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Nazis auf der Berlinale

Mondnazis über alles und überall. Da alle Welt über Iron Sky und die Berlinale spricht, haben wir uns mit dem Regisseur des Nazi-Streifens unterhalten.

Mondnazis über alles und überall. Dass die Berlinale ein sehr politisches Filmfestival ist, hat sie mal wieder bewiesen, indem sie den lange erwarteten Iron Sky in ihr Programm geholt hat. Die Geschichte ist recht einfach und klingt sehr absurd. Für alle, die den Hype bisher verpasst haben: 1945 sind Nazis auf die dunkle Seites des Mondes geflohen und wollen nun, 2018, wieder auf die Erde zurück.
Die Nazis leben in einem überdimensionalen Hakenkreuz-Bau, fahren auf dem Mond Motorrad und haben in ihren Raumschiffen, die zum Teil aussehen wie Zeppeline, riesige Boardcomputer, die mit Seilzug und Hebel bedient werden. Und Udo Kier spielt auch mit und zwar den Hitler-Nachfolger Wolfgang Kortzfleisch. Das hört sich ziemlich schrottig an und das ist es auch. Manche Ideen und Witze sind so verrückt großartig, dass man sich fragt, ob man das wirklich gerade gesehen hat, andere so albern und flach, dass man sich fragt, ob man das wirklich gerade gesehen hat. Nachdem wir uns bereits vor Jahren mit Regisseur Timo Vuorensola unterhalten haben, dachten wir, dass es im Rahmen der Premiere seines Machwerks mal wieder an der Zeit wäre. VICE: Ist dieser Film Finlands Rache für den zweiten Weltkrieg?
Timo: Ja. Das ist mein Geschenk an euch. Keine Ahnung… Du versuchst nicht im Film irgendwelche historischen Hintergründe einzubringen.
Nein, nein. Andere Filme und andere Filmemacher können sich auf historische Daten beziehen und da gibt es ja auch schon jede Menge Filme, die das tun. Der Nationalsozialismus ist eine große Sache bei Filmemachern. Warum hat er diese Anziehungskraft?
Es ist zum einem das Offensichtliche. Das Kultische ist ziemlich interessant, aber der Nationalsozialismus steht vor allem für dieses unsterbliche, ewige Böse. Er ist das ultimative Böse und gleichzeitig wurde er bisher immer nur sehr ernst betrachtet. Logischerweise, aber ich denke es ist Zeit das ganze mit etwas mehr Humor zu behandeln, denn der Selbstmord wurde zu einem statischem Rauschen und wenn man nun mit Komik daran geht, könnte man vielleicht etwas zu Tage bringen, dass einem klar macht, worum es eigentlich ging. Ist es immer noch eine Frage des schlechten Geschmacks so eine Art von Film zu machen? Viele Deutsche sind wütend darüber, wenn man einen Film über Hitler macht. Selbst 50-60 Jahre später …
Darum habe ich mir die gesamte Zeit Gedanken gemacht. Es war definitiv ein schmaler Grad auf dem wir da balanciert sind. Wir wussten aber, dass es Grenzen gab, die wir nicht überschreiten wollten. Also ja, da gab es mit Sicherheit Dinge mit denen man vorsichtig sein musste, aber ich habe mich deswegen nie groß gesorgt, da ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was ich mir erlauben kann und was nicht … Schlechter Geschmack kann witzig sein oder zu blöd und offensiv. Also ich hatte diese bestimmte Vorstellung, aber ich kann auch nicht genau sagen warum. Welche Grenzen hast du nicht überschritten?
Ich denke diese ganze Sache damit anzufangen über den Holocaust zu reden, da es nicht meine Aufgabe ist und da waren noch einige wirklich dunkle Themen mit denen wir uns nicht beschäftigen wollten. Gab es Drohbriefe…?
Nein. Noch nicht, aber die werden mit Sicherheit kommen. Drohbriefe, Morddrohungen, Hassmails. Ich denke es ist wirklich möglich, dass ein paar Leute deswegen wirklich angepisst sind. Hast du von der NSU gehört? Diesen Untergrundterroristen, die in Deutschland in den letzten zehn Jahren aufgekommen sind? Ist dir irgendwie in den Sinn gekommen, dass es vielleicht nicht so eine gute Idee ist, die Premiere in Deutschland zu veranstalten?
Zugegeben ich hatte davor ein wenig Angst. Manche Nazis scheinen Iron Sky für ihre eigenen Zwecke nutzen zu wollen.
Ja, das hatten wir alles schon und sie können es gerne versuchen, aber da ist ziemlich schnell die Luft raus, wenn die merken, dass es eine Komödie ist und dann hassen sie es nur noch. Wie weit weg sind wir vom Nationalsozialismus in Deutschland?
Ich denke Deutschland heute und der Nationalsozialismus haben absolut nichts mehr miteinander zu tun. Auf eine Art, dass es eine völlig andere Kultur und Umgebung ist. Warum hast du dir für den Soundtrack Laibach ausgesucht? Weil ihnen unterstellt wird, ein wenig nationalsozialistisch veranlagt zu sein?
Nein, nicht zwingenderweise. Sie sagen, dass sie Experten auf allen Gebieten sind, wenn es um Nazis geht. Dazu kommt, dass sie eine sehr provokante Band sind und dabei immer einen humoristischen Anspruch hatten. Ich mochte das immer. Es ist irgendwie ein Heavy Metal Film, oder?
Ja. Mit Sicherheit sogar. Es ist in allem zu sehen und es ist da. Es ist laut. Es ist Metal. Es gibt auch jede Menge Sex… Hast du Uniformen behalten um sie dann im Schlafzimmer auszuprobieren?
Haha. Nein. Klar da gibt es diesen Uniformfetisch und so hatte unser Kostümdesigner verständlicherweise seine Zweifel, aber alle möglichen Uniformen haben eine sexuelle Anziehungskraft. Welche Uniform auch immer. Als ihr vor ein paar Jahren mit dem Film angefangen habt, hättet ihr da gedacht, dass es auf ein derartig anspruchsvolles Festival schaffen würdet? Ich denke es gibt jede Menge Leute, die den Film hier unangebracht finden.
Es ist eine nette Sache, da die Berlinale ein ernstes Filmfestival gilt. Also schaute ich mir die Gewinner der vergangenen Jahre an. Beginnend in den Fünfzigern und da waren jede Menge unglaublich gute Komödien dabei. In den Fünfzigern, Sechzigern und Siebziegern. Ich weiß nicht, warum das in letzter Zeit nicht mehr so ist, aber es gab immer irgendwie ein Verständnis für Humor. Aber als wir anfingen, den Film zu machen, hatte ich natürlich keine Vorstellung davon hier zu landen. Gehofft vielleicht. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich darauf gehofft. Du hast also gar nicht an die Berlinale gedacht, als ihr angefangen habt?
Das witzige ist, als wir den Film das erste mal 2007 rausbrachten, war es zur Berlinale. Es war meine erste Filmfestivalerfahrung und ich hatte keine Ahnung wie alles ablief, habe ich immer noch nicht. Nun danach kamen wir hier wieder hin. Jahr für Jahr. Wir haben ein paar gute Nummern gebracht. In einem Jahr verteilten wir Zeitschriften über die Nazis und den Mond, riefen auf der Straße und bekamen jede Menge Aufmerksamkeit dafür. Wir haben ziemlich verrückte Sachen gemacht. Daher ist es irgendwie nett den Film hier zu haben. Es ist der perfekte Ort dafür. Wie haben die Leute auf das Marketingkonzept hinter dem Film reagiert? War es eine durchdachte Strategie von Anfang an? Es hat ziemlich gut funktioniert. Jeder mit dem ich gesprochen habe, bevor ich zur Berlinale gekommen bin — selbst Leute, die nicht in der Filmbranche sind — kannten Iron Sky. Es ist ein Phänomen der Pop-Kultur. Also steckt dahinter eine clevere Marketingstrategie, die ihr euch vor drei Jahren ausgedacht habt?
Ich wünschte ich könnte sagen, dass wir einen Plan hatten und irgendeinen Marketing-Guru engagiert hatten, der dann mit der Idee kam, aber es war nicht so. In Wirklichkeit realisierten wir 2000 gerade mein erstes Buch Starrank und wir fingen schon 1998 damit an, als Social Media oder YouTube noch lange nicht gab. Und wir arbeiten schon so seit 15 Jahren. Es ist für uns völlig natürlich. Wir hatten also die Idee, dass die einzige Strategie für den Fond die ist, dass wir die Produktion öffentlich halten, anstatt geschlossen und dass wir versuchen, so offen wie möglich mit den Leuten zu sein. Sie nahmen das sehr gut an. Dazu suchten wir immer interessante Möglichkeiten die Leute anzusprechen. Ob es nun darum ging in den Film zu investieren oder eine Rolle darin zu übernehmen. Diese Investmentgeschichte ist eine weitere Sache, die Aufmerksamkeit erregte. Ziemlich gut gemacht. Wie viel davon ist clevere Marketingstrategie und wie dringend brauchtet ihr in Wirklichkeit das Geld?
Die eine Sache ist, dass wir es wirklich wirklich wirklich superdringend brauchten. Wir hatten zwar ein ziemliches Budget zusammen. 6,5 Millionen, aber das war immer noch eine Millionen unter dem Budget, das wir gebraucht hätten. Da wurde uns klar, dass der einzige Weg diesen Film realisieren zu können, der ist uns an die Allgemeinheit zu wenden. Also taten wir das und starteten Aktionen und Leute investierten. Das ganze war ein großer Kampf gegen finanzielle Angelegenheiten. Diese ganzen Investmentgeschichten sind immer irgendwie kompliziert und wir mussten uns ordentlich durchbeißen. Hätten wir das Geld nicht gebraucht, hätten wir es womöglich nicht gemacht, aber ich bin froh, dass wir es gemacht haben, da es von den Fans so gut aufgenommen wurde. Und was hatte man nun davon wenn man investiert hat?
Man steht in den Credits und bekommt auch ein wenig Geld, wenn es darum geht den Gewinn zu verteilen.