und der wahrscheinlich größten Trichocereus-Sammlung der Welt. Seit Jahrzehnten gilt Knize als der wichtigste Exporteur psychoaktiver Kakteen nach Nordamerika und viele Händler ethnobotanischer Produkte betreiben ihr Geschäft auf der Grundlage des Klonens und Weiterverkaufens von Exemplaren aus Knizes Sammlung. Unter seinen internationalen Kunden hat Knize den unguten Ruf, seine Kakteen ohne Etiketten, in hybridisierter oder komplett falsch identifizierter Form zu verschicken, und zwar in solchem Ausmaß, dass viele Spezialisten meinen, dass taxonomische Bezeichnungen wie die „Peruvian Torch“ so gut wie bedeutungslos sind. Beim Betreten von Knizes Kaktusfarm fühle ich mich vor Staunen ganz schwach und muss mich erstmal mit meinen vor Bewunderung erstarrten Händen an einem Cereus repandus festhalten. Endlose Reihen Kakteen erstrecken sich in die Ferne—goldene Fässer in der Größe von Wetterballons und lange stoische Reihen von San Pedros, die ihre Sprossen vorsichtig wie Mobiles balancieren, neben Kammern voller beängstigender Prachtexemplare von Lophophora xenotransplantation. Es sind Zehntausende Kakteen mit Millionen und Abermillionen von Dornen. Ich werde von Knizes Assistent begrüßt, der mich an ausgewählten Pflanzen vorbeiführt und sich dabei auf einem Donald-Duck-Klemmbrett Notizen macht. Rippen zählend ziehen wir durch die Farm, bis wir auf ein paar vierrippige Trichocereus bridgesii stoßen, genauer gesagt auf vier. Die Pflanzen sind größer als alle, die ich bisher gesehen habe, aber sie sind immer noch nicht voll ausgewachsen. Auch sie stehen zum Verkauf, also packe ich die Kakteen ein, um sie mir für chemische Analysen in die USA schicken zu lassen, und dann werde ich in Knizes private Kammer geführt, um über die Bezahlung zu verhandeln.

Weiße Lophophora williamsii

Der Hautkrankheiten verursachende 45' Trichocereus pachanoi

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Riesige Kaktuspflanzen verdunkeln die Fenster, sodass Knizes Wohnstatt in permanenter Finsternis liegt. Er führt als Kaktushändler schon in der dritten Generation die Tradition seiner Familie fort und erzählt mir, dass seine Vorfahren schon seit Napoleons Zeiten Kakteensammler sind. Nachdem er mir eine Tasse Kaffee eingeschenkt hat, zu der er mir wiederholt einen Schuss Whiskey anbietet (wobei er die Flasche mit einer Hand hält, der das Ende des Mittelfingers fehlt—vermutlich das Ergebnis eines grausam missglückten Kakteenexperiments), einigen wir uns auf den Preis für vier Kakteen, die vielleicht vier Vertreter des Kaktus der vier Winde sein könnten—oder eben auch nicht. Wenn dieser Kaktus tatsächlich existiert, gibt es guten Grund anzunehmen, dass er sehr viel weniger wirksam ist, als seine Brüder, die mit mehr Rippen ausgestattet sind. Rippen haben eine ganze Reihe von Vorteilen; sie erleichtern die konvektive Abgabe von Hitze, erlauben einfaches Breitenwachstum und -schrumpfung, je nach jahreszeitbedingtem Regenfall, und erhöhen die photosynthetische Oberfläche. Letzteres ist besonders bedeutsam, weil das grüne photosynthetische Gewebe der Ort ist, an dem die größte Konzentration von Meskalin1 abgelagert ist. Unter der Annahme, dass die Berichte von Davis, Polia, Sharon, et al. korrekt sind, können wir vier mögliche Erklärungen in Betracht ziehen, um uns dem stachligen Paradox zu nähern: 1. Anthropogene Auslöschung: Silphium, eine antike Heilpflanze, wurde von Plinius dem Älteren als „eins der wertvollsten Geschenke der Natur an den Mensch“ bezeichnet, aber man geht davon aus, dass sie Ende des ersten Jahrhunderts mit der Übergabe des letzten Stängels an Kaiser Nero verschwand. Ebenso mag die Hand des Menschen auch für das Verschwinden des Kaktus der vier Winde verantwortlich sein, weil er wegen seiner psychedelischen Eigenschaften zu viel geerntet worden ist. Entgegen der Theorie des symbiotischen Überlebens von psychedelischen Pflanzen und Pilzen, die Terence McKenna aufgestellt hat, haben unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren vielleicht einigen der wertvollsten medizinischen Pflanzen den Garaus gemacht. Das ist sehr gut vorstellbar, vor allem, wenn man an die sehr ernsthaft vom Aussterben bedrohten Peyote-Arten im amerikanischen Südwesten denkt. 2. Grasende Ziegen: Als ich den angesehenen Kaktologen K. Trout nach seiner Meinung zum Verbleib des Kaktus der vier Winde befragte, sagte er: „Er scheint von Tieren ausgerottet worden zu sein. Vielleicht von Ziegen.“ Im 16. Jahrhundert brachten die spanischen Kolonialisten auf ihren Booten ein höchst kostbares Gut mit: die Ziege. Diese wiederkäuenden Fremdlinge mit ihren Paarhufen und pissegetränkten Bärten knabberten sich quer durch den amerikanischen Doppelkontinent und breiteten sich sowohl als Haustiere als auch in freier Wildbahn aus. Wie Mungo und Schlange sind auch Kaktus und Ziege eingeschworene Todfeinde. Ziegen essen mir Vorliebe Kakteen und sind für die Dezimierung der Vorkommen von Browningia candelaris, Trichocereus pachanoi ssp. riomizquiensis und der beeindruckenden Opuntia echios auf den Galapagosinseln verantwortlich. Falls sich eine isolierte Population vierrippiger Kakteen einmal in der Nähe einer solchen Herde befunden haben sollte, kann der entstandene Schaden kaum zu ermessen gewesen sein. 3. Rezessive Eigenschaft(en): Pro 10.000 dreiblättriger Kleeblätter gibt es ein vierblättriges. Man geht davon aus, dass sich diese Eigenschaft nur bei Kleepflanzen durchsetzt, die an mehreren genetischen Loci reinerbig rezessiv sind; und selbst dann scheinen noch bestimmte Umweltbedingungen nötig zu sein, damit sich die Vierblättrigkeit phänotypisch ausprägt. Auf eine ähnliche Weise könnte auch die vierrippige Konfiguration des Kaktus von einer Kombination rezessiver Gene und bestimmter Umweltvoraussetzungen abhängig sein, sodass seine Chancen auf phänotypische Ausprägung sehr gering sind. Anders als Klee, der sich jedes Jahr aufs Neue genetisch durchmischt, werden viele Trichocereus-Unterarten vom Menschen wie von der Natur per Klonung vermehrt, sodass sich nur schwer eine morphologisch diverse Population herausbilden kann. 4. Der Wert ist symbolischer, nicht chemischer Natur: Unter den Curanderos Perus werden siebenrippige Kakteen den sechsrippigen definitiv vorgezogen, da Letztere als teuflisch gelten. Das gilt zumindest, solange kein vierrippiger Kaktus zur Verfügung steht, was eigentlich permanent der Fall zu sein scheint. Kakteen mit langen Stacheln gelten als stark und männlich, während solche mit kurzen Stacheln sanft und weiblich sind. Bestimmt die Eigenschaft den Effekt oder bestimmt der Effekt die Eigenschaft? Selbst bei Placebos hat die Farbe der Kapsel Auswirkungen auf die Art der Erfahrung. Es ist gut möglich, dass diese externen Eigenschaften eng mit der chemischen Zusammensetzung des Kaktus verbunden sind, aber es könnte auch sein, dass ihre Kräfte rein symbolischer Natur sind. Der Kaktus der vier Winde könnte in prä-kolumbianischen Symbolen verwurzelt sein: den vier Straßen, den vier Kardinalpunkten, den vier Jahreszeiten, oder aber auch in christlichen Symbolen, wie den vier Reitern der Apokalypse oder der Passage aus der Offenbarung, in der vier Engel an den vier Ecken der Erde die vier Winde festhalten, um sie vom Blasen abzuhalten. Unter den Huicholen sind die wertvollsten Peyotepflanzen die fünfrippigen. Ein ausgewachsener Peyotekaktus hat oft acht oder mehr Rippen, sodass fünfrippige Peyotes fast immer jünger sind. Man sollte meinen, dass größere „Großvater-Peyotes“ mit mehr Rippen und einer höheren Konzentration von psychedelischen Alkaloiden wertvoller sind, doch ist das nicht immer der Fall. Genauso sind die einzigen vierrippigen Kakteen, die man einigermaßen regelmäßig finden kann, junge Trichocereus-Exemplare. Vielleicht ist der Kaktus der vier Winde schlichtweg immer ein nicht ausgewachsener Kaktus. Es gibt wenig Primärquellen, die die genaue Bedeutung ausgewachsener vierrippiger Kakteen darstellen. Zwei Keramikflaschen, die von den prä-kolumbianischen Völkern der Chavín und Chimú auf dem Gebiet des heutigen Peru angefertigt worden sind, und ein aus einem Chavín-Tempel stammender Stich, der eine mythische Kreatur zeigt, die einen Säulenkaktus umarmt, werden häufig als Beweise der Existenz dieser Kaktusart und seiner traditionellen Verwendung als Psychedelikum herangezogen. Letztendlich ist die Anzahl der Rippen in den Stichen aber nicht eindeutig2, und es lässt sich in keinem Fall mit Bestimmtheit sagen, was für eine Rolle diese Pflanzen gespielt haben. Das Gleiche trifft auch auf andere Cryptokakteen zu, von denen jeder eines eigenen Artikels bedürfte, um den möglichen Gründen für seinen mysteriösen Status nachzugehen. Aus Lima zurückgekehrt, wartete ich geduldig auf das Paket mit meinen vierrippigen Kakteen, aber es kam nie an. Später fand ich heraus, dass ich meine Bezahlung während der heißen Phase eines Streiks der peruanischen Post geschickt hatte, sodass sowohl mein Geld als auch meine Kakteen „verloren“ gegangen waren. Vielleicht sitzt gerade irgendwo in Peru ein Postangestellter und entschlüsselt die Gründe für den berühmten religiösen Impuls.


1Die Dosis von Kakteen wird traditionell anhand der Länge gemessen, was eine etwas fragwürdige Art der Bemessung ist. Mit etwas größerer Genauigkeit kann die Stärke bemessen werden, wenn man den Flächeninhalt der Kaktusoberfläche bestimmt. Geht man von einem konstanten Radius aus, führen zusätzliche Rippen zu einem linearen Anstieg der Fläche, was man mit folgender Gleichung darstellen kann:

r2 = äußerer Rippenradius, r1 = innerer Rippenradius und ℓ = Kaktuslänge.

2Je nachdem, wie man die fünf parallelen Linien in einem zweidimensionalen Stich beurteilt, könnte die Chavín-Kreatur einen zwei-, drei-, vier-, fünf-, sechs-, acht- oder zehnrippigen Kaktus halten.

Illustrationen von Martha Iserman